April 13, 2021
Von Paradox-A
212 ansichten


Lesedauer: 16 Minuten

Okay, war dann doch ganz schön komisch, die Online-Diskussionsrunde am Sonntagnachmittag bei der HARP. Nun gut, das werde ich mir kĂŒnftig also sparen, auch wenn ich es ganz nett fand, mit Thomas Seibert zu sprechen. FĂŒr den Anlass zum Thema habe ich einen Entwurf zur Frage des politischen Subjektes im Anarchismus geschrieben, der denke ich tatsĂ€chlich wesentliche Punkte enthĂ€lt, aber auch ausgebaut, belegt und konkretisiert werden mĂŒsste.

[Entwurf]

Jonathan Eibisch

Die Frage nach dem politischen Subjekt im Anarchismus verweist auf ein Spannungsfeld innerhalb des anarchistischen Denkens. Es handelt sich um jenes zwischen Politik und dem Anderen von Politik, dem, was von ihr ausgeschlossen wird und/oder ihr entfliehen möchte.

Skepsis gegenĂŒber politischer SubjektivitĂ€t

Anarchistische Anti-Politik beinhaltet die ethische und utopische Forderung danach, dass alle Menschen sich als Einzelne selbst bestimmen können. Demnach können auch die Autonomie von Kommunen und Kollektiven dem Anspruch nach nur durch vollstĂ€ndig Freiwilligkeit, also aus dem eigenen vernĂŒnftigen Entschluss ihrer Mitglieder, verwirklicht werden. Menschen schlössen sich demnach nicht mehr aufgrund ihrer geographischen oder sozialen Herkunft und nicht aufgrund konstruierter IdentitĂ€ten zusammen. Ihre Assoziation geschĂ€he aufgrund der Orte an denen sie leben, den TĂ€tigkeiten, welchen sie aktuell nachgehen und den Leidenschaften beziehungsweise Vorlieben, welche sie jeweils haben. Diese seien jedoch multiple und auch wandelbar. Wo keine ZwĂ€nge auf die Einzelnen ausgeĂŒbt werden, wĂŒrden diese in der ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit die meiste Zeit dazu tendieren, sich mit ihren FĂ€higkeiten in die Reproduktion und Gestaltung kollektiver AktivitĂ€ten einzubringen. Damit könnten sie ihre ausgeprĂ€gten sozialen BedĂŒrfnisse befriedigen, hĂ€tten individuell ein angenehmeres Leben und wĂŒrden in Beziehung mit anderen erst zu wirklichen Individuen werden.

Menschen kommen also individuell nur in sozialer Auseinandersetzung und im kollektiven Zusammenhang zu sich selbst. Es scheint, dass viele Anarchist*innen davon ausgehen, dass der Begriff „Subjekt“ neben „HandlungsfĂ€higkeit“ stets auch einen Aspekt der Fremdbestimmung aufweist, der ĂŒber die bloße Tatsache hinaus geht, dass Menschen als gesellschaftliche Wesen umfassend voneinander abhĂ€ngig sind, weswegen sie bisweilen auch spontane individuelle Impulse oder Interesse zurĂŒckstellen. Diese unfreiwillige Eingliederung kann sich innerhalb der weiten Spanne von sanftem sozialen Zwang bis hin zu direkter und brutaler Unterwerfung bewegen. Damit mĂŒsste konsequenterweise angenommen werden, dass bei vollstĂ€ndig ausgeprĂ€gten Anarchie, sowohl der Subjektstatus von Personen, als auch jener von Kollektiven entsprechend den utopischen und ethischen Fluchtlinien des Anarchismus aufgelöst sein wĂŒrde. Zumindest wĂ€re er radikal anders, als fĂŒr die meisten Menschen in der heutigen Gesellschaft. Entscheidend ist, dass im Anarchismus die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung aller (unterschiedlicher) Einzelnen Ziel und damit auch Indikator fĂŒr die Verwirklichung von sozialer Freiheit ist. Aus der Ablehnung von erzwungenen KollektivitĂ€ten ergibt sich somit im Anarchismus auch eine grundlegende Skepsis gegenĂŒber politischer SubjektivitĂ€t.

Dimensionen eines anarchistischen VerstÀndnisses von politischer SubjektivitÀt

Dieser Zielvorstellung, welche gleichwohl nicht irgendwann ist oder sein soll, sondern entweder hier und heute gebrochen und widersprĂŒchlich anbricht, oder gar nicht ist, steht notwendigerweise die politische Seite des Anarchismus gegenĂŒber. Anarchismus als Streben nach umfassender Emanzipation und Autonomie ist nicht unpolitisch oder apolitisch, sondern (anti)politisch. Und in der Politik geht es um die Aushandlung der divergierenden Interessen unterschiedlicher politischer Subjekte, die ĂŒber verschiedene Machtressourcen verfĂŒgen.

