November 25, 2020
Von Wildcat
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aus: Wildcat 104, Winter 2019/2020

Folgenden Artikel zum sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen haben wir im November veröffentlicht. Die Auseinandersetzungen um Kindesmissbrauch sind seither weitergegangen.

Am 17. Dezember schaffte der Papst das »pĂ€pstliche Geheimnis« bei Missbrauch ab; Mitte Februar trat in der BRD das Gesetz gegen Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen im Internet mit dem Ziel sexueller Kontakte) in Kraft; ebenfalls Mitte Februar meldeten in den USA die Pfadfinder Konkurs an (die Boy Scouts of America hatten ĂŒber Jahrzehnte systematisch Misshandlungen vertuscht). Es fanden auch weitere Gerichtsverfahren statt, zum Beispiel in Hildesheim: ein Ehepaar aus Gifhorn (er Erzieher, sie SozialpĂ€dagogin) hatte mehr als 25 Jahre lang betreute hilfsbedĂŒrftige Kinder missbraucht. Anfang MĂ€rz fĂŒhrten die LĂŒgde-Ermittlungen zu einer weiteren Festnahme


Und die ganze Zeit fordern der NRW-Innenminister Reul und andere Politiker mehr Befugnisse fĂŒr die Bullen und ĂŒberhaupt fĂŒr den Staat! Dabei stecken Behörden (zum Beispiel) in LĂŒgde knietief drin. Sie hatten dem HaupttĂ€ter eine Pflegetochter im Grundschulalter anvertraut, das MĂ€dchen hatte jahrelang in einer vermĂŒllten Parzelle auf dem Campingplatz leben und sexuelle Gewalt ertragen mĂŒssen. Unter anderem deshalb liefen bei der Staatsanwaltschaft Detmold noch mehrere Ermittlungsverfahren gegen Polizisten, Jugendamtsmitarbeiter. Diese wurden nun am 10. MĂ€rz eingestellt. (»In den MissbrauchsfĂ€llen von LĂŒgde hat die Staatsanwaltschaft Detmold mehrere Verfahren gegen Behördenmitarbeiter beendet. Es sei kein strafbares Verhalten zu erkennen.«)

JĂŒngst wurde auch der australische Kurien-Kardinal George Pell in letzter Instanz ĂŒberraschend vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Mit der uralten BegrĂŒndung, die Aussagen des Opfers wĂ€ren widersprĂŒchlich und so könne es nicht gewesen sein: »nur ein “VerrĂŒckter” wĂŒrde ein solches Risiko eingehen und Jungen an einem so öffentlichen Ort missbrauchen. Es sei zudem “lachhaft”, dass Pell seinen Penis entblĂ¶ĂŸt und einen Jungen zum Oralsex gezwungen haben soll – wo er doch seine unhandlichen Roben getragen habe« lautete seine Verteidigungsstrategie. Dass es nicht das erste Strafverfahren gegen Pell wegen sexueller Gewalt an Kindern war und die VorwĂŒrfe gegen ihn bis in die 70er Jahre zurĂŒckreichen, dass er andere kirchliche TĂ€ter massiv geschĂŒtzt und deren Opfer aggressiv abgewiesen hat – alles vergessen. Der Papst hat seinen Freispruch im ĂŒbrigen »begrĂŒĂŸt«.

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei!

Triggerwarnung

Sexuelle Gewalt kann ohne gesellschaftliche Gewaltstrukturen nicht gedeihen, unter bestimmten sozia­len VerhĂ€ltnissen nimmt sie stark zu, im Rahmen von Krieg vervielfacht sie sich. Deshalb kommt sie in allen staatlichen Institutionen vor: Armee, Knast, Heimen


Im Folgenden geht es um den Missbrauch an Kindern. Den gibt es in der katholischen Kirche, in der evangelischen, in Sportvereinen, im englischen Adel, bei amerikanischen MilliardĂ€ren (Epstein), beim NSU, im Marxismus (Sohn-Rethel), im Popbusiness
 In letzterem wurde Kindesmissbrauch teilweise geradezu zelebriert; Michael Jackson, Jimmy Page, Lostprophet-Frontmann Ian Watkins (35 Jahre Knast wegen massivem sexuellem Missbrauch von Kindern unter 13 Jahren), Gary Glitter (16 Jahre Knast), Jimmy Savile
 Und kein Foucault-Fan hat sich kritisch zu dessen Begeisterung ĂŒber die »Knabenliebe der Griechen« geĂ€ußert. Diese war gesellschaftlich akzeptiert und galt als normal im Rahmen eines AusbildungsverhĂ€ltnisses. Vielleicht lief sie deshalb auch in humanistisch-altsprachlichen Lehrinstitutionen als gute Tradition.

Vor allem aber findet Kindesmissbrauch in der Familie statt. Ins Zentrum unserer Überlegungen ­stellen wir die organisierte sexuelle Gewalt an Kindern.

»Der Kirmesmörder«
Die PrÀgung einer gesellschaftlichen Debatte

»JĂ€hrlich werden in der Bundesrepublik mehr als 90 Kinder von ihren Eltern zu Tode gefoltert – sechsmal so viele, wie von Sexualmördern getötet werden; hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Opfern, bei denen durch flĂŒchtige Untersuchungen fĂ€lschlich eine natĂŒrliche Todesursache vermerkt wurde. Tausende von Kindern werden alljĂ€hrlich mit den Folgen wiederholter Misshandlungen in Kinderkliniken eingeliefert «

Dieser Artikel »Kindesmisshandlungen – Verschwiegene Verbrechen« aus dem Spiegel vom 12. September 1966 kam ohne expliziten Bezug auf den »Kirmesmörder JĂŒrgen Bartsch« aus. Der hatte zwischen 1962 und 1966 vier Jungen zwischen 8 und 13 Jahren vergewaltigt und ermordet. In diesen vier Jahren herrschte nicht nur im Ruhrgebiet öffentliche Hysterie und Panik. Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen; GrundschĂŒler durften nur noch in Gruppen zur Schule gehen. Am 21. Juni 1966 wurde JĂŒrgen Bartsch festgenommen. In einer aufgeheizten Stimmung wurde er Ende 1967 zu lebenslĂ€nglich Zuchthaus nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt, obwohl er die Taten als Jugendlicher begangen hatte. JĂŒrgen Bartsch war als Kind selbst missbraucht worden.

Gewalt hat ein langes Leben. Wer als Kind regelmĂ€ĂŸig und dauerhaft körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt ausgesetzt war, hat eine hohe Chance, als Erwachsene/r wiederholt Opfer aller möglichen Gewalt – und/oder selbst TĂ€terIn an Kindern zu werden. Sie/Er hat ein erhöhtes Aggressions- und Gewaltpotential und lebt dies auch aus – entweder selbstzerstörerisch gegen sich selbst oder nach außen, an anderen, zumeist an Menschen, die als schwĂ€cher identifiziert werden. Aus der eigenen Ohnmachtserfahrung erwĂ€chst der Wunsch, diese umzudrehen – die Möglichkeiten dazu und die Formen dessen sind je nach Klassenlage sehr ungleich verteilt
 Die GefĂ€ngnisse sind voll mit (meist proletarischen) MĂ€nnern und Frauen, die als Kind misshandelt und missbraucht wurden, und viele DauerbezieherInnen von Hartz IV haben buchstĂ€blich den Kopf so voll mit der erlebten Gewalt und der stĂ€ndigen Notwendigkeit, diese Erfahrungen zurĂŒckzudrĂ€ngen und zu betĂ€uben, dass an ein geregeltes Leben nicht zu denken ist.

ZĂ€sur und versuchte Ruhigstellung

Es ist etwas aufgebrochen. In den 2000er Jahren berichten viele ehemals in Kinder-, Jugend- und Erziehungsheimen untergebrachte Frauen und MĂ€nner in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern ĂŒber die ihnen dort angetane Gewalt. In der BRD organisieren sie sich seit 2004 im »Verein ehemaliger Heimkinder«1. Lange bemĂŒhen sich die verantwortlichen Institutionen, allen voran die Kirchen, diese Berichte als »EinzelfĂ€lle« herunterzuspielen: eine »gewisse HĂ€rte« in der Erziehung sei »damals« ĂŒblich gewesen und habe dem Zeitgeist entsprochen, und wieso reden »diese Leute« denn erst jetzt – sie haben doch jahrzehntelang ganz gut gelebt?! Aber die Betroffenen bleiben hartnĂ€ckig und schließlich sieht sich die Bundesregierung 2008 gezwungen, den »Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren« einzurichten. Dieses Gremium aus PolitikerInnen und Professionellen, soll die nicht mehr zu leugnende systematische Heim-Gewalt »aufarbeiten« – nicht aufklĂ€ren! FederfĂŒhrend ist die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen, die den ganzen Aufruhr zu einem möglichst schnellen und billigen Ende bringen möchte.2 Aber mit dieser Strategie scheitern sie und die Heimverantwortlichen, 2012 werden – fĂŒr zwei Jahre! – die »Hilfsfonds Heimerziehung« eingerichtet.

2010 wird der massenhafte sexuelle Missbrauch von SchĂŒlern im katholischen Canisius-Colleg Berlin aufgedeckt, fast zeitgleich auch die systematische sexuelle Gewalt im alternativen Elite-Internat Odenwald-Schule. Betroffene organisieren sich in Selbsthilfevereinen und »Eckigen Tischen«, fordern AufklĂ€rung und EntschĂ€digungszahlungen.

