Februar 1, 2021
Von Indymedia
929 ansichten

Der Angriff vom 1. August 2020

In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2020 waren die drei jungen MĂ€nner aus Guinea auf dem Heimweg. Dorthin passierten sie auf ihrem Weg das Neonazizentrum in der Stielerstraße 1 auf dem Erfurter Herrenberg. In dem ehemaligen Einkaufcenter hatten sich seit 2015 Neonazis eingemietet. Hier wurden Parteitage diverser Neonazigruppierungen abgehalten, es fanden Rechtsrockkonzerte sowie Kampfsporttraining der lokalen Neonaziszene statt. Vor dem GebĂ€ude ereignete sich der Angriff auf die drei MĂ€nner, einhergehend mit rassistischen Beleidigungen. Einer der Angegriffenen erlitt schwere Verletzungen und schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Die Polizei sprach von einem „fremdenfeindlichen Motiv“ und berichtete davon, dass Mitglieder_innen und Sympathisant_innen der Partei „Der Dritte Weg“ unter den Angreifern seien. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe in der Stielerstraße 1 bereits mit der Partei gebrochen und agierte schon unter dem Label „Neue StĂ€rke Erfurt“. Noch in der selben Nacht rĂŒckte die Polizei an und verhaftete zwölf TatverdĂ€chtige, welche nach kurzer Zeit wieder entlassen wurden. Die Staatsanwaltschaft sah keinen Grund einen Haftbefehl zu beantragen. Eine Wiederholungsgefahr ließ sich fĂŒr die Staatsanwaltschaft nicht ableiten. Dass die TĂ€ter aus ideologischen BeweggrĂŒnden handelten und dies immer wieder tun, spielte fĂŒr die Bewertung keine Rolle.

Die TatverdÀchtigen: Neonazikader aus Erfurt

Zu den HauptverdĂ€chtigen, welche im Anschluss in Untersuchungshaft landeten, gehören folgende Personen: Enrico & Stefanie Biczysko, Wolodja Wanjukow, Philipp Volkennandt, Florian Reibe,  Franziska Barth, Justin Scholtz, Steve Giese, Ronny Wurmstich, Andreas Bach, Rafael Ramasanov und Alexander Susdalzew.

Enrico & Stefanie Biczysko

Enrico Biczysko ist wohl einer der umtriebigsten Neonazis in Erfurt. In der Vergangenheit agierte Biczysko sowohl als Teil der Hooligangruppierung „Kategorie Erfurt“ (KEF) spĂ€ter auch als Teil der „Hoonara Erfurt“ (Hooligans, Nazis und Rassisten). Seit mindestens 2006 widmete er sich verstĂ€rkt der organisierten Neonaziszene und trat fĂŒr die NPD als Kandidat fĂŒr den Stadtrat an. 2014 zog er in den Stadtrat von Erfurt ein, nahm jedoch sein Mandat sehr selten wahr. Es folgte schließlich der Bruch mit der Parteistruktur NPD und es folgte eine Karriere durch diverse Kameradschaften und neonazistischen Kleinstparteien, wie beispielsweise „Freie KrĂ€fte Erfurt“, „Die Rechte“ oder „Der Dritte Weg“. Bei allen Organisationen fĂŒhrten Biczysko und Michel Fischers UnfĂ€higkeit, gepaart mit autoritĂ€ren FĂŒhrungsansprĂŒchen zum Bruch mit den jeweiligen Strukturen. Konstant blieb die Rolle in der Immobilie in der Stielerstraße 1 in Erfurt.

Bereits in der Vergangenheit hatte sich Biczysko an Gewalttaten beteiligt, wie beispielsweise beim Angriff auf die Punxboottour 2008 an der KrĂ€merbrĂŒcke, und organisierte in der bis zum Dezember 2020 bestehenden Immobilie in Erfurt-SĂŒd das Kampfsporttraining mit.
Seit Juni 2014 ist Enrico Bicysko mit Stefanie Bicysko verheiratet. WÀhrend ihr Mann immer wieder in Erscheinung tritt, tritt Stefanie Biczysko kaum öffentlich auf.
Eine Übersicht aus 2013 ĂŒber Biczysko’s Nazikarriere bis 2013 lieferte damals die Antifaschistische Koordination Erfurt: Enrico Biczysko – die Umtriebe eines rechten Hooligans.

Wolodja Wanjukow

Wanjukow befindet sich seit ca. vier Jahren im engen Umfeld zu Enrico Biczysko. Er ist dabei wesentlicher Bestandteil der Struktur um die Partei „Der Dritte Weg“ in Erfurt gewesen und kandidierte auch hier fĂŒr den Stadtrat soie den Ortsteilrat Melchendorf. In der Partei leitete er die Gruppe „AG Körper & Geist“. Bei dieser beteiligten sich einige Kinder und Jugendliche, welche mit T-Shirts der Partei immer wieder auf offiziellen Sportveranstaltungen fĂŒr Aufsehen sorgten. Wolodja Wanjukow trainierte die Gruppe und nahm beim Erwerb des Deutschen Sportabzeichens als Trainer fĂŒr die Kinder und Jugendlichen teil.

 

Zur BegrĂŒndung, warum man keine Haftbefehle gegen die TatverdĂ€chtigen beantragt habe, hieß es im MDR in Bezug auf den leitenden Staatsanwalt Hannes GrĂŒneisen:

„Mehrere Beschuldigte seien zwar vorbestraft. Die Taten lĂ€gen aber sehr lange zurĂŒck, sodass eine Wiederholungsgefahr fĂŒr Gewaltstraftaten nicht konstruiert werden konnte.“

Quelle: MDR vom 4. August 2020.

