Januar 16, 2021
Von Autonomie Magazin
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Von Pierre Rouge

Zur Zeit erscheinen immer mehr BĂŒcher zum Thema Klassismus, die betonen, wie schwer es Leute in dieser Gesellschaft haben, die von unten kommen. Soweit so gut. Geschrieben sind diese BĂŒcher auch oft von Leuten, die es am eigenen Leib erfahren haben, wie es etwa ist, als erstes Familienmitglied eine UniversitĂ€t von innen zu sehen. Und immer wieder wird betont, dass man als armer Mensch in dieser Gesellschaft unterdrĂŒckt und diskriminiert wird. So wird das UnterdrĂŒckungsverhĂ€ltnis Klassismus auf eine Stufe mit Rassismus und Sexismus gestellt. Und wie man das in postmodernen, identitĂ€tspolitischen Zeiten so macht, wird auch fĂŒr die weißen ArbeiterInnenkinder eine passende Theorie gezimmert, die ihnen im Diskurs das Recht gibt, auch was sagen zu dĂŒrfen. Wer sich jetzt schon aufregt, sollte unbedingt weiterlesen.

Die angesprochenen BĂŒcher haben ja recht darin, die Diskriminierung Armer als wichtiges Thema aufzugreifen. Wer von unten kommt, weiß was gemeint ist. Diese Gesellschaft ist natĂŒrlich nicht fĂŒr uns gemacht. Das Schulsystem sieht schon gar nicht vor, dass Leute wie wir auf der Uni landen. Doch einigen passiert das dann aus verschiedenen GrĂŒnden trotzdem. Sie finden sich mit Anfang 20 in einer fremden Welt wieder, umgeben von BĂŒrgerkindern, die sich wie die Fische im Wasser bewegen, wĂ€hrend man sich selbst fragt: Kommilitone? Was soll das denn sein? Gleichzeitig ist man umgeben von vielen, die von klein auf gelernt haben, ihr Maul aufzureißen, sich in den Mittelpunkt zu stellen und sich durchzusetzen. Wir dagegen wurden oft von Untertanen großgezogen, die einem das nicht auffallen und ruhig sein mitgegeben haben. Das steckt tief in uns. Auch wenn wir oft besseres zu sagen hĂ€tten, lassen wir die anderen reden, weil sie einfach selbstbewusster auftreten. Im Umgang mit Behörden sind wir lieber kleinlaut, bevor wir noch mehr Stress bekommen. Wir haben nĂ€mlich von klein auf auch gelernt, dass KĂ€mpfen nichts bringt. Da muss man halt irgendwie durch, heißt es. Und daheim, wenn es denn eines gibt, kann einem auch niemand mehr helfen. Man lernt eben frĂŒh allein klarzukommen. Doch das muss ĂŒberhaupt nichts schlechtes sein.

Es gibt aber auch Aspekte der Arbeiterherkunft, die einen ĂŒberhaupt nicht benachteiligen. Dadurch, dass man eben viel frĂŒher keine Hilfe mehr von seinen Eltern erwarten kann, lernt man SelbststĂ€ndigkeit und Autonomie. Man durchschaut relativ schnell, wer wirklich was drauf hat und bei wem sich hinter einem Titel oder Rang nichts verbirgt. Denn da wo man herkommt, ist man tendenziell echter und verzichtet auf aufgeblasenes Auftreten. Außerdem ist man freier darin, sich in der Welt der BĂŒrger zu bewegen. WĂ€hrend BĂŒrgerkinder von ihren Eltern genervt werden, was ihren Status angeht und warum sie keinen Bausparvertrag haben, ist man in Arbeiterfamilien meist erst einmal froh wenn das Kind versorgt ist. Ein besonderer Vorteil ist auch einfach beide Welten zu kennen. Es wird viel ĂŒber „zwischen den StĂŒhlen sitzen“ geschrieben und wie schlimm das sei, aber niemand sagt, welche Vorteile das eigentlich bringt. Gerade im linken Milieu bekommt man immer wieder mit, welche kruden Vorstellungen BĂŒrgerkinder ĂŒber dieses ominöse Proletariat haben. Man versteht recht schnell warum eben viele von unten auch wenig mit der bĂŒrgerlichen Linken anfangen können. Es ist doch kein Nachteil sich gut in der Gesellschaft auszukennen und ZusammenhĂ€nge besser verstehen zu können. Es ist eine enorm wichtige FĂ€higkeit, sich besser in andere hineinversetzen zu können, als die Kinder von Reichen. Gerade als RevolutionĂ€rIn ist es die perfekte Mischung. Und keiner sagt, dass man seine Herkunft verraten muss. Die Herausforderung besteht doch darin, linke Inhalte auch dort verbreiten zu können, wo man herkommt. In einer Sprache, die dort auch verstanden wird. DafĂŒr sind Klassenreisende die ExpertInnen schlechthin. Wer darauf keine Lust hat und sich halt lieber einem bĂŒrgerlichen Gehabe hingibt, gut, aber UnterdrĂŒckung sieht anders aus. Bei manchen Klassismus- kritischen Texten hat man das GefĂŒhl, die Leute verarbeiten einfach nur ihr Aufwachsen, bedauern es sehr, keine BĂŒrgerkinder zu sein und machen daraus eine politische Theorie.

Denn worum geht es denn eigentlich? Wollen wir als Linke einfach, dass man besser auf die Armen eingeht und es ihnen leichter macht in dieser Gesellschaft aufzusteigen? Geht es darum, dass sich Arbeiterkinder auf der Uni wohler fĂŒhlen? Oder wollen wir einen Klassenkampf fĂŒhren, der in der Armut an sich das Problem sieht und durch den Leute von unten ermuntert werden, damit aufzuhören, Untertanen zu sein? Was sind denn die Potentiale in der ArbeiterInnenklasse, wo wir ansetzen können? Konzentrieren wir uns lieber auf die Frage, wie wir was an den VerhĂ€ltnissen rĂŒtteln und uns organisieren können. DafĂŒr können Klassenreisende das passende Wissen in eine Linke hineintragen, die eben sehr bĂŒrgerlich ist. Es geht doch darum, die Untertanensozialisation zu durchbrechen, sich selbst zu ermĂ€chtigen und laut zu werden. Da hilft kein Beschweren, wie schwer man es hat(te), vor allem nicht von Leuten, die ja immerhin einen Aufstieg hingelegt haben und AkademikerInnen geworden sind. Es geht darum den Untertan in dir selbst zu töten und ihn auch da zu bekĂ€mpfen wo er herkommt: Im Herkunftsmilieu. Dort ist allen klar, dass sie es schwer haben. Jedes mal wenn wieder der Satz kommt, man könne da einfach nichts machen, mĂŒssen wir widersprechen. Jedes mal wenn versucht wird, auf die loszugehen, die noch weiter unten sind, mĂŒssen wir da sein und Alternativen anbieten. Denn nur so ĂŒberzeugt man Menschen. Das nĂ€chste Buch darĂŒber schreiben, wie schlimm es war als Arbeiterkind aufzuwachsen und festzustellen, dass Arme tatsĂ€chlich Nachteile im Kapitalismus haben, bringt da reichlich wenig.

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Quelle: Autonomie-magazin.org