Mai 5, 2021
Von Antifra
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T√∂d¬≠li¬≠cher Mes¬≠ser¬≠an¬≠griff: Hin¬≠ter den Mau¬≠ern der JVA tagt der Staats¬≠schutz¬≠se¬≠nat des OLG Dres¬≠den Foto: rnaf

Schon am zwei¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag haben sich die Rei¬≠hen der Medi¬≠en deut¬≠lich gelich¬≠tet im Ober¬≠lan¬≠des¬≠ge¬≠richts (OLG) Dres¬≠den. An die¬≠sem 16. April sind kei¬≠ne Kame¬≠ra¬≠teams mehr vor Ort und die tages¬≠ak¬≠tu¬≠el¬≠le Pres¬≠se berich¬≠tet nur von einer, wenn¬≠gleich ent¬≠schei¬≠den¬≠den, Zeu¬≠gen¬≠ver¬≠neh¬≠mung vor dem Staats¬≠schutz¬≠se¬≠nat des OLG: Die Befra¬≠gung des √ľber¬≠le¬≠ben¬≠den Opfers des Anschlags, Oli¬≠ver L., der aus psy¬≠chi¬≠schen Gr√ľn¬≠den per Video¬≠schal¬≠te aus K√∂ln im Gerichts¬≠saal ist. 

Das Gericht hat­te die­sem Wunsch zuge­stimmt, da Oli­ver L. bis heu­te unter den Fol­gen des Angriffs lei­det. Um die Gefahr der Ret­rau­ma­ti­sie­rung durch die Rei­se an den Tat­ort und eine Über­nach­tung in Dres­den zu ver­mei­den, berich­tet er per Web­cam vom Erlebten.

Zu Beginn die¬≠ses Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠ta¬≠ges ist zun√§chst bemer¬≠kens¬≠wert, dass der Dol¬≠met¬≠scher von Al‚ÄĎH. einen regen¬≠bo¬≠gen¬≠far¬≠be¬≠nen Mund-Nasen¬≠schutz tr√§gt und die¬≠sen demons¬≠tra¬≠tiv auf¬≠be¬≠h√§lt, als der Ange¬≠klag¬≠te den Raum betritt. Die¬≠ser reagiert auf die sym¬≠bo¬≠li¬≠sche Akti¬≠on des Dol¬≠met¬≠schers nicht. Er best√§¬≠tigt damit den Ein¬≠druck vom ers¬≠ten Tag: Al‚ÄĎH. scheint sich emo¬≠tio¬≠nal vom Gesche¬≠hen iso¬≠liert zu haben und nur soweit im Pro¬≠zess zu inter¬≠agie¬≠ren, wie es abso¬≠lut not¬≠wen¬≠dig ist.

Zeug:innen der Tat

Nach¬≠dem er von den vier Justizbeamt:innen in den Saal gef√ľhrt wor¬≠den ist, wer¬≠den Zeug:innen ver¬≠nom¬≠men, die die Tat aus einem Caf√© bzw. einem Hotel aus beob¬≠ach¬≠tet hat¬≠ten. Alle drei waren als Tourist:innen in der Stadt. Zeu¬≠gin Aga¬≠ta C., eine 34-j√§h¬≠ri¬≠ge Pro¬≠duk¬≠ti¬≠ons¬≠ar¬≠bei¬≠te¬≠rin einer d√§ni¬≠schen K√§se¬≠fa¬≠brik, ist extra aus D√§ne¬≠mark ange¬≠reist und bedarf einer √úber¬≠set¬≠zung ins Pol¬≠ni¬≠sche. Sie berich¬≠tet aus¬≠f√ľhr¬≠lich √ľber ihre Erin¬≠ne¬≠rung, die zwar den mut¬≠ma√ü¬≠li¬≠chen T√§ter nicht belas¬≠tet, aber doch den Tat¬≠her¬≠gang, wie er vom Beschul¬≠dig¬≠ten beschrie¬≠ben und in der Aus¬≠sa¬≠ge des Rechts¬≠me¬≠di¬≠zi¬≠ners am ers¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag wie¬≠der¬≠ge¬≠ge¬≠ben wur¬≠de, best√§tigt.