Dabei handelte es sich um eine offensichtliche LĂŒge. Mindestens gegen Wanjukow wird seit 2019 ein Ermittlungsverfahren gefĂŒhrt, was ihn als TatverdĂ€chtigen einer Körperverletzung in einer Erfurter Straßenbahn sieht. Er soll dort einen Mann attackiert haben und ihn in Bezug auf einen Angriff auf das Neonazizentrum in der Vergangenheit bedroht haben. Generell stellt sich die Frage, inwiefern eine Wiederholungsgefahr bei Neonazis ausgeschlossen werden kann, die nicht nur offensichtlich Kampfsport trainieren, sondern immer wieder aus ideologischen Motiven gewalttĂ€tig werden.

 

Philipp Volkenanndt

Der ebenfalls beim „Dritten Weg“ und nun bei „Neue StĂ€rke Erfurt“ aktive Philipp Volkenanndt war ebenfalls am Angriff in der Nacht auf den 1. August 2020 beteiligt. Er kandierte zur Kommunalwahl 2019 fĂŒr die Neonazipartei „Der Dritte Weg“ und trat regelmĂ€ĂŸig bei Auftritten der Partei in der Vergangenheit oder aktuell fĂŒr den neuen Verein in Erscheinung. FĂŒr die Neonazipartei trat er 2019 als Stadtratskandidat an und wurde in einem Video der Partei als ZustĂ€ndiger fĂŒr die „Obejktordnung“ vorgestellt. Insbesondere bei den Inszenierungen als Kampfsportler versucht sich Volkenanndt. Volkenanndt war auch mindestens einmal in der Sicherheitsbranche tĂ€tig und arbeitete auf einem OpenAir in Erfurt fĂŒr die Firma „Protev Secure“ als Security.

 

Florian Reibe

Florian Reibe gehört zum Nachwuchs der Neonazigruppierung auf dem Erfurter Herrenberg. Er erstatte die Gegenanzeige, welche die TĂ€ter-Opfer-Umkehr der Neonazis ins Rollen brachte. Reibe selbst ist bisher nicht offen politisch in Erscheinung getreten, was mutmaßen lĂ€sst, dass gerade er als „unbeschriebenes Blatt“ von der Neonazi-Gruppe vorgeschickt wurde, um die Gegenanzeige zu stellen. Immer wieder bekundet er seine Sympathien und Zugehörigkeiten zur Neonaziszene im Internet und ist regelmĂ€ĂŸiger Besucher des Neonazizentrums in der Stielerstraße 1 gewesen.

 

Franziska Barth

Sie gehört zum engeren Freundeskreis von Enrico und Stefanie Bicysko. Am 1. August 2020 wurde Franziska Barth ebenfalls als TatverdĂ€chtige festgenommen. Sie gehörte zu den regelmĂ€ĂŸigen Besuchern des ehemaligen Neonazizentrums in der Stielerstraße 1.

Justin Scholtz

Ist ebenfalls Teil der eher jĂŒngeren Generation der Neonaziszene in Erfurt, aber schon seit einigen Jahren Besucher des Neonazizentrums in der Stielerstraße 1 in Erfurt. In der Vergangenheit wurde Justin Scholtz außerdem in Eisenach gesichtet.

 

Steve Giese

Wie viele andere Neonazis in Erfurt bewegt sich der aus Bad Langensalza stammende Steve Giese seit einiger Zeit im Umfeld der Fanszene von Rot-Weiß Erfurt. Laut seinem Facebookprofil gehört er zu der Fangruppe „Inferno Red White Warriors“. Sein Tattoo am Hals, bestehend aus RWE- und Hooliganlogo, untermalt seine Fanzugehörigkeit abermals. Im Mai 2019 trat er erstmals mit Bezug zum „Dritten Weg“ auf einem seiner Facebookprofile auf. In mehreren Posts bekennt er sich zu der Neonazi-Kleinstpartei, welche er mit dem Verteilen von Flyern auf dem Herrenberg unterstĂŒtzte. Des Weiteren trainierte Giese in den RĂ€umlichkeiten der Stielerstraße 1 Kampfsport.

Ronny Wurmstich

Er gehört zum engeren Kreis von „Neue StĂ€rke Erfurt“. Am 1. August 2020 wurde Ronny Wurmstich ebenfalls als TatverdĂ€chtige festgenommen. Er gehörte zu den regelmĂ€ĂŸigen Besuchern des ehemaligen Neonazizentrums in der Stielerstraße 1.

 

Andreas Bach

Unter dem Spitznamen „Andy“ ist Andreas Bach in der Stielerstraße 1 bekannt gewesen und gehörte zu den regelmĂ€ĂŸigen Besuchern des Neonazizentrums und bewegte. Er pflegt gute Kontakte zu den Erfurter Neonazis um Philippe Amor, Ronny Damerow, Julian Franz, Sören Erik Hildesheim und Kevin Jacobi um das „Kollektiv56“, wie ein Bild der Gruppe aus 2017 beweist.

Zu den weiteren Tatbeteiligten gehörten Rafael Ramasanov sowie Alexander Susdalzew.

 Alle Bilder auf unserer Homepage: rechercheportalerfurt.noblogs.org




Quelle: De.indymedia.org