Oktober 13, 2020
Von Revolt Magazine
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Berlin, 29. August 2020. Ein junger Mann mit blonden Locken und offenem buntem Hemd steht inmitten einer demonstrierenden Menschenmenge. Sein Blick ist ernst, zur Seite gewandt, fast ikonografisch. Er reckt mit der rechten Hand einen kleinen Blumenstrau√ü in die Luft. Dahinter ist ein schwarz-rot-wei√ües Meer an Fahnen zu sehen. Neben dem Blumenstrau√ü-Mann geht ein weiterer Demonstrant vorbei: Er tr√§gt auf seinem Shirt die schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge samt Bundesadler. Direkt hinter ihm: Zwei Personen, auf deren Fahne in schwarz-wei√ü-rot noch ‚ÄěTrump 2020‚Äú und ‚ÄěWWG1WGA‚Äú (‚ÄěWhere we go one, we go all‚Äú, ein zentraler Slogan der QAnon-Anh√§nger*innenschaft) gekritzelt wurde ‚Äď dasselbe Akronym findet sich auch auf ihren T-Shirts. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen, viele weitere Menschen mit Fahnen und Schildern, die meisten von ihnen sind M√§nner. Sie sind mittleren Alters, aber auch j√ľnger. Eine sitzende Person mit ‚ÄěPuma‚Äú-Shirt hat sich bei einem ebenfalls j√ľngeren Menschen eingehakt, der wiederum bei einer √§lteren Person mit Warnweste und Wutb√ľrger-Hut. Direkt daneben: lange rot gef√§rbte Haare, Sonnenbrille. Sie alle schauen entschlossen. Keiner tr√§gt eine Maske. Mit diesem Bild titelt DIE ZEIT Anfang September fragend: ‚ÄěSind das jetzt alles Nazis?‚Äú

An diesem Tag wurden pr√§gnante Bilder geschaffen. Tausende Menschen sind nach Berlin gereist, um ihren Protest gegen die Einschr√§nkungen durch die staatlichen Pandemie-Ma√ünahmen auf die Stra√üe zu bringen und erreichten damit sogar die Stufen des Reichstags. Rechte Parolen und verschw√∂rungstheoretische Symboliken dominieren in einer b√ľrgerlichen Masse ‚Äď und f√ľgen sich dort wunderbar ein, weil sie f√ľr die Beteiligten insgesamt kein Problem darstellen. Und eine konsternierte Linke steht z√§hneknirschend und verstreut am Rande des Geschehens und hat dem Ganzen kaum etwas entgegenzusetzen. Es war wirklich ein erfolgreicher Tag f√ľr die Rechte in Deutschland.

Wo Impfgegner drauf steht…

Trotz gro√üer Diskussion im Nachhinein: Noch immer h√∂rt man die Frage, wie das passieren konnte. Als sei das, was sich da als Gemengelage von Zigtausenden zusammentat, pl√∂tzlich vom Himmel gefallen: Wie kann das sein, die Heilpraktikerin aus der Eifel neben dem Stiernacken mit Reichskriegsflagge? Schwei√üt der Zorn gegen die staatlich verordneten Corona-Ma√ünahmen pl√∂tzlich zusammen, was nie zusammen war? Treffen auf den ‚ÄěQuerdenken‚Äú-, ‚ÄěHygiene‚Äú- undsoweiter-Demos eingefleischte Verschw√∂rungsschwurbler*innen auf neuerdings besorgte B√ľrger*innen ohne sonstige politische Vorgeschichte? Oder ist der Schulterschluss eigentlich gar nicht so unverst√§ndlich, sondern vielmehr konsequent?

Sicher, es gehen auch Menschen auf die Stra√üe, denen wirklich etwas an der Wahrung der Grundrechte, der Demokratie und der Freiheit liegt, die um diese besorgt sind und die korrupte Politik kritisieren und dagegen protestieren. Linke machen das seit jeher, die Notwendigkeit dazu steht au√üer Frage. Und nat√ľrlich sind nicht alle ‚ÄěQuerdenker‚Äú fanatische Verschw√∂rungstheorist*innen, manche bewegen vor allem berechtigte Sorgen. Warum stehen aber die T√ľren gerade sperrangelweit offen f√ľr konspirationistische Ideen, die statt Realpolitik und real regierendem Kapitalismus eine Art Marionettenspiel der M√§chtigen als Feindbild ausmachen?

