MĂ€rz 25, 2022
Von Emrawi
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Die radikale Linke will die Probleme dieser Welt durch staatliche und kapitalistische Intervention lösen. Die radikalen Parolen und die militanten Aktionen sind nur ein Fetischismus, der als eine Rauchwand wirkt, damit man das inhaltslose Sein nicht erkennt. Man muss nur GeschichtsbĂŒcher aufschlagen, um zu sehen, dass der Reformismus sich auch real bewaffnet hat, nun dies wĂ€re auch nichts Neues.1

– inklusive schicker Homepage und ordentlicher Social-Media Bespielung. Das nette Logo – ein Kreis – will ich hier mal als Ausgangspunkt einer Kritik nehmen, da ich finde, dass wenigstens das sehr treffend gewĂ€hlt ist, schließlich drehen sich die Themen und Aktionsformen im Kreis. Ach ja, eine erste Aktion gab es natĂŒrlich auch schon – eine „Besetzung“ – war aber auch so schnell wieder vorbei, wie wahrscheinlich der Rest dieses Luftschlosses auch bald wieder weggeblasen ist (schließlich sind wir ja in Wien, da gibt es nur symbolische Besetzungen, die sich nach ein paar Stunden rĂ€umen lassen).

Politik ist die Kunst der Rekuperation. Die effizienteste Methode um jegliche Rebellion, jeglichen Wunsch nach wirklicher VerĂ€nderung zu entmutigen, ist den Staatsmann als Subversiven auszugeben, oder noch besser, den Subversiven in einen Staatsmann zu verwandeln. [
] Die RealitĂ€t – das wissen sie gut – ist immer komplexer als irgendwelche Aktion. Wenn sie also eine totale Theorie entwerfen, ist das nur, um sie im Alltag völlig zu vergessen. Die Macht benötigt sie – wie sie es selbst uns beibringen –, denn wenn keine Kritik an der Macht ausgeĂŒbt wird, wird die Macht als solche kritisiert.2

Eine Kampagne also. Es macht in diesem Fall durchaus Sinn sich die Kampagnenpolitik (verkĂŒrzt) anzuschauen bzw. die Entwicklung dieser in autonomen oder radikalen Kreisen und die Perversion dieser, an und fĂŒr sich konfrontativen und zielgerichteten Taktik, durch post-autonome Strukturen. Kampagnen im heutigen Sinne haben ihren Ursprung in den KĂ€mpfen aktivistischer Kreise gegen einzelne Themen. Klassische Beispiele sind etwa Kampagnen gegen einzelne Unternehmen der Tierversuchsbranche, in Österreich die Aktionen gegen Kleider Bauer oder die KĂ€mpfe militanter feministischer ZusammenhĂ€nge gegen PornolĂ€den und Sextourismus. Gemein ist diesen, dass es ein gemeinsames Ziel gab, das aber von einer DiversitĂ€t von Gruppen und Taktiken angegangen wurde. Das Ausrufen bzw. Initiieren einer Kampagne diente also vielmehr als Plattform zum Erreichen des konkreten Ziels. Und eben dieses konkrete Ziel ist etwas, das diese Form der Kampagnenarbeit ausmachte – ich will genau das erreichen und dann widme ich mich dem nĂ€chsten Thema. All das aber nicht als abstraktes Etwas (wie mehr Aufmerksamkeit erreichen) sondern als konkreter materieller Bezugspunkt. Diese Form der Kampagnenarbeit wurde auch bereits ausfĂŒhrlich von Anarchist_innen und anderen radikalen KrĂ€ften kritisiert, da es letztlich zu keiner radikalen VerĂ€nderung der VerhĂ€ltnisse fĂŒhren kann, auch wenn natĂŒrlich die Beteiligten wichtige Erfahrungen der SelbstermĂ€chtigung und der Anwendung von diversen Aktionsformen gewinnen können und es natĂŒrlich auch einen gewissen Unterschied macht, wenn etwa ein Tierversuchslabor in Schutt und Asche liegt. Nichtsdestotrotz wurde die Kampagnenarbeit in den 90ern adaptiert und fĂŒhrte zu Kampagnen gegen „den Kapitalismus“. Ein möglichst abstraktes Ziel, mit wenig konkreter Gestaltungsmöglichkeit. Die Problematiken dieser Form von Aktivismus und KampagnentĂ€tigkeit lassen sich gut in den kritischen Reflexionen zu den J18 Protesten nachlesen3. Genau an diese abstrakte Form knĂŒpfen die post-autonomen „Medienkampagnen“ der letzten Jahre an. Es geht nicht mehr darum konkrete Ziele zu erreichen, sondern nur noch Aufmerksamkeit zu generieren. Im konkreten Fall lĂ€sst sich jetzt fragen: Aufmerksamkeit fĂŒr was? Dass es den PflegekrĂ€ften beschissen geht? LĂ€ngst bekannt und breit von den Zeitungen abgedeckt. Dass Österreich eine ĂŒberdurchschnittlich hohe Femizidrate hat? Wird seit Jahren thematisiert. Das lĂ€sst sich natĂŒrlich fĂŒr die anderen Themen Ă€hnlich spielen.

