Juni 27, 2021
Von FAU Flensburg
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Die katastrophalen Bedingungen zu denen Arbeitende aus Osteuropa in der deutschen Fleischindustrie beschÀftigt werden, sind spÀtestens seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies breit bekannt. Ein Gesetz zum Verbot von WerkvertrÀgen sollte damit Schluss machen. Was hat sich verÀndert? Eine Reportage.

November 2017, Sozialausschuss im Rat der Stadt GĂŒtersloh. Das Thema: die Arbeits- und Lebenssituation der auslĂ€ndischen WerkvertragsbeschĂ€ftigten. Diese werden in vielen Großbetrieben eingesetzt – in GĂŒtersloh vor allem in der Fleischindustrie. WerkvertragsbeschĂ€ftigte werden nicht angestellt, sondern haben stattdessen ArbeitsvertrĂ€ge mit Subunternehmen, die wiederum WerkvertrĂ€ge mit den Industriebetrieben unterhalten. Die Arbeitssituation und insbesondere die psychosozialen Bedingungen sind fĂŒr viele dieser BeschĂ€ftigten und ihre Familien extrem schlecht, berichtete der Vertreter eines Wohlfahrtsverbands.

Zudem brÀchten Sprachbarrieren viele Schwierigkeiten mit sich. Integration sei faktisch nicht vorhanden, die Situation der Kinder sei aufgrund der Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Eltern teils desolat. Seit acht Jahren wÀchst in der Stadt die Anzahl der Anwohnerinnen und Anwohner aus RumÀnien und Polen um jÀhrlich 300 bis 400 Menschen. Die Zahlen lassen die Ausschussmitglieder aufhorchen. In den Nachbargemeinden ist die gleiche Tendenz zu beobachten.

Arbeitende als »Verbrauchsmaterial«

Der Kreis GĂŒtersloh ist eine Hochburg der Schlachtindustrie. Jede Woche kommen zwei Busladungen voll von BerufsanfĂ€ngern, grĂ¶ĂŸtenteils Menschen aus osteuropĂ€ischen LĂ€ndern, beim Gesundheitsamt an, um Gesundheitszeugnisse zu beantragen – ein Muss, um in der Lebensmittelindustrie arbeiten zu können. Viele Zugereiste gehen nach wenigen Wochen oder Monaten wieder. Die einen, weil sie der extremen Arbeitsbelastung – dem hohen Tempo und dem enormen Arbeitspensum – nicht standhalten, die anderen, weil sie eine andere Möglichkeit gefunden haben, in Deutschland Geld zu verdienen. BetriebsrĂ€te aus der Schlachtindustrie berichten, dass die Zahl der ausgegebenen Werksausweise fĂŒr neue BeschĂ€ftigte jedes Jahr höher liegt als die Gesamtzahl der Belegschaft am Standort. So hoch sei die Fluktuation. Die Branche behandelt Arbeitende aus dem Ausland wie Verbrauchsmaterial, das man bei externen Dienstleistern einkauft und nach Verschleiß austauscht.

So ist es zum Beispiel dem Bulgaren Ivan Damilov (Name geĂ€ndert) ergangen: Er findet nach 15 Jahren in Griechenland keinen Job mehr und versucht sein GlĂŒck in Deutschland. Im FrĂŒhjahr 2016 heuert er bei einem Subunternehmen in einem mittelstĂ€ndischem Schlachtbetrieb an. Seine Aufgabe: das Zertrennen von Schweineköpfen mit einer großen elektrischen SĂ€ge. Das diktierte Tempo ist nicht zu schaffen. Kaum hat er das eine Tier zerteilt, ist schon das nĂ€chste an der Reihe. Hinter ihm steht ein Vorarbeiter, der ihn anbrĂŒllt: Schneller, schneller! So geht das stundenlang. Irgendwann bleibt die SĂ€ge in einem Schweinekopf hĂ€ngen. Damilov will sie herausziehen, fasst die SĂ€ge kurz von unten an, um sie hochzuheben, wie er spĂ€ter erzĂ€hlt. Dabei passiert das UnglĂŒck. Die SĂ€ge frisst sich durch den Schutzhandschuh und trennt das letzte Glied seines kleinen Fingers fast vollstĂ€ndig ab.

Niemand ruft einen Krankenwagen. Stattdessen schreit ein Vorgesetzter einen Kollegen an, der Damilov zu helfen versucht. Er solle sofort einspringen, damit das Fließband nicht gestoppt werden mĂŒsse. Der Finger wird vor Ort notdĂŒrftig verbunden und Damilov nach Hause geschickt. Das Wochenende steht vor der TĂŒr, er soll am Montag wieder zur Arbeit kommen, heißt es. Zwei Tage lang hĂ€lt Damilov die Schmerzen aus. Am Montagmorgen sucht er Hilfe. In einer Apotheke verstĂ€ndigt er sich mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen. Eine dortige Kundin nimmt sich seiner an und bringt ihn ins Krankenhaus. Damilov wird sofort operiert.

Als er nach einer mehrtĂ€gigen Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen wird, muss er feststellen, dass sein Bett in der Arbeiterunterkunft bereits von einem neuen Arbeiter belegt wurde. Er könne nach Bulgarien zurĂŒckkehren, wird ihm mĂŒndlich mitgeteilt. Völlig ĂŒberrumpelt versteckt sich Damilov in der Unterkunft seiner Frau und schlĂ€ft in ihrem Bett, wĂ€hrend sie und ihre Zimmerkolleginnen arbeiten.

Mehrere Tage schlĂ€gt er sich so durch, bis er von der Beratungsstelle Faire MobilitĂ€t erfĂ€hrt und Kontakt aufnimmt. Mithilfe einer Beraterin gelingt es ihm, sein ausstehendes letztes Monatsgehalt zu erstreiten. Gemeinsam sorgen sie auch dafĂŒr, dass der Arbeitsunfall bei der Berufsgenossenschaft gemeldet wird. Das Unternehmen hatte dahingehend bislang nichts unternommen.

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Quelle: Fau-fl.org