Februar 14, 2021
Von Emrawi
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„Man versteckt uns alles, man sagt uns nichts,

Je mehr man erfÀhrt, desto weniger weiss man,

Man informiert uns wirklich ĂŒber nichts,

Hatte Adam einen Bauchnabel?

Man versteckt uns alles, man sagt uns nichts, [
]

Die AffÀre Dingsda und die AffÀre Dingsbums,

Wo man den Mörder nicht findet,

Man versteckt uns alles, man sagt uns nichts,

Versteckspiel und Suchspiel,

Blinde Kuh und Max Muster,

Sie kontrollieren die Information“

(Jacques Dutronc, 1967)

„Stell dir vor, dass man uns belĂŒgt, seit etlichen Jahrhunderten / Dass einige gut gestellte Gemeinschaften die Rezepte kennen / Die Geheimnisse des Lebens, nicht jene, welche man uns sehen lĂ€sst“

(Keny Arkana)

Einige vorangehende Betrachtungen

In der kapitalistischen Produktionsweise ist die Bevölkerung nicht eine Tatsache der „Natur“, ihre Hervorbringung, Reproduktion, Verwaltung und die sie konstituierenden Kategorien sind Produkte von Klassen- und GenderverhĂ€ltnissen, die deren Formbildung und Entwicklung strukturieren. Diese Bevölkerung existiert gesellschaftlich und reproduziert sich nur als Funktion des Kapitals. Es gibt kein intaktes oder reines Substrat, das als Vorwegnahme von was auch immer dienen könnte, es gibt kein GlĂŒck oder Leiden, keine gute Gesundheit oder Krankheit, keine Art, zu leben oder zu sterben, die anders verstanden werden könnten, denn als Ausdruck dieser Klassen- und GenderverhĂ€ltnisse. In Anbetracht des Themas muss man hinzufĂŒgen, dass dieser stets erneuerte Ausdruck – da er historische Hervorbringung ist – des Klassen- und GenderverhĂ€ltnisses im Alltag des Denkens und Handelns fĂŒr alle Klassen existiert, und umso mehr unwissentlich (aber „aus freien StĂŒcken“) fĂŒr die Akteure, was die herrschenden oder oberen Klassen betrifft.

Diese Reproduktion ist nicht eine ideale und kalte Mechanik der ProduktionsverhĂ€ltnisse, die ihre eigenen idealen Materialien in Gang bringt. Die Klassen- und GenderverhĂ€ltnisse zeigen sich nicht klar, sie existieren innerhalb einer KomplexitĂ€t, die konzeptuell als dynamische Entfaltung der Ausbeutungskategorien (das VerhĂ€ltnis Mehrarbeit / notwendige Arbeit) ĂŒber alle Teile der Existenz, welche die kapitalistische Produktionsweise durch ihren totalen Charakter in Gang bringt, verstanden werden kann. So wird die Bevölkerung natĂŒrlich in ProduktionsverhĂ€ltnissen im eigentlichen Sinne hervorgebracht und existiert darin, doch, genau deshalb, in der alltĂ€glichen Existenz, durch welche sich die Hervorbringung und Reproduktion der AusbeutungsverhĂ€ltnisse in ihrer Gesamtheit als Existenzbedingungen dieser strikten ProduktionsverhĂ€ltnisse konstituieren (durch Ideologien, Gedanken, AffektivitĂ€t, Geselligkeit, Freizeit, Gesundheit, VerhĂ€ltnis zum Wohnraum, Nahrung, Symptome, institutionelle Eintragung, 1 oder 2 auf der Karte der sozialen Sicherheit
).

Die Aufrechterhaltung dieser scheinbar disparaten und heterogenen Elemente ist nicht die Sache eines Macrons oder einer Lobby, mag sie auch mĂ€chtig sein, und sie ist auch kein Produkt des Zufalls oder frei von Absichten, WillensĂ€usserungen und Entscheidungen. Doch diese Strukturen beherrschen stets die Individuen oder Gruppen von Individuen und ihre Handlungen, Gedanken, Ideologien usw. sind selbst AusdrĂŒcke dieser Klassen- und GenderverhĂ€ltnisse, die sie hervorbringen und von denen sie reproduziert werden, genau wie sie sie natĂŒrlich reproduzieren [1].