Politische SubjektivitĂ€t weist in anarchistischen VerstĂ€ndnissen sechs Dimensionen auf. Mit der sozial-strukturellen Dimension lĂ€sst sich erheben und beschreiben, wie sich bestimmte soziale Gruppen anhand ihrer Positionierung in der sozialen Hierarchie der Gesamtgesellschaft, herausbilden. Dies lĂ€sst sich ĂŒberwiegend anhand der ökonomischen und politischen Macht beschreiben, welche jene sozialen Gruppen aufweisen. Sie ĂŒberschneidet sich mit der sozial-kulturelle Dimension, beide gehen jedoch keineswegs ineinander auf. Als sozial-kulturelle Faktoren können Sprache, Habitus, Narrationen und Mythologien gelten, welche GefĂŒhle von Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit erzeugen. Sozial-strukturelle und sozial-kulturelle Dimensionen haben starken Einfluss auf die PrĂ€gung von sozialen Subjekten.

Als politische Subjekte können diese jedoch erst gelten, wenn ihre jeweiligen Eigenheiten politisiert, also in das Feld politischer Auseinandersetzungen ĂŒberfĂŒhrt werden. Dies geschieht in der strategisch-organisatorischen Dimension von politischer SubjektivitĂ€t. Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang RĂ€ume der Versammlung und Auseinandersetzung. Die Ausbildung politischer SubjektivitĂ€t geschieht zum einen durch die Strukturierung nach innen, zum anderen beim Auftreten in der Öffentlichkeit. Ferner sind soziale Hierarchien innerhalb von politischen Subjekten, als auch ihre Organisationsformen und Arbeitsweisen generell und deren Unterscheidung von jenen anderer politischer Subjekte zu bestimmen. Dies ist mit der strategisch-diskursiven Dimension verknĂŒpft. Zwar lassen sich sozial-strukturelle oder sozial-kulturelle Faktoren eines Subjektes relativ objektiv bestimmen. Zu einem politischen Subjektiv kann es jedoch nur werden, wenn ihnen spezifische Bedeutung verliehen wird, wenn sie benannt werden. Die Benennung eines politischen Subjektes geschieht notwendigerweise in Abgrenzung zu anderen politischen Subjekten, wobei die Art der Abgrenzung und die Möglichkeiten ihrer politischen Beziehungen eine große Varianz aufweisen. Ebenso besteht eine VariabilitĂ€t darin, zu welchem Grad dem politischen Subjekt eine Essenz zugeschrieben wird oder ob diese als strategische Setzung offen gelegt und damit zur Verhandlung gestellt wird. Politische Organisation und Artikulation geschehen zu StĂ€rkung eines spezifischen sozialen Subjekte in der politischen Auseinandersetzung. Politische TĂ€tigkeit besteht jedoch auch in der Desorganisation und Desartikulation von konkurrierenden und gegnerischen politischen Subjekten.

Im anarchistischen VerstĂ€ndnis spielt auch die ethische Dimension politischer SubjektivitĂ€t eine Rolle. Diese beinhaltet die Legitimation, mit welchem einem politischen Subjekt eine spezifische Position in der sozialen Hierarchie zukĂ€me, die es zu behalten oder zu erringen gĂ€lte. Politische Subjekte werden formiert, um politische Auseinandersetzung einzugehen und letztere bedingen auch ihre Konstituierung. Anders gesagt bedeutet Emanzipation, dass unterworfene, ausgebeutete und entfremdete politische Subjekte danach streben, die Bedingungen aufzulösen, unter welchen sie sich als spezifische politische Subjekte konstituieren. Daran knĂŒpft schließlich die voluntaristische Dimension an. Emanzipation kann nicht fĂŒr andere politische Subjekte, sondern muss durch diese selbst vollzogen werden. Dies bedeutet, dass aus den jeweiligen sozialen Gruppen möglichst viele Menschen möglichst umfassend an der Konstitution ihrer politischen SubjektivitĂ€t mitwirken sollen. Diese PrĂ€misse grĂŒndet sich erstens auf der Annahme einer subjektiven Verhaftung von Menschen in den HerrschaftsverhĂ€ltnissen und zweitens auf der Einsicht darin, dass sie letztendlich nur selbst definieren, entscheiden und mit Inhalt fĂŒllen könnten, worin „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Anerkennung“ oder „Gleichheit“ fĂŒr sie konkret bestehen. Dass darum offensichtlich Auseinandersetzungen gefĂŒhrt werden und es verschiedene Bewusstseinsgrade davon gibt, wird im Anarchismus mit dem Anliegen vermittelt, möglichst alle Menschen zu ihrer Bewusstseinsbildung und Selbstbestimmung zu befĂ€higen. Die ethische und voluntaristische Dimension politischer SubjektivitĂ€t fĂŒhren wiederum zur anarchistischen (Anti)Politik zurĂŒck.

PrÀfiguration, PluralitÀt, HeterogenitÀt von politischer SubjektivitÀt

Die Konstituierung politischer Subjekte wird im Anarchismus nicht als Selbstzweck gedacht, sondern geschieht strategisch, um fĂŒr einen libertĂ€ren Sozialismus zu kĂ€mpfen. DarĂŒber hinaus sollen die zu konstituierenden Subjekte im Sinne einer prĂ€figurativen Politik in ihrer Organisationsform, ihren Aktionsformen und in ihren Beziehungsweisen die angestrebten gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse bereits vorwegnehmen. Da das sozial-revolutionĂ€re Anliegen im Anarchismus darin besteht, die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse insgesamt grundlegend zu verĂ€ndern, versteht sich von selbst, dass mit prĂ€figurativer Politik AnsprĂŒche formuliert werden, welche erstens wiederum selbst Teil von Aushandlungsprozessen sind und die zweitens als Orientierungsmarken dienen, deren ErfĂŒllung stets nur partiell, gebrochen und widersprĂŒchlich gelingen kann. Aufgrund dieser ethischen und utopischen Komponente, sind emanzipatorische politische Subjekte daher auch nicht als bloße Mittel zu Erreichung spezifischer Zwecke zu verstehen. Aus dem Changieren zwischen der Tendenz von formierten Subjekten zum „sozialen“ Selbstzweck zu werden und jener, „nur-politischer“ Zweck zum Mittel sein, ergibt sich ein komplexes VerstĂ€ndnis (anti)politisches SubjektivitĂ€t, welches anarchistische Akteure vor große Herausforderungen stellt.

