MĂ€rz 16, 2021
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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Die weltberĂŒhmte Kunstbuchhandlung Walther König soll Werkstudierende schlecht behandelt haben. Zuletzt bekamen mehrere die KĂŒndigung. Und das obwohl betroffene Filialen wieder offen sind.


Eine der Filialen befindet sich im MĂŒnchner Lenbachhaus.Foto: IMAGO / Volker Preußer

Es sind Tempel der Kultur, in denen Walther König zuhause ist: Der Hamburger Bahnhof oder das Neue Museum in Berlin, das Kölner Museum Ludwig, das MĂŒnchner Haus der Kunst, die Londoner Serpentine Gallery. Alle beherbergen sie BuchlĂ€den des Kölner Unternehmens, zu dem auch ein in der Kunstszene legendĂ€rer Verlag gehört. Aber eins passt schlecht zum feinen Image Walther Königs: die Arbeitsbedingungen studentischer Angestellter.

Marla Reichert arbeitet als Werkstudentin in einer MĂŒnchner Filiale des Unternehmens, als im FrĂŒhling 2020 der erste Corona-Lockdown beginnt. Sie verdiente sich mit der Arbeit bei König etwas zum Lebensunterhalt im Studium dazu. 9,85 Euro bekommt Reichert, die eigentlich anders heißt, damals pro Stunde. Gerade so ĂŒber dem gesetzlichen Minimum. Anfang MĂ€rz 2021, ein Jahr spĂ€ter, haben Reichert und mehrere Kolleg*innen die KĂŒndigung im Briefkasten. Nur vier Wochen spĂ€ter werden sie arbeitslos sein. Illegal ist das nicht, hart ist es allerdings.

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Weil „die Politik kein absehbares Ende des Lockdowns in Aussicht stellt“, mĂŒssten die Studenten gehen, heißt es in einem Schreiben aus der Kölner Zentrale, das dem Tagesspiegel vorliegt. Aber wie passt das damit zusammen, dass die Buchhandlung Walther König gerade an der Wiedereröffnung arbeitet, und ausgerechnet die Filialen in MĂŒnchen schon wieder offen sind?

Das Museum Brandhorst stellt Gegenwartskunst aus, etwa von Andy Warhol.Foto: imago imagebroker

Marla Reichert und ihre studentischen Kolleg*innen arbeiten dort jedenfalls nicht mehr, sie stehen plötzlich ohne Einkommen da. Dabei haben es die Studierenden in der Krise ohnehin schwer. Isabella Rogner von der Gewerkschaft Verdi spricht von einer „finanziellen Krise“. Im ersten Lockdown habe ein gutes Drittel den Nebenjob verloren. Und das verstĂ€rkt das ohnehin exklusive deutsche Uni-System. Denn besonders Student*innen aus Nicht-Akademiker-Familien sind auf den Nebenverdienst angewiesen. „Hier handelt es um eine in der Pandemie besonders vulnerable Gruppe“, schreibt Rogner. Das bestĂ€tigt eine aktuelle Erhebung der Firma „Studitemps“ mit der UniversitĂ€t Maastricht. Wer Akademiker-Eltern hat, behielt eher den Job – und verdiente besser.

So reagiert der Arbeitgeber

RĂŒckblickend sagt Marla Reichert: „Wir haben seit Jahren mit Ungerechtigkeiten gelebt.“ Denn obwohl es Werkstudenten wie allen anderen Angestellten gesetzlich zusteht, bekamen sie bei Walther König in MĂŒnchen weder Geld fĂŒr Urlaubstage, noch Lohn, wenn sie krank war, werfen sie dem Arbeitgeber vor.

Der Tagesspiegel hat das Unternehmen um eine Reaktion gebeten. GeschĂ€ftsfĂŒhrer Franz König schreibt, man gewĂ€hre den Werkstudierenden durchaus Urlaub oder gelte „diesen in Absprache durch die erhöhte VergĂŒtung ab. Viele Werkstudenten ziehen die Abgeltung vor.“ Wie das mit einem im Jahr 2020 nur 50 Cent, 2021 sogar nur 35 Cent ĂŒber Mindestlohn liegenden Stundenlohn möglich sein soll, ist zweifelhaft.

Falsch sei auch „die Behauptung, wir wĂŒrden Krankheitstage nicht bezahlen“, schreibt König. „Bei Vorlage einer ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung leisten wir selbstverstĂ€ndlich Lohnfortzahlung.“ Marla Reichert widerspricht. Sie und ihre Kolleg*innen seien bestenfalls fĂŒr einen Teil ihres krankheitsbedingten Ausfalls weiter bezahlt worden. Eine Kollegin schreibt: „Anfang letzten Jahres war ich wegen eines Krankenhausaufenthalts fĂŒr mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt. Aus reiner Nettigkeit meines Filialleiters wurden mir damals in Absprache mit der Personalleiterin ein paar Krankheitstage angerechnet, der Großteil der Stunden wurde mir aber als Minus verbucht, der anschließend wieder abzuarbeiten war.“

Eine weitere Filiale gibt es im Haus der Kunst.Foto: imago / Lindenthaler

Schon seit Jahren arbeitet Reichert fĂŒr den Buchladen, laut Vertrag zur Abdeckung eines „temporĂ€ren Engpasses“. Drei Filialen gibt es in MĂŒnchen, eine im Haus der Kunst, eine im Lenbachhaus, wo Franz Marcs Blauer Reiter hĂ€ngt, und eine weitere im Museum Brandhorst. Die Werkstudent*innen der Filialen schließen sich in der Coronakrise zusammen, um fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen zu kĂ€mpfen. DafĂŒr suchen sie die Hilfe der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft „FAU“.