Im selben Jahr wird die Stelle des UnabhĂ€ngigen Beauftragten zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geschaffen. Wieder wird ein »Runder Tisch« eingerichtet, an dem Verantwortliche aus Kirche und Politik die VorwĂŒrfe klein kochen wollen, Betroffene sollen sich an Untersuchungskommissionen wenden. Auch hier wieder, als es sich nicht mehr vermeiden lĂ€sst, ein staatlicher Fonds, der einmalig 10 000 Euro pro Person auszahlt (als Sachleistung und zweckgebunden fĂŒr Therapien oder Ă€hnliche Maßnahmen). Ein Rechtsanspruch besteht nicht, andere Leistungen (durch Kranken- und Rentenversicherungen, das Straf- oder Zivilrecht soweit zumutbar) sind vorrangig. Diese Fonds sind ein Fortschritt, weil sie die erlittene Gewalt anerkennen (ohne strafrechtlichen Nachweis), aber das Geld reicht bei vielen Betroffenen nicht fĂŒr die notwendige therapeutische Behandlung. (Alle Fonds waren zeitlich befristet angelegt, fĂŒr den im familiĂ€ren Bereich wurde die Befristung allerdings aufgehoben.) Damit sollten die Betroffenen ruhiggestellt werden, ohne zu den wahren Ursachen der Gewalt vorzudringen: der bĂŒrgerlichen Gesellschaft und ihren Institutionen.

Eine besondere Rolle spielen in diesen Jahren die Skandale der katholischen Kirche, die nicht mehr zu vertuschen waren; darauf gehen wir weiter unten gesondert ein. 2016 setzen schließlich Bundesregierung und Parlament die UnabhĂ€ngige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ein. Sie hat den Auftrag, Ausmaß, Art, Ursachen und Folgen von sexuellem Missbrauch in Institutionen und im familiĂ€ren Kontext in der BRD und der DDR von 1949 bis heute zu untersuchen.

Sexuelle Gewalt an Kindern

Sexuelle Gewalt ist eine alters- und geschlechtsabhĂ€ngige Grenzverletzung und meint jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen dessen Willen vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. TĂ€terInnen nutzen ihre Macht- und AutoritĂ€tsposition aus, um ihre BedĂŒrfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.3

Sexuelle Gewalt an Kindern ist kein »Rand­phĂ€nomen«; massenhafte Gewalthandlungen an MĂ€dchen und Jungen gehören urwĂŒchsig zur bĂŒrgerlichen Familie, zur Kirche und zur kapitalistischen Gesellschaft – wie andere GewaltverhĂ€ltnisse auch. Es gibt keine Altersgrenze nach unten, auch Babys und Kleinkinder sind sexueller Gewalt aller Art, auch Vergewaltigungen, ausgesetzt4.

Aktuell werden in der BRD etwa eine Million Kinder (acht Prozent eines Jahrgangs) Opfer von sexueller Gewalt, davon sind etwa vier FĂŒnftel MĂ€dchen. Das bedeutet, dass in jeder Schulklasse durchschnittlich ein bis zwei Kinder betroffen sind. Neun von zehn FĂ€llen von sexueller Gewalt an Kindern bleiben – im strafrechtlichen Sinn – unentdeckt.5 FĂŒr die heute Erwachsenen in der BRD geht eine neuere Studie von etwa zwölf Prozent in ihrer Kindheit und Jugend Betroffenen aus.6

Es gibt auch Meta-Analysen von Studien, die die HĂ€ufigkeit von sexuellem Kindesmissbrauch international untersuchen: die grĂ¶ĂŸte aus dem Jahr 2011 kommt zu einem Ă€hnlichen Befund von durchschnittlich etwa zwölf Prozent Betroffener.7 Allerdings hat diese Meta-Studie große geographische Leerstellen, aus Vorder-, Zentral- und Nord­asien sowie Nordafrika liegen keine Daten vor.8

(Auf den massenhaften Missbrauch von philip­pinischen, thailÀndischen und anderen Kindern durch Sextouristen aus reichen LÀndern können wir hier nicht eingehen, das Thema brÀuchte einen eigenen Artikel.)

TĂ€terInnen

Der typische TĂ€ter wird als mĂ€nnlich, pĂ€dophil, arm und ungebildet prĂ€sentiert, der am Spielplatz, auf der Kirmes oder auf der Straße auf Kinder lauert, ein TriebtĂ€ter. TatsĂ€chlich sind TĂ€ter zu etwa 80 Prozent mĂ€nnlich – aber eben auch zu 20 Prozent Frauen. Die meisten sind nicht »kernpĂ€dophil«, vor allem nicht dort, wo viel körperliche und psychische Gewalt angewandt wird. Das heißt, ihr sexuelles Begehren richtet sich auch, hauptsĂ€chlich oder ausschließlich auf Erwachsene, ihre Lust entsteht aus der Macht, die sie beim Missbrauch empfinden. Die Beratungsstelle Wildwasser aus Berlin stellt die richtige Frage: »NatĂŒrlich könnte man auch in Bezug auf diese TĂ€ter und TĂ€terinnen diskutieren, ob sie nicht trotzdem, nur eben sehr gut versteckt, pĂ€dophil sein könnten. Vielleicht ist es aber sinnvoller zu ĂŒberlegen, welchen grundsĂ€tzlichen gesellschaftlichen Zweck es hat, auf Gewalttaten mit einer psychiatrischen Diagnose zu reagieren.«9

Die eigentlichen Ursachen – gesellschaftliche Gewaltstrukturen und die enorme Doppelmoral, die diese verkleiden und transportieren – werden aus der Schusslinie genommen, indem sexuelle Gewalt gegen Kinder zur Triebtat einer »speziell veranlagten« Person wird. Aber bei sexueller Gewalt geht es um MachtausĂŒbung, nicht um Sex – oft auch noch um Geld. TĂ€terInnen sind fast ausschließlich heterosexuell, meist unauffĂ€llig und gesellschaftlich gut angepasst, in ihrem Umfeld oft sehr angesehen; sie sind kontrolliert und egozentrisch, aber selten im psychiatrischen Sinn »persönlichkeitsgestört«; außerdem verfĂŒgen sie ĂŒber eine mindestens durchschnittliche Bildung und sind normal intelligent. Letzteres liegt eigentlich nahe, denn fĂŒr den zumeist langjĂ€hrigen Missbrauch eines oder mehrerer Kinder mĂŒssen sich die TĂ€terInnen ein perfektes Doppelleben organisieren, um nicht aufzufliegen; eine passende Ausrede parat haben und gut beschwichtigen können, falls es doch einmal zu Irritationen oder kritischen Nachfragen kommt.

Organisierte sexuelle Gewalt

Mit der organisierten sexuellen Gewalt gegen Kinder wird sehr viel Geld verdient; hier sind hochorganisierte TĂ€terInnen-Gruppen/Netzwerke aktiv. Um wieviel Geld es geht, lĂ€sst sich erahnen anhand von Zahlen, die der fĂŒr »Kinderpornografie« zustĂ€ndige Oberstaatsanwalt in einer Doku des NDR von 2010 nannte: Im Zusammenhang mit einer professionellen Seite fĂŒr Kinderpornografie wurde gegen 325 User in der BRD ermittelt, jede/r zahlte fĂŒr einen 20-tĂ€gigen Zugang 80 Dollar, das sind 26 000 Dollar in gerade mal 20 Tagen!10 Auch im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall in Staufen wurden GeldbetrĂ€ge bekannt: ein spanischer »Freier« zahlte fĂŒr »mehrmalige Treffen« mit dem Jungen 10 000 Euro an die Mutter und ihren Partner und bot an, regelmĂ€ĂŸig monatlich 2000 Euro zu zahlen, wenn er den Jungen jederzeit missbrauchen könne. Staufen ist der einzige mir bekannte Fall, bei dem in der BRD organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder als solche verurteilt wurde. 2018 wurden sechs MĂ€nner und eine Frau wegen mehrjĂ€hriger, gemeinschaftlicher sexueller Ausbeutung des Jungen im Grundschulalter zu mehrjĂ€hrigen Haftstrafen verurteilt.

Die meisten Untersuchungen und auch die KriminalitÀtsstatistik des BKA behandeln die organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht gesondert. Deshalb gibt es keine Zahlen. Aber es gibt viele Betroffene, die davon berichten, und viele TherapeutInnen, die von betroffenen PatientInnen berichten. Organisierte sexuelle Gewalt bedeutet immer sehr schwere, hÀufig auch sadistische Gewalt, die zusÀtzlich in Geld umgesetzt wird: entweder durch das »Vermieten« der Kinder (»Kinderprostitution«) oder durch das Aufzeichnen und Weiterverbreiten der Gewalthandlungen per Film und Foto (»Kinderpornografie«). Das wird teilweise auch als rituelle Gewalt11 bezeichnet. Ein Teil der Betroffenen, die ich kenne, kommt aus kultischen Organisationen. Die arbeiten genauso hochorganisiert und wirtschaftsorientiert, haben aber einen wesentlich totalitÀreren Ansatz und setzen GehirnwÀsche sehr viel gezielter und systematischer ein.

Organisierte TĂ€terkreise werden oft/meist von Mitgliedern der gesellschaftlichen Elite betrieben, sehr gut vernetzt und mit »besten Verbindungen«: Professoren, RichterInnen, erfolgreiche Unternehmer, fast immer Ärzte (die Verletzungen versorgen), oft/meist/immer (?) Kontakte zu Polizisten vor Ort oder auf höheren Ebenen, und auf jeden Fall jede Menge »BĂŒrgen« fĂŒr die eigene IntegritĂ€t. Die Gruppen agieren unabhĂ€ngig, sind aber normalerweise mit anderen vernetzt. Sie platzieren gezielt Mitglieder und »FreundInnen« an neuralgischen Stellen wie Jugendamt, Staatsanwaltschaft, Gericht und Polizei. Also an Orten, die dazu dienen (können), Ermittlungen zu be- oder verhindern, ausstiegswillige Kinder zu identifizieren und den weiteren Zugriff auf sie zu sichern – und neue potenzielle Opfer zu finden.

