Juni 11, 2022
Von Syndikalismusforschung
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Der folgende Beitrag ist in den Kampfgeistern Nr. 1/2022 – Mitteilungen aus dem Institut fĂŒr Syndikalismusforschung erschienen.

Von Martin Veith

„Tod dem Imperialismus.
Kampf jedem Diktator“

Seit dem 24. Februar 2022 fĂŒhrt die Russische StaatsfĂŒhrung einen groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die russische Armee geht dabei mit grĂ¶ĂŸter BrutalitĂ€t vor und hĂ€lt sich nicht an die international ausgehandelten Vereinbarungen ĂŒber den Schutz der Zivilbevölkerung. Russische Soldaten greifen StĂ€dte, Siedlungen und Dörfer an, zerstören StĂ€dte wie Mariupol, verhindern Evakuierungen und begehen Massaker an der Zivilbevölkerung wie in Butscha und Irpin. Zehntausende von Toten sind bis jetzt das Resultat des Überfalls Russlands und Millionen von Menschen wurden und werden zur Flucht gezwungen. GegenĂŒber der russischen und weltweiten Öffentlichkeit erklĂ€rte der Machthaber im Kreml, Wladimir Putin, es handele sich bei dem Krieg, der in Russland unter Androhung von langjĂ€hrigen GefĂ€ngnisstrafen nicht als Krieg benannt werden darf, um einen „antifaschistischen Einsatz“ zur „Entnazifizierung und Entmilitarisierung“ der Ukraine. Er benutzt diese historischen Begriffe, die ihre Rechtfertigung gegenĂŒber Nazi-Deutschland hatten, um die Ukraine und ihre Bevölkerung mit den deutschen Faschisten gleichzustellen. Die Nazis, unterstĂŒtzt von großen Teilen des deutschen Kapitals, praktizierten einen strukturierten und industrialisierten Massenmord an Juden, Roma und Sinti in Konzentrationslagern sowie an der von ihnen als „Untermenschen“ bezeichneten slawischen Bevölkerung Europas. Die Verfolgung und Vernichtung richtete sich seit Beginn ebenfalls gegen die emanzipatorischen Bewegungen, wie die ArbeiterInnen- , anarchistische und antifaschistische Bewegung.

Die Gleichsetzung der Ukraine und ihrer Bevölkerung mit den Nazis ist eine Widerlichkeit und entschieden zurĂŒckzuweisen, auch wenn es dort, wie auch in Russland, organisierte Neonazi-Gruppen und rechtsextreme paramilitĂ€rische VerbĂ€nde gibt.11 Der tatsĂ€chliche Hintergrund des russischen Angriffs besteht aus dem Großmachtstreben der russischen Nationalisten, zu deren Sprachrohr, Akteur und Haupt sich Wladimir Putin konsequent entwickelt hat. Er trĂ€umt von einem Großrussischen Reich und sieht seine historischen Vorbilder dafĂŒr bei den russischen Zaren und bei Stalin, die allesamt eine UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine verhinderten und die ukrainische Sprache verboten.

Groß-Russischer Nationalismus, Autoritarismus und Verachtung fĂŒr Freiheit und Individualismus

Bereits im Juli 2021 veröffentlichte Putin einen Aufsatz auf der Homepage des Kreml, in dem er der Ukraine und der ukrainischen Bevölkerung jedes Existenzrecht bestreitet. Konsequent spricht er von den Ukrainern als „Klein-Russen“ und rechtfertigt territoriale AnsprĂŒche Russlands „ebenso, wie ein Eingreifen jeglicher Art“. Denn, so Putin: „Die Ukraine könne es nur zusammen mit Russland geben“. Den Zusammenbruch der freiheitsfeindlichen Sowjetunion 1991 bezeichnet er als „Schande von 1991“. Seine „Mission sei die Wiedervereinigung des dreieinigen Volkes aus Russen, Kleinrussen und Weissrussen“.22

