Januar 11, 2022
Von Indymedia
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In den BeitrĂ€gen, welche im Rahmen der Imagekampagne der Bundesregierung in Auftrag gegeben worden sind, fungiert Michael Zeise als ein Vorzeigeaussteiger aus der Neonaziszene. Gestern „Heim ins Reich“, heute RĂŒckkehr in den Schoß des gelĂ€uterten und bunten Deutschlands.
Seine Geschichte bis zu seinem Ausstieg wird angerissen. Stress mit den Eltern, der arme Außenseiter, Perspektivlosigkeit als Jugendlicher. Eine Vita die sehr viele teilen, die sich trotzdem nicht dazu entschieden haben ĂŒber 15 Jahre menschenverachtende Ideologien zu verbreiten. Es folgt der Klassiker: Die Neonaziszene war seine „Ersatzfamilie“.

Was weder in den BeitrĂ€gen, noch in seinen Interviews erwĂ€hnt wird, ist die Tatsache, dass Michael Zeise ĂŒber viele Jahre hinweg enge Kontakte zu direkten Kreisen von militanten Neonazis, wie bspw. dem NSU pflegte. Seine SolidaritĂ€t mit Ralf Wohlleben, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, drĂŒckte Zeise mehrmals auf Demonstrationen aus. Eine umfassend Recherche zu Michael Zeise, welche von „Kollektiv56 aufdecken“ veröffentlicht worden ist, zeigt nicht nur diese Verbindung in das rechtsterroristische Milieu auf. Zeise war Teil der „Weiße Wölfe Terrorcrew“, pflegte Kontakte zur britischen „National Action“ die aufgrund Planung von Terrorakten verboten und von britischen Behörden zerschlagen worden ist. Michael Zeise reiste zusammen mit Leon Ringl, welchem Verbindungen zur amerikanischen rechtsterroristischen „Atomwaffen Division“ durch antifaschistische Recherchen nachgewiesen wurden, in die Ukraine um dort an einem NS-Black Metal Festival teilzunehmen. Diese Reise unternahm er u.a. mit der ThĂŒringer NS-Black-Metal Band „Absurd“ und Hendrik Möbus. Dies bildet nur die Spitze des Eisbergs. Michael Zeise ist treibende Kraft, Vernetzer und Antreiber gewesen, was rechtsterorristische Vernetzung angeht und war ebenfalls eine treibende Kraft was die Gewalt auf der Straße in ThĂŒringen und darĂŒber hinaus anging.

Als Beispiel sei hier der Angriff auf das AJZ Erfurt im Jahr 2016 zu nennen, an dem sich Michael Zeise ebenfalls beteiligte. Dazu findet sich vom gelĂ€uterten Zeise kein Wort, keins von seinem „Drudel11“-Helferlein Sebastian Jende. Dieser Angriff ist nur einer von vielen, die auf das Konto der Gruppe „Kollektiv56“ geht, bei der Zeise einer der fĂŒhrenden Köpfe war. In den wenigen selbstverfassten Texten der Gruppe wurde sowohl der militante Habitus als auch der „Kampf“ auf der Straße propagiert. Nebenher fungierte er als „Anti-Antifa“-Fotograf u.a. in Eisenach. In den folgenden Jahren wurden dort vermehrt Antifaschist:innen gezielt von lokalen Neonazis angegriffen. Als „Mic.Revolt“ findet sich seine Propaganda in Rapform wieder. Dies sind nur einige Aspekte seines Wirkens in der Neonaziszene, fĂŒr weiteres verweisen wir auf die Recherche von „Kollektiv56 aufdecken“.

Wenn jetzt Zeise also so tun möchte, als sei das seine schwierige Vergangenheit gewesen mit der er nun abgeschlossen hat, dann bleibt zu sagen, dass es fĂŒr seine Taten und Wirken keinen Schlussstrich gibt. „Das ist ein Teil von mir, aber das ist Vergangenheit.“, sagt Zeise in einem Video-Beitrag. Das, wofĂŒr er und sein Wirken in der Neonaziszene verantwortlich ist, ist jedoch keine Vergangenheit, sondern wirkt bis heute nach.