Der Clou fĂŒr diese Gruppen: ihre Opfer können meist nicht reden. Betroffene haben buchstĂ€blich keine Worte fĂŒr das, was sie als Flashbacks oder Bilder in sich sehen und wiedererleben. Zudem wurden ihnen mittels extremer Gewalt bis hin zu Nahtod-Erfahrungen und spezifischer GehirnwĂ€sche Ă€ußerst wirksame Schweigeverbote einkonditioniert. Der Versuch, jemand etwas von dem Erlebten zu berichten, fĂŒhrt zu heftigen körperlichen Reaktionen wie starken Schmerzen, Schwindel, Ohnmacht, zu unerklĂ€rlichen, plötzlich auftretenden »Psychosen« oder zum unbedingten Drang, sich selbst zu verletzen oder umzubringen. Extreme ­Gewalt bewirkt zudem eine Zersplitterung von ­Bewusstsein und Persönlichkeit, was zu Sprachverlust, Fragmentierung des Erlebten, Am­ne­sien und Persönlichkeitsspaltungen fĂŒhrt.

Das Besondere an »LĂŒgde« ist nicht das weitverzweigte, gut abgestimmte Netz von TĂ€terInnen und ihren HelferInnen, sondern dass dieses Netz beinahe öffentlich geworden wĂ€re. Das deutsche Strafrecht gibt die Verurteilung solcher Organisationen nicht wirklich her – außer bei den Paragrafen 128, 129 und 129a verurteilt es grundsĂ€tzlich Einzel­tĂ€terInnen. Gemeinschaftlich begangene sexuelle Gewalt gegen Kinder fĂ€llt unter »Schweren sexuellen Missbrauch« (§176a), der aber auch fĂŒr nicht-organisierte TĂ€terInnen angewandt wird, sobald es um Penetration und Vergewaltigung geht oder ­zusĂ€tzlich körperliche Gewalt eingesetzt wurde.

In manchen FĂ€llen konnte öffentlich gar nicht mehr bestritten werden, dass die sexuelle Gewalt organisiert war, das war dann aber im rechtlichen Sinne verjĂ€hrt und die TĂ€ter z. T. bereits gestorben. Ein Beispiel ist die Odenwaldschule, wo der damalige Rektor Gerold Becker und eine Gruppe Lehrer um ihn herum jahrzehntelange systematische sexuelle Gewalt gegen SchĂŒlerInnen ausĂŒbten. Obwohl schon 1998 Berichte von Betroffenen durch die Presse gingen, gelang es der Schule bis 2010, die Taten unter den Teppich zu kehren. Mittlerweile gibt es zwei Studien dazu, die von 500 bis 900 Betroffenen, fĂŒnf HaupttĂ€tern und vielen MittĂ€ter­Innen ausgehen. Aber mehrere HaupttĂ€ter, darunter Gerold Becker, sind bereits verstorben.

Andere bekannte Beispiele sind der Fall Marc Dutroux in Belgien, der Skandal um das portugiesische Kinderheim Casa Pia12 oder die Colonia ­Dignidad13 in Chile. Bei ihr wird noch etwas Anderes deutlich: die starke NĂ€he von Faschismus und sexueller Gewalt gegen Kinder. Auch beim NSU wurde auf dem Rechner von Beate ZschĂ€pe Kinderpornografie gefunden; an der Leiche eines entfĂŒhrten und ermordeten Kindes waren DNA-Spuren von Böhnhardt; mehrere Kameraden des NSU sind wegen sexuellen Missbrauchs und/oder »Kinderpornografie« aktenkundig – gleichzeitig organisierten dieselben Figuren Demos mit der Forderung »Todesstrafe fĂŒr KinderschĂ€nder«. Rechte Ordnungsfanatiker benutzen sexuelle Gewalt gegen Kinder – die sie selber praktizieren! – als ­Mittel zur Verbreitung von Hysterie und Hetze.

Bis heute nicht aufgeklĂ€rt ist der »Sachsensumpf«, die Verwicklung hochrangiger Personen aus Justiz, Politik, Verwaltung und Wirtschaft in kriminelle ImmobiliengeschĂ€fte und das »Kinderbordell« Jasmin in Leipzig Anfang der 90er Jahre. Obwohl es unbestritten ist, dass das Jasmin existierte und dort ausgebeutete junge Frauen bekannt sind und aussagten, wurde lediglich der »Betreiber« verurteilt – wie von ihm wegen seiner »guten Verbindungen in Leipzig« vorausgesagt: milde. Die beschuldigten hochrangigen Vergewaltiger der Frauen drehten die Geschichte um und behaupteten eine Verschwörung des sĂ€chsischen Verfassungsschutzes gegen sie. Über fĂŒnf Jahre tagte ein Untersuchungsausschuss in Dresden, der feststellte, die Ermittlungen seien höchstens »halbherzig« gefĂŒhrt worden. Letztlich wurden die Ermittlungen gegen die Vergewaltiger eingestellt, die Betroffenen noch einmal gedemĂŒtigt bzw. existenziell zerstört; die beiden Frauen, die es gewagt hatten zu klagen sowie zwei investigativ ermittelnde Journalisten wegen Verleumdung selbst angeklagt. Laut ihrer Aussagen gehörten zwei Richter zu ihren Vergewaltigern (u. a. der, der die Verhandlung gegen den Bordellbetreiber fĂŒhrte).14

Die Funktion des Skandals

Es ist so bezeichnend wie irrefĂŒhrend, dass bei beiden in jĂŒngerer Zeit aufgeflogenen FĂ€llen, die bundesweit breit durch die Medien gingen – Staufen und LĂŒgde – die OrganisatorInnen aus der Unterschicht kommen. Es reproduziert das Bild, das sich die Gesellschaft von solchen Taten machen soll. Nur dazu passende FĂ€lle werden medial breit aufgegriffen. In Wahrheit sind die Mitglieder organisierter Ringe gesellschaftlich eher hochstehende, einflussreiche MĂ€nner und Frauen.

Ulrike Meinhof schrieb 1968 in der konkret zum ersten Prozess gegen JĂŒrgen Bartsch, dass »eine Gesellschaft sich durch ihren Hass auf einen Kindermörder jenes gute Gewissen verschafft, das sie braucht, um zum Kindermorden in Vietnam schweigen zu können und zur Barbarei im Umgang mit Kindern im eigenen Land, in der eigenen Familie.«15 Die mediale Bearbeitung von Kindesmissbrauch als »Skandal« macht »EinzelfĂ€lle« daraus und stĂ€rkt so die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, die diese Gewalt hervorbringen. Auch bei »Staufen« und »LĂŒgde« gehen all die Institutionen, die drin hĂ€ngen, gestĂ€rkt aus dem Ganzen hervor – aber auch die ganzen braven BĂŒrger, die vorher nichts wissen wollten und jetzt zu TrĂ€nen betroffen von den armen, armen Opfern reden, denen geholfen werden muss, den ganz monströsen Einzelfall hochhalten, von »der Politik« entschiedenes Handeln fordern – aber ihr eigenes Verhalten, die Gesellschaft, den Sumpf aus dem das alles kommt auf keinen Fall hinterfragen wollen. Gezielt benutzt der Staat, solche »Skandale«, um seine Polizei, seine Überwachung, seine JugendĂ€mter usw. usw. weiter aufzurĂŒsten. Das ist ganz Ă€hnlich wie beim NSU – und noch was ist strukturell Ă€hnlich: »vollstĂ€ndige AufklĂ€rung« oder gar »rĂŒckhaltlose Konsequenzen ziehen« ist unmöglich – dazu mĂŒsste sich der Staat letztlich selber abschaffen.

Verteilung der Kontexte
Familie 56 Prozent 682
Institution 17 Prozent 209
Soziales Umfeld 12 Prozent 152
Organisierte Strukturen
(inkl. ritueller Strukturen)
10 Prozent 117
FremdtÀter 5 Prozent 56

Diese Tabelle beruht auf der Anhörung von 914 Betroffenen, die von Missbrauch in 1216 ZusammenhĂ€ngen berichteten. Das zeigt, dass viele Kinder sexuelle Gewalt nicht nur in einem, sondern in mehreren ZusammenhĂ€ngen erleben. Ich vermute, dass dies besonders fĂŒr Kinder gilt, die entweder in der Familie oder familienĂ€hnlichen Strukturen wie Heimen und Pflegefamilien missbraucht werden.

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»…als Teil der Erziehung«

Laut Aufarbeitungskommission sexueller Missbrauch sind die HĂ€lfte der TĂ€terInnen die Eltern oder andere nahe Verwandte, 30 bis 40 Prozent sind nahe Bezugspersonen im Umfeld der Kinder (Familienfreunde, Nachbarinnen, TrainerInnen, ErzieherInnen, Pfarrer usw.). Nur fĂŒnf Prozent sind »FremdtĂ€ter«. Je jĂŒnger die betroffenen Kinder, desto höher ist der Anteil der Eltern und anderer Familienmitglieder. Bei organisierter sexueller Gewalt kommen sogenannte »FremdtĂ€terInnen« zumeist nur als bezahlende Kunden vor; ich kenne keine einzige Betroffene, bei der nicht mindestens ein (Pflege-)Elternteil in der Gruppe aktiv war.

