Mai 11, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Ein kleiner Stapel BĂŒcher will gelesen werden. Im Moment lĂ€sst meine Situation es nicht zu, mich eingehend mit umfangreichen Werken zu beschĂ€ftigen. Mehr als reinschnuppern ist nicht drin, aber dabei fallen mir noch ganz andere Gedanken aus dem Kopf
 Die Toten Der in der A-Szene schnell als „Frauenhasser“ verpönte Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) war in erster Linie Ökonom und sein (unvollstĂ€ndiges) Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ tragen Anarchist*innen gerne vor sich her. Jetzt liegt in neuer Übersetzung das Buch „Was ist das Eigentum? Zweite Denkschrift: Brief an Herrn Blanqui ĂŒber das Eigentum (1841)“ (1) vor. Die Ökonomie ist eigentlich eine Schwachstelle des Anarchismus und daher sollte doch ein solcher Autor unter dieser PrĂ€misse gelesen werden, und dann sehen wir weiter, ob er aus den heiligen Hallen des Anarchismus verstoßen werden muss. Eine etwas weniger umstrittene Person des historischen Anarchismus ist sein Herold Max Nettlau (1865–1944). Jetzt liegt Band 2 der „Geschichte der Anarchie – Der Anarchismus von Proudhon zu Kropotkin. Seine historische Entwicklung in den Jahren 1859–1880“ (2) in einer ĂŒberarbeiteten, korrigierten und erweiterten Fassung vor. Die auf zehn BĂ€nde angelegte Edition ist ein Mammutprojekt, welches durch die VerknĂŒpfung von Print- und Online-Version zukunftsweisend ist (3) und die alten Copy & Paste-Versionen ĂŒberflĂŒssig machen wird. Manchen Junganarchist*innen reichen ja schon BĂ€rte, um historische Personen abzulehnen, aber ohne die eigene Geschichte zu kennen, bewegen wir uns nur im Kreis. Die Lebenden Seit den 1990er Jahren ist in den USA eine neue, vielfĂ€ltige anarchistische Bewegung entstanden. Eine kontinuierliche GrĂ¶ĂŸe in der Szene ist CrimethInc. Das lose Kollektiv meldet sich regelmĂ€ĂŸig mit Statements und Pamphleten zu Wort und findet in Europa hauptsĂ€chlich bei den Junganarchist*innen Gehör. Neu ist jetzt ein Sammelband: „Writings on the Wall. CommuniquĂ©s 2012–2020“ (4) – entgegen dem Anschein des Titels in deutscher Übersetzung erschienen. Jetzt kommt der Trend, dass einem schon die jĂŒngste Vergangenheit geschichtlich aufgearbeitet wird (Spontis, Bewegung 2. Juni usw.). JĂŒngst erschien der erste von zwei BĂ€nden ĂŒber die Untergrund-Zeitschrift „radikal“ (5), die ab 1976 als Theorieblatt der Autonomen-Szene mehrmals beschlagnahmt wurde und seit 1984 mehr oder weniger unregelmĂ€ĂŸig anonym erscheint (wobei sich hier die Frage der Mathematik stellt). Ich selbst war teilweise am klandestinen Vertrieb beteiligt wegen der „Pressefreiheit“, aber die Frage bleibt, was sich daraus auch lernen lĂ€sst. Als P.M.-Fan („bolo’bolo“ zĂ€hle ich immer noch zu den wichtigsten BĂŒchern) muss ich an dieser Stelle natĂŒrlich auf das zehnbĂ€ndige Großprojekt „Die große FĂ€lschung“ eingehen. (6) P.M. als Rodulf Ritter von Gardau um das Jahr 1000, der nach einem Aufstand gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen und ziemlich weit rumkommt in der Weltgeschichte. Der Verlag vergleicht das Werk gerne mit „Game of Thrones“, aber ich finde, dass es wesentlich mehr bietet als höfische Intrigen, Sex und Gemetzel. Noch mal eher was Politisch-Literarisches aus der Prenzlauer-Berg-Szene Berlin: Bert Papenfuß (Hrsg.), „SĂżstemrelevanz & LumpenĂŻntelligenz. Schriften aus dem Vorlaß von Sepp Fernstaub“. (7) Mit Texten, Gedichten, GesprĂ€chscollagen ĂŒber Zeitmaschinen, William Godwins Buch „Caleb“, Proudhon und anderes. FĂŒr Liebhaber*innen ausufernder Fußnoten bei Gedichten ein absolutes Muss. Aber gelesen habe ich was ganz anderes, nĂ€mlich einen geschenkten kleinen Roman aus der Bibliothek Suhrkamp von Slavko Kolar, „Das Narrenhaus“, 1966 erstmals auf Deutsch erschienen, erzĂ€hlt er vom leisen Widerstand eines mittleren Beamten gegen die von den Nazis eingesetzten Nationalisten in Zagreb 1941. Über das Verschwinden einer jĂŒdischen Familie, die zwar niemand besonders mochte, aber den neuen „Herrenmenschen“, der die Wohnung samt Mobiliar ĂŒbernimmt, will man erst recht nicht. Dass dieser kleine Roman in Deutschland 1966 keine Beachtung fand, scheint mir klar, aber dass der Autor und dieses Buch hier bis heute unbekannt geblieben sind, ist schlichtweg schade.




Quelle: Graswurzel.net