Da der Anarchismus sehr plural ist, sich auf verschiedene soziale Gruppen bezieht und unterschiedliche ideologisch-weltanschauliche und strategische Vorstellungen umfasst, ergibt sich von selbst, dass in ihm verschiedene Vorstellungen von politischen Subjekten und politischer SubjektivitĂ€t bestehen. Hierbei mĂŒsste streng genommen zwischen politisch-ideologisch ĂŒberzeugten „Anarchist*innen“, Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen im weiteren Sinne und solche sozialen Gruppen unterschieden werden, welche in ihrer sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Position in einer historisch-spezifischen Herrschaftsordnung am stĂ€rksten ausgebeutet, unterdrĂŒckt und entfremdet werden. Die ÜbergĂ€nge sind jedoch fließend.

Allgemein kann festgestellt werden, dass der Anarchismus bei seiner Genese in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Kategorie des „Volkes“ im Sinne des vierten Standes Bezug nahm. „Volk“ ist in der anarchistischen Verwendung also eine sozialstrukturelle Kategorie der unteren Klassen, welche zu weiten Teilen politisch unterdrĂŒckt und ausgeschlossen werden. Die beinhaltet jedoch bereits die Annahme seiner inhĂ€renten HeterogenitĂ€t, angefangen bei der Arbeit verschiedener sozialer Gruppen in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie, aus welcher unterschiedliche Interessen resultieren. DarĂŒber hinaus werden auch sozial-kulturelle Unterschiede ausgemacht, je nach geographischem Raum (Stadt-Land, verschiedene Regionen), nach Herkunft (unterschiedliche Sprachen, GebrĂ€uche) oder weltanschaulichen Überzeugungen (z.B. PrĂ€gung durch Religionsgemeinschaften). Wenn im frĂŒhen Anarchismus von „Volk“ gesprochen wurde, dann stets von einer Gemengelage unterschiedlicher sozialer Gruppen, denen jedoch unterstellt wurde, sich in einem strukturellen Antagonismus zum Großgrund-besitzenden Adel oder dem Kapital-besitzenden BĂŒrgertum zu befinden. Wesentlich ist dem Anarchismus die Ablehnung eines vermeintlich privilegierten revolutionĂ€ren Subjektes, wie es etwa im Marxismus mit dem Industrieproletariat ausgemacht wurde. Fast als Gegenbewegung zum Marxismus findet sich daher im Anarchismus auch eine Bezugnahme auf den angeblich reaktionĂ€ren „fĂŒnften Stand“, das sogenannte „Lumpenproletariat“. Darunter werden mit Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Tagelöhnern, Kleinkriminellen und Prostituierten all jene sozialen Gruppen zusammengefasst, welche von der Hand in den Mund leben mĂŒssen, oftmals keinen dauerhaften Wohnsitz haben und daher keinen geregelten Lebenslauf vorweisen können.

Der soziale Gegensatz zwischen „Volk“ und herrschenden Gruppen sollte anarchistischer Lesart nach mit dem Nationalismus ĂŒbertĂŒncht und in seiner republikanischen oder völkischen Variante in die konstruierte Gesamtheit von „Republik“ oder „Volksgemeinschaft“ ĂŒberfĂŒhrt werden. Dementsprechend wird in allen Varianten der nationalstaatliche Rahmen fĂŒr die Herausbildung politischer Subjekte abgelehnt, im Unterschied zu sozialdemokratischer Politik vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute.

Mit dem in der Ersten Internationale (1864-1876) verbreiteten und spĂ€ter von Peter Kropotkin ausformulierten anarchistischen Kommunismus wurde das Subjekt des Volkes zunehmend durch jenes der Klasse ersetzt. Doch auch bei ihm gingen anarchistische Denker*innen von seiner inhĂ€renten HeterogenitĂ€t aus. Mit anderen Worten richteten sie ihr Augenmerk darauf, wie die „Klasse an sich“ zu einer „Klasse fĂŒr sich“ werden könnte, wie es Marx formulierte. Denn dieser Prozess geschieht nicht mehr oder weniger automatisch, sondern ist aktiv organisatorisch, diskursiv, ethisch und voluntaristisch herzustellen, vor allem deswegen, weil die „Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein“ soll. Die Bezeichnungen „Volk“ und „Klasse“ treten jedoch auch kĂŒnftig oftmals vermischt auf. Im spanischen Raum sind „pueblo“ und im englischen „people“ anders konnotiert als im deutschen Sprachgebrauch. Dahingehend lassen sich im Anarchismus bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch explizite Bezugnahmen auf die Bauernschaft zeigen – man denke beispielsweise an die mexikanische Revolution oder die Macho-Bewegung.

