Oktober 2, 2020
Von FAU Duesseldorf
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Eine kleine Fahrradfabrik in ThĂŒringen, die geschlossen werden sollte und von den Arbeitern nun als selbstverwalteter Betrieb fortgefĂŒhrt wird, hat eine erfolgreiche Kampagne starten können

Eine kleine Fahrradfabrik im thĂŒringischen Nordhausen fand Aufmerksamkeit in GriechenlandUngarn und den USA und schafft einen Nachfrageboom bei FahrrĂ€dern. Die 135 Mitarbeiter des Zweigwerks der Firma Bike-Systems in ThĂŒringen können wieder Hoffnung schöpfen, ihre ArbeitsplĂ€tze zu behalten, seit sie mit UnterstĂŒtzung der kleinen anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union auf die Idee kamen, ein Strike-Bike zu produzieren. Von einen ĂŒberwĂ€ltigenden Erfolg des Aufrufs sprechen die Arbeiter und ihre UnterstĂŒtzer jetzt. Dabei waren die Arbeiter vor wenigen Monaten eher verzweifelt als optimistisch.

Das Strike Bike als Damen-Fahrrad
Als sich abzeichnete, dass es fĂŒr die Firma keine Investoren gab, besetzten die 135 BeschĂ€ftigen das Werk am 10. Juli 2007. FĂŒr sie stand viel auf dem Spiel. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist hoch.. Die Fabrik war 1986 als VfB IFA Motorenwerk gegrĂŒndet worden und hatte nach der Wende unterschiedliche EigentĂŒmer.

Nach lĂ€ngeren finanziellen Problemen wurden zum 22.12.2005 die Werke Neukirch-Sachsen mit knapp 230 Mitarbeitern und die Fabrik in Nordhausen-ThĂŒringen von einer Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Finanzinvestor Lone Star mit dem Ziel gekauft, diese fit fĂŒr den Weltmarkt zu machen. Schon wenige Wochen spĂ€ter war klar, dass eine der beiden Firmen aus RentabilitĂ€tsgrĂŒnden geschlossen werden wird. Am 30.Juni wurde bekannt gegeben, dass das Nordhausener Werk davon betroffen war. Bei Verhandlungen zwischen den Vertretern der Arbeitnehmer und der GeschĂ€ftsfĂŒhrung sollte es nur noch darum gehen, wie das Werk am schnellsten und gĂŒnstigsten abgewickelt wird. Die Forderungen der BeschĂ€ftigten waren moderat. Sie wollten die Aufstellung eines Sozialplans, die Einrichtung einer Auffanggesellschaft und die PrĂŒfung von Möglichkeiten zum Erhalt der ArbeitsplĂ€tze durchsetzen.

In der Fabrik gab es keine wahrnehmbaren gewerkschaftlichen Strukturen. Das dĂŒrfte das Management zum dem Fehlschluss verleitet haben, bei den Verhandlungen mauern zu können. Statt zumindest Kompromissbereitschaft vorzutĂ€uschen, beantragte die GeschĂ€ftsleitung die RĂ€umung des Werk, das von der Belegschaft im Rahmen einer Betriebsversammlung seit dem 10.Juli besetzt gehalten wurde. Zwar demonstrierten alle politischen KrĂ€fte mit den BeschĂ€ftigten SolidaritĂ€t, doch nur die FAU machte mit dem Projekt Strike-Bike einen konkreten Vorschlag fĂŒr einen Weiterbetrieb. Ein Aktivist schilderte den Kontakt zwischen Belegschaft und der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft so:

Kaum jemand dort kannte die FAU, einige wussten zumindest grob, was der Anarchosyndikalismus ist. Doch unser konkreter Vorschlag wurde mit dem Kommentar aufgegriffen: Lasst es uns probieren. Wir haben nichts mehr zu verlieren.

Die Tatsache, dass DGB-Gewerkschaften in dem Werk nicht Fuß fassen konnten, hatte die pragmatische Zusammenarbeit mit der FAU sogar erleichtert. Denn durch feste DGB-Strukturen wird in der Regel sehr streng darauf geachtet, dass Konkurrenten von links dort gar nicht erst Fuß fassen können. Dazu werden mitunter auch Verbote und andere administrative Maßnahmen angewandt. Die Arbeiter in Nordhausen haben sich hingegen immer gegen jegliche Bevormundung von Parteien und Gewerkschaften gewandt.

Das Strike Bike als Herren-Fahrrad

Traum von der Arbeiterselbstverwaltung

Die Aktivisten der FAU haben allerdings jetzt in der Belegschaft Achtung gewonnen, weil sich ihre Initiative „Strike-Bike“ als erfolgreich erwies. Schon knapp eine Woche nach dem Aufruf gab es ca. 1500 Bestellungen aus der ganzen Welt. Es ist schon erstaunlich, dass Menschen, die wahrscheinlich noch nie von Nordhausen gehört haben, ein Fahrrad zum stolzen Preis von 275 Euro ordern. Der Grund ist das Konzept der selbstverwalteten Produktion, das seit dem kurzen Sommer der Anarchie in Spanien 1936 viele AnhĂ€nger gefunden hat, obgleich seither alle Versuche immer nur kurzlebig waren, wie bei der auch international bekannten Uhrenfabrik Lip in Frankreich Anfang der 70er Jahre.

In letzter Zeit sorgten selbstverwaltete Fabrikein in Argentinien und Venezuela fĂŒr Aufmerksamkeit. Wie in Nordhausen ging es in allen Beispielen immer um existentielle Nöte der BeschĂ€ftigten, in deren Werke niemand mehr investieren wollte. Doch die Selbstverwaltung sorgte bald auch fĂŒr einen Bewusstseinswandel bei den Betroffenen, wie es sich beispielsweise bei der argentinischen Kachelfabrik Zanon zeigte. Ob den Nordhausener Fahrradwerkern genĂŒgend Zeit bleibt, damit sich die selbstverwaltete Arbeitsweise auch auf die Beziehungen der BeschĂ€ftigten auswirkt, ist noch offen. Selbst die UnterstĂŒtzer gehen zunĂ€chst davon aus, dass die Produktion bis zum Jahresende weiter lĂ€uft.

Ob es dann weitergeht, wird auch davon abhĂ€ngen, ob die Marke Strike-Bike eine Marke wird, fĂŒr die die Kunden bereit sind, mehr Geld auszugeben. Bisher klappt das kontinuierlich bei Brandings wie Nike, Adidas etc. Nichtregierungsorganisationen versuchen schon seit Jahren umweltvertrĂ€gliche Produktion oder fairen Handel zu einer Marke zu machen, fĂŒr die es sich lohnt, mehr Geld auszugeben. Beim Bio-Label ist das ansatzweise gelungen. Nun muss sich zeigen, ob die selbstverwaltete Produktion zu einem ebenso erfolgreiches Kundenlabel werden kann. Dann könnte die kleine Fahrradfabrik in Nordhausen sogar eine Pilotfunktion erfĂŒllen. (Peter Nowak)




Quelle: Duesseldorf.fau.org