Juni 3, 2022
Von Chiapas.ch
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In eigener Sache: Kaffee Kaffee Kaffee 
 fein fair fuerte

Es freut uns sehr, im Zusammenhang mit der Kooperative Corazón de la Montaña aus Puebla, mit der der Verein Café RebelDía seit kurzem zusammenarbeitet, einen Kurzfilm des Kollektivs Campo Abierto wie auch einen Bericht zur Kooperative und ihrem Besuch bei den compas zu veröffentlichen.

Kurzfilm: CorazĂłn de la Montaña – Kooperative CafĂ© Tepeyolo und CafĂ© RebelDĂ­a

Das Kollektiv Campo Abierto zeigt EindrĂŒcke aus der Sierra Negra, wo sich die Nahua-Gemeinden in der neuen Kooperative „Herz der Berge“ (CorazĂłn de la Montaña) organisieren.
Mit dieser jungen Kooperative wird Café RebelDía neu aufgemischt und erhÀlt nach 22 Jahren eine rebellische Compañera: Aus dem Robusta- und teils auch Arabica-Kaffee von Corazón de la Montaña aus Puebla entstand die neue Café RebelDía-Espressomischung.

Zum Film: https://vimeo.com/708717568

Zu Besuch bei Corazón de la Montaña

Von Leonie Vidensky. Im Februar 2022 hat der Verein CafĂ© RebelDĂ­a uns – einer kleinen Gruppe um das Kollektiv Campo Abierto – ermöglicht, die Kaffeekooperative CorazĂłn de la Montaña in der Sierra Negra von Puebla zu besuchen. Bei Campo Abierto untersuchen wir PhĂ€nomene und Transformationsprozesse von Territorien und konzentrieren uns dabei auf die Mechanismen der Kolonialisierung und Globalisierung. Von unserem Besuch haben wir viele EindrĂŒcke mitnehmen dĂŒrfen und wollen nun einen Teil davon schildern.

Herausfordernder erster Export
Der Export des ersten Kaffees der Kooperative CorazĂłn de la Montaña ist die Frucht von vielen Jahren Arbeit. Wie wir durch die Schilderungen der Genoss:innen erfahren durften, ist viel in die Organisation in den letzten sechs Jahren investiert worden, bevor 2021 der erste Container Kaffee verschifft werden konnte. Viel Überzeugungsarbeit musste geleistet und viele technische und bĂŒrokratische HĂŒrden genommen werden. Es sei nicht immer einfach, die KaffeebĂ€uer:innen von der Zusammenarbeit in einer Kooperative zu ĂŒberzeugen. FĂŒr den Mut, Jahre Vorarbeit ohne Garantie auf Erfolg zu leisten, brauche es viel Idealismus und Glauben an einen besseren Verkauf und gerechtere Preise ĂŒber die Kooperative. Und selbst dann, wenn der Kaffee endlich ĂŒber die Kooperative verkauft werden kann, konkurriert die harte RealitĂ€t des Marktes tagtĂ€glich die Arbeit in der Kooperative.

Quelle: Campo Abierto

Anstatt ihren Kaffee an die Kooperative zu liefern, könnten BĂ€uer:innen auch an Mittelsleute, die «Coyotes» verkaufen. Die Coyotes drĂŒcken oft die Preise, dafĂŒr zahlen sie sofort und bar auf die Hand. Verkaufen die BĂ€uer:innen ĂŒber eine Kooperative, erhalten sie zwar eine Teilfinanzierung vor der Ernte, aber auf die zweite HĂ€lfte muss lĂ€nger gewartet werden. Akute BedĂŒrfnisse, wie jene nach Medikamenten wĂ€hrend der Corona-Pandemie, machen dieses schnelle Geld, das sie bei den Coyotes erhalten könnten, gelegentlich sehr verfĂŒhrerisch.

