Mai 14, 2022
Von Paradox-A
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steh auf, steh auf, grĂŒne deutsche Jugend, steh auf. FĂŒr eine bessere Zukunft bauen wir die Heimat auf.

Wieder einmal haben einige ĂŒberzeugten Aktivist*innen den Klimawandel zum ersten mal verstanden. Mit zivilem Ungehorsam machen sie nun Politik. Mit spektakulĂ€re Aktionen soll auf ein großes Gesetzespaket hingewirkt werden, um den CO2-Ausstoß zu senken und den Klimawandel in einem ĂŒberschaubaren Ausmaß zu halten. Dass die Aktiven hierbei reformerisch – also vermeintlich „realistisch“ – denken und anstreben, kleine Erfolge zu erzielen, ist nicht das Problem. Sondern das sie Forderungen an Regierungen formulieren und der Ansicht sind nur durch rasches und umfangreiches Eingreifen des Staates könnte die ökologische Katastrophe ausreichend reguliert werden.

Warum der Staat das aus strukturellen GrĂŒnden nicht tut und nicht tun kann, bleibt den Beteiligten in ihrem bĂŒrgerlichen Bewusstsein ein Mysterium. Ebenso wenig ist die Rede von Kapitalismus und es bleibt zu vermuten, dass dieser als nicht mehr als ein ungerechte und zerstörerische Produktionsform begriffen wird, deren Eigendynamik, Gesellschaft zu prĂ€gen deutlich unterschĂ€tzt wird. Wer vom Kapitalismus schweigt, an den Staat appelliert und die Klimakatastrophe nicht als Ausdruck des herrschaftsförmigen gesellschaftlichen NaturverhĂ€ltnisses begreifen kann, wird auch keine radikalen Antworten hervor bringen können. Das Bewusstsein und die Aktionsformen der „Letzten Generation“ verbleiben also in eingehegtem Rahmen, was in merkwĂŒrdigem Kontrast dazu steht, zivilen Ungehorsam als besonders innovativ oder krass darzustellen.

Das Erweckungserlebnis, welches bei XR und ihrem Ableger „letzte Generation“ angesprochen und befördert wird, kann als Faktor von Mobilisierung und Radikalisierung dienen – und insofern prinzipiell sachlich, aber verantwortungsvoll gehandhabt werden. Ebenso ist die Aufforderung zu zivilem Ungehorsam sinnvoll. Es braucht viele Menschen, die bereit sind, aus ihrem Alltag auszubrechen, Grenzen zu ĂŒberschreiten und dafĂŒr Risiken auf sich zu nehmen. Dennoch bleiben die AnhĂ€nger*innen der „letzten Generation“ pseudo-anarchistisch. Sie inszenieren Aktivismus als Spektakel. Das Ziel bleibt in Talkshows und von Politiker*innen zu GesprĂ€chen eingeladen zu werden. Das MĂ€rtyrertum lĂ€sst sich somit schnell in Heldentum ummĂŒnzen – was freilich eine sehr alte Erscheinung ist. Aus dem BetroffenheitsgefĂŒhl westeuropĂ€ischer Wohlstandskinder wird die gefĂŒhlte Mission zur Rettung der Welt.

Und das darf sie in gewisser Hinsicht auch sein, denn zweifellos kommen hier Menschen zusammen, die viel verstehen – auch auf eine emotionale Weise – und es deswegen nicht mehr aushalten, nichts zu tun, nur zu reden, die Verantwortung fĂŒr den erforderlichen gesellschaftlichen Wandel auf andere abzuwĂ€lzen. Gut, wenn Menschen so viel verstehen, empfinden und verĂ€ndern können. Sie erfinden damit bloß das Rad nicht neu. Sondern fallen leider – trotz spektakulĂ€rer Inszenierung und professioneller PR-Arbeit – hinter die Erkenntnisse, Erfahrungen und Herrschaftskritik vorheriger Protestbewegungen zurĂŒck. Nicht zu Letzt tĂ€te ihnen ein anarchistisches VerstĂ€ndnis von sozialer Revolution gut. In diesem werden die multiplen HerrschaftsverhĂ€ltnisse zusammen gedacht und geht es darum, verschiedene soziale Gruppen zusammen zu bringen, um die Vergesellschaftung von Produktion und öffentlichen Angelegenheiten zu erreichen.

Auf unterschiedliche Weisen hĂ€ngen wir alle drin, im Todeskult des staatlichen Kapitalismus. Deswegen ist es auch völlig legitim beispielsweise die Infrastruktur des Automobilverkehrs zu blockieren, auch wenn die einzelnen Autofahrer*innen nicht „Schuld“ am Klimawandel sind. Niemand sollte sich mit Kollektivschuld-Behauptungen oder RealitĂ€tsverdrĂ€ngung raus reden dĂŒrfen. Weil es sich um weiße Mittelschichtskinder handelt, die ĂŒber einige Ressourcen verfĂŒgen, kriegen die Aktivist*innen der letzten Generation vielleicht mal zwei Tage Knast – und bedanken sich bei der Polizei, dass diese ihren Job macht. Doch auch auf sie werden die ĂŒblichen Strategien von Ausgrenzung, Infantilisierung, Romantisierung und DĂ€monisierung angewendet, wie sie auf alle ansatzweise radikaleren Gruppen in sozialen Bewegungen projeziiert werden


Kognitiv wissen wir inzwischen, wie vernichtend unsere Lebensweise und Produktionsform ist. Das die meisten darauf nicht angemessen reagieren können, ist psychischen Selbstschutzmechanismen, der herrschenden Ideologie und der modernen Individualisierung geschuldet. Autobahnen zu blockieren, kann eine sinnvolle Aktionsform sein. Vor allem aber dann, wenn sich mit Vehemenz und vielfĂ€ltigen kreativen Protestformen gegen die Bonzen, Banken und Konzerne gerichtet wird, welche uns zu Tode wirtschaften und auspressen. Wenn die „letzte Generation“ Erfolge einfĂ€hrt, wird es vielleicht noch eine allerletzte Generation geben, welche begreift, dass die Klimakatastrophe nur mit einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation der Gegenwartsgesellschaft und also mit einem Angriff auf ihre Herrschaftsordnung, abgemildert werden kann. Wie wir dies in unsere eigenen Leben einbauen und welche Praktiken daraus folgen, ist freilich eine offene Frage.

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Quelle: Paradox-a.de