Gehen wir von einer einfachen, oder gar grob vereinfachenden Idee aus

Kein Staat, keine Bourgeoisie wĂŒrde die (ohnehin schon nicht brillante) Wirtschaft mit dem Ziel der VerstĂ€rkung der „Kontrolle“ und der „Knechtung“ der Gesellschaft oder zur BegĂŒnstigung von Laboratorien oder irgendwelchen GAFA ruinieren. Wenn es wirklich sein muss, kann es eine Gelegenheit darstellen, sie muss jedoch von dieser herrschenden Klasse mit extremer Vorsicht gehandhabt werden, um die negativen Auswirkungen auf die Arbeit, die allgemeine Produktion, die Reproduktion der Arbeitskraft, die Zirkulation, den Konsum und auf globale Art und Weise das die Produktionsweise nĂ€hrende gesellschaftliche Leben zu vermeiden.

Gehen wir zu einem etwas besser ausgearbeiteten Niveau ĂŒber in Bezug auf den verschwörungstheoretischen Diskurs

‱ Nie die Institution, die Macht, das Ziel im Allgemeinen der „Verschwörung“ beschuldigen. Den Begriff nicht benutzen.

‱ Sich als aufgeklĂ€rte Avantgarde positionieren.

‱ Sich auf die Wissenschaft und die Vernunft stĂŒtzen (etliche Fussnoten, schwer verstĂ€ndliche universitĂ€re Referenzen, Hypertext-Links, Grafiken, Karten usw.).

‱ Immer die Frage stellen: „Wer profitiert vom Verbrechen?“ Jedes Ereignis einem Verantwortlichen, einer Organisation (einer okkulten Gruppe falls möglich) und einer einzigen Ursache zuschreiben. So könnte man sagen, dass, da die bolschewistische Revolution teilweise durch die Bedingungen des Ersten Weltkrieges möglich wurde, der serbische Nationalist, der den Erzherzog Österreichs in Sarajevo ermordete, ein Agent Lenins war.

‱ „Verwirrende Details“ akkumulieren, indem man sie miteinander verbindet.

‱ Den Zufall ablehnen, nur notwendige Korrelationen sehen („Wusstet ihr, dass
?“; „Es ist kein Zufall, dass
“).

‱ Sich auf die Geschichte stĂŒtzen und möglichst bunt zusammengewĂŒrfelte Ă€hnliche Ereignisse finden, die sich „irgendwie einander gleichen“.

‱ Davon ausgehen, dass der Feind (okkulte Organisationen, Geheimdienste, Goldman Sachs usw.) nie Fehler macht. Alles, was geschieht, ist gewollt und kann ihm nicht entgangen sein.

‱ Hingegen und gleichzeitig davon ausgehen, dass der Feind AnfĂ€ngerfehler macht (hier geht man zurĂŒck zu den „verwirrenden Details“).

‱ Den Widerspruch ablehnen und ihn automatisch insofern disqualifizieren, als dass er nur von Quellen kommen kann, deren Interessen mit dem/den Dirigenten zusammenhĂ€ngen.

‱ Die Welt als „expressive TotalitĂ€t“ konstruieren (die TotalitĂ€t ist gĂ€nzlich in all ihren Elementen oder in all ihren Teilen prĂ€sent). Aber leider sind nicht alle Leibniz und wir werden uns mit einigen verdrehten Korrelationen begnĂŒgen.

‱ Die expressive TotalitĂ€t drĂŒckt sich in einer „Katastrophentheorie“ aus (der FlĂŒgelschlag des australischen Schmetterlings und der Tornado in Jamaika), aber ohne Entropie, denn alles löst sich in der Verwirklichung eines reiflich ĂŒberlegten einzigen Ziels aus.

Schliessen wir hier daraus: Das System ist geschlossen, fÀlschungssicher und teleologisch.

Kommen wir zu den Tatsachen

PrÀziser enthÀlt die verschwörungstheoretisch inspirierte Wut im Rahmen der gegenwÀrtigen Pandemie mehrere Momente:

1. Die Wut gegen gewisse von den Regierungen getroffene Gesundheitsmassnahmen, die als freiheitsberaubend betrachtet werden. Es sind die folgenden Massnahmen: das Tragen der Maske – allen voran betreffend der Kinder, die Schliessung der „nicht wesentlichen“ GeschĂ€fte, einhergehend mit der schwachen Kritik der Trennung wesentlich / nicht wesentlich, die MobilitĂ€tsregeln, die Überwachung durch Atteste, der EinfĂŒhrung durch die Regierung der App Stop Covid und anderer Versionen, das Ausbooten von Forschern, die gegenĂŒber den Strategien der Regierung gegen die Epidemie kritisch eingestellt sind, die EinfĂŒhrung eines Verteidigungsrates und eines Notstandes unter Umgehung der Nationalversammlung, die Ausgangssperren, die Perspektive eines Impfzwanges im Namen der Behandlungsfreiheit, aber gleichzeitig die Kritik der Weigerung der medizinischen Behörden, systematisch Hydroxychloroquin und andere manchmal, besonders in den USA benutzte antibiotische Behandlungen zu verschreiben.

