Oktober 12, 2021
Von InfoRiot
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Streit um Grab in Stahnsdorf

Strafanzeige wegen Neonazi-Beisetzung erstattet

12.10.21 | 21:42 Uhr

In Stahnsdorf ist am Freitag ein bekannter Neonazi im Grab eines jĂŒdischen Wissenschaftlers beigesetzt worden. Neben einer Anzeige und einer offenbar zufĂ€lligen Verhaftung hagelt es Kritik: Gegen die evangelische Kirche, aber auch gegen die Polizei.

Die Beisetzung eines Neonazis im Grab eines jĂŒdischen Musikwissenschaftlers auf dem evangelischen SĂŒdwestkirchhof in Stahnsdorf bei Berlin löst Empörung aus. Der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn habe Strafanzeige wegen des
Verdachts der Störung der Totenruhe, der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und der Volksverhetzung erstattet, teilte die Senatsverwaltung fĂŒr Justiz am Dienstag mit.

Gesuchter “ReichsbĂŒrger” festgenommen

Unter den TrauergĂ€sten bei der Beisetzung des Neonazis waren am Freitag zahlreiche Rechtsextremisten, darunter der Holocaustleugner Horst Mahler, der rechte Blogger Nikolai Nehrling alias “Der Volkslehrer” und Dennis Ingo Schulz, ein mehrfach vorbestrafter sogenannter “ReichsbĂŒrger”.

Die Polizei war bei der Beerdigung am Freitag im Einsatz, zu der Dutzende AnhĂ€nger des Holocaust-Leugners gekommen waren. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde wĂ€hrend der Beisetzung ein mit zwei Haftbefehlen gesuchter Mann bei einer Personenkontrolle im Umfeld des Friedhofs festgenommen, der nach Erkenntnissen der Polizei “offenbar der ReichsbĂŒrgerszene zuzuordnen” ist.

Forderung der Umbettung des Holocaustleugners

“Die Absicht liegt hier auf der Hand, dass Rechtsextremisten bewusst ein jĂŒdisches Grab gewĂ€hlt haben, um durch die Beisetzung eines Holocaustleugners die Totenruhe zu stören”, sagte Salzborn. Das “gesamte Friedhofsetting mit verurteilten Holocaustleugnern bei der Beisetzung” verlange nach einer strafrechtlichen ÜberprĂŒfung. Darum habe er Anzeige bei der Polizei in Brandenburg erstattet.

Mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo) sei er zudem “im konstruktiven Austausch”, welche Konsequenzen der Vorfall haben soll, betonte Salzborn. Es mĂŒsse geprĂŒft werden, ob und gegebenenfalls wie schnell der Holocaustleugner umgebettet werden könne, um das wĂŒrdige Andenken an den Musikwissenschaftler Max Friedlaender nicht lĂ€nger zu stören.

Christian StĂ€blein, Bischof der Ekbo, sagte dem rbb, er sei “erschĂŒttert”. Der Vorgang sei ein “Versagen unserer Kirche” gewesen. Man mĂŒsse nun alle rechtlichen Möglichkeiten prĂŒfen, um dies rĂŒckgĂ€ngig zu machen und dafĂŒr sorgen, dass “wir Max Friedlaender ein ehrendes Gedenken auf diesem Friedhof bewahren”, so StĂ€blein auf Radioeins.

In einem Telefonat mit Samuel Salzborn habe er “soweit das an dieser Stelle möglich ist” um Entschuldigung gebeten – auch wenn man gar nichts entschuldigen könne. Die rechtliche ÜberprĂŒfung des Sachverhalts nach der Strafanzeige Salzborns unterstĂŒtze er, sagte StĂ€blein. Das Verhalten der Neonazis nannte StĂ€blein “schrecklich und widerwĂ€rtig”.

Kritik auch an der Polizei

Auch die Brandenburger Landesregierung kritisierte den Vorfall. “Die Zuweisung dieser GrabstĂ€tte an einen Holocaust-Leugner ist ein fataler Fehler und lĂ€sst jedes FingerspitzengefĂŒhl vermissen”, sagte Innenminister Michael StĂŒbgen (CDU).

In der Kritik steht aber auch die Polizei. Conrad Wilitzki vom Netzwerk tolerantes Teltow sagte der rbb-Nachrichtensendung Brandenburg aktuell: “Im Grunde ist der organisierte Rechtsextremismus und Antisemitismus hergekommen, hat seine Feier in der Stabkirche abhalten können, hat sein BegrĂ€bnis vor Ort durchfĂŒhren können unter Polizeischutz. Das hĂ€tte man öffentlich machen können, so dass es wenigstens einen Gegenprotest hĂ€tte geben können.”

Der mehr als 200 Hektar große SĂŒdwestkirchhof in Stahnsdorf ist Deutschlands grĂ¶ĂŸter evangelischer Friedhof. Er liegt sĂŒdlich von Berlin in Brandenburg zwischen Potsdam und Teltow, gehört jedoch kirchenrechtlich zu Berlin.

Sendung: Inforadio, 12.10.2021, 12:00 Uhr




Quelle: Inforiot.de