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Ende-der-Bescheidenheit
Ende der Bescheidenheit – Kitas streikbereit

Bei den aktuell laufenden Tarifverhandlungen im Sozial- und Erziehungsdienst mischen wir als FAU mit, so sind Einzelne, aber auch eine Betriebsgruppe beim (Partizipations-)Streik mit dabei. Wir unterstĂŒtzen den Streik und sind solidarisch mit den im DGB organisierten Kolleg:innen, denken aber, dass wir weiter gehen sollten.

Im Sozial- und Erziehungsdienst gibt es seit Jahren viele verschiedene Probleme, die dringend gelöst werden mĂŒssen. Das betrifft einmal unsere Arbeitsbedingungen, die sich wĂ€hrend der Corona-Pandemie weiter verschlechtert haben, wie auch die vergleichsweise schlechte Bezahlung in unserer Branche.

In den sozialen Berufen stört uns die fortschreitende Ökonomisierung unserer Arbeit, fachliche Standards geraten immer mehr ins Hintertreffen. Hinzukommen ein hoher Anteil von befristeten Stellen, welche keine langfristige Lebensplanung ermöglichen, und eine oftmals hohe Arbeitsbelastung mit geringen PersonalschlĂŒsseln, welche Kolleg:innen ausbrennen lassen. Viele unserer Arbeiten (wie in der sozialpĂ€dagogischen Familienhilfe) erfordern eine maximale zeitliche FlexibilitĂ€t von uns und lassen sich teilweise nicht in Vollzeit erbringen. Ein Skandal ist weiterhin die nur teilweise Bezahlung von Nachtbereitschaftsdiensten am Einsatzort selbst (z. B. in Heimen)! In den Kitas sind wir völlig am Anschlag.

Wir sehen wegen der immer anspruchsvolleren und verdichteten Arbeit dringenden Bedarf an einem wesentlich lĂ€ngeren Jahresurlaub, wie es ihn in anderen pĂ€dagogischen Arbeitsfeldern (z. B. bei Lehrer:innen) schon lange gibt und eine seit Jahrzehnten immer wieder von linken Gewerkschafter:innen geforderten ArbeitszeitverkĂŒrzung auf 30 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich.

Von Applaus zahlt niemand seine Miete – von Reallohnsenkungen auch nicht!

Die Teuerungsrate in Deutschland ist auf Höchststand. In dieser Situation wurden von ver.di und der GEW zuletzt TarifvertrĂ€ge unterschrieben – das Ergebnis ist fĂŒr die betroffenen BeschĂ€ftigten ein Desaster und eine faktische Lohnsenkung. Damit das im Sozial- und Erziehungsdienst nicht passiert, mĂŒssen wir uns organisieren.

An symbolischer Anerkennung im Sozial- und Erziehungsdienst mangelt es nicht. An realer Anerkennung in Form von höheren Löhnen, ArbeitszeitverkĂŒrzung, besseren StellenschlĂŒsseln und Zeit fĂŒr gute, an den BedĂŒrfnissen der Menschen orientierte Arbeit mangelt es aber definitiv. Allerdings sind diese Ressourcen fĂŒr eine gute soziale Infrastruktur, auf welche viele Menschen angewiesen sind oder angewiesen sein werden, unerlĂ€sslich. BeschĂ€ftigte in sozialen Bereichen werden immer wieder als selbstlose Held:innen oder zuletzt als „systemrelevant“ bezeichnet – eine Zuschreibung von außen, welche fĂŒr viele der BeschĂ€ftigten wie blanker Hohn wirkt, wenn sich gleichzeitig abzeichnet, wo in Folge der Corona-Krise und der Militarisierung auch gespart werden soll: Wie so oft im Sozialbereich!
In Freiburg wurden vom örtlichen Gemeinderat beispielsweise die Vorbereitungszeiten in den Kitas gekĂŒrzt (Arbeitsverdichtung) und die Tariferhöhungen nicht an die freien TrĂ€ger:innen der sozialen Arbeit weitergegeben (faktische ReallohnkĂŒrzung). Reine symbolische Anerkennung grenzt hier eher an emotionale Erpressung, als dass es die BeschĂ€ftigten und Klient:innen weiterbringt.

Der Gemeindetag Baden-WĂŒrttemberg fordert in einem Positionspapier, die Landesregierung mĂŒsse die Anforderungen lockern: „Unter anderem sollte die Obergrenze von 28 Kindern je Gruppe um bis zu zwei Kinder ĂŒberschritten werden dĂŒrfen. Weiterer Wunsch: Den PersonalschlĂŒssel einer Kita ĂŒbergangsweise um bis zu 20 Prozent zu unterschreiten. Außerdem sollten fĂŒr Vertretungen nicht nur FachkrĂ€fte in Frage kommen“.
Sprich, wenn wir uns nicht organisieren, wird es zu noch mehr Arbeitsverdichtung kommen! Von mehr Lohn wird nicht gesprochen, sondern von einer PR-Kampagne, um die ZustĂ€nde zu ĂŒbertĂŒnchen.

Gewerkschaft statt Yoga
Stress auf der Arbeit – Gewerkschaft statt Yoga

Statt KĂŒrzen bei den Armen, streichen bei den Reichen!

In der Pandemie wird die Soziale Arbeit als „systemrelevant“ verhandelt. Doch wir wollen lieber „systemtransformationsrelevant“ sein, um die fĂŒr viele Menschen unzumutbaren Lebensbedingungen zu ĂŒberwinden und die Krisenkosten auf die Reichen abzuladen.

Der Frust und die Wut ĂŒber viele Bedingungen im sozialen Bereich ist groß, die gewerkschaftliche Organisierung leider noch nicht. BeschĂ€ftigte in der – ĂŒberwiegend von Frauen ausgeĂŒbten – Sozialen Arbeit und im Erziehungswesen werden, ohne sich zu organisieren, auf keine besseren Bedingungen hoffen können und auch weiterhin nur symbolisch anerkannt werden. In der laufenden Tarifrunde sowie in den kommende Kampagnen wird es nötig sein, das Konzept der Betriebsgruppe unter den Kolleg:innen bekannter zu machen. Aktive Betriebsgruppen sind dabei unerlĂ€sslich, um eine reale Kampfkraft in den Betrieben zu entwickeln und Forderungen nicht nur zu stellen, sondern sie auch durchzusetzen.

In der Region SĂŒd hat die AG Soziales- und Erziehungsdienst ein Flugblatt zur Tarifauseinandersetzung erstellt. fau-sued-sue@fau.org

Alle Bilder: FAU Freiburg




Quelle: Direkteaktion.org