Januar 28, 2022
Von Graswurzel Revolution
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Sheila Jeffreys’ “Ketzerinnen”: eine notwendige Buchbesprechung angesichts des sadomasochistischen Angriffs auf den Anarchismus in London

“Wer sich das offizielle Programm (von Anarchy in the UK; d.A.) durchblĂ€ttert und dabei auf die Werbung fĂŒr Tuppy Owens ‘Smut Fest’ stĂ¶ĂŸt, auf welchem u.a. nekrophile Poetinnen, Stripperinnen, Exekutionsrituale, Fesselungen von Jungen, Peitschen, Stilette, Peep Show Stars; 8 Pfund Aufpreis fĂŒr Kellnerinnen angekĂŒndigt werden, muß sich wohl fragen, was da eigentlich fĂŒr eine Scheiße abgeht? Und was da eigentlich mit dem Anarchismus passiert? Oh natĂŒrlich, wir werden gleich zu Anfang der AnkĂŒndigung darĂŒber aufgeklĂ€rt, daß ‘die Anarchie in deinen Unterhosen’ beginnt – und da ist sie offensichtlich auch geblieben. Wie revolutionĂ€r! Was fĂŒr eine Bedrohung fĂŒr den Staat! Die Regierung scheißt sich in die Hosen – wenn sie je aufhören wĂŒrde, darĂŒber zu lachen!” (“Fighting Times”, Newsletter of Cambridge Anarchists, 3/94, S. 2)

Die Diskussionen

Als Mann, dessen SexualitĂ€tsverstĂ€ndnis und -praxis in jahrelanger Auseinandersetzung in gemischten und MĂ€nner-Gruppen entscheidend geprĂ€gt worden ist, haben mich die auch fĂŒr MĂ€nner zugelassenen Veranstaltungen um Sadomasochismus des Londoner Festivals ebenso betroffen wie interessiert. Zu beobachten war eine komplette Spaltung: die gemischte Veranstaltung pro Sadomasochismus vom “Lesbian & Gay Freedom Movement” (LGFM) war ebenso gut besucht wie die Anti-Pornographie & S/M-Veranstaltung der anarchafeministischen Gruppe der “Cambridge Anarchists” (jeweils ca. 50-100 Leute) – doch ĂŒberschnitten haben sich die Beteiligten kaum. Bei den einen waren die S/M-BefĂŒrworterInnen, bei den anderen die GegnerInnen deutlich in der Mehrheit. Noch nie war eine absolute Spaltung, eine absolute Kommunikationslosigkeit deutlicher spĂŒrbar.

Die LGFM definierte S/M in einem Flugblatt als “the use of pain for pleasure” (die Benutzung von Schmerz fĂŒr Lustgewinn). Vorgetragen wurden Beispiele staatlicher Verfolgung gegen “konsensuale” S/M-Praktizierende, wobei allerdings schon anklang, dass die Gesetzeslage zwar hart ist, die realen FĂ€lle von Verfolgung sich aber auf vergleichsweise wenige (von fĂŒnf, sechs FĂ€llen pro Jahr war die Rede) beschrĂ€nken. In der Diskussion gab es dann zum Beispiel schwule RedebeitrĂ€ge, in welchen weitgehend unwidersprochen PĂ€dophilie befĂŒrwortet oder gefordert wurde, Kindern so frĂŒhzeitig wie möglich Pornos zu zeigen, damit sich ihre SexualitĂ€t “frei” entwickeln könne. Pornographie wurde ĂŒberhaupt als Teil der Utopie einer anarchistischen freien Gesellschaft angesehen. Meinem Argument, Pornographie sei patriarchale Propaganda hierarchischen Rollenverhaltens in der SexualitĂ€t, deren Ideologie von schwullesbischer S/M nur ĂŒbernommen werde, wurde entgegnet, S/M sei ja nur ein Spiel.

Die Cambridge-Gruppe erwies sich dagegen als wirklich anarchistisch, weil sie einerseits Gesetzesvorhaben gegen Pornographie und S/M ablehnte und auf direkte Aktion gegen die Pornoindustrie und Überzeugungsarbeit gegenĂŒber schwullesbischen S/Ms setzte, andererseits aber darauf bestand, dass das Private weiter politisch sei und Herrschaft und Gewalt nicht nur gegenĂŒber dem Staat, sondern auch in sexuellen Beziehungen thematisiert werden mĂŒssen.

Ganz deutlich wurde in beiden Veranstaltungen auch, dass S/M-BefĂŒrworterInnen ĂŒberhaupt keine analytische Vorstellung von Gewalt haben, dass ihnen Gewalt weder in der SexualitĂ€t noch als revolutionĂ€res Konzept ein grĂ¶ĂŸeres Problem ist, wĂ€hrend bei den S/M-GegnerInnen tendenziell auch die gewaltfreien AnarchistInnen zu finden waren.