Generell ist es zu begrĂŒĂŸen, wenn Neonazis mit ihrer Ideologie und ihren Kontakten nachhaltig brechen. Allerdings gibt es auch hier, von dem bisher Verlautbartem, erhebliche Zweifel. FĂŒr den Beitrag zu „Drudel11“ werden zwei wesentliche Punkte angesprochen, die ihm in seinem Ausstiegswillen bestĂ€rkt haben sollen. Einmal der Absturz eines „Szene-FunktionĂ€r“, wobei er nicht so enden habe wollen wie dieser, sowie eine Wanderung auf dem Jakobsweg. Dort habe er Menschen unterschiedlicher Herkunft kennengelernt. Was den Sozialarbeiter:innen von „Drudel11“ als ausreichende VerĂ€nderung gelten mag, hinterlĂ€sst bei uns doch erhebliche Zweifel inwieweit Michael Zeise wirklich nachhaltig ideologisch mit der Szene gebrochen hat. Denn weder das GefĂŒhl des Versagens im eigenen Lebensweg, noch der Kontakt zu Menschen unterschiedlicher Herkunft und das Beteuern antirassistischer Phrasen sprechen fĂŒr einen ideologischen Bruch. Der Beigeschmack verstĂ€rkt sich, wenn im selben Atemzug noch ein Buch angekĂŒndigt wird, was von ihm erscheinen soll und der Beitrag gleich noch Promo fĂŒr sein neues Rap-Projekt ist.
Hinzu kommt, dass bisher nicht bekannt ist, dass Michael Zeise ĂŒber seine alten Strukturen ausgepackt hat. Das ist eine wesentliche Voraussetzung, neben dem glaubhaften ideologischen Bruch, aus der Neonaziszene ausgestiegen zu sein und sich selbst den RĂŒckweg in die alten Strukturen zu verbauen.

Da dies nicht geschehen ist, ist hier nicht von einem Ausstieg zu sprechen, sondern maximal von einem RĂŒckzug aus der Szene und auch so ist er zu behandeln. Wir raten daher um Achtsamkeit, was den Umgang mit sog. „Aussteigern“ wie Michael Zeise angeht, wobei ein staatliches „Aussteigerprogramm“ wie „Drudel11“, deren Kooperation mit der Polizei ebenfalls kein Geheimnis ist, fĂŒr uns als Freifahrtschein nicht zĂ€hlt.

Wer wirklich aussteigen will macht das konsequent, ohne einen Weg zurĂŒck.

Abschließend wollen wir einen Ă€lteren Artikel aus dem AIB #74 dokumentieren, der sich mit der Problematik genauer auseinandersetzt:

