Januar 21, 2022
Von Antisexistische Aktion MĂŒnchen
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Trotz Schneegestöber und kalten Temperaturen versammelten sich am 7. Januar 2022 ĂŒber 100 Antifaschist*innen vor dem ehemaligen Club „Liverpool“. Anlass war der 38. Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von 1984, verĂŒbt von der sogenannten „Gruppe Ludwig“ (mehr Informationen zum Anschlag und den HintergrĂŒnden  findet Ihr in unserer Einladung bzw. diesem Artikel von Robert Andreasch und Lina Dahm).

Allen, die nicht dabei sein konnten, möchten wir die Reden, die verschiedene Gruppen am Abend gehalten haben, in diesem Beitrag zur VerfĂŒgung stellen. Unseren Redebeitrag findet Ihr unten im Beitrag.

  • Die Aufnahme des Redebeitrags der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh konnten wir leider nicht hochladen, aber schaut gerne auf deren Webseite vorbei, dort gibt es mehrere Berichte ĂŒber die Demo in Dessau und weitere Aktionen in anderen StĂ€dten.
  • Redebeitrag antifa nt (folgt)
  • Redebeitrag Antifa Stammtisch 
  • Redebeitrag Before
  • Redebeitrag Erinnerungsgruppe (folgt)

„Lasst euch von offenen Fragen und fehlender AufklĂ€rung nicht ohnmĂ€chtig machen“, resigniert nicht, sondern nutzt das vorhandene Wissen und handelt solidarisch.“ Diesen Appell richtete die antifaschistische Initiative NSU-Watch anlĂ€sslich des Jahrestages der Selbstenttarnung NSU an uns Antifaschist*innen und Feminist*innen.

Diese Gedenkkundgebung – die mittlerweile zum dritten Mal stattfindet – ist wie wir finden ein Ausdruck dafĂŒr. Wir freuen uns, dass heute so viele Menschen hier sind, um gemeinsam die Erinnerung an Corinna Tartarotti wachzuhalten. 

Corinna wurde 1984 von Neonazis ermordet. Der Anschlag auf das „Liverpool“ ist also fast vierzig Jahre her. Das ist eine lange Zeit und doch kein Grund, den rechten Terror der „Gruppe Ludwig“ zu den Akten zu legen. Ganz im Gegenteil. Es gibt viele offene Fragen. So ist unser Wissen ĂŒber die Opfer des Anschlags noch immer lĂŒckenhaft. Dabei sollen sie bei kritischem Gedenken im Zentrum stehen, wie unsere Vorredner*innen bereits geschildert haben. Wir sehen zudem, dass sich an den strukturellen Gegebenheiten, aus denen rechter Terror entstehen kann, ĂŒber die Jahre nicht viel verĂ€ndert hat. Auch auf diese KontinuitĂ€ten haben unsere Vorredner*innen bereits hingewiesen. 

Als feministische Gruppe möchten wir abschließend auf die VerknĂŒpfung von rechter Gewalt und Misogynie bzw. Antifeminismus eingehen. Der Brandanschlag auf das Liverpool war sicherlich kein genuin antifeministisch oder misogyn motivierter Anschlag. Ebensowenig wie die Ideologie der „Gruppe Ludwig“ ausschließlich antifeministisch oder misogyn im heutigen Sinne war. Und dennoch gibt es KontinuitĂ€ten, die Feminist*innen bis heute beschĂ€ftigen. 

Da wĂ€ren die hegemonialen MĂ€nnlichkeitsfantasien und das Elitedenken, welches die zwei TĂ€ter verinnerlicht hatten. Sie fĂŒhlten sich als MĂ€nner dazu ermĂ€chtigt, sich ĂŒber Menschen zu erheben und jene auszuwĂ€hlen und zu ermorden, die aus ihrer Sicht verantwortlich waren fĂŒr eine dekadente und moralisch verfallene Gesellschaft. Grundlage hierfĂŒr lieferten unter anderem ihre konservativen und lustfeindlichen Moralvorstellungen, die sie bei der Auswahl ihrer Opfer leiteten. Die TĂ€ter wurden von Behörden und Gesellschaft fĂŒr psychisch krank erklĂ€rt, die grausamen Taten so entpolitisiert. Ăœber die Opfer der „Gruppe Ludwig“ ist wenig bekannt – was nicht ĂŒberrascht, schließlich handelte es sich um Menschen, die bis heute von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Der Blick auf aktuelle KĂ€mpfe zeigt: Konservative bis hin zur extremen Rechten mögen ihr Erscheinungsbild, ihre Argumentation oder AktivitĂ€ten angepasst haben, das dahinterstehende Menschen- und Weltbild hat sich jedoch nicht geĂ€ndert. Vielmehr ist Antifeminismus und Misogynie in diesen krisenhaften Zeiten zur BrĂŒckenideologie zwischen der extremen Rechten und sogenannter „bĂŒrgerlicher Mitte“ geworden. Letztere mag die rohe Gewalt, mit der rechte TĂ€ter wie die „Gruppe Ludwig“ vorgehen, vielleicht ablehnen, diese Distanzierung verkommt jedoch zur Phrase, wenn es gleichzeitig keinerlei Bestrebungen gibt, das Patriarchat und mĂ€nnliche Privilegien abzuschaffen. Die Forderungen nach einem Ende rechter Gewalt verhallen, wenn den zahllosen hasserfĂŒllten, antifeministischen Kampagnen, die Konservative, christliche Fundamentalist*innen oder die extreme Rechte gegen Feminist*innen und emanzipatorische Projekte fahren, nicht endlich ein Ende gesetzt werden. All das vorhandene Wissen woraus rechter Terror entstehen kann, bringt nichts, wenn Behörden Beteiligte von Taten mit Genderkomponente (wie beispielsweise Feminiziden) weiterhin fĂŒr unzurechnungsfĂ€hig erklĂ€ren. Dieses Nichterkennen, die Verharmlosung und Pathologisierung von rechtem Terror und den TĂ€ter*innen ist neben dem Terror selbst eine Gefahr. Verhindert es doch, dass diese Gewaltverbrechen richtig eingeordnet und aufgearbeitet werden können. Rechtem Terror muss auf auf gesellschaftlicher Ebene der NĂ€hrboden entzogen werden. Bis wir das geschafft haben, mĂŒssen wir die Lobby fĂŒr jene sein, die zum Ziel rechter TĂ€ter*innen wurden und werden.

Es gibt zweifelsohne noch viele offene Fragen rund um den rechten Terror der „Gruppe Ludwig“, aber – und da kommen wir nochmal auf das zurĂŒck, was NSU Watch geschrieben hat: „Lasst euch von offenen Fragen und fehlender AufklĂ€rung nicht ohnmĂ€chtig machen!“ Diesen Appell möchten wir hier und heute, am Anfang des neuen Jahres an Euch weitergeben.

Unser Zusammenkommen heute hat einen traurigen Anlass
 doch es sind solidarische BĂŒndnisse, die uns stark machen, um all den WiderstĂ€nden etwas entgegenzusetzen und den Opfern rechter Gewalt ein wĂŒrdiges Gedenken zu schaffen. Vielen Dank, dass Ihr heute hier seid und nieder mit dem Patriarchat und seinen Fans. 




Quelle: Asam.noblogs.org