Juni 1, 2021
Von Antifra
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Bevor die Beweis¬≠auf¬≠nah¬≠me geschlos¬≠sen wird, h√∂rt das Gericht noch die Ein¬≠sch√§t¬≠zung der ‚ÄěJugend¬≠hil¬≠fe im Straf¬≠ver¬≠fah¬≠ren Dres¬≠den‚Äú (fr√ľ¬≠her: Jugend¬≠ge¬≠richts¬≠hil¬≠fe). Der Mit¬≠ar¬≠bei¬≠ter emp¬≠fiehlt, das Jugend¬≠straf¬≠recht auf den Ange¬≠klag¬≠ten anzu¬≠wen¬≠den. Die Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft folgt die¬≠ser Ein¬≠sch√§t¬≠zung in ihrem anschlie¬≠√üen¬≠den Pl√§¬≠doy¬≠er jedoch nicht. Sie pl√§¬≠diert auf lebens¬≠lan¬≠ge Haft mit Sicher¬≠heits¬≠ver¬≠wah¬≠rung nach all¬≠ge¬≠mei¬≠nem Straf¬≠recht wegen Mor¬≠des in Tat¬≠ein¬≠heit mit ver¬≠such¬≠tem Mord und gef√§hr¬≠li¬≠cher K√∂r¬≠per¬≠ver¬≠let¬≠zung. Wei¬≠ter¬≠hin sei eine the¬≠ra¬≠peu¬≠ti¬≠sche Betreu¬≠ung angebracht.

Am sieb¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag, dem 6. Mai, f√ľhrt der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter zun√§chst Doku¬≠men¬≠te aus dem Selbst¬≠le¬≠se¬≠ver¬≠fah¬≠ren ein. Anschlie¬≠√üend wer¬≠den Licht¬≠bil¬≠der in Augen¬≠schein genom¬≠men, die den Ange¬≠klag¬≠ten Al‚ÄĎH. bei zwei Stra¬≠√üen¬≠bahn¬≠fahr¬≠ten zei¬≠gen. Au√üer¬≠dem wird ein Gut¬≠ach¬≠ten vor¬≠ge¬≠stellt, das best√§¬≠tigt, dass die bei¬≠den Tat¬≠waf¬≠fen dem Mes¬≠s¬≠er¬≠set der Waren¬≠ket¬≠te Wool¬≠worth entsprechen.

Jugendgerichtshilfe f√ľr Jugendstrafrecht

Nach die¬≠sen Punk¬≠ten folgt eine Ein¬≠sch√§t¬≠zung der Jugend¬≠ge¬≠richts¬≠hil¬≠fe, ver¬≠tre¬≠ten durch Ber¬≠told S., bez√ľg¬≠lich der Fra¬≠ge, ob der Ange¬≠klag¬≠te nach Jugend- oder all¬≠ge¬≠mei¬≠nem Straf¬≠recht zu ver¬≠ur¬≠tei¬≠len sei. S. betont zun√§chst, wie inten¬≠siv die Vor¬≠be¬≠rei¬≠tung gewe¬≠sen sei und dass sein Berufs¬≠ethos es nicht zulie¬≠√üe, dem Gericht ein¬≠fach ein unkom¬≠men¬≠tier¬≠tes Gut¬≠ach¬≠ten zukom¬≠men zu las¬≠sen. Er ent¬≠schul¬≠digt sich bereits im Vor¬≠hin¬≠ein, nur √ľber den T√§ter zu spre¬≠chen. Dies sei dem t√§ter¬≠ori¬≠en¬≠tier¬≠ten Cha¬≠rak¬≠ter der Jugend¬≠ge¬≠richts¬≠hil¬≠fe geschul¬≠det, bedeu¬≠te jedoch nicht, dass er nicht empa¬≠thisch mit den Betrof¬≠fe¬≠nen der Tat sei.

