Juni 17, 2021
Von InfoRiot
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Verschwörungsideologen sind im Internet und auf der Straße unterwegs.

Verschwörungsideologen sind im Internet und auf der Straße unterwegs.

Foto: dpa/Patrick Pleul

Die schwangere Frau von Adolf Hitler wird 1945 mit einem U-Boot aus Deutschland herausgeschmuggelt und in die USA gebracht. Jahrzehnte spĂ€ter schickt sich die Tochter des Diktators an, in Amerika die Macht zu ĂŒbernehmen. Michael Butter muss schmunzeln, als er dieses MĂ€rchen erzĂ€hlt. Aber es gab Menschen, die das glaubten.

Butter ist Professor fĂŒr amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der UniversitĂ€t TĂŒbingen. »Der Inbegriff des Bösen: Hitler in der amerikanischen Fiktion 1939 bis 2002«, das war das Thema seiner 2009 publizierten Doktorarbeit. Bei seinen Nachforschungen ist er auf die Sache mit Hitlers angeblicher Tochter gestoßen. Das war quasi sein Einstieg in die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit Verschwörungstheorien. Inzwischen ist er ein gefragter Experte. Journalisten wollen seine EinschĂ€tzung hören, selbst wenn es sich gar nicht um sein Spezialgebiet Amerika dreht.

So auch am spĂ€ten Dienstagnachmittag im Potsdamer Landtag. Dort wird Butter befragt von Carla Kniestedt, die ihre journalistische Laufbahn beim »ND« begann, durch das RBB-Fernsehen bekannt wurde und inzwischen Abgeordnete der GrĂŒnen ist. Dementsprechend moderiert sie sehr professionell die GesprĂ€chsrunde zum Thema »Corona, Fake News und Verschwörungen«. LandtagsprĂ€sidentin Ulrike Liedtke (SPD) fand es wichtig, darĂŒber zu reden, weil »Dinge, die einfach nicht stimmen«, in die Welt gesetzt werden, sich im Internet wie ein Lauffeuer verbreiten und geglaubt werden – egal, wie absurd sie klingen. Das macht Liedtke Sorgen.

Experte Butter meint allerdings: »Wir mĂŒssen nicht in Panik verfallen.« Zwar mĂŒsse man die Ausbreitung von Verschwörungstheorien ernst nehmen. Es sei in Deutschland aber noch genug Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. In Polen oder Ungarn sei es schon viel schlimmer, da dort die Regierungen und etablierte Medien solche Theorien verbreiten. In der Bundesrepublik sind sie vorerst eine DomĂ€ne der sozialen und der »alternativen« Medien.

Kollegen aus den USA haben Butter erzĂ€hlt, es helfe schon gut, wenn Filter eingebaut sind, die dem Internetnutzer einen Hinweis auf seltsame, ungeprĂŒfte Fakten geben und ihn zwingen, noch einmal zu klicken, bevor er diese zweifelhaften Inhalte lesen darf. Möglich sei es außerdem, derartige Inhalte mit Links zu seriösen Informationsquellen zu versehen. Im Fall von Corona wĂ€re so eine Quelle die Weltgesundheitsorganisation.

Man weiß, dass ein Drittel der Deutschen Verschwörungstheorien anhĂ€ngen. Dass dies mehr sind als frĂŒher, bezweifelt Butter. Wenn man beispielsweise an die Hexenverfolgung denkt, die es bis in die FrĂŒhe Neuzeit hinein gegeben hat, dann wisse man, frĂŒher seien es 80 bis 90 Prozent gewesen. Der Professor glaubt nicht, dass es mehr Verschwörungstheorien und mehr AnhĂ€nger dieser Theorien gibt als frĂŒher. Man habe nur das GefĂŒhl, weil diese durch das Internet sichtbarer geworden seien.

Das meint auch Benjamin Lassiwe, Vorsitzender der brandenburgischen Landespressekonferenz: »Die Infrastruktur fĂŒr Verschwörungstheorien ist besser geworden. Wir haben Facebook, wir haben Twitter.« Den Dorftrottel, der nachmittags um halb drei besoffen im Wirtshaus saß und schwadronierte, habe frĂŒher niemand ernst genommen. »Heute hat er Tausende Follower.« Man benötige Medienbildung. Zu vermitteln wĂ€re dabei etwa auch, dass nicht alles stimme, was im Internetlexikon Wikipedia steht.

FĂŒr eine solche Medienbildung im Schulunterricht hat sich ParlamentsprĂ€sidentin Liedtke immer wieder eingesetzt – bislang vergeblich, wie sie bedauert. »Uns fehlt noch eine Gesamtstrategie«, sagt sie zum Umgang mit Verschwörungstheorien.

In Deutschland spricht man ĂŒbrigens inzwischen lieber von Verschwörungsmythen, VerschwörungserzĂ€hlungen oder -ideologien. FĂŒr Professor Butter ist das typisch deutsch. Der Begriff Verschwörungstheorie rĂŒhre aus dem Englischen her und habe in jeder Sprache seine Entsprechung. Nur die Deutschen dĂ€chten wieder einmal, sie wĂŒssten es besser, obwohl sich in der Geschichte mehrfach gezeigt habe, dass die Deutschen es keineswegs besser wissen.

Die klassische Zeitungsente, dass ein Redakteur nicht grĂŒndlich genug recherchierte oder auch nur eine Zahl verwechselte, habe es gegeben, seit es Zeitungen gibt, erklĂ€rt Journalist Lassiwe. Die absichtlich in die Welt gesetzten Falschnachrichten haben eine andere QualitĂ€t.

Politiker, die Desinformation betreiben, gebe es in jeder Partei, unterstreicht die Sozialpsychologin Pia Lamberty. Sie wĂŒrde sich vor der Bundestagswahl im September eine Selbstverpflichtung der Parteien wĂŒnschen, dies zu unterlassen. Überhaupt glaubt sie, es gebe zwar Profitgier beim Verbreiten von Verschwörungstheorien, aber die politischen Interessen wĂŒrden dabei zu wenig beachtet. Michael Butter ergĂ€nzt, es gebe Leute, die mit Verschwörungstheorien Geld machen, aber andere ruinierten sich, so etwa der Koch Attila Hildmann. »Der wird nie wieder in Kochshows auftreten oder höchstens in 50 Jahren als GelĂ€uterter.«




Quelle: Inforiot.de