Die Aufarbeitungskommission fasst es so: »Im besonderen Maße waren Kinder und Jugendliche im Privatraum Familie – sei es der Herkunfts- Pflege- oder Adoptionsfamilie – der WillkĂŒr von Gewalthandlungen ausgeliefert, unter anderem deshalb, weil TĂ€ter und TĂ€terinnen sie als Teil der Erziehung bezeichnen konnten. Körperliche, psychische und emotionale Gewalt gehörten auch fĂŒr viele Angehörte zum Familienalltag. Das soziale und emotionale Klima einer Familie bildete hĂ€ufig den NĂ€hrboden fĂŒr die sexuelle Gewalt. Die ÜbergĂ€nge von verbaler zur körperlichen sexuellen Gewalt waren daher hĂ€ufig fließend. Betroffene berichten von ­sexistischen und kinderfeindlichen Herabsetzungen im Familienalltag, die sowohl von dem TĂ€ter oder der TĂ€terin als auch von anderen Ă€lteren Familienmitgliedern ausgingen. Sie beschreiben, dass sie durch Herabsetzungen entwĂŒrdigt und ihr Körper mit beschĂ€menden AusdrĂŒcken abgewertet wurde. In Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt standen auch Beschimpfungen, wenn MĂ€dchen beispielsweise als â€șSchlampeâ€č oder Jungen als â€șKnechtâ€č gedemĂŒtigt wurden. Sprache war somit ein Teil der sexualisierten Gewalt und diente der Kontrolle, zum Beispiel wenn TĂ€ter und TĂ€terinnen wĂ€hrend der Übergriffe sprachen.«16

Im Zentrum des Kindesmissbrauchs stehen die bĂŒrgerliche Familie, die Kirche, sowie andere ­Erziehungsanstalten. Laut Bilanz der Aufarbeitungskommission vom ­April 2019 verteilen sich die TĂ€terInnen wie folgt:

Der angebliche »Privatraum Familie« ist das Folgemilieu der Verbiegungen der Elterngeneration in den Arbeits- und Verwertungsprozessen.17 Diese ĂŒbertragen in die Eltern-Kind-Beziehungen ein im Verwertungsprozess erlerntes autoritĂ€res Funktionieren zusammen mit falschen Vorstellungen von »Vertrauen«, das gleichzeitig LoyalitĂ€tsdruck erzeugt. Was zuhause geschieht, geht niemand etwas an! InnerfamiliĂ€re Gewalt ist ein wesentliches Schmiermittel dieser Konstellation. Es ist die ­Familie, in der die Taten begangen werden; und es ist die Familie, die TĂ€terInnen schĂŒtzt, denn die ­Familie darf nicht »beschmutzt« werden.

Viele staatliche und pĂ€dagogische Stellen schĂŒtzen diese Konstellation, denn ihr Dogma lautet: Kinder gehören (zu) ihren Eltern, elterliche Erziehung ist die einzig natĂŒrliche. Eltern wollen nur das Beste fĂŒr ihr Kind und werden ihm niemals schaden. Schon gar wenn es sich um eine Mittel- oder Oberschichtsfamilie handelt, die als »zu aufgeklĂ€rt« gilt, um ernsthafte Gewaltprobleme zu haben. In diesem Fall hat ein Kind, selbst wenn die sexuelle Gewalt offensichtlich ist, keine guten Chancen aus der Familie herauszukommen. Wenn es sich gar um organisierte sexuelle Gewalt mit den oben aufgezeigten Mustern handelt, gehen die Chancen gegen Null.

Drum herum braucht es ein bestimmtes gesellschaftliches Klima, dass man sich nicht einmischt, wenn man in der Nachbarswohnung Schreie hört, nicht nachfragt, wenn Kinder oft verletzt sind.

»Ab wann Anne von ihrer Mutter missbraucht wurde, weiß sie nicht. Aber sie weiß, wann der Vater begann: als das Kind sechs Monate alt war. […] Man brachte das schwer verletzte Kind nicht ins Krankenhaus, sondern zur Krankenpflege zu den Großeltern. Anne erfuhr davon erst 2004, aus dem Brief einer Tante. Die Tante stand vor einer Operation mit ungewisser Überlebenschance und wollte sich â€șentlastenâ€č, so schreibt sie an Anne, damals 30. Alle in der Familie hĂ€tten es gewusst. [Aber] am Ende sei ja alles gutgegangen und Anne wieder gesund gewesen. Die Tante schließt ihren Brief hiermit: â€șWeißt du, man muss Vergebung lernen, sonst wird man nie glĂŒcklich.â€č« Anne wurde von ihrem Vater und ihrer Mutter missbraucht, und ab dem Alter von zwei Jahren in organisierten ­Ringen an andere TĂ€ter verkauft.18

Die Familie ist das Problem

In der altgermanischen Großfamilie galten Kinder so viel wie Haustiere. Der Patriarch konnte sie aussetzen, verstoßen, verkaufen oder auch töten. Der Philosoph Giorgio Agamben sieht im Tötungsrecht von Angehörigen durch den Vater das Fundament politischer Macht, der SouverĂ€nitĂ€t des Staates, die sich im Ausnahmezustand am deutlichsten zeigt. Der Vater als Oberhaupt des Hauses, der mit dem »Hausrecht« ĂŒber weitreichende Befugnisse verfĂŒgte, vom Verheiraten der Töchter, bis zum Verkauf der leibeigenen Hausgenossen in Notlagen, und der ĂŒber Zutritt zu seinem Haus entschied. Eine Konstellation, zu der in der einen oder anderen Form (z.B. das »Recht auf Selbstverteidigung« der Lega in Italien) alle reaktionĂ€ren KrĂ€fte zurĂŒckwollen. ZurĂŒck zu den alten Geschlechter- und Familienbildern. Das kann in unsicheren Zeiten wie den heutigen offensichtlich Massen mobilisieren.

Sehr viel ziviler erscheint da die bĂŒrgerliche Familie. Der Vater verdient das Geld, die Mutter kĂŒmmert sich um Haushalt und Kinder, diese gehen in staatliche Erziehungseinrichtungen. Die damit verbundene Arbeitsteilung – den Verzicht auf die Mithilfe beim Broterwerb von Frauen und Kindern – konnten sich zunĂ€chst nur Adel und BesitzbĂŒrgertum leisten. Proletarische und bĂ€uerliche Familien waren in dieser Zeit Haushaltsgemeinschaften, in denen verschiedene verwandte und nicht verwandte Menschen sich gemeinsam um Auskommen und Reproduktion kĂŒmmerten.19 Erst gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das bĂŒrgerliche Familienmodell auch von Teilen des Proletariats angestrebt – und dann im Fordismus breit umgesetzt.20 Erfolgreiche KĂ€mpfe fĂŒr kĂŒrzere Arbeitszeiten – und fĂŒr den Ausschluss von Kindern und Frauen aus der Produktion, was sowohl eine sozialdemokratische wie eine kirchliche Forderung war – bildeten die Basis dafĂŒr. Die Familie als Ort der »PrivatsphĂ€re« soll(te) den ZwĂ€ngen der Akkumulation entzogen sein und der Erholung und Erbauung dienen; sie soll(te) Schutzraum fĂŒr die unschuldigen Kinder sein, die »erzogen«, das heißt fĂŒr ihr spĂ€teres gesellschaftliches Funktionieren zugerichtet werden mĂŒssen. Die Erfindung der »Kindheit« als eine besondere Lebensphase ist eng damit verknĂŒpft.

Unterm Nationalsozialismus und dann bis in die 60er Jahre war in Deutschland dieses Familienmodell sowohl ideologisch als auch gesetzlich gefördert fast flĂ€chendeckend durchgesetzt. Die sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre brachten die Familie in die Krise, aber seit den 90ern hat sie ein come back, wĂ€hrend sie sich gleichzeitig modernisiert. Regenbogen- und Patchwork-Familien erweitern die Norm. Auch Alleinerziehende gelten rechtlich mittlerweile als Familie, es gibt eingetragene Lebenspartnerschaften bzw. gleichgeschlechtliche Ehen. Erwerbsarbeit von Frauen ist heute selbstverstĂ€ndlich und wĂŒnschenswert, Zusammenleben ohne rechtliche Form kein Skandal, weibliche FamilienernĂ€hrerinnen mit einem zuverdienenden Ehemann machen Karriere bis in die Politik. Trotzdem halten sich viele Ideale der bĂŒrgerlichen Familie, und die Kleinfamilie als letzte PrivatsphĂ€re, als scheinbar den Zumutungen des neoliberalen Kapitalismus entzogener RĂŒckzugsort kehrt wieder bis weit in links-alternative Kreise.

Noch bis in die 90er Jahre waren Gewalt in der Ehe und die Misshandlung der Kinder, beides natĂŒrlich nur zu erzieherischen Zwecken, sogar staatlich geschĂŒtzt und rechtlich legitimiert. Heute wird innerfamiliĂ€re Gewalt stĂ€rker strafrechtlich sanktioniert. wikipedia weist unter dem Eintrag Kindesmisshandlung allerdings auf die »gespaltene Haltung des Staates« hin: Sie zeige sich »besonders an dem Paradox, dass ein gegen den Partner gewalttĂ€tiger Ehegatte 
 mit Sorgerechtsentzug, Wohnungsverweis und schließlich auch Freiheitsentzug zu rechnen hat, wogegen aber bei Kindesmisshandlung durch dieselbe Person UnterstĂŒtzung durch Jugendhilfemaßnahmen (sogenannte Hilfen zur Erziehung) zur Linderung einer Überforderungssituation als Lösung verfolgt wird.«

Mit der Agenda 2010 ist wiederum ein sehr erweiterter Familienbegriff in das deutsche Recht eingezogen: Familie heißt jetzt »Bedarfsgemeinschaft« und zwingt auch Menschen, die sich nicht fĂŒr bĂŒrgerliche Familienformen wie Ehe oder Lebenspartnerschaft entschieden haben, eine gegenseitige finanzielle AbhĂ€ngigkeit auf.

»Gelobt sei Gott!«21

Bis heute versucht die katholische Kirche, das wahre Ausmaß der Gewalt zuzudecken. Unter dem Druck der Öffentlichkeit richtete sie nach dem Bekanntwerden der jahrelangen sexuellen Gewalt am Canisius-Kolleg in mehreren LĂ€ndern Kommissionen, Missbrauchsbeauftragte und Hotlines fĂŒr Betroffene ein. 2011 beauftragten die katholischen deutschen Bischöfe den Kriminologen Christian Pfeiffer, eine Studie zum sexuellen Missbrauch zu erstellen. Die Zusammenarbeit endete im Eklat. weil Pfeiffer und sein Team »aus DatenschutzgrĂŒnden« weder freie Akteneinsicht bekommen, noch ungenehmigte Ergebnisse veröffentlichen sollten. Pfeiffer erklĂ€rte, die Studie sei »an den Zensur- und KontrollwĂŒnschen der Kirche gescheitert«, er sei von den Kirchenoberen bedroht und ihm sei ein Schweigegeld geboten worden, wenn er nicht ĂŒber den Grund der Scheiterns spreche.22

Bei zwei weiteren Studien im Auftrag der Kirche durften die ForscherInnen ebenfalls nur vorsortierte Akten einsehen und den Umgang der Verantwortlichen in den BistĂŒmern mit MissbrauchsvorwĂŒrfen gegen unterstellte Geistliche nicht untersuchen.