Die wichtigeste Frage der Aufmerksamkeit ist – wofĂŒr die Aufmerksamkeit? Dass es einem selber scheiße geht in diesen ZustĂ€nden? Wohl eher nicht wenn doch am einzigen (zumindest scheinbar) inhaltlichen Punkt der Kampagne zu ZwangsrĂ€umungen beinahe schon darum gebettelt wird, dass sich doch endlich jemand meldet der zwangsgerĂ€umt wird. WofĂŒr also die Aufmerksamkeit? Bei der „Besetzung“ sehen wir doch gut worum es geht: um die Aufmerksamkeit fĂŒr einen selber unter dem Vorwand der sozialen Konfliktlinien…selbst nicht betroffen4 aber trotzdem professionell da stehend im Blitzlichtgewitter. Die Aufmerksamkeit ist also auf einen selbst bezogen – selbstreferentiell und nur im allerbesten Fall zumindest nicht auf die einzelne Person sondern auf die eigene geile Szenen-Gruppe. Anscheinend gibt es aber doch Dinge, die den Leuten selber wirklich am Herzen liegen. Zumindest betonen sie doch in ihrem SelbstverstĂ€ndnis ausdrĂŒcklich wie schlimm und ironisch eine verfrĂŒhte Sperrstunde ist. Nach ĂŒber zwei Jahren intensivstem Klassenkampf von Oben in Bezug auf die Pandemie ist es bestimmt auch mein schlimmster Verlust nach Mitternacht keine 4,50€ fĂŒr ein Bier ausgeben zu können (entschuldigt die Übertreibung: ich habe auch vor der Pandemie selten 4,50€ fĂŒr ein Bier zusammenbekommen – also ist es nicht ganz der schlimmste Verlust).

Warum reicht es nicht mehr aus „bloß“ wĂŒtend zu sein? Warum werden KĂ€mpfe um gesellschaftliche Anerkennung gefĂŒhrt, indem die Aufmerksamkeit auf die UnterdrĂŒckung gelenkt wird? Wieso bemĂŒht man sich „um die gesellschaftliche Anerkennung einer Gesellschaft, die wir doch eigentlich mal zerschlagen wollten?“5 Ist die eigene Wut ĂŒber die eigene Betroffenheit und die Ausbeutung (auch der anderen) nicht der Auslöser fĂŒr das eigene Handeln? Wenn dem so ist und nicht das parareligiöse Herunterbeten von Privilegien der Grund fĂŒr das eigene Handeln ist, dann stell sich doch die Frage, wie handle ich entsprechend? Es stellt sich die Frage, ob die Wut in kontrollierende Bahnen gefasst wird (durch Plena, schöne Transpis, Fotos, gezielte Pyro, antrainierte Handlungen) oder ob sich direktere AusdrĂŒcke finden lassen. Wenn ich wĂŒtend bin, will ich nicht, dass meine Wut zuerst durch lange Plena ermĂŒdet wird, nicht dass ihr Ausdruck in Arbeit ausartet. Ein direkter Ausdruck von Wut braucht keine Vermittlung, keine Pressearbeit. Er wird verstanden, denn die Straßen sind voll von WĂŒtenden, die die Faust in der Tasche geballt haben. Fragt einfach mal einen Menschen um 7 Uhr am Bahnhof, ob es gerade geil ist Arbeiten zu gehen und wie die Chefs so drauf sind. Jede Person, die eine Zeit lang FrĂŒhschichten geschoben hat, weiß wie beschissen das ist.6 Es stellt sich viel mehr die Frage, wie vorhandene Wut entfesselt werden kann, denn gleichzeitig sehen wir auf den Straßen auch eine große Apathie. Vielleicht macht es mehr Sinn die Menschen auf die eigene UnterdrĂŒckung und unterdrĂŒckte Wut hinzuweisen, als auf die der anderen, denn es ist „wenig schlĂŒssig, denen vom UnglĂŒck anderer zu erzĂ€hlen, die schon genug eigenes Übel zu lösen haben.“7 Und wenn ich dann schon aus meiner eigenen Wut heraus handle, ist das gemeinsame Handeln aus einer geteilten Wut nur noch ein kleiner Schritt. Wie und ob sich das in der RealitĂ€t umsetzten lĂ€sst, ist ein Thema fĂŒr eine andere Diskussion.

