Juni 4, 2022
Von Emrawi
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CN: sexualisierte Gewalt, Abuse, TĂ€terschutz

Disclaimer

Das Wort ’TĂ€ter’ wird in diesem Text nicht entgendert. Auch FLINTAs können TĂ€ter*innen sein. Jedoch geht – und das soll die hier benutzte Schreibweise deutlich machen – patriarchale Gewalt, sei sie physisch oder psychisch, zum Großteil von cis-MĂ€nnern aus. Das Wort ‚TĂ€ter‘ zu entgendern wĂŒrde diesen Umstand unsichtbar machen.

TĂ€terschutz im Alltag – alltĂ€glicher TĂ€terschutz

Wenn dem sozialen Umfeld eines TĂ€ters TĂ€terschutz vorgeworfen wird, stĂ¶ĂŸt das meist auf UnverstĂ€ndnis. Zum einen wird TĂ€terschutz, so der weit verbreitete Glaube, nur da betrieben, wo sich offen mit dem TĂ€ter solidarisiert wird und den Betroffenen ihre Erfahrungen abgesprochen werden. Zum anderen ist der eigene Freund*innenkreis doch “mega feministisch”, ganz klar. Er, der TĂ€ter, wird somit ganz schnell zum “Missverstandenen”, zum “armen Freund”, der “das alles doch gar nicht so gemeint hat”. Es wird damit aber nicht nur die Tat kleingeredet, sondern auch impliziert, dass die Betroffene “ĂŒberreagiert”. Das patriarchale Muster, die Lebenserfahrung von FLINTA-Personen zu diskreditieren, indem ihnen gegenĂŒber behauptet wird, sie seien zu “emotional”, ist sehr alt. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert galt “Hysterie” als anerkanntes Krankheitsbild. Damit einher geht das oft schnelle und stille Wiederherstellen eines “Normalzustands” und das selbstverstĂ€ndliche Einbeziehen des TĂ€ters in den freundschaftlichen Alltag. Dadurch wird ein Raum geschaffen, in dem der TĂ€ter vor Kritik abgeschirmt wird und in dem sich die Betroffenen dann nicht mehr bewegen können oder wollen.

Supportarbeit hat im Allgemeinen keinen hohen Stellenwert, denn Care-Arbeit ist nicht-mĂ€nnlich konnotiert und bringt somit in der linken Szene auch keine “Street-Credibility”. Sie wird aber nicht nur nicht ernst genommen. Sie ist auch immer, aufgrund der damit untereinander ausgedrĂŒckten SolidaritĂ€t, eine Gefahr fĂŒr das Patriarchat und wird auch in linken Kontexten fast gĂ€nzlich ausgeblendet. Das fĂŒhrt dazu, dass Support-Strukturen nicht einfach entstehen, sondern hart erkĂ€mpft werden mĂŒssen, wĂ€hrend die Strukturen, die den TĂ€ter schĂŒtzen, schon von vornherein existieren, erschaffen durch das Patriarchat.

Übergriffe bleiben von einer breiten Allgemeinheit, sei es die Politgruppe oder der Freund*innenkreis, meist unbemerkt oder werden bewusst ignoriert. Das Formulieren von VorwĂŒrfen aber ist ein öffentlicher Akt, der die vorherrschende NormalitĂ€t in Frage stellt und nicht ĂŒbersehen werden kann.

Die Forderung nach einer Positionierung wird oft als unangenehm und den “Szenefrieden” gefĂ€hrdend wahrgenommen. So werden Betroffene und Support-Strukturen als “Störfaktoren” markiert und aufgrund dessen ausgeschlossen, weshalb diese Strukturen auch eher als Angriff und nicht als Verteidigung gewertet werden. Nicht selten ist diese Erfahrung (re-)traumatisierend. Gerade hier ist es wichtig, SolidaritĂ€t auszudrĂŒcken, denn das Schweigen, das “Sich-Raushalten”, bleibt nicht unbemerkt. Im Gegenteil: FĂŒr Betroffene ist diese Stille ein unmissverstĂ€ndliches Statement, das lauter nicht sein könnte. Das Ausbleiben von UnterstĂŒtzung schĂŒchtert ein, lĂ€sst verzweifeln und treibt in die soziale Isolation. Hier gilt ganz klar: Wer sich raushĂ€lt oder “keine Meinung hat”, unterstĂŒtzt eindeutig den TĂ€ter.