2. Diese Wut schafft AnnĂ€herungen mit einer ganzen Reihe an ganz verschiedenen Informationsquellen, Intellektuellen und Forschern, deren gemeinsame Absicht es ist, gegenĂŒber den Intellektuellen des Mainstreams einen dissonanten aber revanchistischen Standpunkt darzubieten.

3. Die ErklĂ€rung einer entschiedenen Absicht der Regierung, die Leute durch sogenannt freiheitsberaubende Massnahmen und durch die Angst zu knechten, verbindet all die bunt zusammengewĂŒrfelten Elemente miteinander. Die Angst wird auf allgemeine Art und Weise das am meisten verhöhnte und erniedrigende GefĂŒhl fĂŒr jene, welche vor Covid keine Angst haben.

4. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die Regierung und die Lobby eine ĂŒbermĂ€chtige Clique bilden, die es schafft, das Boot einer verdummten Bevölkerung vor einem kaum existierenden Virus zu lenken, die Zahlen zu manipulieren und die Wirtschaft mit dem einfachen Ziel zu blockieren, eine Bevölkerung zu knechten, die schlichtweg dafĂŒr gut ist, die Pharmaindustrie fett werden zu lassen.

Aber,

- diese Verbundenheit und Promotion dieser individuellen Freiheiten,

- dieser Reflex, die LegitimitĂ€t vom Standpunkt aus und in Bezug auf eine Welt von mehr oder weniger renommierten Intellektuellen zu grĂŒnden, deren Titel die einen als die anderen prestigetrĂ€chtiger sind,

- diese Hervorhebung der Knechtung aller durch die Angst, die sie beherrscht und von welcher diese aufgeklĂ€rte Avantgarde frei zu sein scheint, um gegen alle mutig die Gefahren des freien und unmaskierten Wortes zu behaupten,

- und letztendlich diese Sichtweise der Bevölkerung als konsumierende Knetmasse irgendeiner medialen industriellen oder pharmazeutischen Lobby.

All diese Elemente zeigen klar, inwiefern dieses Denken nur von einer Bevölkerungskategorie kommen kann, deren Existenz gĂ€nzlich nur in ihrer Eigenschaft besteht, einen Teil der kapitalistischen Ideologie hervorzubringen und zu reproduzieren, indem sie sie beim Wort nimmt. Das heisst, in einer ihrer Existenz konformen und nicht widersprĂŒchlichen Version, die auf die eingenommene Stellung in den ProduktionsverhĂ€ltnissen verweist.

Die erlebte Wirklichkeit dieser Kategorie in Bezug auf ihre gesellschaftliche PrÀgung ist folgende:

* Ein nicht widersprĂŒchliches VerhĂ€ltnis mit der individuellen Freiheit, die sie geniessen. Ihre Teilhabe an der Gemeinschaft des Kapitals ist derartig, dass ihre Existenz als isoliertes Individuum nicht widersprĂŒchlich mit der AbhĂ€ngigkeit von dieser Gemeinschaft ist, denn diese WidersprĂŒchlichkeit existiert nicht allen voran als heftiger Zwang, sondern spontan als beteiligt, als totale Solidarisierung mit ihren Institutionen (siehe weiter unten ĂŒber die Organe des Staatsapparates). Wir haben es hier mit dem isolierten Individuum der Freiheit und der Wahl zu tun, nicht mit dem isolierten Individuum, dessen Wahlfreiheit unmittelbar im schlimmsten Fall als Irrfahrt, Ausschluss und PrekaritĂ€t auf es zurĂŒckfĂ€llt.

* Eine normative Sichtweise der Gesellschaft betrachtet als Garantin des individuellen AufblĂŒhens durch die Bildungsfreiheit, das Recht auf Gesundheit, die Nahrungsfreiheit, die Kunstfreiheit, mit einer, im schlimmsten Fall, auf das Minimum begrenzten Intervention des Staates in jenen Feldern, welche ihnen erlauben, sich als isolierte Individuen der kapitalistischen Ideologie entsprechend zu reproduzieren. Denn es ist eben genau das kapitalistische Ideal, welches die Reproduktion der Arbeiter auf ihre private Betreuung verweist. Ausser dass diese private Betreuung fĂŒr das Proletariat nicht funktioniert, fĂŒr die oberen Klassen auch nicht, doch dort verweist sie auf die Möglichkeit eines wirklich gefĂŒhlten freien Willens. Eben genau wegen dieser bedingungslosen Sicherheit und HomogenitĂ€t der Reproduktion kann dieses Denken die Staatsintervention als totalitĂ€res und lĂŒgnerisches System denunzieren.