Es wird in der √∂ffentlichen Debatte oft davor gewarnt, alle √ľber einen Kamm zu scheren: die Chemtrail-Hardliner mit den Verschw√∂rungstheorie-light-Menschen, die strammen Nazis mit den impfskeptischen Yoga-Hippies. Das ist sicherlich richtig, vor allem, wenn wir diskursiv noch was rausholen wollen. Aber ebenso wichtig ist es, nicht naiv an die Sache heranzugehen. Dass Letztere wissentlich mit Rechten demonstrieren, macht sie noch nicht unwiderruflich selbst zu Rechten, sondern auf den ersten Blick ‚Äěnur‚Äú zu Ignorant*innen. Allerdings: √úberschneidungen zu erkennen (und die gibt es viele zwischen den hier scheinbar nebeneinander auftretenden Gruppierungen), ist viel wichtiger als nach Trennlinien zu suchen. Nur so l√§sst sich das Ph√§nomen verstehen. Das ist die eine wichtige Aufgabe, denn so wird die absurde Mitte-Rechts-Trennung vermieden, die nicht nur naiv, sondern vor allem gef√§hrlich ist.

Die zweite Aufgabe ist es, anzuerkennen, welche Funktion Verschw√∂rungsnarrative f√ľr die Beteiligung der Menschen an den Demos haben. Verschw√∂rungsglauben eint sie als gemeinsame Klammer, und die konspirationistischen Erz√§hlungen m√ľssen dabei noch nicht einmal dieselben sein. Sie k√∂nnen sich sogar widersprechen, und doch funktionieren sie wie ein Klebstoff: ‚ÄěDu glaubst auch an irgendeine gro√üe antisemitische Verschw√∂rung? Ja, prima, dann sind wir auf einer Seite‚Äú. Die Struktur ist weit wichtiger als der Inhalt. Und damit entwickelt die zun√§chst h√∂chst heterogene Truppe derjenigen, die zum Beispiel bei den Querdenken-Demos gemeinsam laufen, erst ihre gef√§hrliche Schlagkraft. Wenn man sich dagegen die bundesweiten Linken (nicht nur die Partei) anschaut, die sich erst m√ľhsam, nach vielen Diskussionen um Inhalt und Strategie, f√ľr gemeinsame B√ľndnisarbeit aufstellen k√∂nnen, gewinnt der Umstand der scheinbar m√ľhelosen Verschmelzung von b√ľrgerlichen Verschw√∂rungsschwurbler*innen und organisierten Nazis nochmal an Brisanz.

Leicht wird es auch deshalb nicht, Strategien gegen die weltverschw√∂rerischen Erkl√§rungen zu entwickeln, weil sie eben nicht nur ein bisschen Aufregung verursachen, sondern oft genug brandgef√§hrlich sind. Doch was hat es mit Verschw√∂rungserz√§hlungen, realen Verschw√∂rungen und den politischen Implikationen von beidem auf sich, und weshalb ist eine Differenzierung dringend notwendig? Und, nat√ľrlich: Wie verhalten wir uns, als Linke, dazu?

…ist oft nur Geschwurbel drin

Zugegeben, es ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht, reale Verschw√∂rungen von Verschw√∂rungsgeschwurbel zu unterscheiden. Reale Verschw√∂rungen sind vor allem ein zentraler Bestandteil von Politik im globalen kapitalistischen Machtgef√ľge und damit wichtige Triebkr√§fte, vor denen wir die Augen nicht verschlie√üen d√ľrfen. Alle Verschw√∂rungstheorien gleich als ‚ÄěIdiotie‚Äú oder ‚ÄěWahn‚Äú (was sowieso f√ľrchterlich schwierige und pathologisierende Begriffe sind) abzutun, wom√∂glich auch aus Angst, in die gleiche Ecke gedr√§ngt zu werden, ist deshalb nicht zielf√ľhrend. Michael Butter lieferte 2018 in ‚Äě‚ÄöNichts ist, wie es scheint‚Äė‚Äú eine einfache und dennoch plausible L√∂sung. Verschw√∂rungstheorien lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: in richtige und falsche. Zumeist setzen Verschw√∂rungstheorien entweder die Bedeutung Einzelner oder kleiner Gruppen f√ľr den Lauf von Ereignissen viel zu hoch an; oder sie setzen eine viel zu gro√üe Menge an Mitwissenden und Beteiligten voraus, als dass dies tats√§chlich in dem Ausma√ü an Geheimhaltung m√∂glich w√§re, die ja ebenfalls konstituierend f√ľr eine Verschw√∂rung ist.