Eine Frage der Perspektive

Viele, die im eigenen Freund*innenkreis mit FĂ€llen konfrontiert wurden, werden eins bemerkt haben: Vom Bekanntwerden des Falles bis zu den Wellen der Entsolidarisierung, wichtig scheint vor allem erst mal das Befinden des TĂ€ters zu sein.

Oft inszenieren sich diese als die “wahren Opfer”. Sie seien entweder völlig ungerechtfertigt oder aber viel zu harsch angegangen worden und wĂŒrden nun durch den Call-Out den “sozialen Tod” erleiden. Es wird betont, wie schlecht es ihnen mit der Situation geht, in die sie sich selbst gebracht haben. Die wenigen Forderungen werden oft als völlig ĂŒberzogen oder ungerecht empfunden bzw. abgelehnt. Hinzu kommt, dass Schilderungen von Übergriffen vielen MĂ€nnern klarmachen, dass auch sie sich sexistisch und patriarchal verhalten. Deswegen ist mĂ€nnlicher TĂ€terschutz immer auch Selbstschutz. So wird der TĂ€ter dabei unterstĂŒtzt, sich selber als Underdog darzustellen, der der Institution “Definitionsmacht” zum Opfer gefallen wĂ€re.

Es wird darauf geachtet, dass der Fokus nie auf der Betroffenen ruht. Diskutiert wird, wie er sich fĂŒhlt, wie er mit der Situation umgeht und ob gestellte Forderungen ihm nicht das Leben schwer machen. Denn solange der TĂ€ter im Mittelpunkt steht, bleiben die Betroffenen allein und im Hintergrund. Es wird vernachlĂ€ssigt, wie es ihnen geht und welche Langzeitfolgen die VorfĂ€lle fĂŒr viele mit sich bringen.

Ist der Fokus nicht mehr auf dem TĂ€ter, wird sich stattdessen unermĂŒdlich am Tonfall, in dem die Forderungen oder der Call-Out vorgebracht wurden, abgearbeitet. Immer wieder sind das vor allem weiße cis-MĂ€nner, die die linke Szene leider immer noch dominieren und die selbst nur wenigen UnterdrĂŒckunsgmechanismen ausgesetzt sind. Deshalb gibt es dort keinen Erfahrungshorizont darĂŒber, welche Wut und vor allem Verzweiflung sich in solchen Situationen bei Betroffenen und den Support-Strukturen entwickeln kann. HĂ€ufig sind in diesen Gruppen FLINTAs aktiv, die an dieser Stelle mit der Abwertung von als weiblich assoziierten Attributen und Verhaltensweisen konfrontiert sind. Argumente werden im Zweifelsfall versucht zu delegitimieren, indem sie als zu irrational und emotional bewertet werden.

Ein weiteres Mittel, um Kritik zu delegitimieren, ist der Vorwurf, “Bullenmethoden” anzuwenden. Gemeint sind teilweise schon Call-Outs ĂŒber TĂ€ter, aber manchmal auch schon das bloße Informieren lokaler Strukturen ĂŒber patriarchales, sexistisches oder ĂŒbergriffiges Verhalten von Genossen.

Bei all diesen Formen von TĂ€terschutz wird auf eins peinlich genau geachtet – bloß nicht darĂŒber reden, worum es wirklich geht: um MĂ€nnerbĂŒnde, die sich gegenseitig den RĂŒcken freihalten und die anscheinend oft stĂ€rker sind als langjĂ€hrige Freund*innenschaften; um den grassierenden Sexismus; um die vielen FĂ€lle von sexualisierter Gewalt und anderer physischer Übergriffe; um den psychischen Druck, der gegen nicht cis-mĂ€nnliche Genoss*innen tagtĂ€glich eingesetzt wird, um auf jeden Fall die Oberhand zu behalten.