Erst die sogenannte MHG-Studie veröffentlichte im Jahr 2018 Zahlen – auch diesmal aufgrund zahlreicher BeschrĂ€nkungen sehr unvollstĂ€ndige ­Zahlen, zudem gab es in zwei BistĂŒmern »systematische Vernichtung und Manipulation von Personal­akten«.23 Die schöngerechneten Zahlen lauten: 1670 TĂ€ter, 3316 Betroffene zwischen 1946 und 2016. Die Uniklinik Ulm kommt in einer unabhĂ€ngigen Studie dagegen auf 114 000 Betroffene im Bereich der katholischen Kirche.24 Die evangelische Kirche hat sich lange weggeduckt und beginnt erst in letzter Zeit, die eigene Geschichte sexuellen Missbrauchs aufzuarbeiten.25 In der katholischen Kirche verschĂ€rft sich die Situation noch durch die besonders konservative hierarchische Organisation, ihre Homophobie, den Zölibat und den kategorischen Ausschluss von Frauen in den zentralen Bereichen. In solchen Organisationen hat sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche einen guten NĂ€hrboden.26

Freikirchliche evangelische und katholische Sekten stehen den offiziellen Kirchen in puncto GewaltausĂŒbung in nichts nach, wird in ihnen doch hĂ€ufig auch noch Exorzismus betrieben und noch strengere moralische und sexuelle »Reinheit« gepredigt. Sie sind besser gegen alles weltliche Leben abgeschottet und ein »Abfallen vom Glauben« hat den Verlust aller sozialen Beziehungen zur Folge: wer sich von der Gemeinschaft entfernt oder sie beschmutzt, wird verstoßen. So kommen VorfĂ€lle noch wesentlich seltener an die Öffentlichkeit.

Wie es um sexuelle Gewalt gegen Kinder in anderen Kirchen steht, lĂ€sst sich nur vermuten, nur langsam werden Berichte aus Koranschulen, aus streng religiösen jĂŒdischen Institutionen oder ­buddhistischen Klöstern veröffentlicht27.

Bei uns sind die Kirchen nach wie vor innigst verknĂŒpft mit der politischen Macht und haben große Bedeutung fĂŒr die Aufrechterhaltung der ­gesellschaftlichen Ordnung – nicht nur in Bayern! In vielen Regionen Westdeutschlands sind sie die TrĂ€ger fast aller sozialer Einrichtungen, sowie von Kinder- und Jugend­arbeit.

Angriff auf »’68«

In seiner Rede zum Abschluss des Missbrauchsgipfels der katholischen Kirche im Februar 2019 machte der aktuelle Papst den »Teufel« fĂŒr den Kindesmissbrauch durch katholische Kleriker verantwortlich. Satan wĂŒrde mittels Internet mit kinderpornografischen Inhalten die Jugend verderben und auch vor dem Klerus nicht haltmachen.28

Konkreter wurde der Ex-Papst Ratzinger in einem langen kirchenpolitischen Text im FrĂŒhjahr 2019; er machte erneut vor allem »die 68er Revolution« fĂŒr die pĂ€dosexuellen Klerikerverbrechen verantwortlich und erneuerte seine alte These, die Akzeptanz von HomosexualitĂ€t komme einem »Ausstieg aus der gesamten moralischen ­Geschichte« gleich. Nur zwei Zitate mögen verdeutlichen, wie stark Ratzinger ultrarechten »LebensschĂŒtzern« Argumentationshilfe gibt:

»Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen EinfĂŒhrung der Kinder und der Jugend in das Wesen der SexualitĂ€t.« (gemeint und namentlich angegriffen wird KĂ€te Strobel von der SPD, Gesundheitsministerin von 1966 bis 1972) »Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch PĂ€dophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.«29

Ratzinger ist familiĂ€r eng verbunden mit sexueller und körperlicher Gewalt gegen Kinder; sein Bruder deckte seit Mitte der 60er Jahre als musikalischer Leiter der Regensburger Domspatzen den massenhaften sexuellen Missbrauch (und verteilte selbst krĂ€ftig SchlĂ€ge). Aber es wĂ€re zu kurz gegriffen, seine hysterischen Angriffe als Ablenkung zu sehen. Denn »’68« und der daraus resultierende enorme Machtverlust der Kirchen hat die heutige Aufdeckung der systematischen sexuellen Gewalt erst möglich gemacht. Und das haben die ReaktionĂ€re den 68ern niemals verziehen.

Die 68er haben sich auch sehr konkret um die Befreiung von Kindern aus Erziehungsanstalten gekĂŒmmert. Und ohne »’68« und die Enttabuisierung der SexualitĂ€t wĂ€ren die tatsĂ€chlichen Verbesserungen nicht denkbar. In diesem Rahmen haben die »68er« ĂŒber ihre Neuentdeckung von Freud auch Kinder als sexuelle Wesen ernst zu nehmen versucht; und den meisten war durchaus klar, dass Erwachsene dabei nichts verloren haben. Konservative wollen das umdrehen mit der Behauptung, sexuelle Emanzipation und Sexualerziehung an der Schule wĂŒrde alle möglichen »Perversionen«, also auch PĂ€dophilie, legalisieren und so sexuellem Missbrauch von Kindern TĂŒr und Tor öffnen. Aber erstens war sexuelle Gewalt gegen Kinder vor »’68« stĂ€rker verbreitet als heute, und zweitens haben wir gesehen, dass es nur zu einem kleinen Teil PĂ€dophile sind, die sie ausĂŒben.

Aktuell ziehen »besorgte Eltern« aus den Kreisen rechter »LebensschĂŒtzer« mit einem Bus durch die BRD, um die »FrĂŒhsexualisierung« von Kindern durch Sexualkunde-Unterricht zu verbieten. In Polen arbeiten Regierung und Parlament auf Betreiben des rechtsklerikalen BĂŒndnisses Stop Pedofili bereits an einem Gesetz, das SexualaufklĂ€rung mit hohen GefĂ€ngnisstrafen bedroht. Sie sind der reaktionĂ€rste Teil einer neuen prĂŒden Bewegung, die behauptet, unbefangene Nacktheit und freie SexualitĂ€t wĂ€ren die Ursachen sexueller Gewalt. Und sie treffen bei erstaunlich vielen Menschen einen Nerv. Eltern lassen ihre kleinen Kinder nicht mehr nackt schwimmen und spielen, weil sie Angst haben, das komme einer Einladung zum sexuellen Missbrauch gleich. Fotos leicht- oder ­unbekleideter Kinder aus dem Verwandten- oder Freundeskreis werden Gegenstand panischer Debatten – wĂ€re das nicht schon der erste Schritt zu »Kinderporno­grafie«?

Diese Körper- und Sexualfeindlichkeit lÀdt Nacktheit mit SexualitÀt auf, die zwanghafte »Entsexualisierung« sexualisiert Kinder erst recht. Genau auf diesem doppelten Boden gedeiht ­Gewalt.

Awareness Teams

Wer definiert die Regeln? Und kommen wir mit Regeln ĂŒberhaupt weiter? Einerseits ja. Es muss selbstverstĂ€ndlich sein, dass ein »Nein« ernst genommen wird, dass Kinder nicht auf Kommando andere kĂŒssen oder sich anfassen lassen mĂŒssen. Und der Spruch, »stell dich nicht so an, das ist doch bloß SpaĂŸÂ« muss aus der Welt verschwinden. Andererseits hat sich aber gerade in linken und feministischen Kreisen eine große Regelwut ausgebreitet. Zum Beispiel wird von MĂ€nnern, aus GrĂŒnden der Gleich(un)berechtigung verlangt, keine entblĂ¶ĂŸten Oberkörper zu zeigen. In der WG unbekleidet vom Bad durch den Flur ins Zimmer zu laufen, ist mindestens unschicklich. Wer zu lauten Sex hat, kann sich den Vorwurf der akustischen »sexuellen BelĂ€stigung« einhandeln.

Dabei sind Sexparties bei vielen durchaus angesagt, ĂŒber Sex in allen Varianten – gerne auch SM – kann sehr wohl geredet werden.

Im Kern verlangen die Regeln also eine saubere Trennung zwischen öffentlichem Raum, der »geschĂŒtzt« sein muss, und privatem Raum, in dem jegliche Spielart von Sex stattfinden kann. Damit sind wir aber zurĂŒck in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts: SexualitĂ€t soll wieder im nicht hör- und sichtbaren Privatbereich stattfinden.

Das Argument fĂŒr solch rigide Regeln lautet zumeist: »Schutz von Betroffenen sexueller Gewalt«; denn die könnten von Nacktheit oder SexualitĂ€t getriggert30 werden. Zusammentun kann man sich nur mit Leuten, die solche Verhaltensregeln akzeptieren. Dies fĂŒhrt zu Angst und Abschottung gegen das »feindliche Außen«. Das beruht dann auf Gegenseitigkeit. Menschen außerhalb solcher Kreise verstehen solche Regeln nicht. Strikt, wie sie vorgetragen werden, wirken sie nur autoritĂ€r und lösen Trotz, Belustigung und Ablehnung aus.