√Ąhn¬≠lich ist es bei der zwei¬≠ten Zeu¬≠gin des Tages, Ema¬≠nue¬≠la C., einer 26-j√§h¬≠ri¬≠gen ita¬≠lie¬≠ni¬≠schen Stu¬≠den¬≠tin, die zur Beschrei¬≠bung der Tat wenig bei¬≠tra¬≠gen kann, aber doch die Umst√§n¬≠de best√§¬≠tigt. Bei¬≠de sa√üen in einem Caf√© mit direk¬≠ter Sicht auf den Tat¬≠ort. Zuletzt ist eine 56-j√§h¬≠ri¬≠ge Buch¬≠hal¬≠te¬≠rin gela¬≠den, Chris¬≠tia¬≠ne von K. Sie war mit ihrem Sohn gera¬≠de in einem Hotel¬≠zim¬≠mer im f√ľnf¬≠ten Stock ange¬≠langt, von wo aus sie einen unmit¬≠tel¬≠ba¬≠ren Ein¬≠blick in die Ros¬≠ma¬≠rin¬≠gas¬≠se hat¬≠te ‚Äď jene Stra¬≠√üe, in der der T√§ter sei¬≠ne Opfer angriff. Der Blick von oben wird anschlie¬≠√üend durch Ein¬≠f√ľh¬≠rung von Droh¬≠nen¬≠bil¬≠dern erg√§nzt, die die Kon¬≠stel¬≠la¬≠ti¬≠on vervollst√§ndigen.

‚ÄěWas soll ich schon dazu sagen?‚Äú

Nach der Mit¬≠tags¬≠pau¬≠se erfolgt die von den anwe¬≠sen¬≠den Journalist:innen und Pro¬≠zess¬≠be¬≠tei¬≠lig¬≠ten gespannt erwar¬≠te¬≠te Ver¬≠neh¬≠mung von Oli¬≠ver L., der aus¬≠f√ľhr¬≠lich von sei¬≠nem gemein¬≠sa¬≠men Urlaub mit sei¬≠nem Lebens¬≠part¬≠ner Tho¬≠mas L. berich¬≠tet. Er beschreibt die Tat detail¬≠liert aus sei¬≠ner Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve und weicht dabei in einem ent¬≠schei¬≠den¬≠den Punkt von der Dar¬≠stel¬≠lung des Ange¬≠klag¬≠ten ab: Er und Tho¬≠mas L. h√§t¬≠ten nicht H√§nd¬≠chen gehal¬≠ten, das t√§ten sie nie. War¬≠um Al‚ÄĎH. dies so geschil¬≠dert hat¬≠te, wird sich wohl nicht auf¬≠kl√§¬≠ren las¬≠sen. Am plau¬≠si¬≠bels¬≠ten scheint es, dass es sich wahl¬≠wei¬≠se um eine hom¬≠ofeind¬≠li¬≠che Pro¬≠jek¬≠ti¬≠on des Beschul¬≠dig¬≠ten oder um eine nach¬≠tr√§g¬≠li¬≠che Recht¬≠fer¬≠ti¬≠gung gehan¬≠delt hat.

Im wei¬≠te¬≠ren Ver¬≠lauf der Befra¬≠gung geht es nun um die psy¬≠chi¬≠schen und k√∂r¬≠per¬≠li¬≠chen Fol¬≠ge¬≠sch√§¬≠den des Angriffs. Erstaun¬≠lich gefasst spricht Oli¬≠ver L. vom Ver¬≠lust sei¬≠nes Part¬≠ners, er wirkt bei¬≠na¬≠he sach¬≠lich. Ledig¬≠lich als die Bun¬≠des¬≠an¬≠walt¬≠schaft ihn nach sei¬≠ner see¬≠li¬≠schen Ver¬≠fasst¬≠heit fragt, √§u√üert sich sei¬≠ne Trau¬≠er: ‚ÄěWas soll ich schon dazu sagen‚Äú, ent¬≠geg¬≠net er sicht¬≠lich resi¬≠gniert. Die Arbeit hel¬≠fe ihm dabei, sich vom Schre¬≠cken der Tat und vom Ver¬≠lust abzu¬≠len¬≠ken. Deut¬≠lich wird hier¬≠bei auch, dass Oli¬≠ver L. den Pro¬≠zess m√∂g¬≠lichst hin¬≠ter sich brin¬≠gen will. Er best√§¬≠tigt mit sei¬≠ner Aus¬≠sa¬≠ge noch ein¬≠mal den Ein¬≠druck, den auch die Neben¬≠kla¬≠ge¬≠ver¬≠tre¬≠tung bis¬≠lang mach¬≠te: In das Ver¬≠fah¬≠ren soll von sei¬≠ner Sei¬≠te nicht aktiv ein¬≠ge¬≠grif¬≠fen wer¬≠den. Der anwe¬≠sen¬≠de sei¬≠ner Rechts¬≠an¬≠w√§l¬≠te h√§lt sich ent¬≠spre¬≠chend in der Zeug:innenbefragung zur√ľck.