Sadomasochismus als heterosexuelle Ideologie

Wer die Londoner Auseinandersetzungen inhaltlich nachvollziehen will, der/dem sei hier das Buch “Ketzerinnen” von Sheila Jeffreys empfohlen. Diese radikalfeministische Lesbe hat in den 80er Jahren in der Londoner Gruppe “Lesbians Against Sadomasochism” gearbeitet, als SadomasochistInnen Anti-S/M-Lesben unter dem Vorwand der “Toleranz” aus dem Londoner “Lesbian and Gay Centre” drĂ€ngten. Es ist fĂŒr sie kein Zufall, dass sich Widerstand gegen die S/M-Offensive viel stĂ€rker unter Lesben als unter Schwulen artikuliert. Sie sieht die S/M-Offensive als sexualpolitischen Backlash patriarchaler Ideologie im Kontext eines zunehmenden Rassismus in der Gesamtgesellschaft.

StĂŒck fĂŒr StĂŒck nimmt Jeffreys die Argumente, die gemeinhin in libertĂ€ren Kreisen fĂŒr eine Toleranz gegenĂŒber S/M angefĂŒhrt werden, auseinander. Da ist zunĂ€chst der wiederaufgetischte Mythos, sexuelles Rollenverhalten der Dominanz auf der einen und der Unterwerfung auf der anderen Seite sei angeboren. Jeffreys entlarvt dies als Teil herrschender heterosexueller und biologistischer Ideologie, welche mĂ€nnlich-dominantes und weiblich-unterwĂŒrfiges, immer verfĂŒgbares, immer wollendes Sexualverhalten in Wirklichkeit ansozialisiere. Dann ist da der Mythos, Sadomasochismus sei nur ein Spiel. Jeffreys zeigt, dass sadomasochistische Rituale vorher geplant werden mĂŒssen, dass die Rollen (Top/Bottom; Butch/Femme) festgelegt sind, dass sich gleichberechtigte SpontaneitĂ€t so gerade nicht entwickle. Ganz zentral ist jedoch der Mythos, sexuelle Gewalt verwandle sich in Lust und die einzige Bedingung dafĂŒr sei, dass Gewalt “konsensual”, also mit Zustimmung der Beteiligten, angewandt werde. Jeffreys wendet ein, dass Schmerz zunĂ€chst immer erstmal Schmerz bleibt. Sie fĂŒhrt viele Beispiele an, bei denen konsensualer S/M zu realen Verletzungen fĂŒhrte.

“Solches ‘auf Übereinkunft beruhendes’ Schlagen nĂŒtzt unserem Kampf als Frauen und Lesben um ein gewaltfreies Leben, um unser Recht, nicht als geeignetes Ziel fĂŒr Gewalt betrachtet zu werden, ĂŒberhaupt nicht. S/M ist viel mehr als nur eine sexuelle Praxis. Es ist eine Lebensweise und eine Weltsicht, die Gewalt verherrlicht und legitimiert.” (S. 229)

Außerdem beruhe Sadismus gerade auf der inhaltlichen PrĂ€misse, sich an keine Abmachung zu halten, Grenzen zu ĂŒberschreiten, andere gerade dadurch zu quĂ€len, dass vorherige Abmachungen gebrochen werden. Auf diese Weise sind zum Beispiel Praktiken entstanden, in welchen eine Femme (Rolle der Unterworfenen) von einer Butch (Rolle der Dominanz) mit Benzin ĂŒbergossen und angezĂŒndet wurde (dass nur ganz geringe Mengen Benzin darunter waren, erfuhr die Unterworfene erst nachher, als der Brand gelöscht war). Was etwa die TĂŒrkei betrifft, wird vorgetĂ€uschte Tötung Folter genannt, hier gilt das als “Spiel”, bei dem die Zustimmung nachtrĂ€glich eingeholt wird. Als “konsensualer Sex” gilt nĂ€mlich auch, wenn die Unterworfene der GrenzĂŒberschreitung im Nachhinein zustimmt. FĂŒr Jeffreys gibt es aber keine “freie Zustimmung” zu Machtungleichgewicht, Herrschaft und Gewalt.