»Definitionsmacht«

»Definitionsmacht« und »SchutzrĂ€ume« (Safe spaces) sollen Sexismus, Rassismus usw. unterbinden, fĂŒhren aber zu teils absurden Verhaltensregeln. In »Safe spaces« soll nichts vorkommen, von dem sich jemand getriggert, beleidigt oder angegriffen fĂŒhlen könnte. Lassen sich »möglicherweise triggernde« Inhalte nicht unterbinden, werden unĂŒbersehbare »Triggerwarnungen« gefordert, um Retraumatisierungen zu vermeiden. Eine sinnvolle Maßnahme im Rahmen von Selbsthilfe-Gruppen, aber Ă€ußerst bedenklich als politisches Konzept, das »Safe spaces« auf alle Bereiche ausweiten will. Es pathologisiert die ganze Gesellschaft und spricht Menschen die FĂ€higkeit zur Selbstverantwortung ab bzw. beraubt sie der Möglichkeit, diese zu lernen. Letztlich zensiert man damit die Auseinandersetzung mit unbequemen Themen (z. B. kontroverse Diskussionen in Uniseminaren oder Berichte zu einschlĂ€gigen Themen wie Rassismus).

Nach dem Konzept »Definitionsmacht« liegt es im subjektiven Erleben der Betroffenen, wie etwas einzuordnen ist. Wenn eine Grenzverletzung oder ein sexistischer Spruch als sexuelle Gewalt oder gar Vergewaltigung erlebt wird, so darf dies nicht hinterfragt werden. Denn das Hinterfragen oder hĂ€ufig sogar die »Zumutung«, anderen vom genauen Vorfall zu erzĂ€hlen, gilt als weiterer Angriff; damit wĂŒrde Rechtfertigungsdruck aufgebaut oder gar versucht, AggressorInnen zu entschuldigen.

Da Grenzverletzungen und Sexismus weiterhin vorkommen, gibt es letztlich inflationÀr viele »Betroffene von sexueller Gewalt«. Aber nicht nur wer sie abkriegt, bestimmt ihre Einordnung; genauso oft definieren selbsternannte »StellvertreterInnen« im Nachhinein, wie ein Vorfall zu bewerten ist, oder legen den Betroffenen in den Mund, wie sie eine Situation verstehen sollen.

Genau zu benennen, was passiert ist, ist aber oft wichtig. Blicke, SprĂŒche oder ungewolltes Anfassen können harmlos oder Grenzverletzungen sein, sexistische Respektlosigkeiten oder noch mehr. Es kommt auf die BegleitumstĂ€nde an, auf subtile und nonverbale Feinheiten. Pauschale Definitionsversuche scheitern. Wir brauchen unterschiedliche ­Begriffe fĂŒr unterschiedliche Situationen. Es muss möglich sein, VorfĂ€lle gemeinsam einzuordnen, anstatt sie zu verdrĂ€ngen und mit dem Ekel hilflos und alleine zu sein – oder sie automatisch in die Schublade »sexuelle Gewalt« zu sortieren.

Denen, die als Kind sexueller Gewalt ausgesetzt waren, hilft das Vermischen von Grenzverletzungen mit Vergewaltigung nicht. Ihre Geschichten werden dadurch sowohl bagatellisiert, als auch zur lebenslangen Dauererfahrung, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Um sich von dem zu befreien, was einer/m angetan wurde, muss mensch es einordnen können und aussprechbar machen. RealitĂ€tscheck: was ist genau passiert, was nicht? Warum wird mir davon schlecht? Was hat das mit frĂŒheren Erfahrungen zu tun? Ohne Unter- oder Übertreibung sich mit der erlebten Gewalt genauso wie mit ihrer Spiegelung im spĂ€teren Leben konfrontieren. Durch Spiegelungen bringen sich Betroffene oft – unbewusst – in Situationen, in denen sich ihre Gewalterfahrungen strukturell wiederholen (z.B. sich einen Typen suchen, der einen abwertet und vergewaltigt). Auch »Echos« (flashbacks) verzerren noch Jahre und Jahrzehnte spĂ€ter die RealitĂ€t, dann wird z. B. eine Grenzverletzung als eine Wiederholung sehr viel massiverer Übergriffe in der Vergangenheit erlebt. Auch deshalb sollte nicht jede Grenzverletzung als »Vergewaltigung« bezeichnet werden.

Selbsthilfegruppen sind wichtig, sie sind nĂ€her am Alltag und weniger pathologisiert als Therapien. Die anderen verstehen meistens viel schneller und besser von was ich rede, und es ist ein starkes GefĂŒhl, mit Leuten in ner Ă€hnlichen Lage große und kleine Strategien fĂŒr ein gutes Leben trotz der krassen Scheiße zu finden. Solche Gruppen haben aber auch eine starke BeschrĂ€nkung, es gibt wenig ­GesprĂ€che, die sich nicht mit dem Trauma bzw. seinen Folgen befassen. Und Betroffene können sich ganz fantastisch runterziehen, »Spiegelungen« funktionieren in diesem setting mit Pech noch viel intensiver und können zu völligem Chaos fĂŒhren, auf psychologisch heißt das »TĂ€ter-Opfer-Retter-Dreieck«. Du brauchst schon »Werkzeuge«, um solche negativen Dynamiken umgehen oder unterbrechen zu können.

Perspektiven der Befreiung

Neben den gesellschaftlichen VerĂ€nderungen im Gefolge von ’68 sind wahrscheinlich zwei Dinge sehr wichtig dafĂŒr, dass es Kindern heute bessergeht als vor 50 Jahren: die Abwesenheit von Krieg und die VerstĂ€dterung (der Kinder). In der Stadt ist man AutoritĂ€ten weniger ausgeliefert und kann sich leichter Widerstand dagegen organisieren.

Das VerhĂ€ltnis zu Gewalt gegen Kinder hat sich – rechtlich, aber auch in der »sozialen SensibilitĂ€t« – in allen öffentlichen Bereichen in den letzten 20, 30 Jahren massiv verĂ€ndert. Sie wird auch offiziell als Problem benannt und behandelt. Die Debatte ĂŒber Missbrauch in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen können die Herrschenden nicht mehr abdrehen. Was wir aber viel stĂ€rker in den Fokus rĂŒcken mĂŒssen, sind die Familien: Dort hat sich eher was polarisiert. Einerseits durch den Angriff mit der »Agenda 2010«, die Armut zur »Familiensache« macht und damit verbunden weitreichende Zumutungen autoritĂ€r durchsetzt. Das bereitet Gewalt in diesen Familien den Boden. Andererseits durch ein romantisch verklĂ€rtes Comeback von ĂŒberwunden geglaubten BezĂŒgen auf eine »heile Familie« als Schutz in unsicheren Zeiten auch in ehemals linken ZusammenhĂ€ngen.

Zweitens mĂŒssen wir daran arbeiten, dass nicht gerade die sich hĂ€ufenden »Skandale« in die gegenteilige Richtung ausschlagen! Mit nichts lĂ€sst sich die AufrĂŒstung der Sicherheitsapparate besser verkaufen als mit dem »Schutz der Kinder«: mehr ­Polizei, mehr Jugendamt, mehr Überwachung, hĂ€rtere Gesetze. Zugleich erzeugt die Medienberichterstattung zusammen mit den facebook-Filterblasen bei vielen Menschen ein stĂ€ndig wachsendes BedrohungsgefĂŒhl, obwohl die KriminalitĂ€tsstatistiken das Gegenteil belegen. Die Linke lĂ€uft Gefahr, mit ihren Verbotsfantasien Kopflanger fĂŒr die AufrĂŒstung des Polizeistaats zu werden.

Stattdessen sind emanzipatorische Auseinandersetzung mit SexualitĂ€t, AufklĂ€rung und ­sexuelle Selbstbestimmung noch immer die besten ­Waffen gegen rechte »LebensschĂŒtzer«!

Das Hauptproblem der ehedem radikalen Linken ist aber ihre Integration in den Staat. Die Frauenbewegung hatte viel angeschoben: hĂ€usliche Gewalt zum Politikum gemacht, die ersten FrauenhĂ€user eröffnet
 Nach ihrem Ende als Bewegung sahen die Aktivistinnen nur die Chance, die Bezahlung durch den Staat einzufordern. Ein, zwei Generationen spĂ€ter sind alle diese Institutionen zumindest staatlich finanziert, oft auch direkt in staatlicher Hand und arbeiten mit Jugendamt, ­Polizei usw. zusammen.31

In Norwegen gibt es den prĂ€ventiven Kinderschutz schon: Seit einer Gesetzesnovelle von 2000 versucht der Staat, Kinder frĂŒhzeitig vor möglichem Missbrauch zu schĂŒtzen. Im Verwaltungsgebiet Oslo lĂ€uft seit 2016 ein Projekt, bei dem Kindergartenkindern Fragen zum Verhalten der Eltern gestellt werden, etwa ob die Alkohol trinken. 2019 kam es zu 55 000 Interventionen der Behörde. Betroffen sind besonders Familien aus dem Ausland und arme Eltern.

Das kann nicht unsere Perspektive sein, mit dem Staat gegen die Familie vorzugehen! (Zudem schaffen Linke, die solche Projekte mittragen, ProjektionsflĂ€chen fĂŒr rechtsradikale Hetze.)

Familie, Kirche und Staat sind die HaupttĂ€ter – alle drei mĂŒssen abgeschafft werden, wenn wir uns ­befreien wollen. Sie lassen sich nicht so weit »reformieren«, dass ihnen (sexualisierte) Gewalt gegen Kinder verunmöglicht wird – Gewalt gegen Kinder steckt im Kern dieser Institutionen.

Alle emanzipatorischen Projekte haben darĂŒber nachgedacht, die Familie aufzulösen. Ein revolutionĂ€rer Prozess, der das nicht beinhaltet, ist keiner. Kollektive sind dabei wichtig, aber sie mĂŒssen in einen breiteren Zusammenhang eingebunden sein. In sich abgeschlossene Kollektive sind, gerade wenn sie auf ideologische/religiöse Abwege geraten, sehr anfĂ€llig fĂŒr Missbrauchs- und Gewaltbeziehungen.