Was uns ebenfalls auffiel, waren die erschwerenden und unglĂŒcklichen UmstĂ€nde des ersten Verkaufsjahres bei CorazĂłn de la Montaña. Dieses Jahr war der Kaffeepreis durch die schlechten Ernten in Brasilien und Kolumbien auf dem internationalen Markt massiv gestiegen und dadurch hatten auch die Coyotes ihre Preise gehoben. FĂŒr eine Kooperative in ihrem ersten Jahr erschwert es die Arbeit ungemein, wenn der eigene Preis plötzlich so direkt konkurriert wird. Was sich die KaffeebĂ€uer:innen vom Zusammenschluss in einer Kooperative erhofft hatten, war ja gerade ein höherer Preis. NatĂŒrlich wissen die BĂ€uer:innen um die VolatilitĂ€t des Marktpreises und schĂ€tzen die Langfristigkeit und SolidaritĂ€t ĂŒber das SolidaritĂ€tsnetzwerk CafĂ© RebelDĂ­a und bleiben darum der Kooperative treu. In den GesprĂ€chsrunden um die „patios secos“ – den BetonflĂ€chen, auf denen der Kaffee an der Sonne trocknet – war diese besonderen UmstĂ€nde und der Kaffeepreis aber doch immer das brennendste Thema.

Direkter Austausch
Als Konsument:innen und Produzent:innen zusammen in einer Runde zu sitzen, haben sich interessante GesprÀche und neue Perspektiven eröffnet. Als schweizerische und argentinische Kaffeekonsument:innen hat uns die Frage umgetrieben, wie die Auswirkungen des globalen Kaffeehandels noch verstÀndlicher dargestellt werden könnten.

Quelle: Campo Abierto

WĂ€hrend unserem Besuch wurden die bekannte Problematik vom Preisdruck der monopolistischen KĂ€ufer:innen auf die vielen KaffeekleinbĂ€uer:innen erlebbare RealitĂ€t. Und obwohl dies inzwischen zum Allgemeinwissen gehört und uns in Europa allgegenwĂ€rtig als Mahnung von den WerbeflĂ€chen mit Fairtrade-Label zulĂ€chelt, ist der Preis des Kaffees immer noch das ausschlaggebendste Kriterium fĂŒr den Kaufentscheid. Und das verstanden auch die mexikanischen KaffeebĂ€uer:innen in der Runde um den Patio Seco. Welches Gewicht «los recursos economicos» im persönlichen Portemonnaie haben, wissen sie besser als wir.

Anspruch auf höhere QualitÀt
Viele Abnehmer:innen im Direkthandel stellen höhere AnsprĂŒche an die QualitĂ€t des Rohkaffees als zum Beispiel NestlĂ©, die einen grossen Teil zu Produkten verarbeiten, fĂŒr die auch niedere QualitĂ€t brauchbar ist. Um Rohkaffee in einer geeigneten QualitĂ€t produzieren zu können, braucht es also Investitionen in GerĂ€te und Know-How. Doch diese Investitionen ĂŒbersteigen oft die finanziellen Möglichkeiten der KaffeebĂ€uer:innen. Welche Starthilfe fĂŒr diese Initialinvestitionen ein solidarisches Netzwerk bieten kann, hat uns die Arbeit von MAIZ – Movimiento Agrario Indigena Zapatista – gezeigt. Durch die UnterstĂŒtzung von MAIZ konnten in den vergangenen Jahren wichtige GerĂ€tschaften angeschafft werden und eine eigene Nachzucht mit neuen resistenteren Kaffeesorten aufgebaut werden. Ein Teil des Solibeitrages beim Kauf von CafĂ© RebelDĂ­a fliesst in die Arbeit von MAIZ.

Klimawandel macht Wetter unberechenbar
Auch klimatische VerĂ€nderungen stellen die Menschen vor Ort vor immer neue Herausforderungen. Mit dem Klimawandel ist das Wetter unberechenbarer geworden. FĂŒr die richtige Trocknung des Kaffees seien aber einige Tage stetiger Sonne nötig, erklĂ€rten uns die Kaffeeproduzent:innen. Wegen des zunehmend unsteten Wetters wollen sie darum in Trocknungsanlagen investieren, in denen der Kaffee geschĂŒtzt vor dem Regen trocknen kann. Dass diese Anpassung nötig ist, hat zu einem grossen Teil der globale Norden zu verschulden, denn er trĂ€gt proportional mehr zum Klimawandel bei.