Dieses freie AufblĂŒhen des Individuums in der Gesellschaft steht der Klassenzugehörigkeit als verinnerlichter Zwang gegenĂŒber, der in seiner vertraglichen Grundlage des Kaufs und Verkaufs der freien Arbeitskraft tatsĂ€chlich freiheitsberaubend ist. So existiert die Erpressung, die Kinder aus der Schule zu nehmen oder gegen die Gesundheitspolitik zu sein, nur fĂŒr Leute, deren gesellschaftliche Zugehörigkeit nicht nur objektiv garantiert ist, sondern auch durch die vollstĂ€ndige LoyalitĂ€t gegenĂŒber der Ideologie des kapitalistischen Gesellschaftsvertrages und die Funktion, die sie als Bindeglied in der Reproduktion der kapitalistischen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse einnehmen. Einige können sich die Drohung erlauben, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen, wĂ€hrend andere wissen, dass die Festungen gegenĂŒber einem Ausschluss aus der republikanischen Schule aufgrund mangelnder Mittel, der Kenntnis der „Schulkarte“ und/oder durch den Übergang der Integrationspolitik hin zu einer gegen „Radikalisierung“ oder „Separatismus“ kĂ€mpfenden Politik bröckeln.

Diese Sichtweise der Bevölkerungen als stumpfsinnige Masse von Konsumenten in Gefangenschaft der Lobbys zeigt, wie sehr jene, welche sie vertreten, gleichzeitig ideologisch dominant, produktiv nutzlos und daher dermassen dumm sind, dass sie bisweilen die Tatsache nicht sehen, dass die produktive Arbeit die Grundlage dieser Welt ist, die sie durch ihre Verurteilung indirekt feiern.

Man muss ein gewisses VerhĂ€ltnis zur Existenz haben, um zu behaupten, die Angst bremse, als ob sie eine Entscheidung wĂ€re. Man dĂŒrfte die mehr oder weniger heftigen und „tĂŒckischen“ Windungen der Klassenzugehörigkeit nie erlebt haben, um darin nur eine Frage der ideologischen Manipulation zu sehen. Zu guter Letzt muss man ein sorgenfreies Leben fĂŒhren können, in welchem die Empörung als sozialer Kampf durchgehen will, um zu glauben, dass die Angst einem am Denken hindert.

Kommen wir zur Àusseren Daseinsberechtigung der Verschwörungsideologie

Die Gesellschaft wird in eine Summe von diskreten, getrennten und unabhÀngigen Elementen zerlegt: Arbeit, Bildung, Gesundheit, Lohnarbeit, Konsum, Freizeit, Privatleben, Familie, Liebesbeziehungen, usw., so wie sie gegenwÀrtig sind. Man muss danach davon ausgehen, dass diese Elemente und Funktionen, so wie sie derzeit sind, nicht so organisiert seien, wie sie sollten, aufgrund der TÀtigkeit, den Praktiken, den Absichten, der Manipulation, der Werbung und den böswilligen Interessen einer gewissen Anzahl Individuen, die eine Kaste bilden, wozu die Banken, die grossen Chefs, die Medien, die pharmazeutischen Labore, die Regierungen, nicht als Staat, sondern als organisierte Bande, gehören. In einem Wort: die Eliten. Die spontan von diesen Elementen ausgehende Ordnung ist eine verdorbene Version der notwendigen Ordnung.

