September 13, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 7 Minuten

Ein Nachruf auf die anarchistische Zeitschrift Gǎi Dào

zuerst veröffentlicht in: Graswurzelrevolution #461

Die Zeitschrift Gǎi DĂ o war mehr als nur das Presseorgan der Anarchistischen Föderation. In den 10 Jahren ihres Bestehens gab sie vielen Anarchist*innen und am Anarchismus Interessierten Einblicke in Theorie und Praxis, vermittelte Wissen ĂŒber laufende Kampagnen und spannende Aktionen und ermöglichte 115 Ausgaben lang den Austausch unterschiedlichster Menschen und Projekte. Die Gǎi DĂ o war nicht nur ein Medium, das zum lustvollen Konsumieren einlud (und im Online-Archiv weiter einlĂ€dt). Sie bot Aktivist*innen auch die Möglichkeit, die Zeitung selbst mitzugestalten, sich durch Berichte, Analysen und subjektiv geprĂ€gte BeitrĂ€ge in Debatten einzubringen und die eigenen Sichtweisen mitzuteilen. Über die Bedeutung und Reichweite von Gǎi DĂ o sowie ĂŒber seine persönlichen Erfahrungen und Reflexionen ĂŒber die eigene Sicht auf die anarchistische Szene schreibt fĂŒr die Graswurzelrevolution Jonathan Eibisch. (GWR-Red.)

Mit der 115. Ausgabe im Juli 2021 wird die Zeitschrift der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) nun nach zehn Jahren ihres Bestehens eingestellt. Dies ist eine Gelegenheit, einige persönliche Gedanken zu formulieren, um die Publikation und die damit verbundene Herangehensweise zu wĂŒrdigen. Immerhin gibt es kaum anarchistische Zeitschriften, in denen ĂŒberregionale BeitrĂ€ge erscheinen und Artikel unkompliziert eingereicht werden können. Ich selbst habe die Gǎi DĂ o seit 5 Jahren meist mit gemischten GefĂŒhlen gelesen und will mir nicht anmaßen, ĂŒber das Projekt insgesamt zu urteilen. Wer noch nie etwas von der Gǎi DĂ o gehört hat und sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte, der*dem empfehle ich das technisch sehr gut umgesetzte Archiv, in welchem alle Ausgaben digital und kostenlos heruntergeladen werden können. (1)

In den Fußstapfen der Anti-AutoritĂ€ren

Es muss um das Jahr 2012 herum gewesen sein, als mir ein Genosse in spe die Gǎi DĂ o auf einem grauen, hĂ€sslichen Platz in die Hand drĂŒckte. Es war die Lebensphase, in der ich mich selbst gezielter A-sozialisierte und begann, meine antiautoritĂ€ren Reflexe, meinen spontaneistischen Aktionismus, meinen eigenwilligen Undogmatismus wie auch mein Interesse fĂŒr theoretisches Denken mit Begriffen zu erfassen. Der Anarchismus, das sind die Freikirchen im Sozialismus
 Ich blĂ€tterte also in der Gǎi DĂ o und erfuhr so vom 9. Kongress der IFA, der Internationale der anarchistischen Föderationen, der an dem traditionsreichen Schweizer Ort Saint-Imier stattfand. Dieses Treffen inspirierte zu dieser Zeit – wie ich vom Hörensagen spĂ€ter mitbekam – eine ganze Anzahl von Menschen. 140 Jahre zuvor wurde dort unter anderem unter der FederfĂŒhrung von Michail Bakunin und James Guillaume die AntiautoritĂ€re Internationale gegrĂŒndet, welche im Unterschied zur zentralisierten und auf Linie gebrachten Internationalen Arbeiterassoziation an den Prinzipien des Föderalismus, der Autonomie seiner Sektionen und einem libertĂ€ren Sozialismus mit der Zerschlagung aller Herrschaftsstrukturen festhalten wollte.