Hierzulande wird die Sowjetunion gerne von den orthodoxen Kommunisten, FunktionĂ€ren der Linkspartei, der DKP und anderen Linken verklĂ€rt. In der marxistisch dominierten Linken Deutschlands wurden und werden Tatsachenberichte ĂŒber die sozialen und politischen UnterdrĂŒckungen in der Sowjetunion schon seit der Weimarer Republik gerne ignoriert oder gerechtfertigt.33 Diese wissens-resistente ignorante Traditionslinie zieht sich bis heute fort.44 Anarchistische und anarcho-syndikalistische Analysen des totalitĂ€ren Charakters des Marxismus-Leninismus und seiner Ähnlichkeiten mit Faschismus und Nationalsozialismus möchten diese Leute nicht sehen. Die systematische BekĂ€mpfung anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Bewegungen wĂ€hrend der Russisch-Ukrainischen Revolution von 1917 durch die Parteikommunisten wird oftmals gerechtfertigt. Nicht wenige von ihnen haben große Sympathien mit dem autoritĂ€ren Russland von heute, das sie in irrationaler Verbundenheit verteidigen. Die linke Tageszeitung „junge Welt“ titelte am Tag nach der offiziellen Anerkennung der sog. „Volksrepubliken Donezk und Luhansk“, einen Tag vor dem russischen Angriffskrieg: „Putin erzwingt Frieden“.55

Dass die pseudo-sozialistische Sowjetunion nicht nur nach innen gegen die Bevölkerung, die emanzipatorischen und anti-autoritĂ€ren Bewegungen unterdrĂŒckerisch agierte, sondern gleichzeitig andere Volksgruppen in anderen LĂ€ndern und Regionen Osteuropas unterdrĂŒckte, ihrer Selbstbestimmung beraubte und deren LĂ€nder in ihren Machtbereich einverleibte, wird ebenso oft ignoriert und ĂŒbersehen. Bis hinein in bĂŒrgerliche Kreise Westeuropas wurden die russischen Warnungen und Drohungen gegenĂŒber der Ausweitung des MilitĂ€rbĂŒndnisses NATO nach Osteuropa fĂŒr nachvollziehbar gehalten und die Interessen und Erfahrungen der Nachfolgestaaten des sowjetischen Machtbereichs und ihre Furcht vor dem autoritĂ€ren imperialistischen Russland nicht beachtet und ignoriert. Dieses Misstrauen gegenĂŒber der NATO ist begrĂŒndet, ist sie doch ohne Zweifel eine von der imperialistischen USA dominierte MilitĂ€rstruktur. Vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gab es ĂŒber viele Jahre hinweg provokante NATO-Manöver in Osteuropa und die militĂ€rische AufrĂŒstung und Ausbildung osteuropĂ€ischer Staaten. Dies sind Fakten. Fakt ist aber auch, dass ĂŒber den Kopf der Ukraine hinweg mit Russland verhandelt und ihr nahegelegt wurde, weder der EU noch der NATO beitreten zu dĂŒrfen, um Russland nicht zu verĂ€rgern. Die Interessen Russlands, als vermeintlich stĂ€rker als die Ukraine eingeschĂ€tzt, wurden höher bewertet als diejenigen der Ukraine.

Die Ignoranz der tief sitzenden negativen historischen Erfahrungen von Menschen in den osteuropĂ€ischen Staaten mit einer durch die Sowjetunion eingesetzten extremen autoritĂ€ren Staatlichkeit in AbhĂ€ngigkeit von Moskau ist eine Tatsache. Und niemand hat dem Begriff des Kommunismus, – einer anti-autoritĂ€r organisierten Gesellschaft von Freiheit und Wohlstand fĂŒr alle ohne kapitalistische Ausbeutung – mehr geschadet als die Partei-Kommunisten, Lenin-AnhĂ€nger und ihre freiheitsfeindlichen „sozialistischen Staaten“. Der Schriftsteller und Anarchist Ilija Trojanow befasst sich damit in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau. Sein Beitrag kann Augen öffnen. Er schreibt darin: „1989 beziehungsweise 1991 – es muss dieser Tage noch einmal klar gesagt werden – hat dieses totalitĂ€re Imperium den Krieg verloren, auch wenn es ein kalter Krieg war, und die kolonialisierten Völker haben sich selbststĂ€ndig gemacht (wo Wahlen notwendig waren mit jeweils ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheiten, in der Ukraine waren es 92 Prozent). Es ist daher absurd, einer Imperialmacht das Recht zuzusprechen, ein Veto einlegen zu dĂŒrfen hinsichtlich der außenpolitischen Entscheidungen dieser unabhĂ€ngigen Staaten. Imperialismus ist Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und ein Verbrecher hat kein Mitspracherecht bei der Zukunftsgestaltung seiner Opfer! Zumal diese weiterhin an den SpĂ€tfolgen der Okkupation leiden. Die ökologischen Verheerungen etwa, die einseitige Entwicklung der Volkswirtschaften, die Zerstörung von KreativitĂ€t, Fantasie und kritischem Denken. Weiterhin ist der homo sovieticus nicht ĂŒberwunden, nicht in Russland und leider auch nicht in den ehemaligen Kolonien.“66