“Im westlichen demokratischen Denken stimmen alle Gruppen der Bevölkerung dem Regierungssystem zu. DarĂŒber herrscht Konsens. Aber es stimmt nicht. Nur weiße vermögende MĂ€nner stimmen in jeder Beziehung mit einem politischen System ĂŒberein, das alle anderen erniedrigt, ausbeutet und beherrscht. S/M nutzt dieses politisch manipulierte VerstĂ€ndnis von Konsens, um S/M zu rechtfertigen.” (S. 230)

In anarchistischen Begriffen gesagt, wĂŒrde ich daher auch immer von “freiwilliger Knechtschaft” (de la Boetie) sprechen. Jeffreys fordert demgegenĂŒber eine egalitĂ€re SexualitĂ€t, in der nicht MachtausĂŒbung und AbhĂ€ngigkeit, sondern Gleichwertigkeit und Gewaltlosigkeit als erotisch empfunden werden, eine SexualitĂ€t, die mit Liebe und ZĂ€rtlichkeit untrennbar verbunden ist. Gerade die Aufspaltung von Liebe und SexualitĂ€t schaffe die Bedingung patriarchaler Objektivierung in der SexualitĂ€t. Daß entgegen den Behauptungen vieler S/M-BefĂŒrworterInnen herrschaftliches Rollenspiel nicht auf die SexualitĂ€t beschrĂ€nkt bleibt, beweist Jeffreys anhand der Schriften von Pat Califia, einer fĂŒhrenden S/M-Theoretikerin aus den USA, die 1982 eine NegativpublizitĂ€t erlangte, weil sie einer Frau gegen deren Willen ein Hakenkreuz ins Fleisch ritzte. Califia schreibt:

“Eine S/M-Szene kann sich zwischen WĂ€rter und Gefangenem, Polizist und VerdĂ€chtigem, Nazi und Juden (!; d.A.), Weißem und Schwarzem, Hetero- und Homomann, Elternteil und Kind, Priester und BĂŒĂŸer, Lehrer und SchĂŒler, Hure und Kunden usw. abspielen.” (zit. nach Jeffreys, S. 213)

Es ist die Erotisierung von Herrschaft, die Jeffreys am Beispiel Califias als faschistoid denunziert. Auch die S/M-Ästhetik, vor allem die Vorliebe fĂŒr schwarzes, glĂ€nzendes Leder, Latex, Fesseln, Peitschen, Uniformen usw. laufe mit faschistischer Ästhetik konform.

Wie im angloamerikanischen Raum, wenngleich verspĂ€tet, hat sich auch in der bundesdeutschen Schwulen- und Lesbenszene S/M in den letzten Jahren ausgebreitet. Bis jetzt haben wir LibertĂ€re sie in Ruhe gelassen, zuweilen nur die heterosexuelle Pornoindustrie angegriffen. Jetzt ist fĂŒr mich die Schonzeit vorbei. In London drĂ€ngten S/Ms unter dem Vorwand, wie alle AnarchistInnen auch gegen Zensur zu sein, in die anarchistische Szene rein. Doch auch in der BRD wird das kommen: in der “direkten aktion” Nr. 105 wurde bereits ein ganzseitiger Artikel “Latex & Anarchie” veröffentlicht, in welchem der ganze patriarchale MĂŒll von “freier Vereinbarung” bei S/M heruntergebetet wird und er deshalb in eine natĂŒrliche Verwandtschaft zum Anarchismus gestellt wird, weil es dort ja auch eine freie Vereinbarung gebe.

Das Schlimme dabei ist: Radikalfeministinnen, denen der Anarchismus schon immer zu mĂ€nnerdominiert und patriarchal war, werden durch solche Tendenzen fĂŒr immer vom Anarchismus kuriert. Noch Sheila Jeffreys, die Lesbischsein u.a. mit “anti-hierarchisch” identifiziert, bezeichnet S/Ms mit der von ihnen selbst gewĂ€hlten Begrifflichkeit als “libertĂ€r”. Nicht einmal das sollten wir ihnen zugestehen, denn sonst treiben wir die letzten Radikalfeministinnen aus dem Anarchismus raus und dem Staat via Antidiskriminierungsgesetzen in die Arme. Mir jedenfalls haben an London interessierte bundesdeutsche Anarchafeministinnen gesagt, dass sie wegen der dort angekĂŒndigten S/M-Offensive lieber gar nicht erst hinfahren. Ich kann’s ihnen nicht verdenken. Sadomasochismus ist nur die liberale ErgĂ€nzung zur puritanischen, viktorianischen, auf VerdrĂ€ngung basierenden bĂŒrgerlichen Sexualmoral, ganz so, wie auch der Neoliberalismus nur die ErgĂ€nzung zum keynesianischen, staatsmonopolistischen Kapitalismus ist. Mit Anarchismus hat in beiden FĂ€llen weder das eine noch das andere auch nur irgendwas zu tun!




Quelle: Graswurzel.net