Vom antiken Plot gegen den r√∂mischen Imperator C√§sar, √ľber die t√∂dlichen Stay-Behind-Strukturen wie Gladio bis zu den Mitteln, mit denen gro√üe Tabakkonzerne jahrzehntelang das Suchtpotenzial ihrer Produkte gesteigert und dies wissentlich verharmlost haben. Verschw√∂rungen sind ein wichtiges Instrument zur Sicherung der politischen und gesellschaftlichen Macht in der Klassengesellschaft, aber auch bei Machtk√§mpfen unterschiedlicher Interessensgruppen untereinander oder im Kampf gegen Systemalternativen. Viele jener Verschw√∂rungen, die es wirklich gegeben hat, wurden fr√ľher oder sp√§ter aufgedeckt ‚Äď durch kritische Journalist*innen, Forscher*innen, Aktivist*innen. Wiederum andere Verschw√∂rungstheorien ‚Äď wie die, die Mondlandung sei ein Fake gewesen ‚Äď konnten nie bewiesen werden. Warum? Weil sie schlicht und ergreifend falsch sind.

Beim Barte des Methusalem

Auch neu sind Verschw√∂rungstheorien bei weitem nicht. Schon im Mittelalter wurden Frauen wegen angeblicher Hexenkr√§fte stigmatisiert und verfolgt, Juden und J√ľd*innen wurde die Verbreitung der Pestepidemie angelastet und sie wurden schon ebenso lange als ‚ÄěStrippenzieher‚Äú und gierige Verschw√∂rer diskriminiert. Sp√§testens die gef√§lschten ‚ÄěProtokolle der Weisen von Zion‚Äú, die 1901 erschienen, machten eine vermeintlich j√ľdisch-bolschewistische Weltverschw√∂rungserz√§hlung virulent, was diskursiv die Shoa mit vorbereitete. Womit wir es bei vielen systemischen Verschw√∂rungstheorien im Kern zu tun haben, ist der Glaube daran, dass versteckt agierende M√§chte einen geheimen Plan ausf√ľhren, um das Volk zu entm√ľndigen, die Menschen in ihrer Freiheit einzuschr√§nken, sie willenlos und gef√ľgig zu machen.

Diese Verschw√∂rungsideen gibt es zuhauf mit verschiedensten Narrativen und in unterschiedlichem Absurdit√§tsgrad. Zum Beispiel die so genannten Deep-State-Theorien, die fast messianischen Charakter haben und sehr einflussreich sind. Ein bekanntes Netzwerk dieser Glaubensvariante sind die Anh√§nger*innen von QAnon, dessen Verschw√∂rungsnarrative auf zahlreichen Plattformen verbreitet werden. In den USA hat das Netzwerk eine enorme Reichweite und zahlreiche politische Unterst√ľtzer*innen, vor allem im Umfeld von Donald Trump, der als Heilsbringer gilt. Einer aktuellen Umfrage des us-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Civiqs nach glaubt ein Drittel der befragten republikanischen W√§hler*innenschaft, dass die QAnon-Theorien zumeist wahr sind, weitere 23 Prozent glauben an Teile davon. Besonderen Einfluss hat dabei das Narrativ rund um einen Ring aus Eliten (darunter viele Politiker*innen der Demokratischen Partei), Celebrities und sonstigen bekannten Pers√∂nlichkeiten, der nach Vorstellung der QAnon-Anh√§nger*innenschaft Kinder entf√ľhrt, sexuell ausbeutet und ihnen das Verj√ľngungsmittel Adrenochrom auspresst. Lange verlacht und ignoriert, wird nun von Expert*innen √∂ffentlich vor dem Gewaltpotenzial dieser Verschw√∂rungsideologie gewarnt; das FBI setzte das Netzwerk k√ľrzlich auf die Liste der ‚ÄěDomestic Terror Threats‚Äú, ihrer (insgesamt fragw√ľrdigen, weil politisch motivierten) Zusammenstellung nationaler terroristischer Bedrohungen. Zu ihrer wachsenden deutschsprachigen Anh√§nger*innenschaft geh√∂rt unter anderem Xavier Naidoo, der seine ersch√ľtternden Erkenntnisse tr√§nenreich, aber mit beachtlicher Reichweite √ľber s√§mtliche Kan√§le streut.

