Oktober 20, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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dies ist eine kritik am flyer „die libertĂ€re aktion winterthur; deine ansprechpartnerin fĂŒr anarchistische theorie und praxis“ (link: hier ). sie soll dazu anregen, die „anarchistischen“ strukturen, gruppierungen und ideologien zu hinterfragen und bereits vorhandene diskussionen zu vertiefen. diesem versuch spaltung vorzuwerfen, wiederspiegelt nur den kritisierten massenglauben und wiederholt die aufrechterhaltung des linken einheitsbreis, die der erhaltung des sozialen friedens dient. hier wird nicht behauptet, dass dieser text eine umfassende und kritikfreie analyse ist, falls so etwas ĂŒberhaupt möglich sein sollte. es geht darum, neue gedankengĂ€nge zu provozieren und mit der vorherrschenden vagheit zu brechen.

die grundstruktur des genannten flyers ist fogende: die libertĂ€re aktion winterthur (LAW) möchte eine ansprechpartnerin fĂŒr an anarchistischer theorie und praxis interessierte darstellen. es wird klargestellt, wie auf dieses angebot zugegriffen werden kann und was dabei zu erwarten ist. zu diesem zweck wird versucht eine komplette theorie auf einem knapp zwei A4 seiten langen flyer darzulegen. zum abschluss wird die umsetzung der theorie in die praxis mit einigen wenigen beispielen in klaren grenzen gehalten.

die LAW scheint davon auszugehen, dass die menschen, die immerhin selbststĂ€ndig genug denken können, um zu erkennen, dass sie sich mit anarchistischer theorie auseinandersetzen und diese auch ausleben wollen, noch stets einer starken fĂŒhrung bedĂŒrfen. eine ĂŒberlegung, die uns nur allzu bekannt vorkommt. seien es die jetzigen zustĂ€nde in der politik, die durch medien vorgefertigten meinungen (egal ob links oder rechts), die nur noch ĂŒbernommen und als die eigenen vermarktet werden mĂŒssen, die ökonomischen strukturen oder die propagandierung reformistischer, sozialistischer, kommunistischer oder moralischer parolen – ĂŒberall ist die idee der starken, bewussten, aufgeklĂ€rten, zivilisierten, bemittelteren, hierarchisch höher gestellten, die den schwachen, unbewussten, unaufgeklĂ€rten, unzivilisierten, minderbemittelten, unterdrĂŒckten zeigen wo‘s lang geht vorhanden. wer in dieser umgebung gross geworden ist, hat das freie, selbstbestimmte denken nie gelernt und es ist auch besser, es dabei zu belassen: nur so kann sicher gestellt werden, dass die revolution so verlĂ€uft, wie sich die aufgeklĂ€rten vorreiterinnen das vorstellen.

der gesamte text ist so geschrieben, dass er möglichst „die massen“ ansprechen soll und fĂŒr diese einfach zu verarbeiten ist. ein beispiel ist die folgende textstelle: „selbstverstĂ€ndlich bevorzugen wir ein leben im relativen wohlstand in der schweiz, und auch wir sehen die vorteile, die eine so genannte demokratie gegenĂŒber einer diktatur bietet.“ diese populistische und zugleich reformistische aussage kann nur so verstanden werden, dass jene menschen nicht abgeschreckt werden sollen, die zwar eine Ă€nderung wollen, aber es eigentlich auch ganz bequem finden, weiterhin von ihren privilegien zu profitieren. es wird nur die relativitĂ€t des fortschritts, jedoch nicht sein vorhandensein an sich in frage gestellt. ein weiteres beispiel dafĂŒr: „auch werden die typischen probleme unserer heutigen gesellschaft -rassismus, und antisemitismus, sexismus und homophobie, konkurrenzdenken und krieg- ihrer ökonomischen grundlagen beraubt und damit realistischerweise aufhebbar.“ damit wird eine komplizierte realitĂ€t auf eine oberflĂ€chliche kritik herunter gebrochen, um sie fĂŒr alle zugĂ€nglich und konsumierbar zu machen. sich darauf einzulassen heisst einerseits, eine stark vereinfachte und somit zu kurz greifende systemkritik zu verbreiten. anderseits wird deutlich, dass durch das bereitstellen von einfachen „antworten“ die eigeninitiative zu einer tiefgrĂŒndigen auseinandersetzung mit sich selbst, dem herrschenden und revolutionĂ€ren perspektiven nicht angestrebt wird. die möglichkeit zur freien entfaltung und vereinigung von individuen wird nicht nur nicht in betracht gezogen, sondern fĂŒr angeblich ĂŒbergeordnete notwendigkeiten aufgeopfert. solche populistische, vereinfachte, ja sogar manipulative propaganda kann nur darauf ausgelegt sein, dass grundlegende verĂ€nderungen allein durch von avantgardistinnen gefĂŒhrte massen passieren sollen. in einer anarchistischen analyse, die schon durch den namen herrschaftsfrei zu sein hat, hat eine solche ansicht nichts verloren.