Nach 2 Jahren Pandemie sowie erschreckender Taten- und Ideenlosigkeit hat eine sog. „linksradikale“ Kampagne keinerlei Gewinnpotential fĂŒr eine revolutionĂ€re Perspektive, vor allem nicht, wenn sie sich auf das reine Generieren von Aufmerksamkeit reduziert. Diese Art von Kampagne reiht sich ein in die fehlende Betrachtung der eigenen Betroffenheit durch den kapitalistischen Verwertungsprozess, die letztlich nur dazu fĂŒhrt mit symbolischen Aktionen auf Irgendetwas aufmerksam zu machen, zu dem man nicht wirklich selbst Bezug hat. Wenn man das will, dann ist das auch in Ordnung. Dann braucht man sich aber nicht als „linksradikal“ labeln und muss sich gefallen lassen als NGO mit schwarzen Outdoor-Jacken betrachtet zu werden. FĂŒr diese Ideenlosigkeit hilft dann auch nicht eine aufgebĂŒgelte Social-Media Kampagne mit Logo und allem drum und dran8, die dann eher als die Xte neue Gruppe daherkommt, denn als Intervention in gesellschaftliche SpannungsverhĂ€ltnisse.

Gesellschaftliche SpannungsverhĂ€ltnisse wurden zum Teil ja erkannt und benannt, auch wenn sie zwischen dem sklavischen Herunterbeten von Hygienenotwendigkeiten – bloß ja nicht wie die „Schwurbler“ wirken – unterzugehen drohen. Neben dem wichtigen Aufzeigen der problematischen ZustĂ€nde in den Medizineinrichtungen, lĂ€sst der Teil zur Gesundheit aber eine klaffende LĂŒcke zu den nicht-organischen Folgen der Pandemie. Die psychische Belastung wĂ€hrend der Pandemie ist ein Thema, was tatsĂ€chlich nur wenig thematisiert wurde – eine schmerzliche LĂŒcke fĂŒr eine „Medien-Kampagne“. Kapitalismus macht krank – ja. Aber noch viel mehr macht Kapitalismus den Kopf kaputt. Dass es in Österreich genĂŒgend Therapeut_innen gĂ€be, aber die bezahlten KassenplĂ€tze nur unzureichend vorhanden sind ist ein Problem, dass in einer AufzĂ€hlung der MissstĂ€nde nicht fehlen darf. Dass die psychischen Belastungen genau mit den „notwendigen“ Maßnahmen und dem „extremen RĂŒckwurf ins Private“ einhergehen, lĂ€sst sich so gut verschweigen. Dass das Maßnahmenregime des Staats zwiespĂ€ltig – gar schizophren – war, liegt auf der Hand. Ebenso die BeschrĂ€nkungen der Testmöglichkeiten auf die verwaltbare Staatsbevölkerung, die mit ELGA und E-Card in Daten verwandelt wird. Dass eine aufklĂ€rerische, rationalistische und in den letzten 2 Jahren scheinbar zur Pandemieexpertin gewordene Linke von Notwendigkeiten spricht, ist dann schon sehr gruselig. Notwendigkeiten fĂŒhren, als moralische Rechtfertigung – wie wir in der Pandemie gesehen haben – zu Pflichten und Zwang. Ob ich das jetzt unter dem Label des Staates oder des der „SolidaritĂ€t“ laufen lasse, funktioniert mit einer antiautoritĂ€ren Perspektive schlicht nicht. Mich wĂ€hrender einer durch den globalisierten Kapitalismus (dem einzigen Superspreader) hervorgerufenen Pandemie impfen und testen zu lassen, tue ich, weil ich es fĂŒr mich sinnvoll finde und es töricht fĂ€nde es nicht zu tun – aber nicht, weil es eine Notwendigkeit ist. Eine erleuchtete Linke, die im Namen der RationalitĂ€t einem Notwendigkeitsdiskurs aufsitzt, macht sich zu guter Letzt dem Gutheißen eines Zwanges schuldig. Differenziertere Positionen lassen sich durchaus finden – um es reduziert mit den Worten griechischer Anarchist_innen zu sagen: „Ja zum Impfen – Nein zur Pflicht“. In einer Zeit, in der wir einen nie gesehenen (versuchten) Eingriff und Zugriff des Staates auf den Körper des Individuums gesehen haben, muss die Wortwahl vorsichtig und bedacht gewĂ€hlt werden – sonst verliert die eigene Position jeglichen Wert.