Die Verschwörungstheorien basieren auf einer ziemlich banalen Staatskonzeption, Grundlage der juristischen und demokratischen Ideologie, die jedoch unser tĂ€gliches Schicksal ist. Es gebe einerseits die Staatsmacht, andererseits den Staatsapparat oder die „Staatsmaschinerie“, wie es Marx formuliert. Das Problem liegt in der Tatsache, dass der Staatsapparat, der in seinen Organen, ihrer Aufspaltung, ihrer Organisation und ihrer Hierarchie, die Staatsmacht einer Klasse (und einer einzigen) materialisiert, zugleich die Organisation der herrschenden Klasse (als Staatsmacht in der Hand der momentan hegemonialen Fraktion der herrschenden Klasse fĂŒr die Gesamtheit dieser Klasse) und die Organisation der ganzen Gesellschaft unter der Herrschaft dieser Klasse ist. Doch, obwohl der Staat der kapitalistischen Produktionsweise einerseits komplett die Fusion dieser beiden Funktionen verwirklicht [2], wird er andererseits zur „natĂŒrlichen“ Notwendigkeit jeglicher gesellschaftlichen Reproduktion. WĂ€hrend ihre Aufteilung selbst und ihre grundlegende (wirkliche und ideologische) Trennung von den ProduktionsverhĂ€ltnissen aus ihnen die Organe eines Staatsapparates machen, der notwendigerweise ein Apparat einer Klasse ist [3], erscheinen alle Organe des Staatsapparates (Armee, Polizei, Verwaltung, Gerichte, Parlament, BĂŒrokratie, Bildung, Sozialhilfe, Information, Parteien, Gewerkschaften usw.) nur noch als Instrumente, die dem Willen jener ausgesetzt sind, welche sie kontrollieren. Aus dieser doppelten Funktion des Staatsapparates (nicht zwei Funktionen, sondern eine doppelte Funktion) als Diktatur einer Klasse und Reproduktion der gesamten Gesellschaft entstehen gleichzeitig ihre Fusion und die NeutralitĂ€t der Organe. FĂŒr den Verschwörungstheoretiker als Echo des spontanen Denkens sind diese Organe neutral und nicht, in ihrer Existenz und ihrer Form selbst, die Organe einer Klassendiktatur. Folglich sind sie, wenn sie nicht so funktionieren „wie sie sollten“, als „öffentlicher Dienst“, als „Gemeingut“, von einer Clique, einer Kaste unterschlagen, verfĂ€lscht und pervertiert. Der Verschwörungstheoretiker ist der ideale BĂŒrger.

Beruhend auf dieser „natĂŒrlichen“ Konzeption des Staates sind die Verschwörungstheorien nicht die „Psychopathologie einiger Verirrter“, sie sind das „notwendige Symptom der politischen Enteignung“ und der „Konfiszierung der öffentlichen Debatte“. Sie sind die Antwort auf die „Monopolisierung der legitimen MeinungsĂ€usserung“ durch die von den „Experten“ unterstĂŒtzten „ReprĂ€sentanten“, jegliche Kritik wird zu einer geistigen Störung, die unmittelbar als „verschwörungstheoretisch“ disqualifiziert wird. TatsĂ€chlich sind die Verschwörungstheorien zum neuen Indiz fĂŒr Idiotie geworden, weil sie der neue Gemeinplatz der journalistischen Dummheit und etlicher Philosophen und Soziologen sind, die sich trotzdem davor hĂŒten, einen PrĂ€sidenten der Republik unter Beschuss zu nehmen, der behauptete, die Gelbwesten seien das Resultat eines Manövers Moskaus [4]. Der regelmĂ€ssig das Thema in Le Monde diplomatique erwĂ€hnende Lordon fasst die Sache zusammen: „Aber noch mehr als die Enteignung könnten die Verschwörungstheorien, welche die Eliten einer unbelehrbaren Minderheit zuschreiben, das widersprĂŒchliche Zeichen sein, dass das Volk in Wirklichkeit mĂŒndig wird, denn es hat es satt, unterwĂŒrfig den Behörden zuzuhören, und macht sich daran, sich die Welt ohne sie vorzustellen.“ [5]

Die Verschwörungstheorien seien kein System von Antworten mit seinen eigenen gesellschaftlichen Determinierungen, sondern eine einfache, negativ gerechtfertigte Reaktion. Das kann nicht reichen, das Wesen der „Reaktion“ muss positiv erfasst werden als ein System von Antworten, das dessen adĂ€quat ist, was es verursacht.

Die Verschwörungstheorien erscheinen also als Protest gegen die herrschende Klasse, schon fast als Kampf der Klasse. Doch dem ist nicht so. Genau wie der Antisemitismus der Sozialismus des dummen Kerls war, sind die Verschwörungstheorien der Klassenkampf der Experten fĂŒr Gutachten, die nicht einfach irgendwo stehen, weder in der Gesellschaft, noch im politisch-ideologischen Spektrum.