Der VollstĂ€ndigkeit halber sei hier angemerkt, dass auch manche der kapitalistischen (Groß)-Unternehmen gerne mit der Sowjetunion und dem autoritĂ€ren Russland unter Putin ihre GeschĂ€fte mach(t)en. Die seit Jahren bekannten Verfolgungen von Oppositionellen und die Berichte ĂŒber die Arbeitslager scher(t)en sie nicht. In totalitĂ€r regierten Gesellschaften lĂ€sst es sich eben ganz gut profitabel produzieren, denn wirkliche gewerkschaftliche TĂ€tigkeit im Betrieb ist unterdrĂŒckt und auf die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter muss nur wenig RĂŒcksicht genommen werden.

Putin und die russischen Nationalisten stehen fĂŒr einen unterdrĂŒckerischen extrem-autoritĂ€ren Zentral- und Polizeistaat, der jegliche Abweichung und Opposition verfolgt. Der Einfluss der Russisch-Orthodoxen-Kirche wurde seit Jahren durch Putin vergrĂ¶ĂŸert, um kulturelle und zivilisatorische Freiheiten und Ziele zu be- und verhindern. HomosexualitĂ€t gilt als Verbrechen, Atheismus gilt als verdĂ€chtig, freie Medien gibt es nur noch im Untergrund.77 Individualismus und Selbstbestimmung wurden schon zu Zeiten der Sowjetunion ideologisch bekĂ€mpft und werden dies auch heute. In russischen Arbeitslagern und GefĂ€ngnissen finden sich widerstĂ€ndige Menschen, die Korruption bekĂ€mpfen und kritisieren, die demokratische Freiheiten einfordern oder fĂŒr die Selbstbestimmung und Freiheit des Menschen kĂ€mpfen, wie die Anarchistinnen und Anarchisten.

Sympathien und UnterstĂŒtzung fĂŒr Putin durch deutsche Neonazis und Nationalisten

Die anti-freiheitliche und nationalistisch-imperialistische Agenda Putins findet große UnterstĂŒtzung innerhalb des organisierten deutschen Neofaschismus. FĂŒr die hiesigen Neonazis verkörpert Putin den Typ von „starkem Mann“, den sie sich fĂŒr Deutschland wĂŒnschen. In Stellungnahmen von NPD-FunktionĂ€ren und Autoren, darunter des Parteivorsitzenden, wird VerstĂ€ndnis fĂŒr Putin geĂ€ußert und – ganz auf Linie der Kreml-Propaganda – von angeblichen Greueltaten gegen Russen in der Ukraine gesprochen und der Ukraine ein eigener Volkscharakter abgesprochen.88 Auch FunktionĂ€re und MandatstrĂ€ger der Alternative fĂŒr Deutschland positionieren sich schon seit Jahren hinter Putin, ebenso wie große Teile der „Querdenker“-Szene und rechtsradikale Zeitschriften wie das Compact-Magazin des Ex-Marxisten JĂŒrgen ElsĂ€sser. Bekannt ist zudem, dass Putin rechtsextreme Bewegungen in West-Europa finanziell durch russische Banken unterstĂŒtzen lĂ€sst. Dazu zĂ€hlt das Rassemblement National (der vormalige Front National) von Marine Le Pen in Frankreich. In Deutschland ist es bislang nur eine kleine Minderheit von Neonazis, die sich mit den ukrainischen Neonazis solidarisch zeigt und teils gewillt ist, mit diesen zusammen in der Ukraine bewaffnet zu kĂ€mpfen.