Die Entwicklung des Anarcho-Kommunismus ist jedoch nur eine Linie im Anarchismus. Ihr gegenĂŒber steht die Ausbreitung des individualistischen Anarchismus, der einerseits in Abwehr der sich ausdehnenden Zwangsinstitutionen des bĂŒrgerlichen Nationalstaats und andererseits in Ablehnung der Massengesellschaft und politischer Kollektive generell entsteht. Kommunistische Anarchist*innen lehnten sozialistische politische Parteien ab, befĂŒrworteten jedoch Massenorganisationen, um politische Subjekte zu konstituieren. Individualanarchist*innen dagegen argumentieren, mit Massenorganisationen und der Bezugnahme auf kollektive politische Subjekte geschĂ€he erneut eine Unterordnung von Einzelnen unter abstrakte Gesamtwillen, was dem anarchistischen Grundanliegen widersprĂ€che. Als politische Subjekte werden hingegen gerade die Individuen betrachtet, welche es zu stĂ€rken gĂ€lte. Etwas spĂ€ter noch, ab den 1890er Jahren kamen der anarchistische Syndikalismus und der kommunitĂ€re Anarchismus auf. In ersterem wird das politische Subjekt der proletarischen Klasse eindeutiger als im Anarcho-Kommunismus betont, wenngleich weiterhin von ihrer HeterogenitĂ€t ausgegangen wird. Im anarchistischen Kommunitarismus ist eine Relativierung von sozial-strukturellen BegrĂŒndungen festzustellen. Stattdessen wird die sozial-kulturelle Dimension in dem Sinne betont, als dass die politischen Subjekte eher in Lebensreform- und Genossenschaftsbewegungen gesucht werden.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist ein zunehmende Integration der Arbeiterklasse in den staatlichen Kapitalismus zu beobachten. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft wĂ€hrend der Kriege, die Ausdehnung von Konsummöglichkeiten und relativer Wohlstand, politisch-gewerkschaftliche Klassenkompromisse, die Entwicklung der Unterhaltungsindustrie, die parlamentarische Einbindung sozialistischer und kommunistischer Parteien und die Beschwörung nationaler Einheit durch Ă€ußere und innere Feind*innen sind hierbei als wesentliche Faktoren fĂŒr diese Entwicklung zu nennen. Zumindest sozial-revolutionĂ€re Bestrebungen waren mit dem herkömmlichen Klassensubjekt nicht mehr denkbar. Dies galt ebenso fĂŒr die realsozialistischen Staaten in welchen mit der Proklamation der Diktatur der Arbeiterklasse, reale Klassenunterschiede negiert wurden, wĂ€hrend ebenso eine neuartige Einbindung proletarischer Klassen in herrschende Schichten erfolgte.

Zugleich brach sich eine Entwicklung bahn, deren Keim schon lange vorher gelegt war: Herkunft/race und Geschlecht/SexualitĂ€t wurden als UnterdrĂŒckungsmomente begriffen, denen mit weißer Vorherrschaft und Patriarchat eigenstĂ€ndige HerrschaftsverhĂ€ltnisse zu Grunde liegen. Um diesen entgegenzutreten, wurde ĂŒber IdentitĂ€tspolitiken verschiedene politische Subjekte gebildet, die sich gegen multiple UnterdrĂŒckungsachsen zu Wehr setzen.

Mit der Welle der antiimperialistischen Bewegungen wurde von Anarchist*innen ebenfalls auf die Subjekte von um Befreiung kĂ€mpfenden sozialen Gruppen in LĂ€ndern der sogenannten „Dritten Welt“ Bezug genommen. Dies geschah jedoch deutlich kritischer auch dem sowjetischen Imperialismus und dem Nationalismus der Befreiungsbewegungen gegenĂŒber. Ab den 1990ern ist von einer weiteren Pluralisierung oder auch Fragmentierung politischer Subjekte im Anarchismus zu sprechen. Mit der Diskussion um die AnsprĂŒche nicht-menschlicher Lebewesen oder auch zukĂŒnftig lebender menschlicher Generationen wird eine Ansammlung von politischen Subjekten in Abwesenheit eingefĂŒhrt.

Der Fragmentierung wird mit Überlegungen zur Bildung neuer Allianzen zwischen verschiedenen politischen Subjekten begegnet. Die postoperaistische „Multitude“ erfuhr dabei teilweise Zustimmung von Anarchist*innen, gilt ihnen jedoch noch als zu unbestimmt, schematisch und unterkomplex. StĂ€rker wird versucht, heterogene politische Subjekte an den „RĂ€ndern“ der Herrschaftsordnung zu suchen (z.B. Indigene, Arbeitslose, Migrant*innen, Sexarbeiter*innen), die ebenso „innerhalb“ ihrer Metropolen, in deren „Rissen“ und „ZwischenrĂ€umen“ (z.B. Autonome, digitale BohĂ©me, Transpersonen, anti-elitĂ€rer Kosmopolitismus) gefunden werden können. Der Vorstellung eines „linken Mosaiks“ nicht fern, geht es um die Bildung von „Äquivalenzketten“ um verschiedenen politischen Subjekte zusammen zu schließen. Über „linke“ Vorstellungen hinaus, soll eine solche Allianz jedoch ohne anfĂŒhrende Partei auskommen und in vollstĂ€ndiger Bewahrung beziehungsweise erst Herstellung der Autonomie der sich freiwillig und horizontal föderierenden politischen Subjekte gelingen. Diese anarchistische PluralitĂ€t richte sich gegen den liberalen Multikulturalismus, wie Richard F. Day betont (2005). Mit dem Ansatz der „Total Liberation“ soll wiederum eine Vereinigung verschiedener Subjekte gegen soziale Hierarchie generell möglich werden, in dem vom Kristallationspunkt der ökologischen Zerstörung ausgegangen wird (2019).