Die „verschwörungstheoretische Antwort“ will genau die gleiche Welt, den gleichen Staat, aber der „Kaste“ entledigt: sie „stellt sich die Welt ohne sie vor“. Es geht schlichtweg darum, an allen Elementen dieser Gesellschaft festzuhalten, indem man sie den Praktiken dieser sie pervertierenden und korrumpierenden „boshaften“ und „manipulierenden“ Individuen entzieht. Eine wahre Lohnarbeit, eine wahre Bildung, eine wahre Gesundheitspolitik, eine wahre Demokratie, eine wahre Information, eine wahre Landwirtschaft, ein wahrer Konsum, eine wahre Wirtschaft, ein wahrer Staat.

Die Verschwörungstheorien kritisieren alles, dabei streben sie danach, dass das Bestehende „wahr“ wird. Doch indem sie ihr Objekt als „dunkle Seite“ und dĂ€monische Unterschlagung konzipiert, macht diese Kritik aus diesem Objekt einen einfachen Unfall ebendieser Welt. Sie bestĂ€tigt dadurch, dass sie nur nach der Fortsetzung der Welt, so wie sie ist, strebt. All das, was existiert, könnte so schön sein, wenn es nicht manipuliert und unterschlagen wĂ€re. Die herrschende Klasse, ihre Reproduktion, ihre Praktiken, die Verfolgung ihrer Interessen, die ideologische Produktion sind nicht mehr das natĂŒrliche Produkt aller gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, an welchen der Verschwörungstheoretiker festhalten will, sondern einer Bande von Ganoven, die versuchen, uns fĂŒr dumm zu verkaufen. Der Verschwörungstheoretiker ist ein Neunmalkluger und man kann ihm nichts vormachen, er ist Experte fĂŒr alles. Es ist bemerkenswert (es gab einige Studien dazu), dass die Verschwörungstheorien allen voran eine diplomierte Mittelklasse tangieren, jene, welche ihren „kritischen Geist“ liebt, damit prahlt und dieses FĂ€hnchen stets hochhĂ€lt. FĂŒr jene, welche tĂ€glich alle Erniedrigungen und das Elend der kapitalistischen GesellschaftsverhĂ€ltnisse erleben, sind „Verschwörungen“, die zum Ziel haben, uns zu knechten und zu kontrollieren, ziemlich sinnlos. Man muss diese Welt lieben, um nicht zu wollen, dass sie uns belĂŒgt.

Auf welche Allgemeinheit sich die Verschwörungstheorien beziehen

Das Vorangehende ist eine kleine Analyse des verschwörungstheoretischen Diskurses als kritisches System, der von einem sich als vernachlĂ€ssigt betrachtenden Teil der dominanten Kategorien der Bevölkerung bezĂŒglich der Staatsverwaltung und allgemeiner der uns umgebenden Welt kommt. Nachdem das einmal gemacht ist, muss man ĂŒbrigens anerkennen, dass etliche Themen und Eigenschaften des verschwörungstheoretischen Diskurses auf mehr oder weniger zerstreute Art und Weise weit ĂŒber diese dominanten Kategorien hinaus eingesetzt werden. Die Frage ist also auch, welchen Status diese nicht systematisierte Kritik erlangt, wenn sie von einer bedeutenden Randgruppe der proletarischen Klassen getragen wird. Woher kommt dieser Willen, den kapitalistischen Staat „retten“ zu wollen und ist er gleichartig wie jener, welcher zuvor beschrieben worden ist? Doch um diese Frage richtig zu stellen, muss sie auch diese isoliert herausgenommenen Themen enthalten, insofern als dass sie einen anderen Sinn haben als jener, welcher das System der Verschwörungstheorien ihnen eben genau aufgrund der diesem System eigenen Abriegelung gibt und die letztendlich aus dem Verschwörungstheoretiker den idealen BĂŒrger als Verteidiger des demokratischen Staates und des freien Arbeiters macht.

Wir werden keine Antwort liefern, nur einige Indizien, gewisse davon sind schon in diesen Anmerkungen enthalten.

Es gibt in den Verschwörungstheorien Bausteine, die an den radikalen Demokratismus erinnern: die Gemeinschaft der BĂŒrger im Staat als konkrete und partizipative Form ihrer Gemeinschaft isolierter Individuen. Aber die Situation hat sich seit dem Beginn der 1990er und dem Beginn der 2000er Jahre verĂ€ndert.

Im aus der Restrukturierung der 1970er/1980er Jahre hervorgegangenen Kapitalismus war die Reproduktion der Arbeitskraft der Gegenstand einer doppelten Entkoppelung. Einerseits Entkoppelung zwischen der Kapitalverwertung und der Reproduktion der Arbeitskraft, einerseits Entkoppelung zwischen dem Konsum und dem Lohn als Einkommen.