Große UnterstĂŒtzung fĂŒr die ukrainische Bevölkerung

Seit Beginn des Angriffskrieges sind die Augen der Welt auf die Ukraine gerichtet. TĂ€glich werden wir Zeugen von den Verheerungen und dem Leid, das die russische Armee ĂŒber das Land und die Menschen bringt. Bemerkenswert groß sind der Widerstandswillen und die Tapferkeit der ukrainischen Bevölkerung und der ukrainischen Armee. Es ist offensichtlich, dass die Russische Staats- und ArmeefĂŒhrung diesen Widerstand deutlich unterschĂ€tzt hat und von einem schnellen Sieg und einer schnellen Besetzung des Landes ausging. Die Anteilnahme an Leid und Kampf der Ukraine ist in Deutschland, wie auch anderen europĂ€ischen LĂ€ndern, riesig. In Betrieben und Schulen, in der Nachbarschaft wird darĂŒber gesprochen. Große Summen an Spenden fĂŒr GeflĂŒchtete aus der Ukraine wurden gesammelt, Transporte fĂŒr FlĂŒchtende und GĂŒter des tĂ€glichen Bedarfs spontan von Menschen auf die Beine gestellt, UnterkĂŒnfte organisiert und das europaweit! Menschen verhalten sich wie Menschen, fĂŒhlen mit und sind solidarisch. Die deutsche Regierung hat sicherlich nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsachen einen unbĂŒrokratischen Zugang zu Aufenthalt in Deutschland, Wohnen, Arbeit und Bildung fĂŒr GeflĂŒchtete aus der Ukraine versprochen. Dieses Versprechen muss sie einlösen.

Und es gibt weitere gute Zeichen. Russische Soldaten im Kriegseinsatz in der Ukraine desertieren und lassen ihre AusrĂŒstungen, teils ihre Panzer zurĂŒck. Wie aus GesprĂ€chen mit gefangengenommenen und desertierten Soldaten zu entnehmen ist, wurde ihnen teils die Wahrheit ĂŒber ihren Einsatzort verschwiegen oder ihnen von Offizieren gesagt, an einem Manöver teilzunehmen. In Weißrussland sabotierten Bahnarbeiter Mitte/Ende MĂ€rz 2022 Gleisanlagen und die Verbindung in die Ukraine. Sie brachten dadurch den russischen Nachschub zum stehen.99 Durch die Wirtschaftssanktionen gegen Russland können zahlreiche russische GĂŒter nicht mehr in die EuropĂ€ische Union ausgefĂŒhrt werden. Im MĂ€rz fĂŒhrte dies zu kilometerlangen Staus von ZĂŒgen auf Strecken der russischen Bahn und damit zu logistischen Problemen bei der militĂ€rischen Versorgung. Dennoch gehen die russischen Angriffe ununterbrochen weiter und Menschen sterben. Im MĂ€rz meldete die ukrainische Regierung Anzeichen dafĂŒr, dass Russland chemische Waffen eingesetzt hĂ€tte. Mitte April wird durch Nachrichtenagenturen vermeldet, dass es zum Einsatz von Überschallbombern in Kiew gekommen sein könnte und tausende von Menschen in der Ukraine zu verhungern drohen.