Im Individualanarchismus wird das Subjekt „souverĂ€ner sozialer SingularitĂ€ten“ fortgeschrieben (Saul Newman (2016); Crispin Sartwell (2008)), ebenso wie im Anarcho-Syndikalismus der Klassenbegriff aufgewĂ€rmt wird (Schmidt/van der Walt (2009)) oder kommunale (Murray Bookchin (1997)) beziehungsweise kommunitĂ€re KollektivitĂ€ten (John P. Clark (2013)) wieder in den Blick genommen werden. Traditionelle Diskussionen werden hierbei also unter teilweise verĂ€nderten UmstĂ€nden fortgeschrieben.

Das Element des Willens und die Dimension der Entfremdung

Allen Strömungen im Anarchismus ist gemein, dass in ihnen der Wille von Subjekten zu ihrer eigenen ErmĂ€chtigung beziehungsweise Emanzipation betont wird. Die im Sozialismus weit verbreitete Vorstellung eines unweigerlichen gesellschaftlichen Fortschritts wird ebenso abgelehnt, wie jene, dass Geschichte nach vermeintlich historischen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten verlaufe. Verworfen wurden die Verelendungsthese, nach welcher Menschen dann revolutionĂ€r werden wĂŒrden, wenn sich ihre Lebensbedingungen verschlechtern und auch das angeblich „eherne Lohngesetz“, mit welchem davon ausgegangen wurde, dass jegliche Verbesserungen von Arbeitsbedingungen durch eine Erhöhung der Preise oder Mieten ausgeglichen werden wĂŒrden. Die Situation von UnterdrĂŒckung, Ausbeutung und Entfremdung fĂŒhre bei Angehörigen der produzierenden Klassen zu Fatalismus und Perspektivlosigkeit. Religionsgemeinschaften, Medien und Unterhaltungsindustrie hielten sie in einem dauerhaften Spektakel gefangen oder verdummten sie regelrecht, sodass sich ihr Drang aufzubegehren in reaktionĂ€re Richtungen wendet.

FĂŒr Anarchist*innen spielen sozialistische Parteien dieses Spiel mit, anstatt sich ihm entgegen zu stellen. Sie artikulieren und vertreten die Interessen ihres Klientels, anstatt dass die Angehörigen einer sozialen Gruppe dies selbst tun. Sie vermitteln ihre Interessen in parlamentarischen politischen Gremien und Prozessen, anstatt direkt fĂŒr ihrer Umsetzung als soziale Praxis einzutreten. Sie bilden hierarchische Strukturen aus, die jenen des Staates gleichen. Indem Parteisozialist*innen Menschen organisieren und anfĂŒhren, anstatt das diese sich selbst organisieren und selbst bestimmen (was auch kollektiv und prinzipiell auch institutionalisiert geschehen kann), tendieren sie dazu, sie in Unwissenheit, AbhĂ€ngigkeit, OhnmĂ€chtigkeit und Gehorsam zu halten.

Daher wird im individualistischen Anarchismus die Eigenwilligkeit der Einzelnen betont, deren Erkennen und Ausleben an sich eine antiautoritĂ€re Stoßrichtung aufweise. Im Mutualismus wird mit neuartigen Institutionen wie den Arbeiterbörsen, Kollektivbetrieben oder Genossenschaften gegenseitige Hilfe, praktische SolidaritĂ€t und sozialer Zusammenhalts gestiftet, die bewusst nicht fĂŒr andere, sondern fĂŒr ihre Mitglieder selbst geschehen soll. Der Anarcho-Kommunismus weist den Widerspruch auf, dass seine AnhĂ€nger*innen die proletarischen Klassen einerseits nicht anfĂŒhren, sondern zu ihrer SelbstermĂ€chtigung anregen wollen; andererseits aber eine festere Vorstellung davon haben, wie der gesellschaftliche Zustand zu beschreiben ist und wie die Vision fĂŒr eine libertĂ€r-sozialistische Gesellschaft aussieht. Dies fĂŒhrt zu einer Überbetonung von der Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung, Propaganda und Agitation der Menschen, welche sich darauf hin selbst erheben und organisieren sollen. Im anarchistischen Syndikalismus wird der „Arbeiterwille“ als „neuer Faktor“ angesehen, sprich als etwas, was nicht einfach gegeben ist, sondern was durch spezifische Erfahrungen geprĂ€gt und durch Sozialtechniken gefördert werden könne. Daher wird Wert auf die genaue Organisationsform der Syndikate gelegt, in welchen die Arbeiter*innen sich organisieren, darĂŒber hinaus jedoch auch ihrer Lage bewusst werden, solidarisieren und ermĂ€chtigen können. Die Anwendungen von direkten Aktionen dient zum Einen dazu, bestimmten Forderungen Nachdruck zu verleihen, indem Tatsachen geschaffen werden. Nicht weniger jedoch hat sie eine erzieherische Funktion fĂŒr jene, die sie anwenden als auch fĂŒr jene, die sie sehen. Auch im kommunitĂ€ren Anarchismus wird der Wille der Einzelnen betont, welcher Voraussetzung dafĂŒr sei, politische Subjekte zu konstituieren, die anarchistischen Vorstellungen entsprechen. KlassenĂŒbergreifend sollen all jene, die gesamtgesellschaftliche VerĂ€nderungen in Verbindung mit der VerĂ€nderung ihrer eigenen Lebensweise wollen versammelt werden, um ein experimentelles „neues Beginnen“ zu wagen. Schließlich soll auch im anarchistischen Insurrektionalismus die Rebellion, der Aufstand, nicht allein dazu dienen, Aspekte der Herrschaftsordnung direkt anzugreifen und zu zerstören. Ebenso sollen mit ihm die Verletzbarkeit der Herrschaft aufgezeigt und die ErmĂ€chtigung der Subjekte in der aufstĂ€ndischen Situation erfahren werden, damit die Ohnmacht gebrochen und der Wille erzeugt wird, mit der Herrschaftsordnung auf umfassende Weise zu brechen.

