Juni 17, 2022
Von Contraste
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Die Covid-19-Pandemie hat die gesamte Welt unvorbereitet erwischt, an vielen Orten sehr angespannte Situationen geschaffen und viele LĂ€nder und ihre Bevölkerungen hart getroffen. Unter denen, die es extra schwer hatten, sind auch die Venezolaner*innen. Schon seit Jahren liegen in Venezuela Wirtschaft und öffentliche Infrastruktur brach. Die Kombination aus Misswirtschaft, Korruption, Wirtschaftssanktionen, Hyperinflation, Lebensmittelknappheit und zuletzt auch noch Treibstoffmangel schafft eine Situation, in der einem leicht jeder Optimismus und jede Lust an der Zukunft vergehen könnte. Bei Cecocesola wurde trotzdem weiter diskutiert, transformiert, gearbeitet – und behandelt. Denn das Gesundheitsnetz ist ein wichtiger Pfeiler der kommunitĂ€ren Dienste, die Cecocesola anbietet. Und dies ist nicht die erste Krise – die Compañer@s haben in den vergangenen Jahrzehnten viel an ihrer Resilienz gearbeitet.

Birte Baumgarten (Projektewerkstatt auf Gegenseitigkeit) und Jorge Rath (Cecocesola)

Das Gesundheitssystem in Venezuela ist mehr als prekĂ€r aufgestellt. Sowohl Konsultationen als auch Operationen und Medikamente mĂŒssen von den Patient*innen selbst gezahlt werden. Die privaten Kliniken und Praxen verlangen dabei Preise, die fĂŒr den Großteil der Venezolaner*innen unbezahlbar sind. Das öffentliche Gesundheitssystem ist aber leider auch keine nutzbare Alternative, die kostenlose Gesundheitsversorgung steht lediglich auf dem Papier. Angefangen bei den teils maroden Bauten fehlt es hier, wie ĂŒberall sonst im Land auch, regelmĂ€ĂŸig an Strom und Wasser sowie an Ersatzteilen fĂŒr die medizinischen GerĂ€te. Dazu kommt, dass die Korruption im Gesundheitssystem blĂŒht wie die KirschbĂ€ume im FrĂŒhling. Die Ärzt*innen und das Pflegepersonal bekommen den gesetzlichen Mindestlohn, der derzeit bei sechs bzw. fĂŒnf USD liegt. Das sind monatlich ca. 395 Dollar, weniger als nötig, um sich grundversorgen zu können.

Um sich und ihre Familien ernĂ€hren zu können, sind die Angestellten im öffentlichen Gesundheitssektor also darauf angewiesen, bei der Arbeit Nebeneinnahmen zu erfinden. Erleichtert wird das dadurch, dass das nötige Material zur Behandlung nicht von den KrankenhĂ€usern bereit gestellt wird, sondern Patient*innen vom Wattebausch ĂŒber KanĂŒlen bis zur Prothese alles selbst kaufen und zur Behandlung mitbringen mĂŒssen. Diese EinkĂ€ufe werden dann hĂ€ufig so organisiert, dass die behandelnden Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen von den HĂ€ndler*innen Provision bekommen auf die EinkĂ€ufe ihrer Patient*innen. Wer sich die Kosten fĂŒr Beratung und Verbrauchsmaterialien nicht leisten kann, bleibt krank und unbehandelt. Im Ergebnis bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit fĂŒr viele Venezolaner*innen, an einem schweren Covid-Verlauf zu sterben, sehr hoch ist.

Die venezolanische Regierung hat in der Pandemie, wie viele andere Regierungen auch, Maßnahmen von oben erlassen. Die Maßnahmen werden hier aber kaum generell kritisiert. Dazu gehört unter anderem eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum und die Empfehlung zur »distancia chiva«, eine ZiegenlĂ€nge Abstand zu einander. In den ersten sechs Monaten der Pandemie galt zusĂ€tzlich die rigideste der hiesigen Maßnahmen, eine Ausgangssperre zwischen Mittag und Morgengrauen. Wie schon im September 2020 in der CONTRASTE beschrieben, wurde auch bei Cecocesola nach passenden Lösungen gesucht, um mit der neuen Lage umzugehen. Die staatlichen Vorgaben wurden nur eingehalten, wenn sie mit den Regeln der Vernunft ĂŒbereinstimmten und ansonsten stillschweigend umgangen.