Anarchistische SolidaritÀt

Schon vor dem Angriffskrieg Russlands organisierten Anarchistinnen und Anarchisten politische und materielle UnterstĂŒtzung fĂŒr verfolgte und gefangene Anarchistinnen und Anarchisten in Russland und Weißrussland. Kurz nach Kriegsbeginn begann eine Kampagne fĂŒr die Anarchistinnen und Anarchisten in der Ukraine – die „Operation Solidarity“, die von anarchistischen Organisationen, Vereinigungen und Menschen aus mehreren europĂ€ischen LĂ€ndern getragen und unterstĂŒtzt wird. In Deutschland zĂ€hlen beispielsweise das Anarchist Black Cross Dresden, die Föderation deutschsprachiger AnarchistInnen und die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union aus Frankfurt/Main zu den UnterstĂŒtzern. Mitte MĂ€rz 2022 konnte bereits die stolze Summe von 120.000 Euro an Spenden und Materialien verkĂŒndet werden. Eine gespendete Summe, die fĂŒr die Bewegung so groß ist, wie meines Wissens nach noch nie zuvor nach 1945 in Europa. Mit den Spenden werden Lebensmittel und Hygieneprodukte angeschafft, sie dienen aber auch der Ausstattung mit schusssicheren Westen, Technik, Fahrzeugen und Medizin. In Polen haben Genossinnen und Genossen der Anarchistischen Föderation Wohnungen angemietet, um GeflĂŒchteten aus der Ukraine eine Unterkunft zu schaffen. Durch die Spenden sollen die Mieten dafĂŒr bezahlt werden. Spenden werden auch fĂŒr Traumabehandlungen und andere gesundheitliche Notwendigkeiten verwendet.

In der Ukraine – ganz Ă€hnlich wie in Rojava – gibt es bewaffnet kĂ€mpfende anarchistische Gruppen, die sich der Armee Putins in den Weg stellen, um die Bevölkerung zu beschĂŒtzen. Eine davon ist das „Widerstands-Komitee“, eine andere die Gruppe „Black Flag“.1010 Das anarchistische Infoportal Enough14 berichtet ĂŒber sie: „Black Flag ist eine anarchistische Gruppe, die hauptsĂ€chlich aus der Westukraine stammt und seit Anfang 2016 fĂŒr ihre Beteiligung an sozialen KĂ€mpfen, StraßenkĂ€mpfen gegen die Nazis, den Schutz öffentlicher RĂ€ume in Lemberg und die Entwicklung einer horizontalen kooperativen Wirtschaft bekannt ist. In den ersten Tagen der völkermörderischen Invasion errichteten sie eine eigene Einheit zur Territorialverteidigung von Kiew.“1111 Sie schreiben ĂŒber sich: „Wir sind Anarcho-Kommunisten, weil wir an soziale Gerechtigkeit glauben, aber jetzt ist die Rettung der Zivilbevölkerung die PrioritĂ€t.“

In einer ĂŒber Facebook und Twitter verbreiteten Mitteilung des „Widerstands-Komitees“ vom 1. MĂ€rz 2022 informieren diese: „Den antiautoritĂ€ren KrĂ€ften gelang es, im Rahmen der Territorialverteidigung der Ukraine eine eigene internationale Abteilung zu organisieren. Außerdem verteidigen Dutzende unserer Freunde die Hauptstadt und große StĂ€dte mit Waffen in der Hand.“

KĂ€mpfer der anarchistischen Einheiten sind bereits im Kampf gefallen. Darunter Igor Volokhow im MĂ€rz 2022 bei der Verteidigung von Charkiw. Seine Genossen schreiben ĂŒber ihn: „Igor war ein konsequenter und ĂŒberzeugter Anarchist. Er unterstĂŒtzte seine Freunde, die von der Russischen Föderation gefangen waren oder sind – Alexander Kolchenko und Jevgeny Karakasheva. Er beteiligte sich an der GrĂŒndung einer Studentenschaft, als er Jura studierte. Er trĂ€umte davon, ein Netzwerk von Genossenschaften in der gesamten Ukraine zu organisieren. Er war ein heller, fröhlicher und nachdenklicher Mensch. Er war eine Inspiration fĂŒr viele“.1212

Aktuell duldet die ukrainische Regierung die anarchistischen Einheiten. Ob dies nach dem erhofften Sieg ĂŒber Putin allerdings auch noch so sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn die anarchistischen Ziele gehen ĂŒber die kapitalistische Gesellschaft hinaus und stehen fĂŒr Freiheit, Gleichberechtigung und Basisdemokratie.