Die viel berufene Einheit von Theorie und Praxis hat eine Tendenz, in die Vorherrschaft von Praxis ĂŒberzugehen. Manche Richtungen diffamieren Theorie selber als eine Form von UnterdrĂŒckung; wie wenn nicht Praxis mit jener weit unmittelbarer zusammenhinge. [
] In der verabsolutierten Praxis reagiert man nur und darum falsch. Einen Ausweg könnte einzig Denken finden, und zwar eines, dem nicht vorgeschrieben wird, was herauskommen soll, wie so hĂ€ufig in jenen Diskussionen, bei denen feststeht, wer recht behalten muss, und die deshalb nicht der Sache weiterhelfen, sondern unweigerlich in Taktik ausarten.9

Wir wollen SolidaritĂ€t mit anderen im Kampf aufbauen, um gegenseitige Hilfe als einen Impuls fĂŒr den Kampf zu erfahren. Weil es eine Frage der realen Notwendigkeit ist, es war schon immer, es war nie ein idealistischer Kreuzzug, revolutionĂ€re SolidaritĂ€t ist eine Notwendigkeit fĂŒr diejenigen, die sich entscheiden, dieser Welt des Elends die Stirn zu bieten.10

GerĂŒchte besagen, dass es abseits von Marx-Lesekreisen und theoriefeindlichem Aktivismus eine ganze Welt von hĂ€retischen, aufstachelnden und rebellischen Gedanken gibt und sogar Theorie. In dieser Welt der befremdlichen Ideen geht es oft um den Begriff der SolidaritĂ€t. Da sich die Kommunen-Gruppe die SolidaritĂ€t auf die Fahnen – Pardon: natĂŒrlich Instagram-Posts – geschrieben hat und auch Regierungen von (nationaler) SolidaritĂ€t sprechen, möchte ich dieser ein paar Zeilen widmen. Der schöne Begriff der SolidaritĂ€t ist leider in den letzten Jahren seines Inhalts beraubt worden. SolidaritĂ€t ist mehr als „eine symbolische Haltung, die der Kirche wĂŒrdig ist, es aber erlaubt unser Gewissen zu beruhigen.“11 Eigentlich bezeichnet SolidaritĂ€t die „Verbindung mit Gleichgestellten“12, denjenigen, die sich auf Augenhöhe begegnen, gemeinsame Haltungen teilen und letztlich auch gemeinsame KĂ€mpfe fĂŒhren. Es ist die direkte UnterstĂŒtzung von Individuen und Kollektiven, die meine Analysen teilen und denen ich mich dadurch verbunden fĂŒhle – es ist aber keine einseitige Handlung, sondern basiert auf Gegenseitigkeit. Es ist daher auch eine Form der Gegenseitigen Hilfe. Ich handle also nicht aus einem moralischen PflichtgefĂŒhl heraus, sondern aus einem gegenseitige Erkennen ineinander.