Was die Verbreitung der Verschw√∂rungserz√§hlungen heute angeht, gehen manche Forscher*innen davon aus, dass es sich zwar durch das Internet schneller bewerkstelligen l√§sst, gro√üe Mengen an Menschen zu erreichen; allerdings seien die Narrative weniger ausgearbeitet. Waren fr√ľhere Verschw√∂rungstheorien noch sehr auf (verdrehte) Logik bedacht und in ihrer Argumentation oft in sich schl√ľssig, sind sie heute weit fragmentarischer. Twitter und Messengerdienste haben, so machen Forscher*innen deutlich,

‚Äězu einer Verschiebung von Verschw√∂rungstheorien zu Verschw√∂rungsger√ľchten gef√ľhrt, da Verschw√∂rungsspekulationen zunehmend ohne die Art von Beweisen und verworrenen Formulierungen in den Umlauf gebracht werden, die √ľber Jahrhunderte ‚Äď und in anderen Medien noch immer ‚Äď so charakteristisch f√ľr sie sind‚Äú (COMPACT Education Group 2020).

Oft stehen Narrative einer Verschw√∂rungserz√§hlung auch in direktem Widerspruch mit einer anderen. Bei den sogenannten Klimaleugnern beispielsweise stehen die √úberzeugungen nebeneinander, dass man Klimaerw√§rmung mit den Instrumenten, mit denen dies weltweit anerkannt und wissenschaftlich durchgef√ľhrt wird, gar nicht messen k√∂nne; und gleichzeitig, dass sich das Klima √ľberhaupt nicht erh√∂ht habe. F√ľr letztere Behauptung br√§uchte man allerdings rein logisch valide Messungen, aber‚Ķnun ja.

Die ‚Äěconspiracy without theory‚Äú, also die Verschw√∂rungsbehauptung ohne Theorie, wie es Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead in ihrem Buch ‚ÄěA Lot of People Are Saying‚Äú ausdr√ľcken, macht eine politische Instrumentalisierung noch leichter. Es gibt keine Nachfrage nach Beweisen, keine Punkte, die ein Muster bilden, keine genaue Untersuchung von denjenigen, die des Verschw√∂rens bezichtigt werden. Vielmehr wird auf die Last einer Erkl√§rung verzichtet, die Verschw√∂rungsanh√§nger*innen erzwingen ihre eigene Realit√§t durch Wiederholung (etwa Trumps ‚Äěviele Leute sagen‚Ķ!‚Äú) und blo√üe Behauptung.

Die Mär vom rechten Randphänomen

Zur√ľck zum Schulterschluss. Was so wahrgenommen wird, als w√ľrden die Rechten sich unters ‚Äěnormale Volk‚Äú mischen, funktioniert in Wirklichkeit anders herum. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist ein massiver und vor allem medial wirksamer Aufschwung rechter Bewegungen und des Rechtspopulismus. Damit einher ging und geht eine drastische Verschiebung des Sagbaren. Die Normalisierung rechter Haltungen, die ‚ÄěKritik‚Äú an den Eliten, an der Regierung, der L√ľgenpresse, all das wird seit mindestens einem Jahrzehnt verst√§rkt von rechts vorbereitet. In der √∂ffentlichen Debatte wird dabei immer noch ‚Äď und immer wieder ‚Äď der Fehler gemacht, entweder rechten Populismus am Rande der Gesellschaft zu verorten oder ernsthaft den inhaltlichen Dialog zu suchen. So wird rechten Ideen eine B√ľhne geboten, die das ‚ÄěNazipositive Milieu‚Äú (Hengameh Yaghoobifarah) konsumieren, sich aber gleichzeitig sch√∂n von einer Zugeh√∂rigkeit zu rechten Formierungen abgrenzen kann. Verschw√∂rungsgeschwurbel ist dem rechten Projekt inh√§rent: Die Regierung wird von Kommunisten gelenkt, die Presse ist gleichgeschaltet, Fl√ľchtlinge werden gezielt ins Land gelassen, um die deutsche Nation zu zersetzen, et cetera. Und ganz nah dran, auch schon l√§nger: Esoterik, Spiritualismus, Okkultismus, v√∂lkische Siedlerbewegungen, Reichsb√ľrger und noch so vieles mehr. Wer also glauben m√∂chte, auf der ‚ÄěQuerdenken‚Äú-Demo in Berlin hingen Rechte mit B√ľrger*innen ab, der sollte sich vielleicht die Ringelreihen und Birkenstock-Reisegruppen nochmal genauer anschauen. Da hingen rechte B√ľrger*innen ab. Normalos trafen auf normalisierte Rechte und der ideologische Hintergrund zeigt sich als gar nicht so verschieden.