Quelle: Campo Abierto

Vereint im Kampf gegen das Wasserkraftwerk
Der Zusammenschluss innerhalb der Kooperative CorazĂłn de la Montaña geht ĂŒber die reine Arbeit in der Kaffeeproduktion hinaus. Denn der Verkauf zu einem besseren Preis ist nur ein Mittel zum Zweck – und der Zweck ist ein selbstbestimmtes Leben in den TĂ€lern der Sierra Negra. Der mexikanische Staat hat drei FlĂŒsse in der Region fĂŒr den Bau eines Wasserkraftwerkes konzessioniert. Diese Konzession wurde ohne Konsultation der OrtsansĂ€ssigen gegeben, was an sich schon eine Verletzung der fundamentaler Rechte darstellt. Die Folgen des Wasserkraftwerkes wĂ€ren gravierend fĂŒr das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Sierra Negra. Die FlĂŒsse wĂŒrden massiv viel weniger und dazu noch verunreinigtes Wasser fĂŒhren. Darunter wĂŒrde das ganze Ökosystem leiden und auch die wichtige Feuchtigkeit fĂŒr den Kaffeeanbau im Tal verloren gehen. Jeden Morgen sieht man von den Berggipfeln, wie die Feuchtigkeit von den FlĂŒssen als Nebelschwaden in einem beeindruckenden Schauspiel die TĂ€ler hochsteigen. Der Verlust dieser Feuchtigkeit wĂŒrde die Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen hier bedeuten. Dazu kommt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung umgesiedelt werden mĂŒsste, damit genĂŒgend FlĂ€chen fĂŒr die Baumaschinen planiert werden könnten.

Quelle: Campo Abierto

Viele jener, die sich gegen die Zerstörung ihres Zuhauses wehren, haben sich in der Kooperative CorazĂłn de la Montaña organisiert. Dadurch, dass sie sich gegen die Entscheidung des mexikanischen Staates wehren, werden sie jedoch an den Rand der Gesellschaft gedrĂ€ngt und von Zuwendungen der öffentlichen Hand ausgeschlossen. Oft wird auch ihr Leben bedroht, von jenen, die den Bau des Staudammes und die Kompensationen fĂŒr die Umsiedlung befĂŒrworten. So spaltet dieses Projekt Gemeinden und Familien.

Alternativen und lokale Projekte sind / wĂ€ren vorhanden. So gab es Vorstösse der Lokalbevölkerung fĂŒr ein kleineres Wasserkraftwerk, der das Ökosystem viel weniger belastet hĂ€tte. Dieses wurde jedoch nicht bewilligt.

Hoffnungsvolle neue Generation
Diese Innovationslust wird auch von einer jungen und gut ausgebildeten Generation angetrieben, die aus den GrossstĂ€dten in die TĂ€ler ihrer Eltern zurĂŒckkehren. Sie entdecken den Reichtum des Lebens in der Sierra Negra wieder und die Schönheit der Kaffeeproduktion. Sie wollen die Kaffee-Haine verjĂŒngen, um den ErtrĂ€gen und der QualitĂ€t neuen Anschub zu geben. Die Ideen reichen ĂŒber die Kaffeeproduktion hinaus – so sollen zum Beispiel UnterkĂŒnfte fĂŒr Agrotourismus entstehen.

Die wirtschaftliche Perspektive, die der Verkauf ĂŒber die Kooperative CorazĂłn de la Montaña bietet, trĂ€gt zur Umsetzung dieser Projekte und einem selbstbestimmten Leben in der Sierra Negra bei. WĂ€hrend unserem Besuch bei der Kooperative haben wir als Kollektiv Campo Abierto etwas vom Leben dieser Menschen und ihren Ideen fĂŒr die Zukunft einfangen können. Diese werden nĂ€chstens auch ĂŒber das Netzwerk von CafĂ© RebelDĂ­a verfĂŒgbar sein. Weitere Kooperationen sind angedacht. Wir wollen an dieser Stelle noch einmal herzlich dem Verein CafĂ© RebelDĂ­a, MAIZ und ganz besonders Philipp Gerber danken, die uns diesen Besuch ermöglicht haben.




Quelle: Chiapas.ch