Oktober 7, 2022
Von Paradox-A
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Verfassungsschützer und rechte Hardliner aufgepasst: Unterwegs stieß ich auf eine fast verschollene und äußerst eigenartige Publikation des verstorbenen Heidelberger Sozialwissenschaftlers Ronald Grossarth-Maticek. Die „Studie“ wurde 1975 publiziert und war die Grundlage seiner Dissertation. Wenn man in den ach so empirisch fundierten Sozialwissenschaftlen offensichtlich mit dem größten Humbug promovieren kann – vorausgesetzt, man kennt die richtigen Leute – frage ich mich, warum ich mir selbst den ganzen Aufriss gemacht habe, mein Schaffen in diese Form zu pressen. Es hätte deutlich leichter laufen können… Aber das ist ein anderes Thema.

Im Buch mit dem nicht ganz neutralen Titel Revolution der Gestörten? wird eine Untersuchung unter Heidelberger Studierenden vorgestellt. Diese werden verschiedenen Typen zugeordnet. Auch wenn der Untertitel Motivationsstrukturen, Ideologien und Konflikte bei politisch engagierten Studenten recht viel verspricht, handelt es sich bei den Interpretationen der Fragebögen letztendlich um den größten Quatsch. Es überrascht, wie jemand damit durchkommt, was dankenswerterweise wenigstens im Nachwort von Rolf Schwendter bemerkt wird.

Im Wesentlichen ging der Autor wie die frühen Kraniometriker (Kraniometrie = Schädelvermessung) vor. Eine bewegte politische Epoche soll auf psychische Pathologien ihrer Protagonist*innen hin reduziert werden unter Ausblendung jeglicher Inhalte ihrer Anschauungen und sozialstruktureller Faktoren, welche einen Generationskonflikt (mit) bedingen. Zwischen den Zeilen wird recht schnell deutlich, dass Grossarth-Maticek noch nicht aus der analen Phase herausgewachsen ist – was freilich nicht untypisch für bürgerliche Langzeitstudierende ist, deren Unterhalt durch das Elternhaus gewährleistet wird. Die Faszination der Klassifikation von Menschengruppen und ihre Reduktion auf triebgesteuerte, affekthafte Wesen offenbart eine soziale Unfähigkeit des Autoren, welche als pittoreske Manie abgetan werden könnte, wenn sie nicht – gerade aufgrund ihrer reduzierenden Fixierung – hochgradig politische Implikationen beinhalten würde.

Unter anderem sieht Grossarth-Maticek die Rebellion der linken Studierenden darin begründet, dass sie nicht zu ihren homosexuellen Neigungen stünden und sie ausleben könnten, weil die gesellschaftliche Sexualmoral noch zu restriktiv sei. Ein weiterer Grund wäre die Unfähigkeit, sich einzufügen, wohl aufgrund eines unangebrachten Geltungsdranges, dem eine eigene Verunsicherung zugrunde läge, die sich aus der Konstellation des Elternhauses erklären lasse.

Neben den anderen Charaktertypen wird besondere Aufmerksamkeit auf den „gegen die bürgerlichen Ordnungsnormen kämpfende[n], antiautoritär linksradikale[n] Typ“ gerichtet. Die eigenen psychischen, sozialen und sexuellen Probleme würden von ihm durch eine Projektion auf die herrschaftliche Gesellschaftsform als „Über-Ich“ kompensiert werden. Statt Verbesserungen wie „Chancengleichheit“ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft erreichen zu wollen, werde eine Umsturzfiktion generiert. In der eigenen, radikalen Gruppe fühle sich das traumatisierte Individuum dann stark, weswegen davon Abweichende abgewertet werden würden. Die „emanzipatorisch-therapeutische Motivation“ schlage so in eine „politisch-dogmatische“ um. Würde dies erkannt werden und gäbe es genug Therapiemöglichkeiten, so – weitergedacht – die Schlussfolgerung, wären die „Studenten“ nicht „linksradikal“ und „antiautoritär“ eingestellt.