Er sei der ‚ÄěFall¬≠f√ľh¬≠ren¬≠de‚Äú bei Al‚ÄĎH. und sehe sich vor allem als Ansprech¬≠per¬≠son, die Ma√ü¬≠nah¬≠men ein¬≠lei¬≠te und koor¬≠di¬≠nie¬≠re. Mit Abdul¬≠lah, wie er ihn zumeist nennt, habe er ab 2017 etwa 15 Gespr√§¬≠che gef√ľhrt, alle¬≠samt in Haft in Dres¬≠den und Regis-Breit¬≠in¬≠gen, wes¬≠halb er nicht ‚Äď wie sonst √ľblich ‚Äď Gespr√§¬≠che mit dem Umfeld des Ange¬≠klag¬≠ten habe f√ľh¬≠ren k√∂n¬≠nen. Er selbst sei weder poli¬≠tisch noch reli¬≠gi¬≠√∂s geschult, um Al‚ÄĎH. zu kon¬≠fron¬≠tie¬≠ren oder zu dera¬≠di¬≠ka¬≠li¬≠sie¬≠ren. Er habe in Erin¬≠ne¬≠rung, dass Al‚ÄĎH. oft Kopf¬≠schmer¬≠zen gehabt und nach Hau¬≠se gewollt habe, was jedoch dem Auf¬≠trag sei¬≠ner Mut¬≠ter, ‚Äěblei¬≠be hier, hier geht‚Äôs dir gut, hier wird sich um dich gek√ľm¬≠mert‚Äú, wider¬≠spro¬≠chen habe. Dies¬≠be¬≠z√ľg¬≠lich habe S. ein Zitat ‚Äúganz inter¬≠es¬≠sant‚ÄĚ gefun¬≠den, indem es hie√ü, Al‚ÄĎH.s Radi¬≠ka¬≠li¬≠sie¬≠rung sei aus einem nar¬≠ziss¬≠ti¬≠schen Kon¬≠flikt zwi¬≠schen Erst¬≠ge¬≠bo¬≠re¬≠nem-Pri¬≠vi¬≠leg und Min¬≠der¬≠wer¬≠tig¬≠keits¬≠kom¬≠plex her¬≠aus erfolgt.

Ley¬≠graf hat¬≠te sich an ein Kon¬≠zept mit 10 Kri¬≠te¬≠ri¬≠en aus dem Jahr 1992 ori¬≠en¬≠tiert, wel¬≠ches S. auf¬≠grund von Al‚ÄĎH.s Migra¬≠ti¬≠ons¬≠ge¬≠schich¬≠te nicht f√ľr anwend¬≠bar h√§lt. Sei¬≠nem Ein¬≠druck nach habe der Ange¬≠klag¬≠te sich auf¬≠grund sei¬≠ner ein¬≠sei¬≠ti¬≠gen Besch√§f¬≠ti¬≠gung mit Reli¬≠gi¬≠on nicht wei¬≠ter¬≠ent¬≠wi¬≠ckeln k√∂n¬≠nen. Er sei mit sich nicht im Rei¬≠nen, habe Angst und sei unsi¬≠cher. Nach S. stel¬≠le dies ‚Äúin keins¬≠ter Wei¬≠se‚ÄĚ den Ent¬≠wick¬≠lungs¬≠stand eines Erwach¬≠se¬≠nen dar. Er hal¬≠te wei¬≠ter¬≠hin eine anschlie¬≠√üen¬≠de Sicher¬≠heits¬≠ver¬≠wah¬≠rung f√ľr not¬≠wen¬≠dig und betont, dass Al‚ÄĎH. durch eine Ver¬≠ur¬≠tei¬≠lung nach Jugend¬≠straf¬≠recht kei¬≠ner¬≠lei Vor¬≠tei¬≠le h√§tte.