Um den Kreislauf aus selber erlittener Gewalt und wiederholter Opfer- und/oder TĂ€tererfahrung zu durchbrechen, mĂŒssen wir miteinander ĂŒber die eigenen Geschichten mit sexueller Gewalt reden und anderen sensibel zuhören, wenn sie davon erzĂ€hlen. Das schwĂ€cht die zerstörerische Kraft dieser Erfahrungen. Ohnmacht, Einsamkeit, Angst und Aggression, die sie hervorrufen, werden kleiner; sie werden ĂŒberwindbar. Nur so können wir erkennen, wo unsere menschlichen und politischen Beziehungen von solchen Geschichten beeintrĂ€chtigt sind – und was daran Ă€ndern! Nicht zuletzt macht es handlungsfĂ€hig, wenn in unserem Umfeld sexuelle Gewalt gegen Kinder (oder Erwachsene) ausgeĂŒbt wird.

Wenn der Kopf frei(er) von der alten Scheiße wird, hat‘s darin mehr Platz fĂŒr den Kampf um ein befreites Morgen!

LĂŒgde – eine Kette von
Schlamperei und ZufÀllen?

Ende Januar 2019 wurde der »Skandal« von LĂŒgde öffentlich bekanntgegeben; der HauptverdĂ€chtige war bereits knapp acht Wochen zuvor in U-Haft genommen worden. Wie immer sprachen die Medien von einem »monströsen Verbrechen ohne Beispiel« (so etwa der Spiegel am 27.6.2019). Es gab acht Beschuldigte; darunter mehrere Eltern, die ihre Kinder den HaupttĂ€tern zur sexuellen Ausbeutung ĂŒbergeben hatten. Es ging um einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren, um Dutzende betroffene Kinder und hunderte Taten. Ende Mai wurden zudem Verfahren gegen vierzehn Beschuldigte von Polizei, JugendĂ€mtern und Familienhilfe-Organisationen eingeleitet.

Bei Prozessbeginn Ende Juni gestanden die drei »HaupttĂ€ter« bereits am ersten Tag. Nebenklage-Vertreter hatten vergeblich gefordert, auch mögliche HintermĂ€nner und UnterstĂŒtzer zu ermitteln und anzuklagen. Aber die Richterin stellte klar: »Warum niemand etwas gemerkt oder gesehen hat, ist nicht Gegenstand des Verfahrens.« Am Schluss wurde es ein »schlanker Prozess fĂŒr alle«, wie der Spiegel schrieb.

Der organisierte Sumpf blieb im Dunkeln. Einiges wurde trotzdem bekannt. Die zwei zustĂ€ndigen JugendĂ€mter hatten ĂŒber Jahre immer wieder Hinweise auf sexuelle Übergriffe auf Kinder durch einen der beiden HaupttĂ€ter, Andreas V., erhalten, diese jedoch grĂ¶ĂŸtenteils »zu den Akten gelegt«. Einige Anzeigen gaben MitarbeiterInnen des Jugendamtes an die Polizei weiter – dann wurden sie eben dort umgehend »zu den Akten gelegt«. Trotzdem wurde Andreas V. Anfang 2017 vom Jugendamt zum Pflegevater eines Kindergartenkindes ernannt – eine Mitarbeiterin hatte zuvor die Teile der Akte gelöscht, in denen auf seine sexuellen Übergriffe hingewiesen wurde. Als die Sache aufflog, manipulierte der Leiter des zustĂ€ndigen Jugendamtes erneut die Akten.

Auch bei der Polizei hĂ€uften sich »MerkwĂŒrdigkeiten«: 155 CDs, die im Wohnwagen von Andreas V. gefunden wurden, verschwanden aus der Dienststelle – angeblich, bevor irgendjemand einen Blick darauf geworfen hatte. Dieselbe Dienststelle war drei Jahre zuvor zwei Anzeigen nicht nachgegangen. An den Ermittlungen waren zwei Polizisten beteiligt, die wegen des Besitzes von »Kinder­pornografie« vorbestraft sind.

Nach unzÀhligen Beschwichtigungsversuchen musste dann doch ein Sonder­ermittler her. Er kam zu dem Schluss, die DatentrÀger seien »bewusst entwendet« worden. Eingeleitet wurde ein Verfahren gegen Unbekannt wegen Diebstahls (!).

Der Wohnwagen von Andreas V. galt als zentraler Tatort und wurde insgesamt sechsmal durchsucht. Immer wieder tauchten dabei CDs und Computer auf, die davor Â»ĂŒbersehen« worden waren, aber offen herumlagen, als sie zu einem spĂ€teren Zeitpunkt entdeckt wurden. Selbst beim Abriss des Wohnwagens und der dazugehörigen Anbauten fanden Arbeiter weitere DatentrĂ€ger und Videokassetten – aufgrund eines Brandes teilweise zu beschĂ€digt, um noch angesehen zu werden.

FĂŒr die Befragung der betroffenen Kinder war die Kripo-Beamtin zustĂ€ndig, die 2016 die Anzeigen gegen den Hauptbeschuldigten nicht weitergegeben hatte. Trotz einer entsprechenden Fortbildung zur »Befragung von Opferzeugen« hielten sie und ihre Kolleginnen bei der Befragung der betroffenen Kinder die notwendigen Standards nicht ein. Einige Kinder wurden bis zu viermal von der Polizei vernommen – eine extreme Belastung. FĂŒr TĂ€terInnen kann das zum GlĂŒcksfall werden, denn »OpferzeugInnen« mĂŒssen sich einer GlaubwĂŒrdigkeitsprĂŒfung unterziehen, und wenn sich aufgrund mehrfacher Befragungen WidersprĂŒche in ihrer Aussage ergeben, gelten diese nicht mehr als glaubwĂŒrdig.

Ähnliches gilt ĂŒbrigens fĂŒr alle DatentrĂ€ger, die nach der ersten Durchsuchung gefunden wurden – sie könnten ja manipuliert und nachtrĂ€glich deponiert worden sein. Sicher verwertbar fĂŒr ein Ge­richts­verfahren sind nur Bilder, Filme und ­Dateien, bei denen die Angeklagten eindeutig identifizierbar sind, vieles weitere kann höchstens als Indiz gewertet wird.

Das Nicht-Ermitteln in FĂ€llen von sexueller Gewalt gegen Kinder scheint bei der zustĂ€ndigen Kreispolizeibehörde Lippe System gehabt zu haben: Am 26. Februar 2019 teilte das PolizeiprĂ€sidium Bielefeld mit, die Ermittlungskommission »Behördenermittlungen« habe eine sehr umfangreiche tabellarische Übersicht dieser Kreispolizeibehörde entdeckt, in der seit 1999 Hinweise auf Sexualdelikte gegen Kinder fortgeschrieben wĂŒrden. Bei einzelnen Hinweisen seien Tagebuchnummern aufgefĂŒhrt, bei anderen jedoch nicht. Unter dem Datum 28. Januar 2002 sei der Verdacht eingetragen, dass Andreas V. ein damals achtjĂ€hriges MĂ€dchen missbraucht habe. Auch dieser Hinweis war »zu den Akten gelegt« worden.

Der zustĂ€ndige Ermittlungsrichter machte Schlagzeilen, weil er den Beamt­Innen der kritisierten Lipper Polizeibehörde mitten im Polizeiskandal eine SolidaritĂ€ts-eMail schrieb, um den »lieben Kolleginnen und Kollegen« den RĂŒcken zu ­stĂ€rken, denn »Ihr seid die Guten«.

All diese Manipulationen, Schlampereien und Verschleppungen schĂŒtzten die TĂ€ter. Vor Gericht gestellt werden die unteren Chargen, Bauernopfer beim Auffliegen eines solchen Netzwerks, damit der Rest in Ruhe weitermachen kann.

Wird ein Fall nicht in dem Maß öffentlich wie in LĂŒgde oder Staufen, bringt sich einE BetroffeneR durch eine Anzeige oft erst recht in Gefahr: das Ausmaß an Gewalt und Drohung durch die organisierte Gruppe steigert sich, wenn jemand aussteigen und »auspacken« will. Und fast alle Betroffenen erzĂ€hlen Ă€hnliche Geschichten ĂŒber »Ermittlungsfehler«, Â»Ăœbersehen« von Beweismitteln, Ignoranz oder MittĂ€terInnen bei den JugendĂ€mtern, TĂ€terschĂŒtzer oder MittĂ€ter­Innen bei ­Polizei und Gericht etc.

Fußnoten:

[1] Der Verein versteht sich als eine BĂŒrgerrechtsorganisation und Selbsthilfegruppe. In ihm sind Menschen organisiert, die zwischen 1949 und 1985 in Kinder-, Jugend- und Erziehungsheimen untergebracht waren. Er hat das Ziel, die durch die schwarze PĂ€dagogik bei der Heimerziehung hĂ€ufigen Körperstrafen und die sexuelle Gewalt gegen Kinder aufzuklĂ€ren.

[2] »In einem geheimen Schreiben teilte von der Leyen den JugendministerInnen der BundeslĂ€nder mit, dass die Bundesregierung eine Diskussion ĂŒber einen »Nationalen EntschĂ€digungsfonds« nicht wĂŒnsche«; Manfred Kappeler, Die Asymmetrie der Macht am Runden Tisch Heimerziehung, in: WidersprĂŒche 123.

[3] Sexueller Missbrauch an Kindern, Weinheim 1996.

[4] »Das ist doch anatomisch gar nicht möglich«, wird von Leuten eingewandt, die so viel Horror nicht ertragen können. Doch: UnabhĂ€ngig vom Geschlecht des Kindes werden auch sehr kleiner Kinder meist anal vergewaltigt, da vaginale Penetrationen kleiner MĂ€dchen auch fĂŒr die TĂ€ter schmerzhaft, selbst mit sehr viel Gewalt schwierig sind und oft lebensgefĂ€hrliche Verletzungen verursachen, die eine Behandlung im Krankenhaus nötig machen. Das Risiko dadurch aufzufliegen, ist zu hoch.

