November 6, 2022
Von Autonomie Magazin
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Die Aufgabe von KommunistInnen in der jetzigen Situation

Am Wochenende fand zum 27. Mal Deutschlands größte Linke Literaturmesse in Nürnberg statt. Unser Autor Vidar Lindstrøm hat sich bei Genossinnen und Genossen verschiedener kommunistischer Gruppen und den bekannten Publizisten Susann Witt-Stahl und Karl-Heinz Dellwo umgehört und gefragt: „Was denkst du / denkt ihr, ist in der derzeitigen Kriegs- und Krisensituation die Aufgabe von Kommunistinnen und Kommunisten?“


Ein Genosse der DKP (Fürth)

„Klassenkampf und Solidarität, den eigenen Imperialisten die Steine ins Getriebe schmeißen, bis die ganze Kriegsmaschine lahm liegt – und den Kampf um das schöne Leben verstärken.“

Karl-Heinz Dellwo, ehemaliges Mitglied der RAF, Publizist und Verleger

„Die generelle Antwort ist, dass Kommunisten danach suchen müssten, eine nicht integrierbare Position einzunehmen. Denn alles, was integrierbar ist, wird vom System geschluckt. Das halt ich für notwendig als grundsätzliche Haltung von Kommunisten.

In Bezug auf die Ukraine bin ich der Meinung, dass man sich gegen diesen Krieg stellen muss, gegen diesen Krieg des liberalen als auch des oligarchischen Kapitalismus. Beide sind falsch. Wir müssen uns fragen, was ist der Hintergrund, was der Ausdruck des Krieges. Ich meine, dass der nördliche Kapitalismus – wir müssen seit 1990, seit dem Zerfall der Sowjetunion von einem nördlichen Kapitalismus reden –, dass der nördliche Kapitalismus seine Hegemonie in der Welt verliert und die Kriege, die er führt, sowohl von westlicher wie von östlicher Seite, darauf ausgerichtet sind, eine alte Hegemonie herzustellen, und die möchte ich nicht haben.“

Ein Genosse der organisierten autonomie (Nürnberg)

„Das ist natürlich eine große Frage. Erstmal müssen wir als KommunistInnen oder als Linke unserer Situation bewusst werden, dass wir in einer recht marginalen Situation sind und müssen erkennen, dass wir nicht von Revolution träumen müssen, aber in revolutionären Zeiten leben. Ausgehend davon, von der Erkenntnis, dass wir wenige sind, müssen wir überlegen, wie wir mehr werden und weiterhin den Kontakt zu unserer Klasse suchen, der verlorengegangen ist in den letzten Jahren. Wir sollten uns aber auch nicht in Debatten ergehen, was Linke alles falsch gemacht haben in den letzten Jahren, sondern aus den Fehlern anfangen zu lernen, diese Debatte abschließen und jetzt gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir mehr werden, wie wir größer werden und uns vielleicht auch positiver aufeinander beziehen, aber trotzdem eine klare Linie haben, woher Krise kommt und das Imperialismus ein System ist, das dem Wesen nach zu Krieg führt und es keine Seite von Staaten gibt, auf die wir uns stellen, sondern auch da eine klare Klassenposition beziehen und das in eine sehr kleinteilige Praxis in unseren Alltag auf allen Ebenen herunterbrechen müssen. Nur so kann man einem Rechtsruck, der gleichzeitig vonstatten geht, etwas entgegenstellen, wenn man Antworten findet, die auch populär werden können – ohne Populismus zu betreiben.“

Bund der Kommunist:innen (Berlin)

„Wir sehen eine doppelte Notwendigkeit:

Zum einen brauchen wir lokal eigene Infrastrukturen, in denen wir konkrete Angebote aufbauen, gesellschaftliche Probleme politisieren und verschiedene Kämpfe an der Basis führen. Diese Angebote schaffen nicht nur unmittelbare Abhilfen, sondern sollen das logistische Fundament der proletarischen Gegenmacht bilden.

Zum anderen müssen diese Strukturen in einem Prozess auf organisatorischer Ebene überregional zusammenwachsen. Ohne eine bundesweite Organisation sind die lokalen Initiativen zum Scheitern verurteilt – und andersrum genauso.“

Ein Genosse der Pension Ost (Nürnberg)

„Zum einen ist es erst mal notwendig, Krieg und Krise überhaupt zusammen zu denken, was viele nicht tun, und zum anderen unbedingt genau dazu in die Gänge zu kommen und aktiv zu werden. Schließlich verstehen wir uns als Gruppe von Aktivisten, eigentlich, wenn man so die autonome Bewegung sieht in ihrer Geschichte, und das heißt dementsprechend, dass man auch wirklich aktiv dagegen vorgeht, egal auf welcher Ebene. Mit Sicherheit auch auf einer Bündnisebene, aber eben auch als eigenständige Aktion.“

Susann Witt-Stahl, Journalistin u.a. bei der Tageszeitung junge Welt und Chefredakteurin der Melodie & Rhythmus

„Ich bleib jetzt mal in meinem Spiel – das heißt Arbeitsfeld. Als Journalistin und Publizistin, weil ich nicht der Friedensbewegung erklären muss, was sie zu tun hat oder den organisierten Antifaschisten. Daher sage ich kritische Publizisten, Journalisten, sollten sich darauf konzentrieren die Kriegspropaganda zu analysieren und ihre Lügen, vor allem ihre Techniken, ihre Methoden offenzulegen. Wichtig ist eine Erklärung dafür zu finden, die auch für die Massen zugänglich ist, dafür, dass man es schafft, hauptsächlich mit Emotionen und Moral zu mobilisieren, für eine zutiefst unmoralische Angelegenheit, eine sogar anti-moralische Mission. Ich glaube, das ist im Moment vordergründigste und vornehmste Pflicht, weil die Kriegspropaganda in einer Totalität wirkt, in einer Aggressivität, wie wir sie tatsächlich nur aus dem deutschen Faschismus kennen und da müsste man an Erkenntnisse ansetzen, die zum Beispiel Siegfried Kracauer unter dem Titel „Totalitäre Propaganda“ veröffentlicht hat, ein Titel, der erst 2013 in Deutschland veröffentlicht wurde und leider viel zu wenig rezipiert wurde. Ich glaube, da müssen wir ansetzen und viele Thesen müssen aktualisiert werden, es muss natürlich weiter analysiert werden, um den Leuten auch damit eine Waffe in die Hand zu geben, eine ideologiekritische Waffe.“

Prolos (Nürnberg)

„Jetzt an allein Stellen und bei jeder Gelegenheit gegen den imperialistischen Krieg arbeiten. Auf der Straße, in der Fabrik, im Bekannten-, Freundes- und Familienkreis.

Beteiligt euch an den Anti-Kriegsaktionen in eurer Stadt.

In Nürnberg finden die nächsten Aktionen zum Beispiel am 26.11. und 17.12.2022 statt. Näheres dazu gibt’s auf redside tk.

Im Übrigen kann sich eine Linke, die noch irgendwie relevant sein will, gerade in dieser Situation diese erschütternde Zersplitterung und vor allem die bei vielen festzustellende Feindseligkeit gegenüber der Arbeiterklasse nicht mehr leisten.“


p.s.: Unsere Spezial-Ausgabe zur Literaturmesse mit teils bisher unveröffentlichten Texten kann >>hier<< heruntergeladen werden.




Quelle: Autonomie-magazin.org