Dann haben wir noch den „klassisch sozialistischen“, den „technokratisch konservativen“, den „die bürgerlichen Ordnungsnormen, Tradition, Moral und Kultur voll bejahenden konservativen“, den „gegen die herrschende Sexualmoral opponierenden, ansonsten konservativen“, den „technokratisch liberalen“, den „an die antiautoritär Linksradikalen grenzenden“ und schließlich den „gegen die bürgerlichen Ordnungsnormen vorgehenden linksliberalen“ Typen. Was für eine Auszeichnung, dass Grossarth-Maticek mich nicht in die Kategorien all dieser Langweiler einordnen, sondern klar der ersten zurechnen würde. Und dabei werden es mir alle danken, dass ich an dieser Stelle nicht von meinen sozialen, psychischen und sexuellen Schwierigkeiten berichte. Trotzdem nehme ich das alles persönlich – was wiederum Teil meiner Störung angesehen werden müsste…

Dass die konservative Anpassung an eine herrschende bürgerliche Ordnung selbst äußerst pathologische Gründe haben kann, wird vom Autoren nicht bedacht. Warum auch? Gestört sein müssten ja die Abweichenden, sonst würden sie nicht abweichen – ein tautologischer Argumentationsgang, der seinesgleichen sucht. Doch wie normal ist es wirklich, sich in eine 40-Stunden-Lohnarbeits-Woche unter heutigen Leistungsanforderungen zu fügen, sich dem Chef zu unterwerfen, zu Hause und vor anderen eine heteronormative Zweierbeziehung zu simulieren, sich mit einem wahnhaften Konstrukt wie dem deutschen Staatsbürger zu identifizieren, es lediglich zu bedauern, dass Menschen an der Festungsmauer Europas krepieren und es als unausweichlich anzusehen, dass die globalen Kipppunkte des ökologischen Gleichgewichts eben mal überschritten wurden?

Abschließend ist durchaus von einem Zusammenhang psycho-sozialer Faktoren, ideologischer Weltanschauung und innerer Motivationsstrukturen auszugehen. Beispielsweise gehen Menschen sicherlich zu Demonstrationen, um ihre Entfremdung und Individualisierung für einen Moment aufzuheben und sich verbunden zu fühlen. Sie bringen bestimmte Aktionen hervor, die ihnen Mut abverlangen, um sich zu ermächtigen und handlungsfähig zu fühlen. Sie überschreiten gezielt Normen, um experimentell Raum für andere Lebenswirklichkeiten zu schaffen. Es ist völlig legitim und verständlich, dass Menschen sich bewegen, weil sie bewegt sind und das sie etwas verändern wollen, weil sie Probleme sehen unter denen sie auch selbst leiden.

Dies aber vor allem an einem konstruierten „linksradikal-antiautoritären“ Charaktertypen festzumachen, erscheint mehr als absurd. Jene, welchen dieses Label aufgedrückt wird, bauen ja tatsächlich unter anderem mit derartigen Praktiken ihre Entfremdung ab, wollen ihre Vereinzelung überwinden und ihrer Ohnmacht begegnen und treten für ihre eigenen und gut begründbaren Überzeugungen ein. Manchmal wünschte ich mir sogar, dass es in der radikalen Linken oder auch explizit anarchistischen Szene weniger um die eigene Selbstbearbeitung und mehr um transformative Aktionen und kontinuierliche Organisation ginge – gerade um die Herrschaftsordnung der Wahnsinnigen, die uns an den Abgrund führen, effektiv überwinden zu können.

Deswegen bejahe ich es hier vollkommen: Ich fühle mich absolut gestört in dieser Phase der untergehenden staatlich-kapitalistischen Gesellschaftsform. In einer kranken Gesellschaftsform ist die Abweichung von der Norm eine Gegen-Störung der herrschenden, repressiven, zerstörerischen und irrationalen Ordnung. Diese gilt es konsequent anzugreifen, wollen wir ein gutes Leben für alle in ihrer Vielfalt erkämpfen.




Quelle: Paradox-a.de