Es schadet nicht, an diese und andere Geschichten zu erinnern und sich selbst womöglich in dieser Tradition zu verorten, denn nur wer die eigene Geschichte kennt, kann sich auf die Zukunft hin orientieren, im Hier und Jetzt handeln und andere Wege gehen, als sie uns Staat, Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung nahelegen. Neben der regelmĂ€ĂŸigen LektĂŒre von Indymedia erhielt ich damit also einen Einblick in eine ĂŒberregional, ja international vernetzte Szene. Ich bekam einen Vorgeschmack darauf, dass es in vielen StĂ€dten der BRD und sogar weltweit Menschen geben musste, die meine (anti)politischen Vorstellungen, meine Herangehensweise an Organisationen und meine ethischen Werte teilten. Was sehr banal klingt, ist deswegen ein paar Zeilen wert, weil mir spĂ€ter immer bewusster wurde, wie wenig selbstverstĂ€ndlich derartige ZugĂ€nge sind, wie notwendig es ist, dass wir unsere Überzeugungen vermitteln, mit ganz unterschiedlichen Menschen ins GesprĂ€ch kommen und Schnittpunkte zwischen uns suchen.

In diesem Sinne ist die Gǎi DĂ o als ein ideologisch-weltanschauliches Projekt einer „Ideenorganisation“ zu verstehen, zu der sich Anarch@-Syndikalist*innen bekanntermaßen gerne mit dem strategischen Argument abgrenzen, GlĂ€ubige könnten nicht an den realen LebensverhĂ€ltnissen ausgebeuteter und unterdrĂŒckter Gruppen andocken und sie nicht anhand ihrer eigenen Interessen organisieren, wie es der Anspruch autonomer Gewerkschaften ist. Dies ist verstĂ€ndlich, aber umgekehrt kein Argument gegen die Vermittlung von Grundlagenwissen ĂŒber den Anarchismus, gegen das Abdrucken von Aufrufen, Berichten, mehr oder weniger ausgereiften eigenen antiautoritĂ€ren Überlegungen oder Buchbesprechungen. Denn es gab und gibt sie, die diffuse ominöse anarchistische Szene, welche bald hier, bald dort in großen und kleinen StĂ€dten, bisweilen auch in lĂ€ndlichen Gegenden auftaucht, einige Jahre ihre Wirkung entfaltet und dann einschlĂ€ft, weiterzieht oder einfach wieder stiller wird. Die Gǎi DĂ o sollte das Medium der FdA sein und wurde diesem Anspruch in den ersten Jahren ihrer Existenz gerecht. Dass sie nun eingestellt wurde – zumindest bis sich ein eventuelles Nachfolgeprojekt grĂŒndet, welches jedoch sicherlich einen anderen Charakter aufweist –, sagt eher etwas ĂŒber den Zustand und die Struktur der FdA aus als ĂŒber ihre Zeitschrift. Auch wenn sie grĂ¶ĂŸtenteils als ein von ihr autonomes Projekt funktionierte.

Auf der Suche nach dem modernisierten Anarchismus

Im Editorial der ersten Ausgabe wurde der Anspruch formuliert: „Mit diesem Zeitungsprojekt versuchen wir einen weiteren Schritt zu einer anarchistischen Föderation zu gehen. DarĂŒber hinaus hoffen wir neben Zeitungen wie der Graswurzelrevolution und der Direkte Aktion und Internetportalen wie
Syndikalismus.tk weiterfĂŒhrende Informationen zur aktuellen anarchistischen Bewegung geben zu können. Dabei bemĂŒhen wir uns ĂŒber den Tellerrand des deutschsprachigen Raumes hinaus zu sehen – ob und wie uns das gelingen wird, hĂ€ngt auch von eurer Mitarbeit ab. Gleichzeitig wollen wir perspektivisch auch Platz fĂŒr theoretische Auseinandersetzungen bieten, denn immerhin sind viele unserer Gedanken schon mehr als 150 Jahre alt. Es gilt also sie an unserer alltĂ€glichen Praxis zu prĂŒfen und zu sehen ob sie noch ZeitgemĂ€ĂŸ sind und wie ggf. ein modernisierter Anarchismus im dritten Jahrtausend (nach unserer Zeitrechnung) aussehen könnte.“ (2)

