MĂ€rz 4, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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[E]s ist nicht die subversive Propaganda, nicht die Bildung einer revolutionĂ€ren Organisation, die die Revoltierenden auf die Straße treibt. Es ist das Elend, materiell und emotional, dieses Lebens, das wir tĂ€glich mit uns schleppen. Wenn dies bereits in der Vergangenheit wahr war, dann stimmt es heute noch viel mehr, da hinter den HĂŒgeln keine Sonne der Zukunft mehr zu erahnen ist, sondern vielmehr die Nacht des urweltlichen Chaos. Angesichts dieser Dunkelheit verschließen sich die Militanten weiterhin im eigenen Kloster, aus Angst, mit dem gewöhnlichen Gesindel verwechselt zu werden, wĂ€hrend sich die Intellektuellen weiterhin die Frage stellen ĂŒber die Krise der ReprĂ€sentanz. Doch es gibt nichts zu verurteilen oder zu verherrlichen in den modernen Revolten, diese Revolten, die unsere gewöhnlichen Orientierungskompasse außer Funktion setzen. Es gibt alles zu konfrontieren. [
] Am Horizont zeichnet sich ein schwarzer Himmel ab, der nur heftige StĂŒrme verspricht.Senken wir die Segel und werfen wir die Anker aus, entschlossen, stehen zu bleiben, weil die Gefahr, einen Schiffbruch zu erleiden, zu groß ist, oder stĂ€rken wir unser Boot so gut wie möglich und lösen wir die Taue?

Aus „Das Unvorhergesehene. Vom Zentrum zur Peripherie“. Hourriya Nr. 3.

Spanien Nach der Verhaftung des stalinistischen Rappers Pablo HasĂ©l wegen Beleidigung des Königshauses und Verherrlichung von Gewalt am 15. Februar kommt es bereits seit zwei Wochen in verschiedenen StĂ€dten in Spanien, insbesondere in Pablos Heimatstadt Barcelona zu Demonstrationen und Ausschreitungen. So wurde etwa in Barcelona unter anderem eine Copkarre abgefackelt. Dabei sympathisieren die Menschen nicht unbedingt mit den Ansichten des Rappers, sein Fall ist wohl nur – wie so oft – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So ist eine zentrale Forderung vieler Teilnehmer der Demonstrationen das Recht auf freie MeinungsĂ€ußerung. In den Medien wird dennoch ĂŒber das Ausmaß der Wut und die Motivationen der Randalierer gerĂ€tselt. Dass die Wut ĂŒber die Verhaftung von Pablo HasĂ©l hinausgeht, ist wohl offensichtlich. Wie unerklĂ€rlich aber ist eine Wut, wĂ€hrend wir in einem FreiluftgefĂ€ngnis leben, einem Staat und dem Kapitalismus unterworfen sind und jegliche Lebensgrundlage immer weiter zerstört wird?

Chile Infolge der Ermordung einer Person durch die Cops am hellichten Tag im Stadtzentrum der Kleinstadt Panguipulli – ein Straßenjongleur hatte sich geweigert sich einer IdentitĂ€tskontrolle unterziehen lassen und wurde daraufhin „in Notwehr“ erschossen – am 5. Februar – eine weitere Ermorderung durch die Cops von vielen in Chile – kommt es zu Ausschreitungen in Panguipulli, die insbesondere das Rathaus und mehrere institutionelle GebĂ€ude in Ruinen zurĂŒcklassen. Daraufhin brechen auch in der Hauptstadt Santiago Riots aus, wo die Kommissariate in MaipĂș und Puente Alto angegriffen worden und in den folgenden Tagen drei Busse des RED-Netzes (ex-Transantiago) in rauchende Skelette verwandelt werden, nachdem man den Chauffeur und die Passagiere aussteigen lassen hat.

Niederlande Am Samstag, den 23. Januar tritt erstmals eine nĂ€chtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 4 Uhr 30 in Kraft. „Doch gewaltbereite Jugendliche halten sich nicht daran und ziehen randalierend durch die Straßen“, berichten die Medien. Samstagnacht kommt es zu den ersten Krawallen, Sonntagnacht kommt es dann in etwa zehn StĂ€dten – darunter Amsterdam, Den Haag und Rotterdam – zu schweren Unruhen, ebenso Montagabend. Die Cops sprechen von den schwersten Unruhen seit 40 Jahren. Kurz vor Beginn der Ausgangssperre versammeln sich die Leute im Stadtzentrum und ziehen dann in großen Gruppen plĂŒndernd und randalierend durch die Straßen. Feuer werden gelegt, Autos zerstört, Bushaltestellen demoliert und GeschĂ€fte geplĂŒndert. Cops werden mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen. In der Stadt Urk wird ein lokales Coronavirus-Testzentrum angezĂŒndet.

Tunesien Mitte Januar kommt es ĂŒber gut zwei Wochen im ganzen Land zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die Ausschreitungen beginnen mit dem zehnten Jahrestag der Flucht des tunesischen Herrschers Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar. Trotz Ausgangssperre gehen insbesondere junge Menschen auf die Straßen, errichten Barrikaden, bewerfen die Cops mit Steinen und Molotowcocktails, plĂŒndern GeschĂ€fte. Viele der Proteste kommen aus den Arbeitervierteln. Um die 1000 Menschen werden im Laufe dieser Proteste verhaftet. Ein Demonstrant stirbt, nachdem er von einer TrĂ€nengasgranate getroffen wurde. In einigen StĂ€dten wird das MilitĂ€r auf die Straßen geschickt, um die Unruhen zu ersticken. In Tunesien haben die Menschen mit einer durch die Corona-Krise noch verschĂ€rften Wirtschaftskrise, mit Korruption und einer hohen Armut zu kĂ€mpfen und das Misstrauen gegen die herrschende Elite und die etablierten Parteien ist weit verbreitet.

BrĂŒssel, Belgien Am 9. Januar stirbt ein 23-jĂ€hriger schwarzer Mann in Polizeigewahrsam infolge einer Corona-Kontrolle. Bei Protesten vor der entsprechenden Polizeistation am 13. Januar eskalieren diese. Die Polizeistation wird angezĂŒndet, Copkarren werden beschĂ€digt, Cops mit Steinen beworfen, MĂŒlleimer angezĂŒndet und Straßenbarrikaden errichtet. Mehr als hundert Menschen werden vorlĂ€ufig verhaftet.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org