es gibt noch einige textstellen, die darauf hinweisen, dass die LAW sich als organisation „professioneller aktivistinnen“ sieht und diese position einer organisation auch nach der revolution als unumgehbar und notwendig empfindet: ein technischer fortschritt und möglichst gleichmĂ€ssige aufteilung von unbeliebter arbeit wird forciert (duden: forcieren: etwas mit nachdruck betreiben, vorantreiben, beschleunigen, steigern. forciert: gewaltsam, erzwungen, gezwungen, unnatĂŒrlich); wir werden im „wahrhaft demokratischen wirtschaftsmodell“ leben; entscheide werden von unten nach oben stattfinden; jeder person wird ein möglichst hohes mass an entscheidungen ĂŒber ihr alltĂ€gliches leben in der kommune eingerĂ€umt; bei unzufriedenheit mit beschlĂŒssen steht einem jederzeit die möglichkeit offen, die kommune zu verlassen. wie eine solche (ĂŒber-)organisation aussehen sollte, wird auch gleich klargestellt: sie wird die verschiedenen kĂ€mpfe auf ein allseitig anwendbares ideologisches fundament stellen und eine gesamtheitliche strategie entwickeln, die sicher stellt, dass sich die taktiken nicht im widerspruch zur ideologie und zu sich selbst befinden. um hier noch die angestrebte machtposition und unantastbarkeit der organisation zu verbergen, hilft es auch nichts, wenn weiter hinten im text beteuert wird, dass diese strategie keine unbegrenzte gĂŒltigkeit hat und fĂŒr eine herrschaftslose gesellschaft gekĂ€mpft wird. wiederlegt wird diese behauptung spĂ€testens im nĂ€chsten abschnitt, in dem „die revolutionĂ€re disziplin den assoziierten menschen verbietet, politische aktivitĂ€ten zu betreiben, die im widerspruch zur ideologischen oder strategischen linie der organisation stehen“. kann dies anders verstanden werden, als dass der organisation totaler gehorsam gehört und am besten auch keine fragen gestellt werden sollen? jeder weitere versuch, das eigene programm als anarchistisch darzustellen, scheitert klĂ€glich bei der verwendung der begriffe föderaler aufbau, basis und mitglied, beim eingestĂ€ndniss, dass die eigene meinung optimalerweise gerade noch dazu berechtigt ist, den endgĂŒltigen beschluss mitzuprĂ€gen und bei der unterscheidung von „intern“ und „extern“.

alles in allem spricht sich die LAW deutlich ĂŒber ihre ziele aus. es soll eine gesellschaft entstehen, die zwar nicht in den herkömmlichen ökonomischen strukturen hĂ€ngenbleibt, aber weiterhin von konsum und einem materiellen bedĂŒrfnis, das gestillt werden muss, ausgeht. jegliche individuellen lebensentwĂŒrfe werden unter dem deckmantel der herausgeschrieenen freiheit im keim erstickt, in dem alle entscheidungen den filter der organisation (LAW?) durchlaufen mĂŒssen. wiedersprĂŒche zu deren ideologie haben keinen platz. erkennen wir hier nicht ein altbekanntes muster? der weg zu dieser neuen gesellschaft fĂŒhrt ĂŒber die aufklĂ€rung und animation der ausgebeuteten zum widerstand von innerhalb einer organisation, ĂŒber den phantasielosen rĂŒckgriff auf angeblich altbewĂ€hrte methoden, ĂŒber die beteiligung an kampagnen -welche per se mit forderungen an die herrschenden strukturen verbunden sind- und ĂŒber weitere konsumierbare, attraktive aktivitĂ€ten, die einem publikum angeboten werden.


was die LAW hier propagiert, hat nichts mit einer anarchistischen perspektive zu tun. es ist viel mehr ein weiterer versuch, das system zu renovieren. dies geschieht hier zwar in umfassenderer weise, als es ĂŒblich ist, bleibt dabei aber weiterhin dem glauben an verwaltung und zentrierung der bedĂŒrfnisse hörig.

wem dies nicht genĂŒgt, wer das verlangen nach mehr -so diffus sich dieses auch Ă€ussern mag- in sich trĂ€gt, kann sich nicht mit den herrschenden verhĂ€ltnissen und eben so wenig mit deren reformistischen verĂ€nderungen zufrieden geben. wer ein unbĂ€ndiges gefĂŒhl, ein drĂ€ngen und sehnen nach etwas, das wir so vereinfacht „die freiheit“ nennen, in sich spĂŒrt, wird sich in einer organisation -unter welchem namen diese auch agiert- niemals wiederfinden, noch vollstĂ€ndig entfalten können.


wenn wir unserer sehnsucht nach leben neue nahrung geben, es ausprobieren und auskosten wollen, mĂŒssen wir mit allem bestehenden brechen, können wir keinem weiteren programm folgen und keine kompromisse mehr eingehen, mĂŒssen wir uns unserer kĂŒnstlichen bedĂŒrfnisse entledigen und das experiment mit dem unmöglichen wagen. dazu gehört vermeintliche sicherheit und kontrolle loszulassen, sich seinen Ă€ngsten zu stellen, genauso, wie die annahme jeglicher hierarchien zu verweigern und die einschrĂ€nkung oder verletzung unseres selbst nicht zuzulassen .

damit wir unsere leben erfahren und neue ideen sich entfalten können; eine komplett neue perspektive entwickelt werden kann, muss alles was uns davon abhÀlt zerstört werden. widmen wir uns der freude, die in dieser zerstörung wÀchst.

[1] die kritik ist konkret auf diesen flyer gerichtet. die LAW und ihre strukturen werden nur anhand dieses flyers analysiert, dabei wurde kein vorwissen oder andere bezugspunkte eingebaut. wĂ€re der flyer von einer anderen organisation, sĂ€he die kritik gleich aus. es geht in diesem konkreten fall um das wie und was, nicht um das wer. die kritik konzentriert sich ausserdem nur auf einen teilaspekt der wiederspĂŒchlichkeit des flyers. weitergehende auseinandersetzung mit einem konsequenten bruch mit den herrschenden verhĂ€ltnissen und den reformistischen strategien „linker organisationen“ werden hoffentlich an einem anderen ort statt finden.

[2] http://www.arachnia.ch/etomite/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=309&Itemid=29




Quelle: Anarchistischebibliothek.org