Insgesamt kann fĂŒr die anarchistische Theorie wiederum von einem dialektischen VerhĂ€ltnis vom „Willen“ als Ausgangspunkt zur Konstitution von politischen Subjekten und „Willen“ als Ziel formierter politischer Subjekte ausgegangen werden. „Wille“ ist dabei nicht als etwas naturgemĂ€ĂŸ gegebenes oder als bloße Charaktereigenschaft zu verstehen. Vielmehr grĂŒndet er sich in der „Erziehung“, das heißt zum Beispiel dem Kennenlernen der eigenen BedĂŒrfnisse und Vorstellungen, einem Bewusstsein von der eigenen gesellschaftlichen Situation und Zielvorstellungen davon, wie diese anders sein könnte, sowie in der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die als mit anderen (im Kampf) verbunden zu verstehen ist. In jedem Fall ist diese voluntaristische Dimension wie erwĂ€hnt eine, die zu politischen Subjekten, die einem anarchistischem VerstĂ€ndnis entsprechen, hinzukommen muss. Im Zusammenhang mit der Dimension einer sozialistischen Ethik ĂŒbersteigt sie die sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Bedingungen in denen soziale Subjekte situiert sind und ermöglicht tendenziell einen Zusammenschluss von politischen Subjekten aus verschiedenen Kontexten. Diese Schnittpunkte sind jedoch aktiv herzustellen.

Das Problem der „Avantgarde“ und der Fokus auf „radikale Minderheiten“

So unterschiedlich die HintergrĂŒnde von AnhĂ€nger*innen der anarchistischen Szene beziehungsweise anarchistisch beeinflusster sozialer Bewegungen waren und sind, kam der Großteil von ihnen aus proletarischen VerhĂ€ltnissen, waren sie Industriearbeiter, Bauern oder abhĂ€ngige Handwerker. Die Namen, die historisch ĂŒberliefert werden sind jedoch in der Regel jene von Aktiven, die entweder BĂŒcher oder Zeitungsartikel geschrieben haben, sich als Redner*innen und Organisator*innen besonders hervortaten oder durch ihren außergewöhnlichen Wagemut zur Legende gemacht wurden. Damit wird die gĂ€ngige Vorstellung reproduziert, es seien entweder fast ausschließlich „privilegierte“, „besonders begabte“ oder „fanatische“ (ĂŒberwiegend weiße und mĂ€nnliche) Personen, welche emanzipatorische soziale Bewegungen prĂ€gen oder anfĂŒhren. Wenngleich die Zugangschancen Ă€ußerst unterschiedlich sind, trĂŒgt dieser Eindruck dennoch. Echtes sozial-revolutionĂ€res Handeln geschieht durch viele „durchschnittliche“ Leute und wird in oftmals sehr unspektakulĂ€ren Handlungen und kontinuierlicher Organisationsarbeit vollzogen. Einen „Willen“ – im oben beschriebenen Sinne – fĂŒr diese GraswurzeltĂ€tigkeiten zu entwickeln, ist an bestimmten Voraussetzungen gekoppelt. Dies gilt umso mehr, je weniger das sozial-revolutionĂ€re Handeln an der OberflĂ€che kratzt, wĂ€hrend es fĂŒr tiefschĂŒrfende und daher oftmals wenig sichtbare AktivitĂ€ten selten soziale Anerkennung oder ĂŒberhaupt VerstĂ€ndnis gibt. Politisch aktiv zu werden, also sich bewusst als Teil eines politisches Subjektes zu verstehen und politische Subjekte organisieren zu wollen, verlangt ĂŒber eigene Zeit zu verfĂŒgen, Zugang zu bestimmter Bildung zu haben und einen bestimmten Habitus ausbilden zu können, um Anteil an einer bestimmten politischen Szene und Kontakte in ihnen zu haben. Je schwerer Ausbeutung, UnterdrĂŒckung und Entfremdung auf den sozialen Gruppen lasten, desto schwerer ist es fĂŒr sie, sich freiwillig als bewusste politische Subjekte zu konstituieren.