Anschlie¬≠√üend wird das poli¬≠zei¬≠li¬≠che Ver¬≠h√∂r¬≠pro¬≠to¬≠koll einer wei¬≠te¬≠ren Zeu¬≠gin ein¬≠ge¬≠f√ľhrt und ver¬≠le¬≠sen. Jus¬≠ti¬≠na S. best√§¬≠tigt im Wesent¬≠li¬≠chen die bereits geschil¬≠der¬≠ten Abl√§ufe.

TK√ú und DNA

Wei¬≠ter wer¬≠den zwei Poli¬≠zei¬≠zeu¬≠gen ver¬≠nom¬≠men: BKA-Haupt¬≠kom¬≠mis¬≠sar Micha¬≠el P. sagt √ľber die Aus¬≠wer¬≠tung der Geo¬≠da¬≠ten aus. Die¬≠se sei¬≠en gesam¬≠melt und akri¬≠bisch nach¬≠voll¬≠zo¬≠gen wor¬≠den, so der Beam¬≠te, sodass die Poli¬≠zei in der Lage gewe¬≠sen sei, die Bewe¬≠gun¬≠gen des Beschul¬≠dig¬≠ten am Tat¬≠tag sekun¬≠den¬≠ge¬≠nau zu rekon¬≠stru¬≠ie¬≠ren. Anschlie¬≠√üend geht es um den Tag des Anschla¬≠ges selbst. An die¬≠sem begann das Bewe¬≠gungs¬≠pro¬≠fil an der MKEZ Moschee, die Al H. besuch¬≠te. Die Geo¬≠da¬≠ten geben m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se Auf¬≠schluss dar¬≠√ľber, dass Al‚ÄĎH. sei¬≠ne Opfer schon deut¬≠lich l√§n¬≠ger ver¬≠folgt hat¬≠te als bis¬≠lang ver¬≠mu¬≠tet. Ein¬≠ge¬≠f√ľhrt wer¬≠den die Daten wei¬≠ter¬≠hin f√ľr den Tag, an dem Al‚ÄĎH. die Mes¬≠ser kauf¬≠te. Hier zeigt sich das gesam¬≠te Poten¬≠zi¬≠al, das der bun¬≠des¬≠re¬≠pu¬≠bli¬≠ka¬≠ni¬≠sche Poli¬≠zei¬≠ap¬≠pa¬≠rat mit den tech¬≠ni¬≠schen Mit¬≠teln der Tele¬≠kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠ons¬≠√ľber¬≠wa¬≠chung (TK√ú) leis¬≠ten kann, wenn er will.

Der letz¬≠te Zeu¬≠ge die¬≠ses zwei¬≠ten Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠tags ist Stef¬≠fen S., ein Sach¬≠ver¬≠st√§n¬≠di¬≠ger f√ľr Gerichts¬≠bio¬≠lo¬≠gie, der die DNA-Pro¬≠ben, die auf den Schu¬≠hen und Tat¬≠waf¬≠fen gefun¬≠den wor¬≠den waren, aus¬≠ge¬≠wer¬≠tet hat. W√§h¬≠rend der Befra¬≠gung kann der Exper¬≠te mit umfang¬≠rei¬≠chem Wis¬≠sen zur Ent¬≠nah¬≠me von DNA-Pro¬≠ben und ihrer Ana¬≠ly¬≠se auf¬≠war¬≠ten. Beobachter:innen stellt sich dabei die Fra¬≠ge, wie der Dol¬≠met¬≠scher die unz√§h¬≠li¬≠gen und kaum ver¬≠st√§nd¬≠li¬≠chen Fach¬≠be¬≠grif¬≠fe zu che¬≠mi¬≠schen Pro¬≠zes¬≠sen, die S. in sei¬≠ner Aus¬≠sa¬≠ge ein¬≠flie¬≠√üen l√§sst, nach¬≠voll¬≠zieh¬≠bar √ľber¬≠setzt. Aber das bleibt wohl sein Geheimnis.