Waffen fĂŒr die Ukrainische Bevölkerung

Nach all den zugĂ€nglichen Informationen bin ich der Überzeugung, dass sich die Menschen in der Ukraine gegen ihre Vernichtung durch diesen Angriffskrieg nur bewaffnet behaupten können. Diplomatische BemĂŒhungen, wenn sie ernsthaft gefĂŒhrt werden, sind sicher wĂŒnschenswert; ein Diktator aber, der die eigene Bevölkerung seit Jahren systematisch unterdrĂŒckt und die Opposition verfolgt, foltert und massakriert, lĂ€sst sich durch Worte nicht aufhalten. Wirtschaftliche Sanktionen gegen russische Konzerne sind richtig und gut. Sie reichen aber nicht aus, denn bei Putin handelt es sich um einen ideologischen Krieger, dem ein großrussisches Imperium vorschwebt. FĂŒr dieses Ziel geht er ohne jegliche RĂŒcksicht ĂŒber die Leichen von zehntausenden Menschen, darunter seinen „eigenen“ Soldaten. Er betreibt eine Politik der verbrannten Erde, des grausamen Terrors und versucht, die gesamte Infrastruktur und alle Lebensbereiche in der Ukraine zu zerstören. Wenn es nicht zu einem Sturz Putins kommt, wie immer dieser auch zu Stande kommen mag, dann bleibt als einzige Möglichkeit nur, die russische Armee zu bekĂ€mpfen. DafĂŒr bedarf es Waffen. NatĂŒrlich reibt sich die RĂŒstungsindustrie dabei die HĂ€nde. Denn es gilt der Satz: „RĂŒstung, Krieg und Leichen. Profite fĂŒr die Reichen.“ Doch was wĂ€re die konkrete Alternative fĂŒr die um ihr Leben kĂ€mpfenden Menschen? Gewaltfreie Aktionen vor den russischen Angriffstruppen? Es ist leicht, im relativ sicheren Deutschland von einem moralischen Standpunkt aus zu argumentieren, wie dies weite Teile der Linken und radikalen Linken machen, die fĂŒr eine „Verhandlungslösung“ plĂ€dieren und offensiv dafĂŒr eintreten, Waffenlieferungen zu verhindern. Doch wir alle sind Zeuginnen und Zeugen eines Völkermordes. Wir wissen um die kĂ€mpfende Beteiligung anarchistischer und antifaschistischer KrĂ€fte an der bewaffneten Selbstverteidigung der Menschen in den StĂ€dten und Dörfern der Ukraine. Denn es ist beileibe nicht nur die ukrainische Armee, die kĂ€mpft, es sind Menschen aller Altersgruppen, die sich den Invasoren entgegenstellen. Deren UnterstĂŒtzung sollte das wesentliche sein. Diese UnterstĂŒtzung hindert uns nicht daran, uns gegen eine Militarisierung der Gesellschaft in Deutschland zu wenden.

Pazifistische Überzeugungen einzelner Menschen sind selbstverstĂ€ndlich zu respektieren und niemand darf gegen seinen Willen zum Dienst in der Armee oder mit der Waffe gezwungen werden. Ukrainische, Russische und Weißrussische Deserteure sind zu unterstĂŒtzen und ihnen ist Asyl zu gewĂ€hren. Der Pazifismus als Strategie und Ideologie ist jedoch ein Irrtum und hĂ€tte das wehrlose Abschlachten der Menschen zur Folge. UnterstĂŒtzen wir also die Operation Solidarity. Jeder und jede kann das ihm und ihr mögliche dazu beisteuern.

Weitere Informationen

Aktuelle Informationen auf Englisch ĂŒber die anarchistischen KrĂ€fte und ihre AktivitĂ€ten in der Ukraine finden sich hier:

Anarchistisches SolidaritÀtsnetzwerk Operation Solidarity

https://enoughisenough14.org/category/ukraine/

Ein ins Deutsche ĂŒbersetztes Interview mit einem Anarchisten in Kiew (veröffentlicht am 29.03.22) findet sich hier: https://fda-ifa.org/interview-mit-einem-anarchistischen-aktivisten-in-kiew/

Kriegstagebuch eines weißrussischen Anarchisten in der Ukraine (In Englisch): https://enoughisenough14.org/2022/04/09/war-diary-of-a-belarusian-anarchist-fighting-in-ukraine-part-1/

Informationen zur militĂ€rischen Lage finden sich ĂŒbrigens auf den Youtube-KanĂ€len der Bundeswehr in Deutschland und des Österreichischen Bundesheers.