Dass soziale Gruppen sich als politische Subjekte formieren und sich emanzipatorischen sozialen Bewegungen oder sogar einer anarchistischen Szene anschließen, lĂ€sst sich also nicht allein oder vorrangig aus sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Bedingungen ableiten, ergibt sich aber auch nicht bloß aus der ethischen oder voluntaristischen Dimension, sondern ist eine Frage von Organisation und Diskurs. Menschen können sich aus verschiedenen Positionen heraus politischen Subjekten anschließen. Auch wenn sich Faktoren dafĂŒr benennen, begrĂŒnden und somit auch in gewissem Maß beeinflussen lassen, wĂ€re es mĂŒĂŸig danach zu suchen, aus welchen GrĂŒnden genau sich Einzelne oder bestimmte Gruppen einem politischen Subjekt anschließen. Beziehungsweise wĂ€re es – wenn es umfassend betrieben werden wĂŒrde – auch schlichtweg manipulativ und damit nicht emanzipatorisch.

Festzustellen ist, dass es immer wieder eine Kluft zwischen ideologisch ĂŒberzeugten Aktiven und einer breiten und relativ unbewussten beziehungsweise lethargischen Masse zu geben scheint. Dies hĂ€ngt mit den erwĂ€hnten Zugangsvoraussetzungen zusammen, mit der Ohnmacht und Fatalismus erzeugenden gesamtgesellschaftlichen Konstellation, als auch mit der bloßen „sozialen“ Tatsache, dass sich nur wenige Menschen trauen mit mehrheitlich verbreiteten Vorstellungen oder Verhaltensweisen zu brechen und damit in der Regel die eigene Komfortzone zu verlassen. Letzteres bedeutet zudem die Bereitschaft, sich auch als soziales Subjekt in Frage zu stellen und sich von dessen Bedingungen emanzipieren zu wollen.

Wie erwĂ€hnt, setzen Anarchist*innen auf die SelbstermĂ€chtigung und Selbstorganisation der von Herrschaft betroffenen Subjekte. Damit werden Stellvertretungsprinzip und Avantgarde-Politik zurĂŒckgewiesen. In der Konsequenz fĂŒhrte dies oftmals zu einer subkulturellen oder dogmatisch-identitĂ€ren SelbstbezĂŒglichkeit in anarchistischen Kreisen. Die AnsprĂŒche daran, eigene Lebensweisen zu verĂ€ndern, wurden derart hoch angelegt, dass das VerstĂ€ndnis fĂŒr die eigene „ProgressivitĂ€t“, beziehungsweise die ExklusivitĂ€t der spezifischen gesellschaftlichen Position, verloren ging. Mit schlecht vermittelbaren Beispielen und fernen LebensrealitĂ€ten lassen sich die eigenen Vorstellungen jedoch nur schwierig verbreiten. Die Kluft zwischen bewussten politischen Subjekten und durch die – in der staatlich-kapitalistischen Gesellschaft hergestellten – Massen, lĂ€sst sich somit nicht ĂŒberbrĂŒcken.

Die Diskussionen um diese Thematik fĂŒhrten im Anarchismus zum Konzept der radikalen Minderheiten. Mit diesem geht es nicht darum, eine große Anzahl von Menschen zu versammeln zu werden, „bevor“ sozial-revolutionĂ€r gehandelt werden könnte, sondern umgekehrt sozial-revolutionĂ€r zu handeln, um „mehr“ zu werden. Die neu ĂŒberzeugten AnhĂ€nger*innen eines sozial-revolutionĂ€ren Subjektes, sollen sich jedoch nicht lediglich einem politischen Subjekt anschließen, sondern entweder aktiv in ihm mitwirken oder aus der eigenen spezifischen sozialen Gruppe heraus politische SubjektivitĂ€t ausbilden. Heruntergebrochen zĂ€hle nicht die QuantitĂ€t der AnhĂ€nger*innen, sondern die QualitĂ€t ihres bewussten, selbstbestimmten und radikalen Handelns. Es liegt nahe, dass hierbei wiederum die Gefahr besteht, in exklusive Kleingruppen zurĂŒck zu fallen, welche an Wirkungsmacht, Themenvielfalt und Verankerung in der Bevölkerung einbĂŒĂŸen. Damit dies nicht geschieht, wurden im Anarchismus immer wieder nach Formen gesucht, wie Gemeinsamkeiten trotz PluralitĂ€t der politischen Subjekte hergestellt werden können.

Die Herstellung von Vielfalt und Gemeinsamkeit

Meiner Lesart nach wird mit anarchistischen Strategien versucht, unterschiedliche politische Subjekte in gemeinsame KĂ€mpfe gegen eine allgemeine Herrschaftsordnung zu vereinen, die sich zwar unterschiedlich auf die jeweils Betroffenen auswirkt, von welcher aber angenommen wird, dass sie den Beteiligten grundlegend schadet. Wie eingangs erwĂ€hnt, ist die Annahme der HeterogenitĂ€t politischer Subjekte ein wesentliches Kennzeichen des Anarchismus, mit welchem danach gesucht wird, wie diese sich freiwillig und horizontal zusammenschließen können, ohne ihre Autonomie aufzugeben.