„Alle standen vor der Frage, wie sie ihre Miete zahlen“

Die KĂŒndigung fĂŒr Reichert und sieben weitere Kolleg*innen kam nur einen Tag, nachdem die Studierenden der König-Zentrale in Köln ein Schreiben mit der Forderung zusandten, das Gehalt fĂŒr den Februar auszuzahlen, das acht der Student*innen nicht bekommen haben. „Alle standen vor der Frage, wie sie ihre Miete zahlen“, sagt Reichert. Wie die Erhebung von „Studitemps“ zeigt, sind die Mieten auch im Krisenjahr gestiegen. Studierende zahlten durchschnittlich 13,54 Euro pro Quadratmeter. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Und es ist bloß die Kaltmiete. Die 518 Euro Nettolohn, die Marla Reichert bei Walther König mit 56 Monatsstunden verdiente, sind in MĂŒnchen schnell aufgezehrt. „Ich kann davon ĂŒberhaupt nicht leben“, sagt sie. Der Arbeitgeber sieht sich im Recht: „nur einige VertrĂ€ge haben wir angesichts der wirtschaftlichen Einbußen aufgrund des weiteren Lockdowns seit Februar nicht weiter aufrechterhalten können und ordentlich betriebsbedingt gekĂŒndigt“, schreibt König.

FĂŒr akute Notlagen sollen Student*innen staatliche ÜberbrĂŒckungshilfe bekommen. Sie betrĂ€gt bis zu 500 Euro monatlich. Das Programm wurde im Februar fĂŒrs Sommersemester verlĂ€ngert. Nur profitieren viele Studierende trotzdem nicht davon. Wer mehr als 500 Euro auf dem Konto hat „möge bitte keinen Antrag stellen“, heißt es beim zustĂ€ndigen Deutschen Studentenwerk. Und nur wenn die Notlage nachweislich „pandemiebedingt“ ist, geht der Antrag durch.

„Minusstunden“ im Lockdown

Pandemiebedingt war jedenfalls eine Regelung bei Walther König in MĂŒnchen: In den MĂŒnchner Filialen war es ĂŒblich, dass Arbeitszeiten genau erfasst wurden. WĂ€hrend der Laden im Lockdown geschlossen hatte, sammelten sich bei allen Werkstudenten vom Arbeitgeber sogenannte „Minusstunden“ an. Das Unternehmen erwartet von Reichert und ihren Kollegen, diese Stunden spĂ€ter ohne Bezahlung nachzuarbeiten. Dabei gehe es nur um 30 Prozent der unter normalen Bedingungen zu arbeitenden Stunden, schreibt König. „Diese Lösung wurde allseits dankbar angenommen und die Werkstudenten haben mit uns entsprechende schriftliche Vereinbarungen abgeschlossen. Wir haben auf diese Weise gemeinsam erreicht, dass die Werkstudierenden ein geregeltes Einkommen behalten und ihre laufenden Kosten (Miete, Lebensunterhalt, etc.) decken können.“

Marla Reichert sieht das ganz anders: „Ich dachte: entweder unterschreibe ich oder ich bekomme keinen Lohn“, sagt sie heute. „Dass die dahinterliegende Praxis illegal ist, wurde uns aber natĂŒrlich verschwiegen.“

Nicht die Angestellten tragen das Risiko

Weiter sieht sich Franz König auch in der Frage der Lohnzahlung zu Unrecht beschuldigt. „Wir haben die Februar-GehĂ€lter gezahlt. Etwaige Überzahlungen wurden verrechnet, wie das alle Unternehmen tun.“ Die Verrechnung bezieht sich offenbar auf die angesammelten Minusstunden. Über diese Vereinbarung lĂ€sst sich zumindest streiten. So heißt es in Paragraph 615 des BGB sinngemĂ€ĂŸ: Wenn der Arbeitgeber keine Arbeit hat, mĂŒssen Angestellte trotzdem bezahlt werden. Die Unternehmer tragen das Risiko, dass AuftrĂ€ge ausfallen, nicht die Angestellten.

In der Krise ging das bei Walther König praktizierte Modell, viele kostengĂŒnstige Studierende anzustellen, nach hinten los: Denn fĂŒr sie gibt es kein staatliches Kurzarbeitergeld.

Das MĂŒnchner Lenbachhaus als Standort einer der betroffenen Filialen teilt in einer Pressemeldung mit, man habe die GeschĂ€ftsleitung in Köln kontaktiert. „Daraufhin hat uns die Buchhandlung Walther König schriftlich bestĂ€tigt, dass sie die VorwĂŒrfe zurĂŒckweisen und zu keinem Zeitpunkt wissentlich bei der BeschĂ€ftigung der Mitarbeiter*innen gegen geltende Rechtsnormen verstoßen haben.“ Das berĂŒhmte Museum hofft auf eine schnelle Einigung. Derzeit sind die Fronten jedoch eher verhĂ€rtet. Franz König schreibt, dass „wir medienmĂ€ĂŸig anonymen VorwĂŒrfen ausgesetzt werden, empfinden wir als sehr bedauerlich und verletzend.“ Man nehme die VorwĂŒrfe „dennoch zum Anlass, die vertraglichen Regelungen zu ĂŒberprĂŒfen und erforderlichenfalls zu aktualisieren.“




Quelle: Fau.org