So weit, so gut in Sachen Gegnerbestimmung. Was machen wir jetzt damit? Ein linker Umgang mit solchen Entwicklungen ist, dass sich intensiv mit Inhalten und Abwehr auseinandergesetzt wird. Das ist gleichzeitig leider auch ein Problem: Wir schauen uns die Verschw√∂rungserz√§hlungen immer wieder an, kneifen die Augen zusammen (oder lachen einmal herzlich) und nehmen sie argumentativ auseinander. Und das ist nat√ľrlich gut so. Aber es reicht nicht aus, weil daran keine richtige Strategie anschlie√üen kann. Ein weiteres Problem ist, dass wir manchmal gar nicht wissen, wie wir uns zwischen tats√§chlicher autorit√§rer Formierung des Staates und dem Grundrechtegeheul der Schwurbler verhalten sollen, ohne zu argumentativen Gehilfen des einen oder der anderen zu werden. Der erste Schritt zur L√∂sung muss sein, sich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen und zu verstehen, was da passiert.

Die Verschwörung ist die Verschwörung ist die Verschwörung

Was treibt Menschen dazu, ihren Glauben solcherlei Ideen zu schenken? Es hat, auch was die Tiefe der √úberzeugung angeht, fast einen religi√∂sen Charakter. Das Weltliche kann mit dem Erfahrungshorizont und dem aufgekl√§rten Wissen nicht erkl√§rt werden, also muss die L√∂sung in etwas Mystischem, Geheimem liegen. Dass diese Erkl√§rung so greifen kann, h√§ngt mit dem messianischen Charakter zusammen, der den Gl√§ubigen gleichzeitig von der Masse der Ungl√§ubigen abhebt: Du hast es erfasst! Und ‚Äď und das ist das perfide daran ‚Äď es l√§sst das zutiefst neoliberale Mantra ‚ÄěDu alleine bist f√ľr deinen Erfolg verantwortlich‚Äú unter anderen Vorzeichen einfach weiterreichen: Es sind weder du selbst noch die (kapitalistischen) gesellschaftlichen Umst√§nde, die dein Leben so miserabel, chaotisch, unplanbar scheinen lassen, sondern es gibt Verantwortliche f√ľr alles. Gleichzeitig ahmt der Verschw√∂rungsglaube auch eine Art aufkl√§rerischen Prozess nach, in dem der Einzelne eine Neubest√§tigung der eigenen Individualit√§t erf√§hrt: Das Gemeinschaftsgef√ľhl resultiert daraus, dass sich jede*r als Aufkl√§rer*in wahrnimmt ‚Äď diesen individuellen Erfolg aber sofort von anderen best√§tigt sehen m√∂chte. Nicht zuletzt f√ľhrt dies zu einer Spirale, die immer noch gr√∂√üere Superverschw√∂rung hinter der Verschw√∂rung aufzudecken.

Verschw√∂rungstheorien sind ein wichtiges Instrument daf√ľr, was in den Sozialwissenschaften ‚ÄěOthering‚Äú, das ‚Äězum Anderen machen‚Äú, genannt wird. Damit k√∂nnen ihre Anh√§nger*innen Schuldige suchen und in einem zweiten Schritt deutlich zwischen einem ‚Äěuns‚Äú ‚Äď den Leidtragenden der Verschw√∂rung ‚Äď und einem ‚Äěihr‚Äú ‚Äď die Verschw√∂rer selbst ‚Äď eine Grenze ziehen. Dies f√ľhrt, √§hnlich wie andere rechte und rassistische Mechanismen, zu einer Erh√∂hung der eigenen Position ‚Äď ‚Äěaber ich hab‚Äė es durchschaut, mich kriegen sie nicht!‚Äú ‚Äď und einem starken Gemeinschaftsgef√ľhl mit den anderen Verschw√∂rungs√ľberzeugten.