Aussteiger, RĂŒckzieher, Aufhörer, Austreter 

Zum komplizierten Umgang von AntifaschistInnen mit »AussteigerInnen« – Im AussteigerInnen-Business sind vor allem der Verfassungsschutz oder ihm nahe stehende Projekte involviert. Manchmal auch JournalistInnen auf der Jagd nach einer guten Story und hin und wieder antifaschistische Projekte. Der Unterschied zwischen diesen Gruppen liegt darin, ab wann ein »Ausstieg« als glaubwĂŒrdig angesehen wird.
WĂ€hrend fĂŒr den Verfassungschutz und die Presse das primĂ€re Kriterium meist die Loslösung von der Neonazi-Szene ist, bestehen AntifaschistInnen auf eine konsequente ideologische Umorientierung. So nahm das AIB Ende 1997 den »Ausstieg« des ehemaligen FAP-FunktionĂ€rs Norbert Weidner aus Bonn zum Anlass, um der Frage nachzugehen, wie AntifaschistInnen mit der wachsenden Zahl von AussteigerInnen umgehen sollten und welche Kriterien hierfĂŒr anzusetzen sind. Nach nunmehr zehn Jahren ist Norbert Weidner Pressesprecher der »Deutschen Burschenschaft« und das Thema »AussteigerInnen« immer noch aktuell.
Es gibt viele GrĂŒnde fĂŒr Neonazis ihre Szene zu verlassen: Privater Ärger mit den »Kameraden«, Resignation, eine drohende Verurteilung vor Gericht, ein neuer Lebensabschnitt, andere Interessen, ein(e) neue(r) LebensgefĂ€hrte/LebensgefĂ€hrtin, Existenzangst, Heirat, eigene Kinder und etliches mehr. Viele verlassen still und unauffĂ€llig die politische BĂŒhne und verschwinden ins Privatleben. Andere sprechen öffentlich von einem »Ausstieg«, da sie sich davon Vorteile vor Gericht versprechen oder von AntifaschistInnen ungestört ihren GeschĂ€ften und Interessen nachgehen wollen. Von einem »Ausstieg« kann hier kaum gesprochen werden, maximal von einem Austritt, von RĂŒckzug oder einem Aufhören.
Aussteigen ist nicht Aufhören
(Ehemalige) Neonazis haben sich irgendwann als Individuen aufgrund ihrer eigenen, freiwilligen und bewußten Entscheidung dazu entschlossen, eine rassistische, antisemitische und neonazistische Politik zu betreiben. Genau das ist die Legitimationsgrundlage von AntifaschistInnen sie politisch wie auch persönlich dafĂŒr »haftbar« zu machen. SelbstverstĂ€ndlich sind Menschen verĂ€nderbar – ein »GĂŒtesiegel« durch einen Ausstieg mit dieser Entscheidung konsequent gebrochen zu haben sollte jedoch von AntifaschistInnen nicht leichtfertig vergeben werden. Aus Sicht vieler AntifaschistInnen scheint es eine Art SelbstverstĂ€ndlichkeit zu sein, dass jemand frĂŒher oder spĂ€ter mit einer menschenverachtenden Weltsicht brechen will. Doch eben genau dieser nachvollziehbare Bruch muss als das notwendige Kriterium im Vordergrund stehen, um einen Ausstieg zu einem Ausstieg zu machen. FĂŒr andere Formen des RĂŒckzuges aus der Neonazi-Szene sind andere Begrifflichkeiten zu verwenden (Abtauchen, Austritt, RĂŒckzug, Aufhören).
Ein Ausstieg muss davon gekennzeichnet sein, dass die betroffene Person von sich aus ihre Ideologie als in allen Punkten falsch, menschenverachtend und nicht mehr lĂ€nger vertretbar erkennt. Die ideologische Grundeinstellung muss als Hauptproblem angesehen werden, nicht deren Ausdruck, GlaubwĂŒrdigkeit oder Aktionsform. Es sollte davon ausgegangen werden, dass AussteigerInnen nicht von heute auf morgen ihre gesamten Überzeugungen ĂŒber Bord werfen können. Ein Ausstieg bedeutet also, einen langen und schwierigen Prozess einer ideologischen Entwicklung durchzumachen, an dessen Ende nur die Konsequenz bleibt, sich selbstverstĂ€ndlich und konsequent gegen seine ehemaligen »Kameraden« zu stellen. Hierzu zĂ€hlt auch offen Position gegen die extreme Rechte zu beziehen, eine Auseinandersetzung ĂŒber begangene Taten zu suchen und Wissen ĂŒber die Neonazi-Szene antifaschistischen Initiativen zur VerfĂŒgung zu stellen.