Das Problem, wenn ich alles als SolidaritĂ€t label, ist, dass sie ihren Inhalt verliert. Genauso wenn ich in ihrem Namen zur UnterstĂŒtzung von diffusen (gesellschaftlichen) Gruppen aufrufe, die ich nicht einmal klar benennen kann. Wer sind diese „vulnerablen Gruppen“ und wer ordnet die Individuen dieser Gruppe zu? Wenn ich „solidarisch“ mit diffusen Gruppen bin, mit denen ich keine gemeinsamen KĂ€mpfe oder Betroffenheit teile und auch keinen Bezug habe, begebe ich mich auf das Feld der Charity – genau in dem Bereich der Wohlfahrtsspezialist_innen der Religion oder Sozialdemokratie. Dass diese keinen revolutionĂ€ren Anspruch haben und auch kein Interesse daran das Bestehende zu ĂŒberwinden, muss nicht ausgefĂŒhrt werden. Letztlich reiht man sich mit dem „solidarischen“ Versuch „den Ausgebeuteten“ mehr PrĂ€senz zu geben nur ein in die reformistische Agenda von Liberalen, die die Lösung der Probleme in Quoten und Beteiligung sehen. Es kann nicht darum gehen fĂŒr Andere etwas mehr KrĂŒmel vom Brot zu fordern13, sondern es muss um die eigene Befreiung, den eigenen Kampf aus der eigenen Betroffenheit durch dieses Scheißssystem gehen. Wie und mit wem dieser zu fĂŒhren ist, ist natĂŒrlich Allen selbst ĂŒberlassen, er muss aber in der eigenen konkreten Lebenssituation eingebunden sein und kann nicht fĂŒr „die Anderen“ oder durch „die Anderen“ gefĂŒhrt werden.

Wir Anarchist_innen sind gegen die Institutionen, denn sie sind die ideologischen Ursachen fĂŒr die Ausbeutung, den Hunger, des Diebstahls mittels des Eigentum, der LĂŒgen, der Degenerationen, der Repressionen und der Massaker an Tausenden von Menschen auf der ganzen Welt. Wir sind davon ĂŒberzeugt (im Gegensatz zu jeder anderen Ideologie), dass die Gesellschaft, die menschliche Gemeinschaft, so organisiert werden kann, dass das Individuum allein die Freiheit der Selbstbestimmung hat, sich selbst zu regieren, alle seine Möglichkeiten zu entwickeln und zu bereichern, seinen eigenen existenziellen Weg zu wĂ€hlen, mit der SensibilitĂ€t, die es auszeichnet. Dies ist die reine Essenz der Ideen, die vom revolutionĂ€ren Standpunkt aus nicht in Frage gestellt werden können.14

Österreich ist eine Friedhofsgesellschaft, die nichts mehr liebt als ihre Ruhe. Die soziale Befriedung kann erschlagend wirken. Viele von uns blicken mit traurigen Auge auf die Konflikte in anderen LĂ€ndern oder entscheiden sich unsere Region zu verlassen. Da ich davon ĂŒberzeugt bin, dass es in jeder (kapitalistischen) Gesellschaft SpannungsverhĂ€ltnisse gibt, möchte ich noch kurz auf zwei Aspekte der eigenen Verortung eingehen, die die sich immer wiederholende Selbstreferenz aufbrechen könnten. Beide VorschlĂ€ge beinhalten das Verlassen der bequemen Szenekontexte und Konfrontationen auf unterschiedlichen Ebenen. Es geht hier nicht um die 200 Jahre alte, langweilige und im Kern auch autoritĂ€re Idee die Arbeitenden bilden und erziehen zu mĂŒssen. Das ist insofern bedeutend, da diese „Kampagne“ durch die Inhaltslosigkeit, den Reduktionismus und letztlich auch den inhĂ€renten Bezug auf den Staat bereits zum Scheitern verurteilt ist. Es ist fraglich, ob ein autonomes, antiautoritĂ€res Projekt sich auf die Ebene des „Marktplatzes der Ideen“ begeben muss und kann. Das heißt die Frage zu stellen, ob es wirklich darum geht die Bevölkerung von den eigenen Ideen zu ĂŒberzeugen, durch bessere Verkaufsstrategien oder was auch immer und ob es in diesem Wettstreit der Ideen ĂŒberhaupt einen „fairen“ Wettstreit gibt – in Anbetracht der staatlichen Propaganda und den einfachen Antworten der Rechten eher fraglich.