Was wir derzeit ‚Äď vor allem mit der Pandemie ‚Äď erleben, ist eine neue Zuspitzung der permanenten Krise des Kapitalismus, deren letzten Ausbruch mit der Wirtschaftskrise 2007ff. wir noch gar nicht verdaut haben. Krisen und Verschw√∂rungstheorien laufen Hand in Hand: ‚ÄěKriege, politische, wirtschaftliche oder ideologische Umw√§lzungen, Naturkatastrophen und solche, die von Menschen selbst verursacht wurden, sind der Boden, auf dem sie gedeihen‚Äú (Hepfer 2015, S. 17).

Hinzu kommt in gro√üen Teilen der industriell hochentwickelten L√§nder der sukzessive Abbau des Sozialstaats und die Zerst√∂rung sozialer Gewissheiten in den letzten Jahrzehnten. Der individualisierende Neoliberalismus mit der alle Lebensbereiche durchziehenden Selbstverantwortlichkeitsmoral und in Mode gekommene chauvinistische Diskurse verst√§rken den Klassenwiderspruch. Auch der Evergreen Rassismus tr√§gt zu einem Bedrohungsszenario bei und befeuert die soziale K√§lte. Viele Menschen befinden sich in einer Wirklichkeit, die sie als bedrohlich empfinden und die es vor allem auch ist. Das Vertrauen in Staat, Regierung, Wohlstandsversprechen br√∂ckelt massiv, neue Gewissheiten m√ľssen geschaffen werden.

Der Kapitalismus als Klassengesellschaft ist darauf angewiesen, den Antagonismus zwischen Kapitalisten und Lohnabh√§ngigen aufrecht zu erhalten, und die Arbeiter*innenklasse auch durch Strategien der Verschleierung der Ausbeutungsverh√§ltnisse von einer weitreichenden Organisierung abzuhalten. Die kapitalistische Erz√§hlung eines guten Lebens f√ľr alle, wenn man sich nur kr√§ftig genug bem√ľht, ist damit eine der wenigen ‚Äď vielleicht die einzige? ‚Äď Superverschw√∂rungstheorien, die tats√§chlich existiert.

Statt diese Wirklichkeit begreifen zu wollen ‚Äď oder zu k√∂nnen ‚Äď werden Erkl√§rungen gesucht, die das eigene Schicksal verst√§ndlich machen und vor allem die Verantwortung externalisieren, was im neoliberalen Zeitalter nachvollziehbar ist. Verschw√∂rungstheorien bieten eine Entlastungsfunktion: Da sie von au√üen von den dunklen M√§chten gelenkt wurden, konnten die Anh√§nger*innen selbst keinerlei Einfluss auf bisherige Ereignisse und Entwicklungen haben.

Anstatt sich gegen die Zw√§nge des Kapitalismus zu wehren, wird dieser Wirklichkeit eine Wahrheit entgegengesetzt, die es ertr√§glich macht, in ihr zu leben. Eine Wahrheit voll falscher Fakten und kruder Ideen, die das Unverst√§ndnis spiegelt, mit dem die Menschen ihren eigenen Bedingungen und denen anderer begegnen. Eine Wahrheit, die schwer zu widerlegen ist, weil sie sich in Logik und Form einer √úberpr√ľfung entzieht. Eine Wahrheit, die den Menschen, die an sie glauben, die eigene √úberlegenheit vorgaukelt.

Gef√§hrlich wird es sp√§testens dann, wenn diese Wahrheit reale politische Macht erh√§lt. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen dies: In vielen Staaten, von den USA, Brasilien, der T√ľrkei bis Ungarn, ist der rechte Staatsumbau weit fortgeschritten, viele andere Staaten, darunter auch Deutschland, forcieren einen autorit√§ren Umbau. Die globale Rechte sichert sich immer gr√∂√üere Machtr√§ume. Das rechte Hegemonieprojekt n√§hrt sich auch aus den Verschw√∂rungsnarrativen. Mit Trump gibt es etwa aktuell (noch) einen Pr√§sidenten, der als einer der einflussreichsten Verschw√∂rungstweeter gelten kann. Trump und Konsorten haben die konspirationistische Form des politischen ‚ÄěWissens‚Äú wieder salonf√§hig gemacht und nutzen hierbei Verschw√∂rungsideologien strategisch zur Mobilisierung ihrer Anh√§nger*innenschaft.