Angriff auf die freiheitliche Gesellschaft

Dar¬≠auf¬≠hin schlie√üt der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter die Beweis¬≠auf¬≠nah¬≠me und nach einer Pau¬≠se folgt das Pl√§¬≠doy¬≠er der Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft: Staats¬≠an¬≠walt Crois¬≠sant zufol¬≠ge bestehe kein Zwei¬≠fel dar¬≠an, dass der Ange¬≠klag¬≠te die Gesch√§¬≠dig¬≠ten mit Mes¬≠sern ange¬≠grif¬≠fen habe. Die Tat habe √ľber vie¬≠le Men¬≠schen gro¬≠√ües Leid gebracht. So sei der √ľber¬≠le¬≠ben¬≠de L. zwar k√∂r¬≠per¬≠lich fast voll¬≠st√§n¬≠dig gene¬≠sen, er tra¬≠ge jedoch see¬≠li¬≠sche Ver¬≠let¬≠zun¬≠gen davon, was auch f√ľr Zeug:innen und Beam¬≠te, die vor Ort waren, gel¬≠te. Al‚ÄĎH. habe aus radi¬≠kal-isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen und homo¬≠pho¬≠ben Moti¬≠ven gehan¬≠delt, als er aus sei¬≠ner Sicht zwei Repr√§¬≠sen¬≠tan¬≠ten der frei¬≠heit¬≠li¬≠chen Gesell¬≠schafts¬≠ord¬≠nung atta¬≠ckier¬≠te. Er habe ‚Äúunser Zusam¬≠men¬≠le¬≠ben‚ÄĚ ange¬≠grif¬≠fen, wel¬≠ches davon gepr√§gt sei, ‚Äúdass wir unab¬≠h√§n¬≠gig von Her¬≠kunft, Geschlecht, sexu¬≠el¬≠ler Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung und all den ande¬≠ren gro¬≠√üen und klei¬≠nen Unter¬≠schie¬≠den die Gesell¬≠schaft viel¬≠f√§l¬≠tig und bunt machen.‚ÄĚ Daher, und da die Betrof¬≠fe¬≠nen nur zuf√§l¬≠lig Opfer des Ange¬≠klag¬≠ten gewor¬≠den sei¬≠en ‚Äď es also jeden h√§t¬≠te tref¬≠fen k√∂n¬≠nen ‚ÄĒ sei die Tat ein ‚ÄúAngriff auf uns alle‚ÄĚ. Somit han¬≠de¬≠le es sich nicht um ein gew√∂hn¬≠li¬≠ches Delikt, son¬≠dern habe sich gegen die freie und demo¬≠kra¬≠ti¬≠sche Gesell¬≠schaft gewandt.

Staats¬≠an¬≠walt May¬≠er fasst anschlie¬≠√üend die Bio¬≠gra¬≠phie des Ange¬≠klag¬≠ten zusam¬≠men und z√§hlt im Zuge des¬≠sen auch sei¬≠ne Vor¬≠stra¬≠fen auf. Als der Ange¬≠klag¬≠te im Sep¬≠tem¬≠ber 2020 aus der Haft ent¬≠las¬≠sen wor¬≠den sei, sei er in sei¬≠ner √úber¬≠zeu¬≠gung gefes¬≠tigt gewe¬≠sen, einen t√∂d¬≠li¬≠chen Anschlag bege¬≠hen zu wol¬≠len. Am 4. Okto¬≠ber habe er dann inten¬≠si¬≠ver dar¬≠√ľber nach¬≠ge¬≠dacht, wel¬≠che ‚ÄúOpe¬≠ra¬≠ti¬≠on‚ÄĚ er ein¬≠lei¬≠ten wol¬≠le, sich mit Vers 190 der 2. Sure des Korans besch√§f¬≠tigt und sei zu dem Schluss gekom¬≠men, ‚Äúdass √ľber¬≠all dort ein Kampf¬≠ge¬≠biet sei, wo Allahs Gebo¬≠te nicht ein¬≠ge¬≠hal¬≠ten wer¬≠den.‚ÄĚ Noch in sei¬≠ner Woh¬≠nung habe er ein F√ľr¬≠bit¬≠ten¬≠ge¬≠bet gespro¬≠chen, dass sein Anschlag gelin¬≠gen m√∂ge und er danach nach Syri¬≠en zur√ľck¬≠keh¬≠ren k√∂n¬≠ne. Anschlie¬≠√üend rekon¬≠stru¬≠iert May¬≠er noch ein¬≠mal detail¬≠liert das Tatgeschehen.

Leben dem Dschihad gewidmet…

Die Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft folgt den Ein¬≠sch√§t¬≠zun¬≠gen des psych¬≠ia¬≠tri¬≠schen Gut¬≠ach¬≠ters. Dem¬≠nach habe sich der Ange¬≠klag¬≠te u.a. √ľber das Inter¬≠net radi¬≠ka¬≠li¬≠siert, er sei ‚Äúbest√§n¬≠dig und fast hys¬≠te¬≠risch‚ÄĚ auf der Suche nach Inhal¬≠ten und ‚Äúgewis¬≠ser¬≠ma¬≠√üen s√ľch¬≠tig nach Reli¬≠gi¬≠on‚ÄĚ gewe¬≠sen. Er habe wis¬≠sen wol¬≠len, ‚Äúwar¬≠um es den Leu¬≠ten hier gut und in Syri¬≠en schlecht geht.‚ÄĚ Wei¬≠ter¬≠hin sei ihm ein Anschlag als leich¬≠ter Weg erschie¬≠nen, ins Para¬≠dies zu gelan¬≠gen. Der Sach¬≠ver¬≠st√§n¬≠di¬≠ge Stein¬≠berg habe dar¬≠√ľber hin¬≠aus fest¬≠ge¬≠stellt, dass Al‚ÄĎH. sich bereits im Novem¬≠ber 2016 radi¬≠ka¬≠li¬≠siert hat¬≠te und beschei¬≠nig¬≠te ihm ent¬≠ge¬≠gen ande¬≠ren Stim¬≠men in die¬≠sem Pro¬≠zess eine f√ľr sei¬≠nen Bil¬≠dungs¬≠stand ‚Äúerstaun¬≠lich breit gef√§¬≠cher¬≠te Kennt¬≠nis der dschi¬≠ha¬≠dis¬≠ti¬≠schen Ideologie‚ÄĚ.