Das ZDF geht in einer Sendung auf die großrussische Ideologie Putins ein: Putins Krieg – Geschichte als Waffe hier auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=vn3QyKxSvTo

Anmerkungen

11 Siehe dazu die Schwerpunktausgabe „Die extreme Rechte in der Ukraine“ des Antifaschistischen Infoblatts Nr. 126, FrĂŒhjahr 2020.

22 Alle Zitate aus der Neuen ZĂŒrcher Zeitung (NZZ): Russland und Ukraine: Putin schreibt brisanten Aufsatz. NZZ vom 16.07.2021 (Abgerufen am 09.03.2022)

33 Siehe dazu z.B.: Rudolf Rocker: Der Bankrott des Russischen Staats-Kommunismus, Berlin 1921 oder verschiedene Ausgaben des „Der Syndikalist“ (1919-1933), der Wochenzeitung der Freien Arbeiter-Union Deutschlands, in welcher ĂŒber die Verfolgung von AnarchistInnen und SyndikalistInnen in der Sowjetunion bestĂ€ndig informiert wurde.

44 Siehe dazu z.B. Philippe Kellermann: Marxistische Geschichtslosigkeit: Von VerdrÀngung, Unwissenheit und Denunziation: die (Nicht-)Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus, Lich 2011.

55 Junge Welt vom 23. Februar 2022.

66 Putins Imperialismus – ein Verbrecher hat kein Mitspracherecht. Am Beispiel Bulgarien: Wie die Rote Armee NachbarlĂ€nder unterwarf und wie Wladimir Putin diese Tradition fortzusetzen gedenkt. Von Ilija Trojanow in Frankfurter Rundschau vom 24.02.2022. Link: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/ukraine-konflikt-wladimir-putin-russland-sowjetunion-rote-armee-krieg-angriff-91370817.html (abgerufen 15.04.22)

77 Zu Putins GedankengebĂ€ude und großrussisch-reaktionĂ€ren Ansichten siehe den Hintergrund-Artikel: Putin. ReaktionĂ€r, autoritĂ€r, nationalistisch von Wolfgang Laskowski in: Der Rechte Rand, Nr. 195/2022, S. 10.

88 Vgl. dazu zahlreiche Artikel auf der Homepage der NPD-Zeitung Deutsche Stimme, die sich mit Russland, Putin und dem Ukraine-Krieg befassen. Beispielsweise der Beitrag von Sascha von Aichfriede: Deutscher Schuldreflexbogen: Die Ukraine zieht den Nazijoker vom 11.03.2022 sowie den Youtube-Kanal von Frank Franz, des Parteivorsitzenden der NPD.

99 Vgl.: Redaktionsnetzwerk Deutschland: Gleise unbefahrbar: Belarussische Eisenbahner sabotieren Putins Krieg vom 23.03.2022 (abgerufen 15.04.22) https://www.rnd.de/politik/krieg-in-der-ukraine-belarussische-eisenbahner-sabotieren-gleise-XFFXSSIVPRGNVJ7FWVPUJXNUMY.html

1010 Das Widerstandskomitee berichtet laufend auf Telegram ĂŒber seine AktivitĂ€ten: https://t.me/s/theblackheadquarter. Es kann per email erreicht werden: blackheadquarterinua@riseup.net

1111 Siehe: https://enoughisenough14.org/2022/04/11/ukrainian-anarchists-take-part-in-relief-to-population-of-the-massacred-kyiv-suburbs-ukraine/ (Abgerufen am 16.04.2022)

1212 Mitteilung der tschechischen Anarchistischen Föderation vom 15.03.2022.




Quelle: Syndikalismusforschung.wordpress.com