Das Private ist politisch!?

Doch gibt es auch deutlichere Formen des TĂ€terschutzes. Immer noch nicht ausgestorben ist der Versuch, sexualisierte Gewalt, Übergriffe und patriarchales Verhalten in den Bereich des Privaten zu drĂ€ngen. So werden Übergriffe als einfache “Streite in der Beziehung” abgetan, wieso sollte sich da eingemischt werden? Diese Privatebene hilft also, die VorfĂ€lle und Problematiken in den eigenen vier WĂ€nden zu halten, auch weil sie sich dort leichter kontrollieren lassen. Wir mĂŒssen aber den strukturellen Charakter hinter sexistischem, patriarchalem und ĂŒbergriffigem Verhalten erkennen. Wenn es sich bei Übergriffen nicht um ein Politikum handelt, sondern um bloße private Angelegenheiten, wird eine wichtige Ebene ĂŒbersehen. Probleme sollen verharmlost und relativiert werden. Auch Geschichten aus dem Privatleben der Betroffenen werden nicht selten ausgepackt, um „sich ein Bild zu machen“. Beispielsweise ist dann zu hören, dass Betroffene und TĂ€ter doch die ganze Zeit so harmonisch gewirkt hĂ€tten und es deswegen bestimmt nicht so schlimm hĂ€tte sein können. Spekuliert wird darĂŒber, ob Betroffene vielleicht eifersĂŒchtig seien, Aufmerksamkeit bekommen oder sich einfach nur rĂ€chen wollen. Es wird hierbei nicht nur die Gewalt bagatellisiert, sondern auch versucht, der Tat die strukturelle Ebene abzusprechen, die politisch kritisiert werden muss, und so wird aus dem Patriarchat ein “Beziehungsproblem” und aus Feminismus bloße “IdentitĂ€tspolitik”.

Die traurige Tatsache, dass die Supporter*innengruppe immer aus dem eigenen engen Umfeld der betroffenen Person heraus entsteht, bedeutet also im Umkehrschluss: Alle, die kein breites soziales Umfeld haben, bekommen auch keinerlei UnterstĂŒtzung und sind meist auf sich allein gestellt.

Das Patriarchat „in den eigenen vier WĂ€nden zu lassen“, bedeutet auch, den Austausch unter Betroffenen zu erschweren. Denn wenn diese Themen nur im Privaten ausgehandelt werden, könnte schnell der Eindruck entstehen, dass es sich um persönliche Probleme oder EinzelfĂ€lle handele. Dadurch können bei den Betroffenen selbst Zweifel an der strukturellen Dimension des Geschehenen gesĂ€t werden. Doch wenn Erfahrungen verglichen werden, zeigen sich schnell dieselben zu Grunde liegenden Muster.

Die Folgen des TĂ€terschutzes

TĂ€terschutz hilft nicht nur dem einzelnen TĂ€ter dabei, sein Leben normal und unreflektiert weiterzuleben, sondern erschafft durch das Ermutigen von TĂ€tern auch ein Umfeld, in dem Taten ĂŒberhaupt erst begangen werden können. Er ermöglicht und verstĂ€rkt Sexismus und ist so ein fundamentaler Bestandteil des Patriarchats. Bei den Betroffenen kann TĂ€terschutz einerseits zu aktiver sozialer Isolation fĂŒhren, zum Verlust des Freund*innenkreises und der Gefangenschaft in den eigenen vier WĂ€nden, da der TĂ€ter weiterhin in der bekannten Kneipe abhĂ€ngen oder auf Demos in der ersten Reihe stehen kann. TĂ€terschutz kann aber auch zu passiver Isolation fĂŒhren, einer AtmosphĂ€re aus Angst und dem Allein-gelassen-Werden – dem Verstehen, dass die besten Freund*innen doch nicht so solidarisch sind und mensch im schlimmsten Fall ganz allein dasteht. TĂ€terschutz als Mittel des Patriarchats, um keine Kritik aufkommen zu lassen, darf nicht unterschĂ€tzt werden. Viele nicht cis-mĂ€nnliche Menschen mĂŒssen lernen, tĂ€glich mit patriarchalen Angriffen umzugehen. Doch diesen dann im eigenen Freund*innenkreis entgegenzustehen, ist um einiges schwerer.