Laut Staats¬≠an¬≠walt Crois¬≠sant sei es eine Tat aus nied¬≠ri¬≠gen Beweg¬≠gr√ľn¬≠den. Der Ange¬≠klag¬≠te habe sich gegen die west¬≠li¬≠che Gesell¬≠schaft und eine ihm ver¬≠hass¬≠te sexu¬≠el¬≠le Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung gewandt. In Tat¬≠ein¬≠heit habe er sich voll¬≠ende¬≠ten Mord, ver¬≠such¬≠ten Mord und gef√§hr¬≠li¬≠che K√∂r¬≠per¬≠ver¬≠let¬≠zung in einem engen zeit¬≠li¬≠chen Zusam¬≠men¬≠hang zuschul¬≠den kom¬≠men las¬≠sen. Dabei sei er unein¬≠ge¬≠schr√§nkt schuld¬≠f√§¬≠hig und nicht nach Jugend¬≠straf¬≠recht zu ver¬≠ur¬≠tei¬≠len. Daf√ľr spre¬≠che etwa, dass er sei¬≠ne radi¬≠kal-isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen Ansich¬≠ten ver¬≠fes¬≠tigt habe und in sei¬≠nen √úber¬≠zeu¬≠gun¬≠gen stand¬≠haft geblie¬≠ben sei. Er habe sein Leben am Ziel des Dschi¬≠had aus¬≠ge¬≠rich¬≠tet und die Ent¬≠schei¬≠dung getrof¬≠fen, nur daf√ľr zu leben. Zwar habe er Ange¬≠bo¬≠te, auch ande¬≠re Sicht¬≠wei¬≠sen zu h√∂ren, teil¬≠ge¬≠nom¬≠men, sein Koope¬≠ra¬≠ti¬≠ons¬≠wil¬≠le sei jedoch vor¬≠ge¬≠t√§uscht gewe¬≠sen. Es lie¬≠√üe sich kei¬≠ne Ver¬≠√§n¬≠de¬≠rung in sei¬≠nen √úber¬≠zeu¬≠gun¬≠gen fest¬≠stel¬≠len, wes¬≠halb wohl davon aus¬≠zu¬≠ge¬≠hen sei, dass er nach einer Haft¬≠ent¬≠las¬≠sung erneut eine ver¬≠gleich¬≠bar schwe¬≠re Straf¬≠tat bege¬≠hen w√ľr¬≠de. Schlie√ü¬≠lich habe er nach sei¬≠ner Tat bereits √úber¬≠le¬≠gun¬≠gen ange¬≠stellt, wie er bei einer n√§chs¬≠ten Tat vor¬≠ge¬≠hen w√ľr¬≠de (Abspra¬≠che mit ande¬≠ren IS-Mit¬≠glie¬≠dern) und sei bei sei¬≠ner Ver¬≠haf¬≠tung erneut mit einem gro¬≠√üen Mes¬≠ser im Ruck¬≠sack ange¬≠trof¬≠fen worden.

… und weiter gefährlich

Die Schuld des Ange¬≠klag¬≠ten wie¬≠ge somit beson¬≠ders schwer. Sein Ver¬≠hal¬≠ten f√ľge sich ein in eine Rei¬≠he von Anschl√§¬≠gen in Euro¬≠pa ein. Er habe beab¬≠sich¬≠tigt, einen Nach¬≠ah¬≠mungs¬≠ef¬≠fekt aus¬≠zu¬≠l√∂¬≠sen und sei wei¬≠ter¬≠hin gef√§hr¬≠lich f√ľr die All¬≠ge¬≠mein¬≠heit. Daher bean¬≠tra¬≠ge er eine lebens¬≠lan¬≠ge Stra¬≠fe nebst Sicher¬≠heits¬≠ver¬≠wah¬≠rung, wobei eine the¬≠ra¬≠peu¬≠ti¬≠sche Betreu¬≠ung in jedem Fall erfol¬≠gen solle.




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de