Der männliche Schwurbler

Trotz historisch unterschiedlicher Reichweite waren rechte Diskurse seit je her voller Fake Facts und Verschw√∂rungsschwurbeleien. Hier reihen sich aktuelle Verschw√∂rungsapologeten √† la Attila Hildmann, Ken Jebsen und Konsorten wunderbar ein. Die Kritiker, die Aufkl√§rer, die Ungem√ľtlichen, die Verk√ľnder: Sie haben es gerafft und sie werden das Volk befreien. Die Freiheit des einfachen Mannes, das ist ihre Parole. Und so wird unter dem fast schon zum Kampfbegriff avancierten Deckmantel der Demokratie das Erfolgskonzept rechter Normalisierung. Ein Konzept, das sehr erfolgreich darin ist, ein verunsichertes Naziaffines Milieu abzuholen.

Augenf√§llig ist, wer sich da vornehmlich als Befreier, als Messias aufspielt: Der wei√üe Mann. Damit wird auch deutlich, wer oder was gerettet werden soll, n√§mlich die m√§nnlichen Privilegien. Im ‚ÄěLeitfaden Verschw√∂rungstheorien‚Äú einer internationalen Forschungsgruppe wird zwar von einem generellen Forschungskonsens berichtet, dass sich keine besonderen Merkmale hinsichtlich Klasse, Geschlecht, Herkunft et cetera bei Verschw√∂rungsaffinen ausmachen lie√üe. Allerdings:

‚Äěm√§nnliche Verschw√∂rungstheoretiker (sind) oftmals in der √Ėffentlichkeit pr√§senter und treten unverhohlener auf. Der Grund hierf√ľr ist m√∂glicherweise, dass Verschw√∂rungstheorien eine Strategie sind, mit der weit verbreiteten Krise der M√§nnlichkeit in der westlichen Welt umzugehen‚Äú (COMPACT Education Group 2020).

Was da in der Krise steckt, ist jene toxische M√§nnlichkeit, die den patriarchalen ausbeuterischen Zugriff auf Frauen* legitimieren soll. Der Mann, der Chef im Haus und in der Gesellschaft, diese Gewissheit br√∂ckelt massiv. Schuld daran ist: Die Frau, die sich der Macht des Mannes entzieht, sich nicht (mehr) unterordnet, nicht mit ihm Sex haben m√∂chte. Die Wut darauf entl√§dt sich auch gewaltvoll: Der Attent√§ter von Halle 2019 machte beispielsweise in den Videoaufnahmen w√§hrend seiner Angriffe ‚Äěden Feminismus‚Äú daf√ľr verantwortlich, dass die Geburtenrate sinke und so das Volk der Zersetzung preisgegeben werde.

Antifeminismus und Verschw√∂rungsschwurbeleien h√§ngen auch an vielen anderen Stellen sehr eng miteinander zusammen. Es zeigt sich eine fragile M√§nnlichkeit, die versucht, ihre Bedeutsamkeit durch das messianische Rumgeprotze wiederherzustellen. Die Attit√ľde des m√§nnlichen Aufkl√§rers, der opferbereit und mutig ist, dient der Selbstinszenierung als Held, so der Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview mit Zeit Online. In diesem Gebaren, gepaart mit einem Erstarken des Antifeminismus, steckt viel Gewaltpotential, was bei der Auseinandersetzung mit Verschw√∂rungstheorien nicht au√üer Acht gelassen werden darf.

Und nun?

Stellt euch einmal die Entt√§uschung eines ausgemachten QAnon-Truthers vor, wenn die Welt gerade tats√§chlich einfach von einem (aus biologischer Sicht) recht normalen, aber dennoch in seinen Auswirkungen noch lange nicht erforschten Virus getroffen wurde, statt von einer ausgemacht diabolischen Bev√∂lkerungsdezimierungsstrategie von miesen Milliard√§ren ‚Äď wo bliebe denn da die ganze Aufregung, das ganze Entertainment?

Verschw√∂rungstheorien sind f√ľr eine seri√∂se Auseinandersetzung irgendwie eine eigenartige Sache; sie ernst zu nehmen, f√§llt nicht leicht. Die bizarren Kapriolen, die Verschw√∂rungstheorien mit der Realit√§t drehen, ja, wie sie diese verdrehen, machen gerade ihren Reiz, ihre Lust, ihre Anziehungskraft f√ľr viele aus. Der Erfolg der ‚ÄěIlluminati‚Äú-Reihe von Dan Brown, ‚ÄěDas Foucaultsche Pendel‚Äú oder ‚ÄěDer Friedhof in Prag‚Äú von Umberto Eco f√ľr die etwas kritischeren Leser*innen; Verschw√∂rungen in Detektiv- und Heldengeschichten von Sherlock Holmes bis Matrix ‚Äď im Kontext der popkulturellen Verarbeitung boomt das Genre. Es macht deutlich, wie viel Lust es Leuten machen kann, √ľber Verschw√∂rungstheorien nachzudenken. Der kritische Punkt besteht darin, harmlose und gef√§hrliche Angebote zu unterscheiden und ganz generell: Fiktion nicht mit der Sehnsucht nach Relevanz f√ľr das eigene Leben aufzuladen.