In meinen Augen muss es eher darum gehen einen lebbaren Anarchismus zu praktizieren. Das heißt die Selbstorganisierung und -ermĂ€chtigung der Menschen in den Fokus zu rĂŒcken. Es gab ja zu Beginn der Pandemie zaghafte Versuche Nachbarschaftsnetzwerke zur gegenseitigen Hilfe aufzubauen, die leider auch wieder im Sand verliefen. Es ist ein generelles Manko antiautoritĂ€rer KrĂ€fte, dass sie nicht fĂ€hig zu sein scheinen in Krisensituationen, wenn sich der Griff des Staates etwas lockert, weil er kurz das Gleichgewicht verloren hat – einzugreifen und mit radikalen Ideen prĂ€sent zu sein. Netzwerke der gegenseitigen Hilfe hören sich trivial an, können aber fĂŒr, in der Nachbarschaft verankerten, regionale Gruppen eine Möglichkeit der Vernetzung und Agitation sein. Dem liegt aber die generelle Abgekoppeltheit der Aktivist_innen zu wider. Die eigene Umgebung wird nicht als AktivitĂ€tsfeld gesehen und die eigene Verankerung in dieser Gegend ist nicht wichtig, da man ja sowieso seine Szenenetzwerke hat und in seinem GrĂ€tzel nur wohnt oder maximal ein Bier im Beisl trinkt. Das ist aber ein generelles Problem, das nicht durch eine verspĂ€tete Kampagne gelöst werden kann, sondern mit der eigenen Verortung in Szenekontexten und der Abkoppelung der eigenen politischen Praxis von der eigenen LebensrealitĂ€t bzw. Betroffenheit zu tun hat. Es geht dabei nicht primĂ€r darum das GrĂ€tzel zu organisieren und zu agitieren (wobei letzteres ein netter Nebenaspekt sein kann), sondern um die Schaffung von solidarischen BedĂŒrfnissgemeinschaften. Das Ziel muss sein eine

„dauerhafte sozial-emotionale und ökonomische Beziehung zueinander aufzubauen, in welchen die Beteiligten als Individuen mit all ihren StĂ€rken, SchwĂ€chen, Ängsten, BedĂŒrfnissen und Hoffnungen sowie der individuellen Verstrickung in HerrschaftsverhĂ€ltnisse sichtbar werden. Das ist viel Arbeit, welche nicht fĂŒr spektakulĂ€re Aktionen zur VerfĂŒgung steht. Dennoch können so Beziehungen entstehen, welche Menschen in einer kollektiven, bewussten und politisierten Form die sozial-emotionale Sicherheit, FĂ€higkeiten und auch materielle Ressourcen und konkrete SolidaritĂ€t geben können um ihren ganz spezifischen Alltag in herrschaftsförmigen VerhĂ€ltnissen zu bestreiten, sich gegen diese aus ihrer individuellen Position heraus zur Wehr zu setzen und in gewissen Maße auch innerhalb dieser Gruppen Beziehungen zu politisieren und vorwegzunehmen, welche eher an die AnsprĂŒchen an eine befreite Gesellschaft heranreichen.“15

Die Revolte braucht alles, Zeitschriften und BĂŒcher, Waffen und SprengsĂ€tze, Überlegung und Blasphemie, Gifte, Dolche und Brandstiftungen. Die einzige interessante Frage ist, wie sie kombinieren?16