Der TĂ€ter wird geschĂŒtzt! Was nun?

WĂ€hrend sich die Strukturen, die sich schĂŒtzend vor TĂ€ter stellen, hĂ€ufig nicht organisieren mĂŒssen, sondern organisch im Alltag entstehen bzw. vom Patriarchat geliefert werden, kann das fĂŒr Support-Strukturen leider nicht gesagt werden. In dem folgenden Abschnitt soll es daher darum gehen, wie solche UnterstĂŒtzer*innengruppen aufgebaut werden können, was unserer Meinung nach deren Aufgaben sein sollten und worauf geachtet werden muss.

Es ist wichtig, sich fĂŒr diesen Weg selbst einschĂ€tzen zu können: Wie viel kann ich selbst aushalten und mit wie viel Belastung kann ich umgehen? Kann ich einen Teil der Aufgaben ĂŒbernehmen und gewissenhaft erledigen oder werde ich zu wĂŒtend, bin ich zu sehr involviert und geht es auf einmal doch mehr um mein persönliches Empfinden? Wichtig ist: Auch wenn ihr merkt, dass ihr gerade nicht belastbar seid, zeigt, dass ihr den Betroffenen gegenĂŒber solidarisch seid. Durchbrecht die Isolation, in der viele Betroffene stecken. Seid fĂŒr einander da! Auch kleine Gesten können schon einen großen Unterschied machen. Solltet ihr euch nicht sicher sein, ob es schon eine Gruppe gibt, könnt ihr erst mal im nĂ€heren Kreis nachfragen. Wenn auffĂ€llt, dass noch keine Support-Strukturen vorhanden sind, schreibt die Betroffenen an. Bedenkt dabei, dass Betroffene sich meistens in großem Stress befinden. Es besteht die Gefahr, dass ihr mit eurer zwar gut gemeinten Nachricht zur Überforderung von Betroffenen beitragt. Also weist am Anfang eurer Nachricht mit einer Content-Warnung darauf hin, dass ihr dieses Thema ansprechen werdet. So kann die betroffene Person selbst entscheiden, wann sie sich mit diesem Thema auseinander setzen will. Nach der Content-Warnung sollte zuerst festgestellt werden, dass ihr uneingeschrĂ€nkt solidarisch mit der Betroffenen seid. Fragt dann nach, ob und wie ihr gerade helfen könnt. Zum Schluss ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es auch ok ist, wenn die Betroffene nicht oder erst spĂ€t reagiert, so nehmt ihr den Druck aus der Unterhaltung.

Aufgaben einer Supporter*innengruppe

Grundlegend kann gesagt werden, dass das Hauptaugenmerk der UnterstĂŒtzer*innengruppe auf dem Empowering der Betroffenen liegen sollte. Wichtig ist, einen Raum zu schaffen, in dem Betroffenen zugehört wird und in dem Forderungen formuliert werden können. Es muss dabei nicht um einen genauen Umgang mit dem TĂ€ter gehen, Forderungen können auch lediglich einen Ausschluss des TĂ€ters aus politischen Projekten oder das bloße Informieren des TĂ€terumfeldes beinhalten. Druck sollte bei diesem Prozess nicht aufkommen. Weder muss die Betroffene erklĂ€ren, was genau passiert ist, noch muss umgehend ein detaillierter Forderungskatalog aufgestellt werden. Die Auseinandersetzung mit Übergriffen wird einiges an Zeit beanspruchen und so kann es sein, dass am Anfang keine Forderungen aufgestellt werden und das Empowering Vorrang hat. Auch sollte innerhalb der Gruppe das soziale Einbinden der Betroffenen ein Thema sein, da sie, wie bereits erwĂ€hnt, von sozialem Ausschluss bedroht sein kann.