Und mal ehrlich: Wer von uns zum Beispiel hat kein Problem damit, was mit unseren Daten auf internationalen Servern eigentlich passiert? Statt eine politische Analyse der Warenf√∂rmigkeit unserer Lebensinformationen und Daten und eine Kritik an diesen Verwertungsprozessen zu formulieren, sind es nur wenige Schritte dahin, ‚Äěhinter dem Internet‚Äú eine Instanz der Kontrolle und der absichtsvollen ‚ÄěF√ľhrung‚Äú zu vermuten. Diese dann antisemitisch zu framen oder ihnen eine bolschewistische Agenda zu unterstellen, schlie√üt daran an. Hier sind wir wieder bei der dringenden Notwenigkeit, die wirklichen Verschw√∂rungen von den falschen Verschw√∂rungsschwurbeleien zu unterscheiden. Doch was ben√∂tigen wir dar√ľber hinaus, damit wir nicht nur in Abwehrk√§mpfen gegen Rechte Formierungen und ihre Verschw√∂rungstheorien agieren, sondern der ideologischen Nutzung von Verschw√∂rungstheorien als politischer Agenda etwas entgegensetzen?

Wir brauchen auch als Linke einen klaren Standpunkt, der deutlich macht, dass die rechte Verschw√∂rungsbewegung insgesamt keine Perspektiven f√ľr ein besseres Leben, eine andere Gesellschaft bietet und diese auch nicht bieten kann. Verschw√∂rungserz√§hlungen gaukeln vor, dass Ereignisse immer das Ergebnis von absichtsvollem Handeln Einzelner ‚Äď und nicht das Produkt von politischen Herrschaftsverh√§ltnissen und strukturellen Effekten des Kapitalismus sind. Sie sind notwendig r√ľckschrittlich, h√∂chstens in Gewalt gegen Einzelne oder eben rassistisch gegen ‚ÄěAndere‚Äú gerichtet. Sie sind Katalysatoren f√ľr Gewalt und Polarisierung. Personen, die tief in diese Erz√§hlungen verstrickt sind, wollen den Status Quo der Gesellschaft als solches nicht √§ndern, h√∂chstens ihren eigenen Einfluss darin.

Und auf der anderen Seite: Was ist mit den Leuten, die nah dran sind, die Schwurbelaffinen, bei denen aber noch nicht alle Hoffnung verloren ist? Kann man den Menschen die Erfahrungen von Kontrollverlust anders verst√§ndlich machen? Politische √úberlegungen dazu m√ľssen √ľber eine psychologische oder pathologisierende Untersuchung des Verschw√∂rungsdenkens hinausweisen. Auch die Analyse der Funktion von Verschw√∂rungstheorien f√ľr den*die Einzelne*n reicht nicht aus. Damit w√ľrden solidarische und gemeinsame K√§mpfe ausgehebelt werden. Verschw√∂rungstheorien sind und waren politische Instrumente gegen emanzipatorische Perspektiven, auch wenn sie nach Ver√§nderung schreien. Hier m√ľssen wir ansetzen f√ľr eine fundamentale Kritik an den Verh√§ltnissen. Die wirkliche Ver√§nderung voranzutreiben und nicht falschen G√∂ttern hinterherzulaufen, das ist unsere, das ist die linke Aufgabe.


Dieser Essay ist ein Cross-Post. Er ist ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von kritisch-lesen.de ‚ÄěRichtig schwurbeln! Verschw√∂rungserz√§hlungen und rechte Kontinuit√§ten‚Äú vom 13. Oktober 2020 zu finden.


Weiterf√ľhrende Literatur:

COMPACT Education Group 2020: Leitfaden Verschwörungstheorien, Compact Forschungsgruppe (Comparative Analysis of Conspiracy Theories), online hier.
Karl Hepfer 2015: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, Transcript.
Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead 2019: A Lot of People Are Saying: The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press.
Zeit Online 2020: Vom Loser zum Messias. Video online hier.




Quelle: Revoltmag.org