Der Bruch einer notwendigen Beziehung zwischen Kapitalverwertung und Reproduktion der Arbeitskraft zersplittert die in ihrer nationalen oder gar regionalen Abgrenzung kohÀrenten Bereiche der Reproduktion. Es geht darum, einerseits die Reproduktion und die Zirkulation des Kapitals und andererseits die Reproduktion und die Zirkulation der Arbeitskraft voneinander zu trennen.

Als Zusammenfallen einer Überakkumulations- und einer Unterkonsumptionskrise war die Krise von 2008 eine Krise des LohnverhĂ€ltnisses, die zu einer Krise der Lohngesellschaft geworden ist, indem sie alle lohnabhĂ€ngigen Schichten und Klassen in Anschlag gebracht hat. Mit der Lohngesellschaft geht es ĂŒberall um Politik und Distribution. Der Lohn, als Preis der Arbeit (Fetischform), beruft sich auf die Ungerechtigkeit der Distribution, das ist normal. Die Ungerechtigkeit der Distribution hat einen Verantwortlichen, der „seine Mission nicht erfĂŒllt hat“: den Staat. Der Streitgegenstand ist somit gesetzt, es ist jener der LegitimitĂ€t des Staates gegenĂŒber seiner Gesellschaft. Das Proletariat ist an all dem beteiligt, seine eigene Strukturierung als Klasse bringt es an Bord.

In der Krise der Lohngesellschaft benennen die KĂ€mpfe rund um die Distribution den Staat als Verantwortlichen der Ungerechtigkeit. Dieser Staat ist der entnationalisierte Staat, von der Globalisierung durchdrungen und ihr Agens. Im Gegensatz zur „Entnationalisierung“ war die keynesianische Politik eine Illustration „des integrierten Nationalen“: die Kombination nationaler Ökonomie, nationalen Konsums, nationaler Bildung und Erziehung nationaler Arbeitskraft und Kontrolle ĂŒber das Geld und den Kredit. WĂ€hrend der „fordistischen Periode“ war der Staat zudem zum „SchlĂŒssel des Wohlstands“ geworden, es ist diese StaatsbĂŒrgerschaft, welche sich wĂ€hrend der Restrukturierung der 1970er und 1980er Jahre auf und davon gemacht hat. Obwohl die StaatsbĂŒrgerschaft eine Abstraktion ist, bezieht sie sich auf durchaus konkrete Inhalte: VollbeschĂ€ftigung, Kernfamilie, Ordnung-NĂ€he-Sicherheit, HeterosexualitĂ€t, Arbeit, Nation. Rund um diese Themen rekonstruieren sich ideologisch die Klassenkonflikte und die Delegitimierung aller offizieller Diskurse in der Krise der Lohngesellschaft. Die StaatsbĂŒrgerschaft wird also zur Ideologie, unter welcher der Klassenkampf gefĂŒhrt wird. Es gibt eine offensichtliche Verbindung zwischen dem Erfolg der Verschwörungstheorien und beispielsweise eines grossen Teils der AusdrĂŒcke der Gelbwesten. Man findet, neben den Ähnlichkeiten der Formen in den Diskursen, einen Verweis auf die Inkompetenz des Staates, die Kritik der Globalisierung und des entnationalisierten Staates wieder.

Auf den ersten Blick sind diese Delegitimierung und diese staatsbĂŒrgerliche Ideologie (denn der Verschwörungstheoretiker ist der Archetyp des guten BĂŒrgers) kritisch, aber nur insofern, als dass sie die Sprache der Forderung im von der Logik der Distribution und der staatlichen Notwendigkeit vorgehaltenen Spiegel sind. Die unter dieser Ideologie operierenden Praktiken sind wirkmĂ€chtig, weil sie den Individuen ein plausibles Bild und eine glaubwĂŒrdige ErklĂ€rung dessen widerspiegeln, was sie sind und was sie erleben, sie sind konstitutiv fĂŒr die Wirklichkeit ihres Alltagslebens. Diese ideologische Rekonstruktion der Klassenkonflikte wird zum Volk angesichts der Eliten, welche das legitime Wort monopolisieren (was immer der Fall war), aber ein Wort, das sinnlos geworden ist. Der Konflikt verwandelt sich in einen kulturellen Konflikt, der im Namen von Werten gefĂŒhrt wird: die KĂŒnstlichkeit und die LĂŒge gegen die AuthentizitĂ€t und die Wahrheit (jene, welche man uns versteckt, wie es ironisch schon von Dutronc und dĂŒmmlich heutzutage von Keny Arkana gesungen wurde).

