Oktober 24, 2021
Von Indymedia
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 Dem von Anne Seeck, Gerhard Hanloser und Peter Nowak herausgegebenen Band gingen 16 im Netz ĂŒbertragene Diskussionsveranstaltungen voraus (auf https://www.vimeo.com nachzuschauen und nachzuhören), auf deren Grundlage in der Folge das vorliegende Buch entstanden ist.

In fĂŒnf Kapiteln wird sich dem PhĂ€nomen aus den Perspektiven „Corona und die Linke“, „Wen Corona und Lockdown besonders trifft“, „Die Profiteure“, „Medizin ist politisch“ und schließlich „Soziale KĂ€mpfe und Gegenwehr“ angenĂ€hert.

Hanloser arbeitet in seinem Essay „‘Corona-Rebellen‘, Linke und Antifa“ (S.19 ff.) heraus, wie aus seiner Sicht die (radikale) politische Linke den Moment verpasst habe mit klugen Interventionen und Protesten Position zu beziehen und den Klassencharakter des Lockdowns zu skandalisieren und hinterfragt kritisch, auch mit Hilfe historischerRĂŒckgriffe, die auf linken Demos zu hörende Parole „Wir impfen euch alle“, der er ein Gemeinmachen mit der Herrschaft attestiert.

Elisabeth Voß attestiert in „Linke Kritik(un)fĂ€higkeit und patriarchaler Rollback“ (S.35ff.) der vorerwĂ€hnten Parole einen patriarchalen Impetus und vermisst zugleich eine respektvolle und gewaltfreie Kommunikation in einer Zeit, in der es offenbar viel eher um patriarchal geprĂ€gte Konkurrenz, Dominanz und Rechthaberei gehe, wo es eigentlich einer kooperativen, feministischen Haltung bedĂŒrfe. Dem schließt sich der Beitrag von Anne Seeck (S.43 ff.) an, welche unter dem Titel „Feministische Perspektiven in der Corona-Krise“ entwickelt. Familien, Alleinerziehende, andere marginalisierte Frauen und queere Menschen, Ă€ltere alleinstehende Frauen, sie alle hatten, so Seeck, ganz besonders unter der Corona-Krise und den Maßnahmen zu leiden. Feminismus, so fordert die Autorin, solle immer zusammen mit der sozialen Frage betrachtet werden.

Es ist nicht der Raum die vielen weiteren und sehr fundierten BeitrĂ€ge nĂ€her vorzustellen. SelbstverstĂ€ndlich kommen viele der besonders von der Pandemie und den Maßnahmen betroffenen gesellschaftlichen Gruppierungen zu Wort: ob es in der (Alten-)Pflege ist, die Psychiatrie, die Obdachlosen, nicht zu vergessen die 60.000 inhaftierten Menschen. Es werden die (amoralischen) Corona-Profite besprochen, der Einsatz der Armee im Inland, die niemals wertfreie Medizin, die immer schon die Klassenlage widerspiegelte und wie (kĂŒnftig) kĂ€mpferisch, auch in der postpandemischen Zeit Gegenwehr aussehen kann und muss.

Auch wenn, vermutlich verstĂ€ndlicherweise, in der Mehrzahl der BeitrĂ€ge die Situation der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland im Fokus steht, möchte ich doch noch auf den Essay von Raina Zimmering, „Digitalisierung und Corona aus zapatistischer Perspektive“ (S.224 ff.) besonders hinweisen, denn der transnationale Charakter der Pandemie und der entsprechenden Maßnahmen ist offenkundig, zumal die Reaktion eines Großteils der Nationen erst mal darin bestand die Grenzen dicht zu machen und sich vom Rest der Welt abzuschotten. Zimmering stellt einfĂŒhrend in einem historischen RĂŒckblick dar, wie die Zapatisten schon frĂŒh in ihrem Kampf die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen begannen. Das PhĂ€nomen der Digitalisierung, so die Historikerin und Lateinamerikanistin, hĂ€tten die Zapatistas zudem von Anfang an als Raum des Kampfes und Widerstandes begriffen. Neben den VorzĂŒgen, seien auch die Gefahren, z.B. durch die Überwachung und Kontrolle begriffen worden und es sei versucht worden diesen zu begegnen.

Die GefĂ€hrlichkeit des Corona-Virus werde von den Zapatistas grundsĂ€tzlich ebenso anerkannt, wie die Notwendigkeit von hygienischen und gesundheitlichen Gegenmaßnahmen. Allerdings stellten sie die Umsetzung der Gegenmaßnahmen im GefĂŒge des Kapitalismus absolut in Frage, da aus deren Sicht die Corona-Maßnahmen der politischen Ruhigstellung der Ausgeschlossenen und UnterdrĂŒckten ebenso dienten, wie der Verhinderung des Widerstands hiergegen. Diese Tatsachen gewissermaßen dialektisch nutzend, so Zimmering, könne aus zaptistischer Sicht dazu fĂŒhren, dass die weiter auseinander driftende Kluft zwischen Arm und Reich schneller auf globaler Ebene bewusst gemacht, Widerstand global koordiniert werde, um letztlich in ein gutes Leben fĂŒr alle zu mĂŒnden.

Das erscheint mir sehr optimistisch gedacht, aber letztlich geht es doch darum: zu erkennen, dass niemand eine Insel ist, dass wir als Menschen alle miteinander verbunden sind, wir gemeinsam fĂŒr eine VerĂ€nderung kĂ€mpfen mĂŒssen und kein zweites Mal relativ widerstandslos die ĂŒberbordenden staatlichen Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen hinnehmen sollten.

Bibliographische Angaben: Corona und linke Kritik(un)fĂ€higkeit – Kritisch-solidarische Perspektiven „von unten“ gegen die Alternativlosigkeit „von oben“.

Herausgeber:innen: Gerhard Hanloser, Peter Nowak, Anne Seeck

Verlang: AG SPAK BĂŒcher (https://www.agspak-buecher.de/)

Preis: 19,00 €

Seiten: 239

ISBN: 9783945959596

Rezensent:

Thomas Meyer-Falk

z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV)

Hermann-Herder-Str.8

D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

http://www.freedom-for-thomas.de




Quelle: De.indymedia.org