Mai 11, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Auf den ersten Blick sieht es nach nichts Besonderem aus: Eine verrostete Blechdose, flachgedrĂŒckt, mit einigen Schlitzen versehen. Doch der unscheinbare Gegenstand war stummer Zeuge eines Todesmarsches von KZ-HĂ€ftlingen in den letzten Tagen des Krieges 1945. „Die HĂ€ftlinge haben damit versucht, im Wald Rinde von BĂ€umen abzuschaben, um irgendwie an Nahrung zu kommen“, sagt Kurt Winkler, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Brandenburgischen Gesellschaft fĂŒr Kultur und Geschichte. „Es sind die scheinbar kleinen AlltagsgegenstĂ€nde, die eine BrĂŒcke in die Vergangenheit schlagen – das berĂŒhrt einen.“

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Die Dose ist eines von insgesamt 45 Exponaten der Ausstellung „BruchstĂŒcke ’45. Von NS-Gewalt, Befreiungen und UmbrĂŒchen in Brandenburg“ die am 7. Mai im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte eröffnet wurde. Es ist das erste Mal, dass die KZ-GedenkstĂ€tten Sachsenhausen und RavensbrĂŒck, die GedenkstĂ€tte Todesmarsch im Belower Wald bei Wittstock (Dosse), die GedenkstĂ€tte Zuchthaus Brandenburg-Görden in Brandenburg/Havel und die GedenkstĂ€tte Leistikowstraße in Potsdam eine gemeinsame Ausstellung durchfĂŒhren, betont Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten.

HBPG-Chef Winkler: Wichtiger Teil demokratischer Kultur

„BruchstĂŒcke ’45 ist eine Spurensuche in der Zeitgeschichte, eine ArchĂ€ologie von Terror und Verfolgung, Befreiung und Hoffnung“, sagt Winkler. Gerade vor dem Hintergrund der wachsenden zeitlichen Distanz zum Holocaust, dem Verschwinden von Zeitzeugen und dem Erstarken rechter Tendenzen, sei die Schau ein wichtiger Teil demokratischer Kultur.

Viele Objekte beeindrucken auch durch ihre Schlichtheit: Da ist etwa ein kleines HolzkĂ€stchen mit Davidsstern und der Inschrift, das in einem Massengrab des KZ-Außenlagers Lieberose im Landkreis Dahme-Spreewald gefunden wurde. Zwischen dem 2. und 4. Februar 1945 hatte die SS hier etwa 1350 Menschen erschossen und in einer Kiesgrube verscharrt, die meisten der Opfer waren jĂŒdische HĂ€ftlinge. GegenstĂ€nde wie Schuhe und Karten von Gefangenen, auf denen mit Bleistift die Route des Todesmarsches eingezeichnet wurde, geben in ihrer Einfachheit das Grauen wieder, das mit Worten kaum zu fassen ist.

Der HÀftlingsanzug des 48-jÀhrigen Lehrer Mikas Slaza aus Litauen.Foto: Andreas Klaer

Auch der Todesmarsch, der am 8. Februar durch die Potsdamer Innenstadt fĂŒhrte, wird in der Ausstellung nachvollzogen: „Viele der Verbrechen in den letzten Tagen des Krieges sind vor den Augen der Bevölkerung passiert“, sagt Maren Jung-Diestelmeier, Kuratorin und Projektkoordinatorin.

Ein Schaukasten zeigt den HĂ€ftlingsanzug von Mikas Ć laĆŸa, der zu den Überlebenden des Todesmarsches von KZ Sachsenhausen nach Raben Steinfeld gehörte. In den letzten Tagen vor dem Sieg der Alliierten bekam die eigentlich stigmatisierende Kleidung der Gefangenen plötzlich eine neue Bedeutung: „SS-Leute versuchten an solche HĂ€ftlingsanzĂŒge heranzukommen, um ihre IdentitĂ€t zu verschleiern. Sie tauschten sie unter anderem gegen Brot“, sagt Jung-Diestelmeier. „ƠlaĆŸa hat seinen behalten.“