Was in den Verschwörungstheorien auf total perverse Weise als „Konflikt“ zum Tragen kommt, ist das VerhĂ€ltnis des Staates, all seiner ideologischen Apparate, der herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit zu ihrer Gesellschaft. In der Krise der Staaten und all ihrer Apparate gegenĂŒber ihrer Gesellschaft verleiht die Diskreditierung, welche dieses VerhĂ€ltnis erfahren hat, den verschwörungstheoretischen Anprangerungen einen allgemeinen Charakter. Auf total perverse Weise, weil die Funktionsweise der Verschwörungstheorien selbst voraussetzt, an dieser Gesellschaft, so wie sie ist, festhalten zu wollen. Dies insofern, als dass die herrschende Klasse nur eine parasitĂ€re Elite sei, die sich durch die LĂŒge behauptet, und nicht, als herrschende Klasse, die Notwendigkeit dieser Gesellschaft selbst und all ihrer VerhĂ€ltnisse.

Die Tatsache, dass sich die wesentlichen Firmen von Wall Street an die Regulierungsbehörde der KapitalmĂ€rkte in den USA wenden, um die Änderung eines Gesetzes zu erreichen oder irgendeinen Vorteil zu erhalten, ist nicht eine „Verschwörung“, auch wenn die Handlung abgestimmt und verborgen ist. Die Tatsache, dass sich die allgemeinen wirtschaftlichen Vertreter der amerikanischen (und globalen) kapitalistischen Klasse an die allgemeinen Vertreter des Gesetzes der gleichen Klasse wenden, ist nicht eine „Verschwörung“, es ist der Staat. Oder aber man stellt sich vor, dass der Staat „etwas anderes“ ist oder sein sollte. Anstelle der kapitalistischen GesellschaftsverhĂ€ltnisse (an denen man festhalten will) gebe es nur eine kleine Anzahl zynischer Menschen, die ihre Herrschaft ĂŒber das „Volk“ und die Ausbeutung desselben durch eine von ihnen zur Knechtung der Geister ausgedachte verfĂ€lschte ReprĂ€sentation der Welt festigen. Die Verschwörungstheorien brauchen diese grob vereinfachende Konzeption der Ideologie, der Produktionsweise und des Staates, damit sie sein können, was sie sind: die Verherrlichung und die Aufrechterhaltung der aktuellen Existenzbedingungen. Leider, oder zum GlĂŒck, ist die Ideologie als alltĂ€gliche Praxis etwas anderes: Es ist die Praxis von Subjekten, die als solche glauben können, getĂ€uscht zu werden, und getĂ€uscht werden können (was fĂŒr ein Subjekt eine SelbstverstĂ€ndlichkeit ist). Die Produktionsweise ist etwas anderes als das Streben nach „so viel Kohle wie möglich“. Der Staat ist durch seine Apparate etwas anderes als eine „Clique“.

Die Verschwörungstheorien sind ein ganzheitlicher Ansatz der Gesellschaft. Als Antwort auf die Frage der Allgemeinheit einiger seiner Eigenschaften prĂ€sentieren die vorangehenden Entwicklungen einige Indizien, FĂ€hrten und Elemente zum VerstĂ€ndnis, die nur zum Ziel haben, die Frage „richtig“ zu stellen, ohne bis jetzt eine systematische Antwort formulieren zu können.

Schlussfolgerung (provisorisch)

Die Manöver, Intrigen und krummen GeschĂ€fte existieren, doch sie erklĂ€ren nichts, sie benötigen selbst ErklĂ€rungen als interstitielle historische Ereignisse. In der Geschichte verstehen sich die Verschwörungstheorien schlecht mit der „langen Dauer“. Davos ist eine entscheidende Arena der Globalisierung, doch es ist die Globalisierung, die Davos gemacht hat und nicht umgekehrt. Wenn „die Welt“, entgegen dem, was Marx und Engels uns in den ersten Seiten von Die deutsche Ideologie sagen, kein „offenes Buch“ ist, dann ist es so, weil es fĂŒr ihr VerstĂ€ndnis notwendig ist, Konzepte auszuarbeiten, nicht weil sie eine Korporation, eine Kaste von Dirigenten und Illuminati verbirgt.

Tarona – R.S.

Januar 2021

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle




Quelle: Emrawi.org