BGH hat Materie nicht begriffen

Span¬≠nend an der Befra¬≠gung ist, dass es zwi¬≠schen dem lang¬≠j√§h¬≠ri¬≠gen Poli¬≠zei¬≠be¬≠am¬≠ten S. und Rich¬≠ter Murad Gori¬≠al zu einem kur¬≠zen Schlag¬≠ab¬≠tausch kommt. So ver¬≠weist Gori¬≠al auf die vom Bun¬≠des¬≠ge¬≠richts¬≠hof (BGH) aus¬≠ge¬≠f√ľhr¬≠ten Kri¬≠te¬≠ri¬≠en zur Ver¬≠wen¬≠dung von DNA-Pro¬≠ben als Beweis¬≠ma¬≠te¬≠ri¬≠al und die ver¬≠gleichs¬≠wei¬≠se hohen Qua¬≠li¬≠t√§ts¬≠merk¬≠ma¬≠le, die die¬≠se erf√ľl¬≠len m√ľss¬≠ten. Die Recht¬≠spre¬≠chung des BGH, ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re mit Blick auf soge¬≠nann¬≠te Misch¬≠pro¬≠ben, wo also kei¬≠ne ein¬≠deu¬≠tig iden¬≠ti¬≠fi¬≠zier¬≠ba¬≠ren Spu¬≠ren gesi¬≠chert wer¬≠den k√∂n¬≠nen, bezeich¬≠ne¬≠te S. dabei mit einer Exper¬≠ten¬≠in¬≠sze¬≠nie¬≠rung als feh¬≠ler¬≠haf¬≠ten Kom¬≠men¬≠tar. Mehr¬≠mals ver¬≠weist der Rich¬≠ter dar¬≠auf, dass es kei¬≠ne Kom¬≠men¬≠ta¬≠re, son¬≠dern wohl¬≠be¬≠gr√ľn¬≠de¬≠te Urtei¬≠le sei¬≠en. Doch S. l√§sst sich davon nicht beir¬≠ren. Aus sei¬≠ner Sicht, der auf inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠len Kon¬≠fe¬≠ren¬≠zen spre¬≠che, habe das BGH die hoch¬≠kom¬≠ple¬≠xe Mate¬≠rie, mit der er tag¬≠t√§g¬≠lich befasst sei, schlicht nicht begriffen.

Auch der zwei¬≠te Pro¬≠zess¬≠tag ende¬≠te nach acht Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠stun¬≠den um 18 Uhr. Gegen Ende kann von einer √Ėffent¬≠lich¬≠keit kaum noch die Rede sein ‚Äď so gut wie alle Zuschauer:innen hat¬≠ten den Saal bereits nach der Befra¬≠gung von Oli¬≠ver L. verlassen.

‚ÄěRecher¬≠che und Archiv F‚ÄĚ hat sich mit dem Vor¬≠ha¬≠ben gegr√ľn¬≠det, Gerichts¬≠pro¬≠zes¬≠se mit Bezug zu isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen oder v√∂l¬≠ki¬≠schen Tat¬≠hin¬≠ter¬≠gr√ľn¬≠den zu beob¬≠ach¬≠ten, zu ana¬≠ly¬≠sie¬≠ren und in einen gesell¬≠schafts¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠schen Kon¬≠text ein¬≠zu¬≠ord¬≠nen ‚Äď eine Leer¬≠stel¬≠le, die drin¬≠gend ‚Äď auch aus anti¬≠fa¬≠schis¬≠ti¬≠scher Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve ‚Äď bear¬≠bei¬≠tet wer¬≠den muss. Im Fokus der Pro¬≠zess¬≠be¬≠ob¬≠ach¬≠tun¬≠gen ste¬≠hen aktu¬≠ell die Rol¬≠le der Frau¬≠en beim soge¬≠nann¬≠ten ‚ÄúIsla¬≠mi¬≠schen Staat‚ÄĚ und der Umgang des deut¬≠schen Staa¬≠tes mit den nach Deutsch¬≠land ‚Äúzur√ľck¬≠ge¬≠kehr¬≠ten‚ÄĚ Frau¬≠en. Aus einer femi¬≠nis¬≠ti¬≠schen Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve her¬≠aus ist auch das Ver¬≠fah¬≠ren gegen Abdul¬≠lah Al‚ÄĎH. von Inter¬≠es¬≠se, in wel¬≠chem erst¬≠mals ein hom¬≠ofeind¬≠li¬≠ches Motiv vor Gericht ver¬≠han¬≠delt wird




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de