In einiger Hinsicht erfĂŒllte die Gǎi DĂ o meiner Ansicht nach diesen Anspruch und mauserte sich von einem Kleinprojekt zu einer immerhin in einer gewissen Szene bekannten Zeitschrift. TatsĂ€chlich wurden erstaunlich viele BeitrĂ€ge zur Situation der anarchistischen Szenen in anderen LĂ€ndern veröffentlicht. RegelmĂ€ĂŸig gab es Berichte von Treffen und aus Gruppen, Informationen zu Kampagnen und Analysen von reaktionĂ€ren Tendenzen. Insbesondere die Offenheit der Redaktion ermöglichte es zahlreichen Einzelpersonen, ihre anarchisierenden Gedanken zu formulieren und sich möglicherweise zum ersten Mal zu trauen, sie – meist unter Pseudonym – einem grĂ¶ĂŸeren, wenn auch ihnen unbekannten, Publikum vorzustellen. Gelegentlich gab es daraufhin Reaktionen, die jedoch nie die Form einer strukturierten Debatte annahmen. So etwas wĂ€re allerdings sinnvoll gewesen, um dem Anspruch auf eine ernstzunehmende theoretische Auseinandersetzung gerechtzuwerden. Mehrere BeitrĂ€ge zur anarchistischen Theorie, die unter anderem ich selbst in den letzten Jahren beisteuerte, mögen zwar informativ und ganz nett sein. Zu wirklichen produktiven Auseinandersetzungen, die eine tatsĂ€chliche Weiterentwicklung des anarchistischen Denkens ermöglicht hĂ€tten, kam es in der Gǎi DĂ o allerdings kaum.

Spiegelbild der anarchistischen Szene

Hierbei geht es nicht um die abstrakten TheoriebeitrÀge, in welchen sich viele orthodoxe Marx-
Exeget*innen verlieren. RegelmĂ€ĂŸige BeitrĂ€ge dazu, wie bestimmte Ereignisse und Entwicklungen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aus anarchistischer Perspektive interpretiert und eingeschĂ€tzt werden – und somit eine gute Vermittlung zwischen Theorie und Praxis –, gab es ebenfalls selten. In diesem Zusammenhang hĂ€tte die Gǎi DĂ o eine Funktion einnehmen und eine Leerstelle fĂŒllen können, die in selbstorganisierten, antiautoritĂ€ren Kreisen leider oftmals vorhanden ist. Bei vielen Genoss*innen scheint neben der nicht immer berechtigten Angst, den staatlichen Behörden unnötig Informationen zukommen zu lassen, zu gelten: Warum sollte ich (mit)teilen, was ich selbst erlebt habe? Doch diese Denkweise ist problematisch – zumindest wenn Menschen denken können und die Zeit zum Formulieren hĂ€tten. Denn anarchistische Perspektiven auf alle Bereiche und Fragen in der Gesellschaft zu entwerfen, ist eine Aufgabe, welcher sich Anarchist*innen widmen mĂŒssen, wenn sie eine gewisse Relevanz erhalten wollen.

Neben den begrenzten KapazitĂ€ten der Redaktion besteht also auch ein Unwille vieler Anarchist*innen, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und zur Debatte zu stellen. DarĂŒber hinaus fĂŒhrte allerdings auch ein krampfhaft aufrechterhaltener Undogmatismus dazu, dass die Gǎi DĂ o immer ein Flickenteppich verschiedenster BeitrĂ€ge blieb. Persönlich fand ich das lange Zeit sehr sympathisch. Strategisch ist es so aber unmöglich, ein handelndes Subjekt zu konstituieren, es zu motivieren, zu seiner Bewusstseinsbildung beizutragen, ĂŒber soziale KĂ€mpfe systematisch zu reflektieren und damit auch Außenstehenden ein verstĂ€ndlicheres Bild davon zu vermitteln, worum es im Anarchismus geht. Doch dies ist meine ĂŒbergroße Vorstellung davon, wie eine anarchistische Bewegung sein mĂŒsste und zu funktionieren hĂ€tte, mein nach wie vor vorhandenes DrĂ€ngen nach VerĂ€nderungen, auch wenn es im Laufe der Jahre seine Ausdrucksformen verĂ€ndert hat. Immer wieder begegnete ich Leuten, die viel Kritik anbringen konnten, die ich manchmal völlig daneben und manchmal absolut berechtigt und zutreffend fand. Gelegentlich sind mir Dinge peinlich, die einige Anarchist*innen tun. Dann schĂ€me ich mich fremd, denn ich gehöre ja zu ihnen – auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe. Doch hier beißt sich die schwarze Katze in den Schwanz, denn wer Kritik ĂŒbt, soll sich auch einbringen, etwas anpacken, etwas verĂ€ndern wollen. Die Gǎi DĂ o bot dazu immerhin die Möglichkeit – genutzt wurde sie nur von wenigen. Und damit ist sie in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild der anarchistischen Szene selbst.

