Dezember 17, 2021
Von La Presse
343 ansichten


Spoantan fanden sich heute Mittag ca. 20 Personen zum Protest gegen ein Banner am Leipziger Rathaus ein. Kritisiert wurde, neben der Hissung des Banners, in den RedebeitrÀgen auch das Handeln der Behörden und dem Rathaus selbst.

Bereits bevor heute das Banner »Wir sind alle Migranten«, anlĂ€sslich des »18. Dezember – Internationaler Tag der Migrantinnen und Migranten« am Leipziger Rathaus gehisst wurde, gab es auf la-presse.org Kritik an der Aktion. »Wir sind nicht alle Migranten. Falsche Botschaft und Symbolpolitik« titelte auch das Stadtmagazin kreuzer zu der heutigen Bannerhissung.

Der Redebeitrag von Anna aus Osteuropa fasst die Kritik der Kundgebung gut zusammen und soll, laut den Organisator*innen »zum Reflektieren ĂŒber die eigenen Privilegien« anregen:

“Wir sind alle Migranten”, schrieben die Deutschen auf das deutsche Rathaus, in dem es Pflicht ist, Deutsch zu sprechen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Was fĂŒr eine einfache Geste. Wie billig. Diese Geste lĂ€sst euch einschlafen. Sie gibt euch ein gutes GefĂŒhl. Es erlaubt euch, euch als “gute Menschen” zu betrachten. Wisst ihr, was eine wirkliche Herausforderung wĂ€re? Die wirkliche Herausforderung wĂ€re zu sagen: “Wir sind alle Rassist*innen”. Denn der Rassismus, von dem Migrant*innen in Deutschland betroffen sind, ist unsere absolute AlltagsrealitĂ€t. Es ist so einfach, sich mit den Opfern, den GeschĂ€digten, den Beherrschten zu identifizieren, wenn man selbst TĂ€ter:in, Privilegierte:r, Beherrscher:in ist. Dann mĂŒsst ihr euch nicht mit euch selbst, mit eurer eigenen Gemeinschaft und euren eigenen Privilegien auseinandersetzen. Ihr könnt weiterhin so tun, als hĂ€ttet ihr sie nicht.

Liebe Deutsche! Auch ihr: liebe, liberale, pro-demokratische, gute Menschen! Nur in Deutschland, mit euren Millionen kleiner Gesten, euren Andeutungen, eurem LĂ€cheln, euren Kommentaren, eurer Herablassung und eurer Bevormundung, mit eurer ĂŒberlegenen Besorgnis, euren Belehrungen und sogar euren Zurechtweisungen, mit der Tatsache, dass ihr uns entweder wie Kinder behandelt oder als Kriminelle, wegen den beschissenen Arbeitsbedingungen, die ihr uns anbietet, wegen den beschissenen Jobs, die wir fĂŒr euch machen und wegen den Löhnen, die  niedriger sind als die, die ihr den Deutschen gebt, wegen eurer Überzeugung, dass euer Land, eure Kultur, eure Bildung (ah, die deutsche Bildung! ) einfach BESSER ist – nur in Deutschland habe ich mich zweitklassig gefĂŒhlt. Ich habe mich erst dann als Migrantin betrachtet, als ich ausnahmslos von allen deutschen staatlichen und administrativen Stellen als solche behandelt wurde. Jetzt trage ich diese IdentitĂ€t mit Stolz. Die IdentitĂ€t einer Migrantin. Weil es die IdentitĂ€t eines Überlebenden ist. Als Deutsche habt ihr keine Ahnung, wie diese Erfahrung aussieht. Schlimmer noch, ihr selbst schafft die Bedingungen, unter denen ich und Millionen andere versuchen zu ĂŒberleben. Das liegt nicht daran, dass ihr schlechte Absichten habt. Viele von euch haben die bestmöglichen. Aber das liegt daran, dass ihr euch nicht darum bemĂŒht, euren Alltag ein wenig offener fĂŒr Migrant:innen zu gestalten. Anstatt euch also mit der Einstellung “wir sind alle Migranten” zu betrachten, solltet ihr in den Spiegel schauen und Ihre Privilegien erkennen. Anstatt kĂŒnstlich Ähnlichkeiten zu schaffen, um unsere Unterordnung und Ihre Gewalt zu verbergen, solltet ihr beides anerkennen.

/MS




Quelle: La-presse.org