Einrichtungen bleiben offen

Nach einer kurzen Schockstarre zu Beginn der Pandemie im MĂ€rz 2020 gehen im Integralen Kooperativen Gesundheitszentrum (CICS – Centro Integral Cooperativo de Salud) und andernorts in Cecocesola die Debatten los. Alles schließen, um maximalen Schutz der Arbeitenden zu gewĂ€hrleisten, die Dienste runterfahren auf ein Minimum, oder offen lassen? Schnell wird klar, komplett schließen ist keine Option. Denn das SelbstverstĂ€ndnis von Cecocesola in seiner Gesamtheit ist das der »Comunidad organizada«, also der organisierten Gemeinschaft/Gesellschaft, die ihre Dienste nicht etwa an irgendwelche anonymen Kund*innen verkauft. Die Compañer@s verstehen sich viel mehr als Teil der »Comunidad«, mit der sie die Gesundheitsleistungen, die Beerdigungen, die LebensmittelmĂ€rkte organisieren. Das, was sie anbieten, ist also ein kommunitĂ€rer Dienst fĂŒr alle, die Arbeiter*innen eingeschlossen. Und sehr viele Familien sind von den MĂ€rkten, Kooperativen und Angeboten abhĂ€ngig. So wird bald gemeinsam entschieden, dass die Einrichtungen von Cecocesola weiter offen bleiben.

Ausgehend vom Standpunkt der Verantwortung und SolidaritĂ€t wird auch schnell klar, dass alle auf Schutzmaßnahmen setzen, um sich und die Comunidad nicht mehr als nötig zu gefĂ€hrden. Abstand halten, wo möglich, Verkleinerung von Treffen, dauerndes HĂ€nde Desinfizieren und immer bedingungsloses Maske tragen (auch draußen, auch mit den eigenen Compañer@s, auch bei 30°C) werden NormalitĂ€t. In den MĂ€rkten arbeiten nun alle mit Masken, Handschuhen und Haarnetzen, »als Astronauten« sagen sie. Im CICS kommen noch Gesichtsschilde dazu. Alle Kooperativen passen jeweils fĂŒr sich die nötigen Maßnahmen an die Gegebenheiten vor Ort an. Das Risiko fĂŒr Ansteckungen, das trotz der verschiedenen Maßnahmen bleibt, nehmen sie in Kauf.

Eine eigene Covid-Station

Eine der vielen Herausforderungen, die sich Cecocesola stellt, ist die Frage nach der QuarantĂ€ne und Versorgung kranker Compañer@s. Sich zu Hause umfassend zu isolieren, ist fĂŒr viele nicht möglich. Wenn ein*e Mitarbeiter*in so schwer krank wird, dass er*sie dauerhaft Pflege benötigt, dann bleiben eigentlich nur noch die staatlichen Einrichtungen, die schlecht funktionieren. Die Lösung liegt in der Umnutzung eines GebĂ€udes der Kooperative El Triunfo. Vor dem Bau des Integralen Gesundheitszentrums hatten sie dort auf zwei Etagen Ă€rztliche Beratungen und Behandlungen angeboten. Seit dem Umzug in das kollektive Krankenhaus stand das Haus fast leer. Hier wurde eine Covid-Station eingerichtet, die fast zwei Jahre lang zur VerfĂŒgung stand, um erkrankte Compañer@s zu versorgen.

Vom Erdgeschoss aus versorgen die Krankenpfleger*innen aus den Gesundheits-Kooperativen die erkrankten und isolierten Compañer@s. Sie kochen fĂŒr sie, begleiten sie, versorgen sie hier – wenn nötig sogar mit Sauerstoff. Im Laufe der Pandemie werden dort ca. 100 Menschen mit teils schweren VerlĂ€ufen behandelt. Viele Venezolaner*innen haben Diabetes, ein Risikofaktor fĂŒr einen schweren Verlauf, davon sind auch die Mitarbeitenden der Kooperativen nicht ausgenommen. Manche erleiden unter der Infektion hier Nierenversagen, die meisten schaffen es wieder zu genesen. Aber nicht alle. Zwei Compañer@s sterben. Viele Mitarbeiter*innen der Kooperativen verlieren Angehörige. Die Pandemie schlĂ€gt hier spĂŒrbar stark ein und es scheint, dass innerhalb von Cecocesola sehr viele Leute jemanden kennen, der*die Angehörige verloren hat.