In den folgenden Abschnitten wird es um die Organisierung der Gruppe gehen.

Die Kommunikation

Wenn sich eine Gruppe von Leuten gefunden hat, sollte zunĂ€chst ĂŒber die interne Kommunikation gesprochen werden. Hier ist es sinnvoll, zwei voneinander getrennte Kommunikationswege zu etablieren. Einen, der Betroffene einschließt, und einen, in dem sich die Supporter*innengruppe separat organisieren kann. Diese Zweiteilung ist nötig, da aufkommende Differenzen innerhalb der Gruppe nicht mit Betroffenen besprochen werden sollten, da sonst die Gruppe nur zu einer weiteren Belastung wird. Auch sollten hier Supporter*innen fĂŒreinander da sein, da diese Arbeit manchmal belastend werden kann.

Wenn die interne Kommunikation steht, sollte sich darĂŒber ausgetauscht werden, wie die Kommunikation nach außen organisiert wird. Sinnvoll ist es, eine E-Mail-Adresse einzurichten und gleichzeitig deutlich zu machen, dass diese der einzig korrekte Weg ist, mit der Gruppe Kontakt aufzunehmen. Der Vorteil einer eigenen E-Mail-Adresse ist, dass sich die Gruppen und Menschen, die mit euch in Kontakt treten wollen, genau ĂŒberlegen mĂŒssen, wie sie ihre Nachricht formulieren, und die Kommunikation nachvollziehbarer und fĂŒr die Gruppe insgesamt transparenter wird. Die Auseinandersetzung mit solchen E-Mails kann aber einiges an Zeit und Kraft kosten. Auch deswegen ist eine E-Mail-Adresse sinnvoll, denn so kann bewusst entschieden werden, ob mensch in der Lage ist, mit derartigen Nachrichten konfrontiert zu werden. Sollte es auf der Straße bzw. im Alltag dazu kommen, dass es direkte Fragen zu dem Thema gibt, sollten diese nur mit dem Nennen der E-Mail-Adresse und dem Hinweis, dass sich an diese gewandt werden kann, beantwortet werden. ErklĂ€rungen oder Statements sollten in derartigen Situationen nicht abgegeben werden, da es in stressigen Momenten, wie zum Beispiel auf Demos, hĂ€ufig MissverstĂ€ndnisse gibt. Bei der Beantwortung von E-Mails hingegen kann der Ausdruck genau bedacht werden. Sollte es von Betroffenen gewĂŒnscht sein, muss auch Kontakt zum TĂ€ter hergestellt werden. HierfĂŒr ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass zum Schutz des TĂ€ters gerne eher darauf eingegangen wird, wie Kritik formuliert wurde. WĂ€hrend der GesprĂ€che mit dem TĂ€ter muss der Tonfall also ruhig, aber entschlossen sein. Beleidigungen, so verstĂ€ndlich diese auch immer sein mögen, dĂŒrfen nicht durch den Raum geworfen werden. Diese helfen ausschließlich der Gegenseite. Denkt immer daran, warum ihr gerade die Kommunikation aufgenommen habt. Hier geht es nicht darum, wie ihr eine Situation einschĂ€tzt, sondern was den Betroffenen am meisten hilft.

Seid euch auch immer bewusst, dass ihr unter UmstĂ€nden sehr persönliche Daten in den HĂ€nden haltet, die nicht an die Falschen geraten dĂŒrfen. Denkt an VerschlĂŒsselung, automatisches oder manuelles Löschen von Kommunikationen und Kontakten und bietet verschlĂŒsselte und anonyme Kontaktwege nach außen an. Das kostet zusĂ€tzliche Energie, ist aber wichtig.