Erst die kompetente Auswertung solcher Informationen und eine ernsthafte Auseinandersetzung ĂŒber neonazistische Ideologie bietet fĂŒr AntifaschistInnen eine Grundlage, auf der eine erste EinschĂ€tzung ĂŒber die GlaubwĂŒrdigkeit eines Ausstiegs getroffen werden kann. Je lĂ€nger die Person in der Neonazi-Szene war und je höher sie in der Hierachie tĂ€tig war, um so kritischer sollten die Motive der Person fĂŒr den Ausstieg geprĂŒft werden. Bei FunktionstrĂ€gern sollte noch mehr als bei MitlĂ€ufern darauf geachtet werden, daß sie sich im Laufe des Ausstiegs-Prozeßes den Weg zurĂŒck zu ihren alten Neoazistrukturen und zurĂŒck zu den ehemaligen WeggefĂ€hrten endgĂŒltig und nachweisbar verbauen. Dieses Verbauen muss aus eigenem Interesse und selbst gewollt erfolgen. Nicht immer bedeutet das auch, dass alles was ein Aussteiger berichtet, automatisch der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden muss. Wichtig ist es Mittel und Wege zu finden, mit denen ein Aussteiger seine Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen kann. Die Bedingungen wie der Prozess eines Ausstieges in Zusammenarbeit mit AntifaschistInnen zu verlaufen hat kann selbstverstĂ€ndlich nicht der (ehemalige) Neonazi-Kader festlegen.
Nötige GrundsÀtze
Gerade bei einem »Ausstieg« von Neonazis ĂŒber die linke Szene mĂŒssen bestimmte GrundsĂ€tze klar und garantiert sein. Hierzu zĂ€hlen die Transparenz und GlaubwĂŒrdigkeit der AusstiegsgrĂŒnde, die Notwendigkeit des Begreifens um der vormals vertretenen Ideologie und die nachvollziehbare VerĂ€nderung dieser, sowie das Verbauen des RĂŒckwegs, zum Beispiel durch das Offenlegen neonazistischer Strukturen an antifaschistische Projekte, die in der Lage sind entsprechende Angaben einzuschĂ€tzen. Auch fĂŒr die beteiligten Personen gelten hierbei bestimmte Rahmenbedingungen, welche das Antifaschistische Infoblatt bereits 1997 einforderte: »Die Person(en), die einen Aussteiger direkt betreuen, mĂŒssen bereit sein, sich dabei kontrollieren zu lassen; sie sollten sich mit einem grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang koordinieren und kurzschließen und sich dabei auch zugestehen können, daß ĂŒber einen persönlichen Kontakt zu dem Aussteiger/der Aussteigerin die notwendige Distanz verloren geht. Das gilt insbesondere, wenn der Kontakt den Charakter einer Freundschaft annimmt. Solange ein Aussteiger/eine Aussteigerin nicht öffentlich und unumkehrbar mit seinen/ihren NazizusammenhĂ€ngen und mit der entsprechenden Ideologie gebrochen hat, kann es keine GrĂŒnde fĂŒr persönliche Freundschaften geben (
) Wenn Unsicherheit ĂŒber den richtigen Umgang mit einem Aussteiger/einer Aussteigerin besteht, ist es in jedem Fall besser, sich an Menschen und ZusammenhĂ€nge mit Erfahrungen in diesem Bereich zu wenden, als spontan und unĂŒberlegt draufloszumachen«.1
Keine falsche Eile
Am Ende eines langen Prozesses steht wohlmöglich ein Ausstieg – ein Freifahrtschein, um in antifaschistischen Strukturen mit mischen zu können ist fĂŒr den Aussteiger damit noch nicht automatisch erreicht. Wenn sich ein Aussteiger von einem Moment zum nĂ€chsten als gelĂ€uterter Antifaschist prĂ€sentiert, ist in jedem Fall Mißtrauen angebracht. Hier sollte in jedem Fall doppellt genau nach der GlaubwĂŒrdigkeit des Ausstieges und der offengelegten Legende geschaut werden. FĂŒr einen Sinneswandel vom Faschisten zum Antifaschisten ist ein wesentlich lĂ€ngerer Zeitraum und ein erhebliches Maß an Selbstreflektion als Maßstab anzulegen. Bei einer Anfrage nach einer direkten Aufnahme in antifaschistische ZusammenhĂ€nge ist allergrĂ¶ĂŸte Sorgfalt geboten. Bedacht werden sollte hierbei auch, daß ein scheinbar einfacherer und problemloser Wechsel in kĂŒrzester Zeit von »ganz Rechts« nach »ganz Links« eine fatale Auswirkung auf die politische GlaubwĂŒrdigkeit der antifaschistischen Bewegungen haben könnte. Außerdem bieten solche Übertritte natĂŒrlich auch den konservativen und rechten Vertretern der Totalitarismustheorie und der sogenannten »Hufeisentheorie«2 neue Argumente.




Quelle: De.indymedia.org