Bedeutung und Reichweite der Zeitschrift

Interessant ist ĂŒbrigens, dass nie klar war, wer und wie viele Personen die Gǎi DĂ o wirklich gelesen haben. Abgesehen von den fĂŒr anarchistische Umtriebe zustĂ€ndigen Verfassungsschutz-Beamt*innen, die sich mit ihr bilden, nie jedoch strafrechtlich relevante Dinge in Erfahrung bringen konnten. (Noch so ein heikles Thema, innerhalb wie außerhalb der Szene: Wenn sich Menschen öffentlich als Anarchist*innen zu erkennen geben und dazu stehen
) Auf der Homepage der Gǎi DĂ o ist zwar ein ZĂ€hler eingebaut, welcher die Printausgaben und die Online-Abrufe auflistet. Bei der 48. Ausgabe im Dezember 2014 erreichte dieser beispielsweise den höchsten Wert von 4.916 Downloads. Doch funktioniert der ZĂ€hler offensichtlich nicht richtig, weswegen sich ĂŒber die Printausgaben hinaus keine Aussagen ĂŒber die tatsĂ€chliche Anzahl der Leser*innen treffen lassen. Doch spekuliere ich an dieser Stelle ĂŒber die Leser*innenschaft der Gǎi DĂ o? Macht es Gedanken oder Überzeugungen richtiger oder falscher, wenn sie zahlreiche Menschen oder nur ganz wenige lesen? Sicherlich streichelt es das Ego von Redakteur*innen und Autor*innen, wenn ersichtlich wird, dass ein grĂ¶ĂŸeres Interesse an der eigenen Arbeit und Leidenschaft besteht – doch ist dies nicht das wesentliche Antriebsmoment, ein derartiges Projekt zu verfolgen.

Klar ist, dass anarchistische Medien – im Rahmen, den sie aktuell ausschöpfen können – in Zukunft kontinuierlich, zuverlĂ€ssig und mit anderen Medien verknĂŒpft erscheinen mĂŒssen, wenn sie eine signifikante Reichweite und relevante Effekte erzielen wollen. Und in dieser Hinsicht verkörperte die Gǎi DĂ o den funktionierenden Versuch eines hybriden Projektes von Print- und Online-Format. Sofern Informationsaustausch, das BedĂŒrfnis, abgehackte Pseudo-Debatten zu fĂŒhren und einfach mal vor oft unbekannten Leuten aus ihrem*seinem Privatleben zu plaudern, durch die Möglichkeiten der sozialen Medien abgedeckt wird, scheint es logisch, dass ein zukĂŒnftiges anarchistisches Zeitschriftenprojekt hier einen anderen Weg gehen muss. Es wird sich an Personen richten, die sich bewusst mehr Zeit nehmen wollen – und daher zurecht auch mehr Tiefgang und QualitĂ€t erwarten. Die Erwartungen und Vorstellungen von Anarchist*innen und Sym-pathisant*innen aus verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Lebensphasen und Erfahrungen in der (Anti)Politik zu bedienen, bleibt dabei ein Spagat. Und dieser wird noch mal grĂ¶ĂŸer, wenn ein Synthese-Ansatz verfolgt wird, in dem sich verschiedene Strömungen und Gruppen wiederfinden können – was keineswegs bedeutet, dass sie alles hundertprozentig teilen mĂŒssen, aber dass sie bereit dazu sind, sich andere Positionen anzuhören und in die Debatte einzutreten, die erforderlich ist, um unser Denken und Handeln weiter zu entwickeln. Sicherlich ist dies ein großer Anspruch. Aber es waren und sind nie unsere großen AnsprĂŒche, die „falsch“ und „unrealistisch“ sind und an denen wir scheitern – sondern die Weisen, wie wir mit ihnen umgehen.

Jonathan Eibisch

Anmerkungen:

(1) Siehe: https://fda-ifa.org/gaidao/ausgaben/

(2) Siehe: https://fda-ifa.org/%e6%94%b9%e9%81%93-g%c7%8ei-dao-nr-01-01-2011/




Quelle: Paradox-a.de