Call-Out

Leider ist das immer noch ein “kontroverses” Thema. WĂŒrde das Thema TĂ€terschutz auch nur mit halb so viel Elan diskutiert werden wie Call-Outs gegen Sexisten, wĂŒrden wir jetzt wohl schon ganz wo anders stehen. Wir finden, dass Call-Outs, also das Öffentlichmachen von TĂ€tern und deren Verhalten, eine legitime und oft auch absolut notwendige Antwort auf patriarchale Gewalt darstellen. Durch Call-Outs wird Öffentlichkeit hergestellt, die nicht nur dafĂŒr sorgt, dass ĂŒber den Fall geredet wird, sondern auch zu SolidaritĂ€t fĂŒhren und empowernd auf andere Betroffene wirken kann. Außerdem erzeugen Call-Outs den Zwang, sich zu verhalten, was ohne diesen Druck sonst sicherlich kaum stattfinden wĂŒrde. SolidaritĂ€t Betroffenen gegenĂŒber zu zeigen, ist essentiell in solchen Situationen, denn wie schon festgestellt, ein “Sich-nicht-Positionieren” hilft ausschließlich dem TĂ€ter.

Call-Outs können sehr unterschiedlich aussehen. Sie mĂŒssen keinen genauen “Tathergang” beinhalten, um ernst genommen zu werden. Es kann auch grob umschrieben werden, worum es geht und warum dieser Schritt notwendig war. Wichtig ist natĂŒrlich, was sich die Gruppe von dem Call-Out erhofft, und somit mögliche Forderungen. Sollte die Betroffene keine formuliert haben, genĂŒgt die Aufforderung, sich bzgl. des Vorfalls zu verhalten und SolidaritĂ€t zu zeigen. Zum Schluss sollten immer die E-Mail-Adresse der UnterstĂŒtzer*innengruppe und der Hinweis stehen, dass nur ĂŒber diese kommuniziert wird. SelbstverstĂ€ndlich sollten Name und andere persönliche Informationen von Betroffenen nicht erwĂ€hnt werden. Lasst den Text wenigstens einen Tag liegen und lest dann noch mal drĂŒber. So gewinnt ihr ein wenig Abstand und könnt an Formulierungen noch etwas feilen.

Nachdem der Text steht, sollte darĂŒber nachgedacht werden, wo dieser veröffentlicht wird. Es kann sinnvoll sein, diesen nicht ins Internet zu stellen, sondern nur an lokale Projekte zu schicken oder ihn dort selbst vorzulesen. Das Selbst-Vorlesen kann den Vorteil haben, dass der Call-Out nicht untergehen kann und definitiv gehört wird. Auch hier ist wichtig, darauf zu bestehen, dass Nachfragen nur ĂŒber die E-Mail-Adresse beantwortet werden. Sollte sich aber dazu entschieden werden, den Text ĂŒberregional zu veröffentlichen, ist mitzudenken, dass Cops und Nazis mitlesen können. Auf die Szene betreffende Informationen sollte hier verzichtet werden. Gerade was Indymedia betrifft, muss mit einer Welle an negativen Kommentaren gerechnet werden. Es sollte sich also schon im Vorfeld ĂŒberlegt werden, wie mit diesem zusĂ€tzlichen Stress umgegangen werden kann. Wichtig ist, dass bei all diesen Prozessen die Betroffenen das letzte Wort haben. Es muss darum gehen, womit sich die Betroffenen wohl fĂŒhlen und nicht darum, was die Gruppe am sinnvollsten findet. Generell muss auch beachtet werden, dass Call-Outs die Kommunikation mit dem TĂ€ter negativ beeintrĂ€chtigen können. Es ist also abzuwĂ€gen, wie im Einzelfall gehandelt werden sollte. Klar ist, dass ihr auch unschöne Antworten erhalten könnt. Geht vorher darauf ein, wie ihr damit umgehen wollt.

Wann sind Call-Outs ĂŒberhaupt gerechtfertigt? Wie lange mĂŒssen sich Betroffene mit TĂ€tern und TĂ€terschĂŒtzern auseinandersetzen, bis öffentlich ĂŒber VorfĂ€lle geredet werden darf? Wir finden, dass dabei keine bestimmte Zeitspanne eingehalten werden muss, ein Call-Out ist legitim, wann auch immer die betroffene Person sich dazu entscheidet.




Quelle: Emrawi.org