Auch wenn ich als antiautoritĂ€re Person das Primat meiner eigenen revolutionĂ€ren Perspektive bin, heißt das nicht, dass ich mich nicht auf die mich umgebenden gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse beziehe. Es muss immer auch um die Verbreitung und Ausweitung antiautoritĂ€rer Haltung und Praxis gehen. Die letzten Jahre kam in Wien vermehrt der Versuch auf „gemeinsam“ HandlungsfĂ€higkeit zu gewinnen. Das sind wichtige Versuche, nur beginnen sie vom falschen Punkt. HandlungsfĂ€higkeit beginnt nicht durch das Kollektiv, sondern durch das Individuum. Wenn Rebell_innen nicht fĂ€hig sind selbst bzw. in ihren AffinitĂ€tsbeziehungen zu agieren, fĂŒhrt der kollektive Versuch zu einer Deskillung, arbeitet also gegen die Selbstorganisation. Es wird die Verantwortung an die grĂ¶ĂŸere Gruppe oder die Expert_innen innerhalb der Gruppe abgegeben, wodurch sich offenkundige Hierarchien bilden. Dem gegenĂŒber steht die Organisierung in „kleinen, selbststĂ€ndigen und namenlosen GrĂŒppchen“17, die eigene Akzente setzten können. Aus diesen ZusammenhĂ€ngen lassen sich eigene Interventionen zu eigenen Themen (z.B. Knastneubau) oder in soziale KĂ€mpfe (z.B. wilde Streiks) beginnen. Gleichzeitig braucht es auch öffentlich auftretende Strukturen und Gruppen als Anlaufstelle, Referenzpunkte und Vernetzungsorte. Formalisierte Gruppen können aber nur ein Mittel unter vielen sein und niemals der reine Zweck. Die inhĂ€rente Hierachisierungstendenzen innerhalb von Gruppen sind ein weiters Problem fĂŒr antiautoritĂ€re Versuche, denn „große Organisationsstrukturen bergen immer auch das Risiko der TrĂ€gheit und Unbeweglichkeit und damit die Tendenz wichtige Entscheidungen an FĂŒhrungspersonen abzugeben.“18

Wenn wir keine radikalen Ideen formulieren und entsprechend handeln bleibt es eine Szene.

En Marche!

Fußnoten:

1: Soligruppe fĂŒr Gefangene: Zero-Covid ist eine Nullnummer und ĂŒber das Sein oder Nichtsein der sozialen Revolution.

2: Il Pugnale: Zehn Dolchstiche gegen die Politik.

3: Teile der Texte finden sich auf Deutsch in der BroschĂŒre „Routine und Langeweile – Textsammlung zur Rolle des Aktivismus und deren Kritik“.

4: Nehm ich jetzt einfach mal an, sonst wĂŒrde eine tatsĂ€chliche Besetzung doch viel sinnvoller sein – so eine ganze ohne Mediengeilheit aber dafĂŒr mit Wohnraum, GrĂ€tzl-Verbindungen und Perspektive.

5: Anonym: Von (linken) GemĂŒtlichkeiten und anderen Wegen.

6: Aber auch, wie krÀftezehrend es ist.

7: Machete: An wen richten wir uns?

8: Bitte auch die Pressesprecher_innen nicht vergessen!

9: T.W. Adorno: Resignation.

10:Anonym: Maschinerie der WohltÀtigkeit oder revolutionÀre SolidaritÀt?

11: Daniela Carmignani: Einleitung. In: RevolutionĂ€re SolidaritĂ€t – Schriften fĂŒr den sozialen Krieg.

12: Anonym: Maschinerie der WohltÀtigkeit oder revolutionÀre SolidaritÀt?

13: Konkrete Reformen bedeuten natĂŒrlich eine Verbesserung der LebensverhĂ€ltnisse – ergeben sich aber eher aus dem Versuch des Staates KĂ€mpfe zu befrieden.

14: Claudio Lavazza und Giovanni Barcia: Kritik und Analyse des Anarchismus heute.

15:Rascal: Die politischen Gruppen sind nicht die Lösung, sie sind das Problem! – Ein PlĂ€doyer gegen politische Gruppen und fĂŒr eine Organisierung und Politik mit Bezug zu Alltag, Betroffenheit und BedĂŒrfnissen.

16: Anonym: In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern.

17:Aufruhr: Über die Frage der Organisation.

18: Revolte: Die subversive Kleingruppe – EinfĂŒhrung in eine antiautoritĂ€re Methode.




Quelle: Emrawi.org