Juli 1, 2022
Von InfoRiot
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Dreidimensionale Abbilder: Der jĂŒdische Zeitzeuge Ernst Grube erzĂ€hlt dem Jugendlichen Phil Carstensen von seinen Erlebnissen in Nazi-Deutschland und seiner KZ-Gefangenschaft.

Dreidimensionale Abbilder: Der jĂŒdische Zeitzeuge Ernst Grube erzĂ€hlt dem Jugendlichen Phil Carstensen von seinen Erlebnissen in Nazi-Deutschland und seiner KZ-Gefangenschaft.

Foto: Ufa/Florian Reick

Etwas ist anders an dem Bild, auf dem der Holocaust-Überlebende Ernst Grube und der Jugendliche Phil Carstensen sich gegenĂŒberstehen. Beim zweiten Hinsehen kommt man darauf: Die Umgebung ist nicht real. Es ist kein Spielfilm und keine Dokumentation, in der Ernst Grube von seinem Leben berichtet – es ist eine virtuelle RealitĂ€t. Und diese RealitĂ€t soll so dicht und ĂŒberzeugend sein, dass eine vollkommen neue IntensitĂ€t in der Begegnung mit Zeitzeug*innen möglich sein wird, allem voran mit den Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtungsideologie. So zumindest wĂŒnschen es sich die Akteure hinter dem Virtual-Reality-Projekt »Ernst Grube – Das VermĂ€chtnis«: Neben der Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten sind dies das Fraunhofer-Heinrich-Hertz-Institut und die Ufa GmbH.

Mit dem Projekt, das in dieser Woche fĂŒr die Öffentlichkeit an den Start gegangen ist, können alle Besucher*innen der KZ-GedenkstĂ€tte Sachsenhausen in den kommenden Monaten den im Jahr 1932 als Kind jĂŒdischer Eltern geborenen Ernst Grube in einem »begehbaren Film« selbst treffen. Oder wie es die Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten formuliert: »Nutzerinnen und Nutzer können an der ErzĂ€hlung Grubes teilnehmen, als stĂŒnden sie ihm direkt gegenĂŒber.«

Vier Besucher*innen setzen sich dafĂŒr eine Virtual-Reality-Brille auf und befinden sich in einem Kubus, der in dem GebĂ€ude der ehemaligen HĂ€ftlingswĂ€scherei von Sachsenhausen eingerichtet wurde. In fĂŒnf Episoden können sie Ernst Grube dann durch insgesamt 50 Minuten Zeitzeugeninterview folgen – von seinem Elternhaus in MĂŒnchen bis zum Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt, das Grube zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern ĂŒberlebte. Aus der Videoinformation wird ein dreidimensionales Abbild von Ernst Grube berechnet, das direkt in eine virtuelle Welt integriert werden kann. Die einzelnen Stationen seines Lebens werden dann in einer virtuellen Umgebung bebildert und somit auf neue Weise erfahrbar.

Als Sohn einer jĂŒdischen Mutter und eines evangelischen kommunistischen Vaters waren er und seine beiden Geschwister bereits ab 1938 Ausgrenzungen und Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Mit dem KPD-Abgeordneten und WiderstandskĂ€mpfer Ernst Grube, der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, nachdem er vor der Deportation dorthin auch im KZ Sachsenhausen inhaftiert war, hat der heute 89-jĂ€hrige Grube nichts zu tun. Er lebt in MĂŒnchen und ist ein prominentes Mitglied der bayerischen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Bekannt und aktiv als Zeitzeuge und GesprĂ€chspartner ist er sichtlich angetan von dem Ergebnis des sogenannten volumetrischen Videos und der fotorealistischen dreidimensionalen Darstellung seiner selbst. »In der vielgestaltigen Erinnerungsarbeit waren und sind unsere Berichte als Überlebende der NS-Verfolgung ein wichtiger Beitrag. Diese unmittelbaren Zeugnisse werden mit unserem Ableben fehlen«, sagt Grube. Und fragt sich, ob die neue volumetrische Darstellung die ErzĂ€hlungen sogar eindrĂŒcklicher dokumentieren und transportieren könne: »Ich bin selbst sehr beeindruckt von der technischen Umsetzung dieses ersten Beispiels, das meine Verfolgung und die meiner Familie zum Inhalt hat. Jetzt bin ich neugierig und gespannt, welche Wirkungen es vor allem bei jĂŒngeren Menschen haben wird, die sich in diese Geschichte hineinbegeben. Werden sie intensiver berĂŒhrt werden, nachdenken und nachfragen?«

Das will auch Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten, wissen: »Mit der PrĂ€sentation gibt die GedenkstĂ€tte Sachsenhausen erstmals einer Virtual-Reality-Anwendung einen Raum. Wir erforschen derzeit in verschiedenen Projekten, wie sich digitale Anwendungen auf dem GelĂ€nde der GedenkstĂ€tte einbinden lassen und ob dies das Lernen am historischen Ort unterstĂŒtzt.« Man arbeite auch an eigenen Anwendungen aus dem Bereich und werde diese bald testen, erklĂ€rt Drecoll weiter. »Durch digitale Technologien können Überlebende, die nicht persönlich vor Ort sind, ihre Verfolgungsgeschichte erzĂ€hlen. Auch GebĂ€ude, die heute nicht mehr existieren, könnten mithilfe von digitalen Anwendungen wieder sichtbar gemacht werden. Uns interessiert dabei, ob Besucherinnen und Besucher am historischen Ort digitale Technik ĂŒberhaupt als sinnvolle ErgĂ€nzung betrachten.«

Daher können sich alle, die die Projektion nutzen, im Anschluss an einer kurzen Online-Auswertung beteiligen. Ufa-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Joachim Kosack ist sich derweil bereits sicher, dass die Virtual-Reality-Erfahrung »einen Meilenstein in der Aufrechterhaltung unserer notwendigen Erinnerungskultur setzen kann«, wie er zum Start des Projekts sagt.

Die PrÀsentation kann vom 29. Juni bis 31. Oktober 2022 freitags jeweils von 12 bis 16 Uhr in der ehemaligen HÀftlingswÀscherei in der GedenkstÀtte Sachsenhausen genutzt werden.




Quelle: Inforiot.de