September 20, 2022
Von Paradox-A
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In einer Gesellschaftsform zu leben, welche auf Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung, Zerstörung, Entwürdigung beruht, ist eine enorme psychisch-emotionale Herausforderung. Viele gehen den Weg, diese Anforderungen mit der Adaption des unmenschlichen Leistungsdenken, dem stumpfsinnigen Warenkonsum, der Unterwerfung und Eingliederung in die gesellschaftliche Hierarchie, zu bewältigen. Andere, die unter dem Bestehenden leiden, werden depressiv, passiv oder krampfhaft optimistisch und aktivistisch. Dass auch der Wunsch nach Rache durch das reale Leiden der Einzelnen genährt wird vor diesem Hintergrund verständlich.

Der Wunsch nach Rache kann in ein Begehren nach Aufstand um seiner selbst Willen münden. Damit wird berechtigter Wut fetischisiert und der Fokus auf die Zerstörung des Schlechten gerichtet, welches erfahrungsgemäß alle ernsthaften Alternativen immer wieder verhindert und zertreten hat. Gekränkte Einzelne suchen Befreiungserlebnisse in Momenten des Aufstands. Auch dies ist nachvollziehbar. Doch ist das Bedürfnis nach Rache ist kein allgemeines, sondern ein Bestimmtes. Vor allem ihm nachgehen zu wollen, kann schnell dazu führen, das subjektive Erleben und Bestreben vielen Anderen aufzuzwingen, welche ebenso oder mehr unterdrückt, ausgebeutet und entfremdet werden. Im schlimmsten Fall werden jene für das eigene Rachebedürfnis instrumentalisiert.

Der Wunsch nach Rache ist so verständlich, wie er nicht emanzipierend ist. Im besten Fall gelingt es ihm, die Verursacher des Leidens zu attackieren. Häufig prallt es jedoch an ihren Bollwerken ab oder wird an ganz anderen ausgelebt. Daher suchen die Rache-Getriebenen Ersatzobjekte, um ihre zerstörerischen Wünsche zu erfüllen. Rache kann sich gegen die Manifestation von Herrschaftsverhältnisse richten. Sie ist aber nicht in der Lage, diese aufzulösen, sondern bleibt in ihnen im Anti-Reflex gefangen. Sie entwaffnet ihre Gegner nicht, sondern will ihnen schaden, sie meucheln. Die Rächer*innen wollen Herrschaft nicht strukturell begreifen und sie als Struktur angreifen – denn dies ist viel langwieriger, abstrakter, widersprüchlicher und daher weniger befriedigend.

Dies ist problematisch. Doch der Umkehrschluss daraus lautet nicht, stumm das Opferdasein zu ertragen oder sich selbst in eine Opferrolle zu begeben. Das würde den Rachewunsch nur auf Dauer stellen und das Selbst weiter zerfressen. Eine andere Möglichkeit besteht dagegen darin, sich selbst einen Platz zu suchen und von diesem ausgehend kontinuierlich und reflektiert aktiv zu sein, um die Herrschaftsordnung zu untergraben und zugleich Alternativen zu ihr aufzubauen. Um dies zu können, gilt es zu erlernen, wie wir Leid aushalten können – um es schlussendlich vollständig abzuschaffen.




Quelle: Paradox-a.de