[5] Mikado Studie, zitiert nach childhood-de.org

[6] »Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen«, Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend; Abschnitt »HÀufigkeit«

[7] Andreas Jud, Miriam Rassenhofer, Andreas Witt, Annika MĂŒnzer & Jörg M. Fegert, HĂ€ufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch, BroschĂŒre 2016, S. 42 f.

[8] Nimmt man eine neuere Studie zur sexuellen Gewalt an rechtlich einwilligungsfĂ€higen Erwachsenen in der TĂŒrkei und Chile (Ă€lter als 14 Jahre) als Gradmesser, ist zu vermuten, dass gerade dort die Anzahl der Betroffenen sehr hoch ist: bei einer Befragung unter StudentInnen in der TĂŒrkei waren nicht nur knapp 80% der Frauen sondern auch 66% der MĂ€nner betroffen. Die HĂ€lfte der betroffenen MĂ€nner berichteten davon, vergewaltigt worden zu sein. Unter den Frauen war die Quote etwas geringer (knapp 40%). Zu Ă€hnlichen SchlĂŒssen kommen Studien ĂŒber sexuelle Gewalt in Griechenland, Litauen, Portugal, Chile und Polen. (»Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen mĂ€nnlichen und weiblichen Opfern« von Stephan Schleim, 13.10.2016 auf telepolis)

[9] Wildwasser Berlin, Wer sind die TĂ€ter(PDF)

[10] 45 Minuten, Sexobjekt Kind, Doku, NDR 2010

[11] »Rituelle Gewalt ist die systematische Anwendung schwerer körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in destruktiven Gruppierungen. HĂ€ufig dient eine Ideologie (z. B. Satanismus, Faschismus) als Sinngebung und Rechtfertigung der Gewalt und als erlerntes Werte- und Normensystem. Es gibt Verbindungen zur Organisierten KriminalitĂ€t (Menschenhandel, Zwangsprostitution, Drogenhandel etc.) und ein Schweigegebot. Ausstiegswillige werden unter Druck gesetzt, erpresst und verfolgt. In manchen Gruppierungen (z. B. satanische Kulte) sind Familien generationenĂŒbergreifend eingebunden. Es erfolgt eine frĂŒhkindliche Bindung an TĂ€ter, Kult und Ideologie. FunktionalitĂ€t und Gehorsam werden durch lebenslange Konditionierung und Programmierung (MindControl) erzwungen. Dabei wird i. d. R. schon ab Geburt absichtlich eine Dissoziative IdentitĂ€tsstruktur mit voneinander abgespaltenen Persönlichkeiten erzeugt. Ziel der systematischen Abrichtung ist es, eine innere Parallelwelt zu erschaffen, die durch die TĂ€ter jederzeit abrufbar und steuerbar ist und fĂŒr die das Kind und spĂ€ter der Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.« (Igney& Breitenbach 2012, ZPPM, Jg. 10, Heft 4, S. 7)

[12] 2002 wurde öffentlich, dass in dem Kinderheim Casa Pia in Lissabon jahrelang vermutlich mindestens 100 Kinder von einem Ring portugiesischer Prominenter sexuell ausgebeutet wurden. Sieben TĂ€terInnen wurden im Jahr 2010 dafĂŒr verurteilt, darunter ein Star-Moderator, ein Prominenten-Arzt und ein ehemaliger Botschafter. Es gab weitere TĂ€ter aus höchsten Kreisen, darunter ein frĂŒherer Minister; die Ermittlungen in diesen FĂ€llen wurden jedoch eingestellt. Der Fall löste eine Regierungskrise in Portugal aus.

[13] GegrĂŒndet von Paul SchĂ€fer, einem freikirchlichen Jugendpfleger aus Hessen. Er floh 1961 mit ca. 150 AnhĂ€ngerInnen nach Chile, als er mit zwei Anzeigen wegen Vergewaltigung von Jungen konfrontiert war. Die Colonia Dignidad war mit ehemaligen und aktiven Faschisten in Europa und SĂŒdamerika sowie mit rechten deutschen Politikern eng verbunden. WĂ€hrend der Pinochet-Diktatur diente sie als Folterzentrum. Paul SchĂ€fer und mehrere andere FĂŒhrungsmitglieder wurden ab 2004 wegen sexueller Gewalt und Misshandlung vieler Kinder verurteilt. In den Prozessen kam nur ein Bruchteil dessen zur Sprache, wovon Überlebende schon Jahre zuvor berichtet hatten.

[14] Siehe z. B. wikipedia oder auch der Freitag vom 5.3.2012

[15] Nachdruck: JĂŒrgen Bartsch und die Gesellschaft. In: Ulrike Meinhof, Die WĂŒrde des Menschen ist antastbar. AufsĂ€tze und Polemiken. Wagenbach, Berlin 2004.

[16] Bericht der Aufarbeitungskommission, Kapital 9, Punkt 9.2.2 Familienklima und Erziehung.

[17] Lesetipp: Wildcat 81: Arbeit macht Familie, Familie macht Arbeit.

[18] Chrismon, MĂ€rz 2019: »Es waren viele MĂ€nner – und die MĂŒtter«

[19] Das war keineswegs ein gewaltfreier, quasi paradiesischer Zustand. Es herrschte meist große Armut und großes Elend, viele Menschen auf wenig Raum. Aber Geschlechterrollen und geschlechtliche Arbeitsteilung waren unter diesen Bedingungen noch anders gefasst. Alle waren (vor dem Gesetz) gleich rechtlos und dadurch eben auch gleich(un)berechtigt. Eheschließungen waren im Proletariat (im Gegensatz zum Bauerntum) nicht notwendig und wurden auch nicht unbedingt angestrebt, da sie am Status der Haushaltsgemeinschaft und den Lebensbedingungen wenig Ă€nderten. Frauen, MĂ€nner und Kinder mussten körperlich arbeiten und sich gegenseitig vertreten können, dadurch war klar, dass auch MĂ€nner Teile der Reproduktionsarbeit ĂŒbernahmen. Kinder waren – wenn sie nicht arbeiteten – weitestgehend sich selbst ĂŒberlassen und mit anderen Kindern unterwegs. Erziehung im bĂŒrgerlichen Sinne gab es nicht.

[20] Henry Ford setzte Sozialarbeiter ein, die das »ordentliche« Familienleben seiner Arbeiter ĂŒberwachen sollten.

[21] Gelobt sei Gott ist ein Spielfilm, der nach wahren Begebenheiten den Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche Frankreichs behandelt. Der Titel zitiert Kardinal Barbarin, der damit seine Erleichterung darĂŒber ausdrĂŒckte, dass der Großteil der MissbrauchsfĂ€lle verjĂ€hrt war, als es endlich zur Anklage kam. Er sprach damit unvorsichtigerweise das Prinzip »KlĂ€rung erst nach VerjĂ€hrung« offen aus, das der Vatikan jahrzehntelang genutzt hat.

[22] »Schwerer Vorwurf: Katholische Kirche wollte Kriminologen Pfeiffer zum Schweigen bringen«, Stern, 20.4.2019.

[23] Die BistĂŒmer bleiben ungenannt, die StudienmacherInnen haben sich der Kirche gebeugt. Die MHG-Studie untersuchte nur FĂ€lle, die in Kirchenakten registriert sind. Zwei Drittel der BistĂŒmer beschrĂ€nkten den Aktenzugang außerdem auf diejenigen, die im Jahr 2000 noch lebten bzw. nach 2000 geweiht worden waren. MissbrauchsvorfĂ€lle, die nicht konkret in den Personalakten vermerkt waren, konnten durch den beschrĂ€nkten Zugang selbst dann nicht aufgedeckt werden, wenn es Verweise auf andere Akten gab. Interviews mit Betroffenen oder TĂ€tern waren nicht gestattet. Siehe: Kein Bischof tritt zurĂŒck, Zeit online, 26.9.18.

[24] Deutsche Welle, 13.3.2019, Fegert: »Das Problem ist nicht nur der Zölibat«

[25] Von 770 der EKD bekannt gewordenen FĂ€llen stammen 60 Prozent von Heimkindern im Bereich der Diakonie; 40 Prozent haben sich in den Gemeinden abgespielt.

[26] Auch gegen erwachsene Frauen, wie jĂŒngst Berichte von Nonnen zeigen. Wogegen die verantwortlichen Kirchenoberen in erprobter Manier vorgegangen sind: sie haben die Verbreitung der Berichte soweit als möglich verbieten lassen.

[27] Es gibt zahlreiche Quellen im Internet. Sucht selbst
 z. B. bei dlf nova und Focus (zu Koranschulen in Pakis­tan und in der BRD), bei vice (rituelle BadehĂ€user von Ultraorthodoxen in Israel)


[28] »Papst: Die Geistlichen wurden zu Werkzeugen des Teufels«, Katholisch.de, 24.2.2019

[29] »Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise«, Vatican News, April 2019

Eine sehr profunde Kritik aus linkskatholischer Sicht: »Karfreitag der Kirche«, ,19.4.2019; Peter BĂŒrger sieht im 19. Jahrhundert den entscheidenden Schub in der katholischen Kirche; und macht interessante KanĂ€le auf, z. B. den Zusammenhang mit Missionierung.

[30] Triggern bedeutet, dass eine Situation, Gegenstand, Geruch, GerĂ€usch
 plötzliche und heftige Erinnerungen und Flashbacks (Wiedererleben) an eine erlebte Gewaltsituation hervorruft.

[31] Auch inzwischen staatlich finanzierte Einrichtungen mĂŒssen stĂ€ndig um ihre Existenz kĂ€mpfen. Im grĂŒn regierten Land Baden-WĂŒrttemberg und insbesondere in Stuttgart sind die FrauenhĂ€user ĂŒberlastet und mĂŒssen Frauen und Kinder wegschicken. Es fehlen 600 PlĂ€tze.
StuZ, 12.11.2019.




Quelle: Wildcat-www.de