Mai 1, 2021
Von Contraste
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Mehr als 150 Menschen kamen am zweiten Aprilwochenende zusammen, um gemeinsam Strategien gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt auf Festivals zu entwickeln. Sie trafen sich zu einem »Social Hackathon«, einer Online-Veranstaltung, auf der in kurzer Zeit durch intensive Zusammenarbeit eine Lösung fĂŒr ein bestimmtes Problem gefunden werden soll.

Helene JĂŒttner, Berlin

Anfang 2020 wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des linken Festivals »Monis Rache« auf Dixie-Toiletten versteckte Kameras installiert hatte. Die Videoaufnahmen veröffentlichte und verkaufte er ohne das Wissen der gefilmten FLINTA* (Frauen, Lesben, Inter, NichtbinĂ€re, Trans und Asexuelle) auf Pornoseiten. Auch auf dem Fusion-Festival wurden FLINTA* heimlich beim Duschen gefilmt. Mit dem Bekanntwerden dieser VorfĂ€lle wird fĂŒr potenziell betroffene Personen schmerzhaft klar: Kein Ort ist heilig.

»Viele FLINTA* fĂŒhlten sich plötzlich nirgendwo mehr sicher, denn auch an vermeintlich utopischen Orten, wie alternativen Festivals, oder in vermeintlich geschĂŒtzten Bereichen der PrivatsphĂ€re wie Toiletten, lauern Sexismus und sexualisierte Gewalt«, schreiben die Organisator*innen des Hackathons. Sie grĂŒndeten als Reaktion auf das Bekanntwerden der VorfĂ€lle die Initiative »My Body Is Not Your Porn«, starteten eine medienwirksame Kampagne und organisierten Demos in Berlin und Leipzig.

Um Festivals zu sicheren RĂ€umen fĂŒr alle Menschen zu machen, reicht es aber nicht, TĂ€ter auszuschließen und die Wut auf die Straße zu tragen. Veranstalter*innen, Besucher*innen und Mitwirkende brauchen einen Plan, wie sie sexualisierte Gewalt auf Festivals verhindern können. Das Entwickeln dieser konkreten Handlungsanweisungen war das Ziel des Hackathons.

»Hackathon« setzt sich aus den Worten »hacken« und »Marathon« zusammen und ist ursprĂŒnglich ein Begriff der IT-Branche. Ein Hackathon ist eine zeitlich begrenzte Veranstaltung und widmet sich der Lösung eines bestimmten Problems. Bei einem »Social Hackathon« ist das kein technisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. In diesem Fall: Wie können wir Sexismus und sexualisierte Gewalt auf Festivals verhindern?

Die Organisator*innen gaben zehn Themenbereiche vor. Sie schienen bewusst nur lose definiert, um Teilnehmer*innen und Referent*innen Gestaltungsspielraum zu lassen. Es ging um Awareness-Konzepte im Allgemeinen und Awareness-Strukturen auf Festivals im Besonderen. Der Einfluss von Crewstrukturen wurde untersucht und mit der Frage verknĂŒpft, wie ein verantwortungsvolles Miteinander aussieht. Die Gestaltung des FestivalgelĂ€ndes wurde ebenso auf den PrĂŒfstand gestellt, wie Security-Konzepte und Öffentlichkeitsarbeit. Auch den Fragen, was nach dem Festival zu tun ist und wie man eine »Spy-Cam« (also eine versteckte Kamera) findet, wurde nachgegangen.

Jedes Thema wurde von Referent*innen begleitet. Es sollten aber keine klassischen Vortragssituationen (eine*r redet, der Rest konsumiert) entstehen. Die Referent*innen griffen eher moderierend ein, stellten Fragen und gaben Methoden an die Hand, um konkrete Fragestellungen zu bearbeiten. Wichtigstes Kollaborationstool fĂŒr die Arbeit ist das digitale Whiteboard »miro«. Eine große weiße FlĂ€che kann zeitgleich von allen Gruppenmitgliedern mit Post-it-Zetteln, Textfeldern, Tabellen und Bezugspfeilen gefĂŒllt werden. Eine bunte, leicht chaotische Kollage entsteht und kann im Laufe der Veranstaltung beliebig erweitert werden.

Die erarbeiteten Konzepte waren vielfÀltig und wurden am Ende des Wochenendes in einer Abschlussveranstaltung prÀsentiert. Einige Beispiele:

Die AG »FestivalgelĂ€nde« entwarf die »Kraft-Tanke«: Einen RĂŒckzugsort fĂŒr FLINTA*, der mit Bar und Musik Teil des Festivalgeschehens ist und trotzdem sichere RĂ€ume – von der Sofaecke bis zum Kriseninterventionsraum – bietet. Die AG »Rechtliche Handlungsoptionen« trug in einem Reader zusammen, wie Veranstalter*innen einen rechtlich bindenden Verhaltenskodex fĂŒr alle Beteiligten umsetzen können oder welche rechtlichen Schritte nach Übergriffen eingeleitet werden sollten. Die AG »Technische Lösungen« rĂŒckte Spy Cams mit Detektor-Kits zu Leibe und sammelte Möglichkeiten, um Aufnahmen besser nachverfolgbar zu machen. Die AG Öffentlichkeitsarbeit versuchte, Kommunikation möglichst barrierefrei zu gestalten, erprobte die Verwendung leichter Sprache und die Einbindung von Audioformaten. Außerdem erstellte sie FahrplĂ€ne fĂŒr die Kommunikation im Krisenfall und entwickelte Strategien fĂŒr eine diskriminierungssensible und machtkritische Kommunikation.

Dieser Social Hackathon kann ein echter Gewinn fĂŒr die Festival-Szene sein. Den Leerlauf der Corona-Zeit haben die Organisator*innen genutzt, um Grundlagen- und PrĂ€ventionsarbeit anzustoßen. Eine Arbeit, die im Eifer der Vorbereitung vor dem Festival, dem Trubel der DurchfĂŒhrung wĂ€hrend des Festivals und der mĂŒden TrĂ€gheit nach dem Festival oft zu kurz kommt. Wichtig ist jetzt, dass die Ergebnisse des Hackathons nicht verhallen, sondern aufgearbeitet, veröffentlicht und angewendet werden.

Links:
https://hacksexism.de/
https://www.instagram.com/mbinyp/

Titelbild: Julika Prantner




Quelle: Contraste.org