Besonders bezeichnend ist in diesem Zusammenhang ein anderes Objekt, das 2019 von einem Bombensuchdienst nahe der GedenkstĂ€tte Sachsenhausen gefunden wurde: Eine luftdicht abgeschlossene Tonne, in der sich eine SS-Uniform, entsprechende SchulterstĂŒcke, eine Kamera, persönliche Dokumente, Seife und ein Kamm befanden. Ihr Besitzer: SS-UnterscharfĂŒhrer Johannes Patzke. „Viele Nazis haben damals ihre Kleidung weggeworfen oder vernichtet, doch Patzke scheint darauf spekuliert zu haben, sie irgendwann spĂ€ter wieder anziehen zu können“, sagt Mareike Otters von der GedenkstĂ€tte Sachsenhausen. Nun ist das Gegenteil dessen eingetreten, was er mit dem Verstecken der Kleidung bezwecken wollte: Nach mehr als 70 Jahren kann die IdentitĂ€t des SS-Mannes einwandfrei festgestellt werden.

Verfolgte stehen im Mittelpunkt der Schau

Doch nicht die TĂ€ter, sondern die Verfolgten stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, nicht nur als Opfer, sondern auch als Menschen, die nach den GrĂ€ueln der Nazis und der Befreiung durch die Alliierten den Weg in eine neue, noch unklare Zukunft beschritten. So erzĂ€hlt etwa ein StĂŒck Seife vom Roten Kreuz von den Tagen, als die SS vor der Roten Armee geflĂŒchtet war und die Insassen des KZs RavensbrĂŒck sich selbst ĂŒberlassen hatte. Die HĂ€ftlinge, die unter katastrophalen Hygienebedingungen leben mussten, durchsuchten das Lager und fanden dabei unter anderem die Rote Kreuz-Seife, mit der sie sich ein kleines StĂŒck Gesundheit und MenschenwĂŒrde zurĂŒckeroberten.

Bislang ist die Ausstellung nur digital zu besichtigen

Ein anderes Exponat aus RavensbrĂŒck erzĂ€hlt von der Zeit, als das KZ bereits befreit war: Ein grĂŒn lackiertes Fenster, das einst zu einer Baracke des Konzentrationslagers gehörte. Eine FĂŒrstenberger Familie baute es aus und verwendete es fĂŒr ihre Gartenlaube.

Die Ausstellung “BruchstĂŒcke ÂŽ45. Von NS-Gewalt, Befreiungen und UmbrĂŒchen in Brandenburg” ist bis zum September geplant.Foto: Andreas Klaer

Neben vielen GegenstĂ€nden wie Koffern, Bechern, Bombensplittern, Stempeln oder Schreibmaschinen umfasst die Ausstellung auch Audiostationen mit Berichten von Zeitzeug:innen und Animationsvideos. Aufgrund der Infektionslage kann „BruchstĂŒcke ’45“ aktuell nur digital besucht werden: Auf der InternetprĂ€sentation der Schau gibt es eine 350 Grad-Ansicht der Ausstellung, auf der  Seite der Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten stehen zahlreiche Videoclips zur VerfĂŒgung. Alle Texte sind in Deutsch, Englisch und Einfacher Sprache.

Flankiert wird die Schau von einer Vielzahl von Veranstaltungen: So gibt es etwa am 20. Mai eine digitale Live-FĂŒhrung, am 16. Juni eine Online-Podiumsdiskussion zu den TodesmĂ€rschen und am 11. August eine Lesung mit Texten von Überlebenden des KZs RavensbrĂŒck. Das Programm ist auf der Webseite des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zu finden, auch die Anmeldungen fĂŒr die Veranstaltungen laufen darĂŒber. ZusĂ€tzlich bietet das Filmmuseum Potsdam eine Online-Filmreihe zur Ausstellung an, gezeigt werden unter anderem „Die Mörder sind unter uns“ oder der Dokumentarfilm „Potsdam baut auf“, beide von 1946.

„BruchstĂŒcke ’45“ lĂ€uft bis zum 19. September in Potsdam, danach werden die Exponate zu den jeweiligen GedenkstĂ€tten zurĂŒckkehren und dort bis Oktober 2022 in eigenen Ausstellungen gezeigt.




Quelle: Inforiot.de