MĂ€rz 23, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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(Geschrieben vor der AnkĂŒndigung der gegenwĂ€rtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

WĂ€hrend der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten TrĂ€ume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfĂŒllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten
 Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die TĂŒren verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und GerĂ€ten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben wĂŒrden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natĂŒrlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sĂ€mtliche nicht es selbst seiende SozietĂ€t zu zerstören, abzulösen
 vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag


II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen ĂŒberhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hĂ€lt es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurĂŒck.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport
 der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf BewĂ€hrung. Wobei die BewĂ€hrung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der BewĂ€hrungsbruch genau wĂ€re (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nĂ€chster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwĂ€rtige Schöpfung, so ist es klar, das jede AbsurditĂ€t, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur BegrĂŒndung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien ĂŒber den wahren und den falschen Ausnahmezustand.

Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die TotalitĂ€t dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefĂ€hrlich exponiert hat, macht die herrschende TotalitĂ€t mehr als je sicht- und fĂŒhlbar. Sie war fĂŒr einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu ĂŒberdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was fĂŒr die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme GefĂŒhle hinterlassen. Wenn die AnĂ€sthesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.

Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefĂŒgt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrĂŒckt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her


IV

Irgendwie kommt es mir vor, als wĂŒrde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wĂ€re „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische GefĂ€ngnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurĂŒckzuziehen. Doch es wĂŒrde zu einem höchst oberflĂ€chlichen Denken fĂŒhren, wĂŒrden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frĂŒhere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von GĂŒnther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten HĂ€lfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

WĂ€hrend damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsĂ€chlich jetzt so kommt. Aber eigentlich mĂŒsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und KontinuitĂ€t lĂ€sst Platz fĂŒr ein oberflĂ€chliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurĂŒckwĂŒnschen lĂ€sst.

NatĂŒrlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fÀllt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser VerschÀrfung der technologischen RealitÀt zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.

Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele GerĂ€te wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass fĂŒr die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur GerĂ€tewelt hilfreich sei. Denn das AufstĂ€ndische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen
 wĂ€re, ist letztlich nichts wirklich ĂŒber GerĂ€tschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht ĂŒber dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wÀre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen GerĂŒchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche PrĂ€senz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die GerĂ€te, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen wĂŒrden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen RealitĂ€t. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lĂ€sst, weshalb die gegenwĂ€rtigen sozialen AufstĂ€nde zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. WĂ€hrend die MĂ€chtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel ĂŒber „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwĂ€rtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man frĂŒher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmĂ€chtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wĂ€re sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer VerhĂ€ltnisse unter ihnen.

Es ist natĂŒrlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. WĂ€hrend sie jetzt schon ĂŒberall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? NatĂŒrlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende TotalitÀt der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut


Wenn wir innerhalb einer kĂŒnstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden StĂ€dte, die Infrastruktur, die „virtuelle RealitĂ€t“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen GefĂ€ngnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder fĂŒhren nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich wÀhrend der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc


b) Demonstrieren und zurĂŒcksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionĂ€re und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig


c) Krawall, PlĂŒndern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schĂŒchterner Anfang


Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.

Wann, wenn nicht jetzt?

Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?

Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?




Quelle: Anarchistischebibliothek.org