Nicht nur im Privaten, auch im kooperativen Gesundheitsnetz macht sich die Pandemie deutlich bemerkbar, aber der Kollaps bleibt aus. Im Integralen Gesundheitszentrum sind es vor allem die Röntgenabteilung und das Labor, die stĂ€ndig einen starken Ansturm erleben. Um diesen zu hĂ€ndeln, wird umverteilt. Die Mitarbeiter*innen aus anderen Abteilungen, die die nötigen FĂ€higkeiten haben, wechseln ins Laborteam, in der Röntgenabteilung wird eine zweite Schicht eingefĂŒhrt und es kommen neue Leute dazu, um an sechs Tagen in der Woche von 6.30 bis 17 Uhr Sprechzeiten anbieten zu können.

Ansonsten werden im CICS einige AblĂ€ufe umgestellt. Der Ansturm der Menschen wird so organisiert, dass sich möglichst wenig Menschenmengen bilden, ein neues System zur Terminvergabe entsteht, die Wartenden werden getrennt nach »potentielle Covid-Infektion« und »sonstige Anliegen« und der innenliegende Parkplatz der Mitarbeiter*innen wird umfunktioniert zum zweiten Wartebereich. Die wöchentlichen Plena werden verkĂŒrzt und verkleinert. Um sich dennoch genug austauschen, reflektieren und gemeinsam weiterbilden zu können, entsteht ein weiteres Plenum pro Woche. Auch in den anderen, dezentralen Gesundheitsstationen von Cecocesola, die ĂŒber die Stadt Barquisimeto verteilt liegen, gibt es VerĂ€nderungen und Anpassungen. Im Großen und Ganzen aber geht es weiter. Immerhin sind hunderttausende Menschen auf die bezahlbaren, guten medizinischen Dienstleistungen angewiesen.

Fonds funktionieren stabil

Innerhalb des Kooperativennetzwerks existieren verschiedene Fonds fĂŒr die Kosten der Gesundheitsbehandlungen, aus denen solidarisch umverteilt und verliehen wird, wenn irgendwer die anfallenden Kosten nicht aus eigener Tasche zahlen kann. Diese Fonds werden sowohl durch die regelmĂ€ĂŸigen, selbstverwalteten BeitrĂ€ge aller Beteiligten als auch durch diverse andere AktivitĂ€ten wie VerkĂ€ufe von bestimmten Waren oder Tombolas wieder gefĂŒllt. Entgegen der ersten BefĂŒrchtungen schaffen es auch diese Fonds ganz gut durch die Krise. Sie wurden viel gebraucht und beansprucht in den letzten zwei Jahren, es hat aber auch immer wieder funktioniert, sie durch gemeinsame AktivitĂ€ten wieder zu fĂŒllen. So sind sie nach wie vor da, ausreichend gefĂŒllt und scheinen stabil zu funktionieren.

WĂ€hrend der Staat von oben herab Maßnahmen verordnet, deren Ziel nur die Verhinderung von Infektionen ist und dabei zu teils stark einschrĂ€nkenden Mitteln greift, die auch mittels Strafe durchgesetzt werden, versucht Cecocesola einen Weg zu finden zwischen VerantwortungsĂŒbernahme durch Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionen, VerantwortungsĂŒbernahme fĂŒr die Aufrechterhaltung der Grundversorgung, die die Kooperativen anbieten, und VerantwortungsĂŒbernahme fĂŒr die Konsequenzen, die den Compañer@s aus dem erhöhten Infektionsrisiko im Rahmen der Arbeit entstehen. Und auch wenn einige AktivitĂ€ten und Treffen ausfallen mussten, um all diesen Verantwortungen gerecht zu werden: Das Kooperativen-Netzwerk scheint ohne grĂ¶ĂŸere SchĂ€den durch die Pandemie gekommen zu sein. Ohne spaltende Konflikte, ohne dass die AktivitĂ€ten eingestellt werden, aber auch ohne dass die Compas das Risiko einer Infektion innerhalb ihrer Orte und TĂ€tigkeiten leichtfertig in Kauf nehmen.

Titelbild: „Eine ZiegenlĂ€nge Abstand in den Schlangen, bitte!“ Grafik: Cecosesola




Quelle: Contraste.org