Dazu wird im Individualanarchismus die Differenz im Sinne des Strebens nach der Selbstentfaltung von Einzelnen betont, deren divergierende „Leidenschaften“ idealtypisch gerade aufgrund ihrer sich ergĂ€nzenden Vielfalt vermittelt werden könnten. Schwierig wird es allerdings, wenn kein verbindlicher organisatorischer Rahmen besteht, in welchem Differenzen in Auseinandersetzung treten können, um dann Gemeinsames zwischen ihnen herzustellen – etwa weil individuelle Anliegen und BedĂŒrfnisse derart in den Vordergrund gestellt werden, dass damit Bezugnahme auf die KollektivitĂ€t eines politischen Subjektes verunmöglicht wird. Im Anarcho-Syndikalismus besteht die Tendenz einer Relativierung von Differenzen durch die Betonung der gemeinsamen Klassenposition. Die gewerkschaftliche Praxis ruft jedoch immer wieder ins Bewusstsein, dass unterschiedliche Subjektpositionen und mithin verschiedene politische Subjekte zu beachten sind, um einen Klassenantagonismus ĂŒberhaupt von der eigenen Seite her kĂ€mpferisch aufmachen zu können. Wie erwĂ€hnt wird im anarchistischen Kommunitarismus der Wille zum experimentellen und verĂ€ndernden Neuaufbau als wesentliche Voraussetzung angesehen. Damit wird Vielfalt begrĂŒĂŸt, werden jedoch auch neue Habitusformen erzeugt, mit denen Zugangsbarrieren einhergehen, welche der HeterogenitĂ€t wiederum entgegen stehen. Aus diesen GrĂŒnden befinden sich anarchistische AnsĂ€tze in einem Dilemma zwischen dem Anspruch, die Vielfalt und Offenheit von politischen Subjekten zu gewĂ€hrleisten, wĂ€hrend dieser gleichzeitig aufgrund der KomplexitĂ€t der anarchistischen Vorstellungen, bestimmten Voraussetzungen fĂŒr die politische Subjektivierung und damit einhergehenden subjektiven Anstrengungen, untergraben wird.

Meiner Ansicht nach wird dieses Dilemma im zeitgenössischen Anarchismus kaum gelöst, weil strategische Überlegungen abgelehnt und eine politisch motivierte BeschĂ€ftigung mit Theorie, ja vielmehr ihre Übertragung und Anwendung in die politische Praxis, oftmals nicht als notwendig erachtet wird. „Strategische Überlegungen“ mĂŒssen dabei keineswegs den Charakter von der kritisierten Parteipolitik annehmen oder deren politische Logik ĂŒbernehmen, noch braucht es fĂŒr sie zwangslĂ€ufig eine bestimmte GrĂ¶ĂŸe von sozialen Bewegungen. Mit der Anwendung „politischer Theorien“ ist keine Aneignung von bloßem BĂŒcherwissen oder die Exegese von einem Schriftenkanon gemeint, aus welcher dann MasterplĂ€ne abgeleitet werden. Vielmehr geht es mit ihnen darum, sich gezielt Wissen ĂŒber gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Positionen von Menschen usw. anzueignen, um sich organisieren und emanzipatorisch kĂ€mpfen zu können. Dies kann zahlenbasiert und „wissenschaftlich“ sein, aber ebenso in der Kenntnis von Narrationen und in Erfahrungen beim Agieren von politischen VerbĂŒndete, Konkurrent*innen oder Gegner*innen, bestehen. Auch hinsichtlich des Nachdenkens ĂŒber politische Subjekte, ihrer Ausgestaltung und der Zugehörigkeit zu ihnen, bestehen im Anarchismus starke Tendenzen zur Romantik und zur Dogmatik. Spezifische Praktiken und politische Subjekte stehen dauernd vor der Gefahr zu Selbstzwecken oder bloßen Mitteln zu Zwecken zu verkommen. PrĂ€figurative Praxis hingegen bedeutet, die Formung und Ausgestaltung von politischen Subjekte, ihre Zugangsmöglichkeiten und ihr VerhĂ€ltnis in der Differenz zu anderen politischen Subjekten fortwĂ€hrend zu reflektieren und zur Debatte zu stellen. Auch dies ist letztendlich ein Grund dafĂŒr, warum eine Festlegung von politischen Subjekten im Anarchismus – abseits von der wahren, aber allgemeinen Beschreibung, dass sie von HerrschaftsverhĂ€ltnissen betroffen sind und sich von diesen emanzipieren wollen – nicht vorgenommen werden kann. Anhaltende Debatten um „Privilegien“ in linken Szenen verdeutlichen jedoch, dass dahingehend eine gewisse Reflexionsbereitschaft und ein Problembewusstsein fĂŒr die trennenden Unterschiede bestehen, in welche die Herrschaftsordnung Menschen setzt. Dies wird ergĂ€nzt durch die BegrĂŒĂŸung von selbstbestimmter Vielfalt, die potenziell Grundlage fĂŒr horizontale Gemeinsamkeiten sein kann.




Quelle: Paradox-a.de