Februar 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
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William C. Anderson im GesprĂ€ch mit Lorenzo Kom’boa, veröffentlicht bei Black Rose Fed

Der Autor und unabhĂ€ngige Autor William C. Anderson interviewt den altgedienten Organisator und ehemaligen Black Panther und politischen Gefangenen Lorenzo Kom’boa Ervin ĂŒber die aktuelle politische Krise, Faschismus und die steigende Relevanz des Schwarzen Anarchismus.

Das neuartige Coronavirus, auch bekannt als COVID-19, hat die tĂ€glichen Katastrophen des Kapitalismus aufgezeigt. Der Mangel an medizinischer Versorgung, einer sicheren Umgebung, Unterkunft und Nahrung ist eine alltĂ€gliche Frage fĂŒr ein wachsendes Segment von gefĂ€hrdeten Menschen. Dies hat bei vielen ein spĂŒrbares Interesse am Anarchismus hervorgerufen. Das Versagen des Staates wurde durch ineffektive Lösungen, mutwillige VernachlĂ€ssigung und völlige Missachtung des menschlichen Lebens deutlich gemacht. Es legte (fĂŒr einige) tiefere Fragen ĂŒber die PlausibilitĂ€t staatlicher Lösungen frei. Gleichzeitig wurden die Behörden aufmerksam, was sich in den zunehmenden Angriffen gegen Anarchist:innen zeigte. PrĂ€sident Trump und viele andere haben scheinbar eine Reihe von Politiken identifiziert, die sie als bedrohlich erachten. Dies ist kein Zufall und es folgt einem historischen Muster.

Wie ĂŒblich wurde dem Anarchismus seine KomplexitĂ€t durch oberflĂ€chliche, vorsĂ€tzliche Fehldeutungen abgesprochen. Die KomplexitĂ€t der verschiedenen anarchistischen Politiken, Prinzipien und AnsĂ€tze wurde auf die Trope des terroristischen Bombenwerfers reduziert. Auch wenn Anarchist:innen wĂ€hrend dieser Pandemie im ganzen Land gegenseitige Hilfsprojekte organisieren und sich daran beteiligen, ist dies nicht das, was Anarchismus fĂŒr viele Menschen darstellt. Inmitten einer globalen Pandemie ist die EffektivitĂ€t dieser Art von Projekten gepaart mit anderen Überlebensprogrammen besonders relevant geworden. Dennoch bestand fĂŒr Gegner:innen die Notwendigkeit, diese Politik von allen Seiten anzugreifen. Das wachsende Interesse am Schwarzen Anarchismus ist trotzdem ungebremst geblieben.

Der Schwarze Anarchismus wird seit langem durch die Arbeiten von oft ĂŒbersehenen Denker:innen und RevolutionĂ€r:innen getragen. Einer von ihnen ist Lorenzo Kom’boa Ervin. Ich traf Lorenzo zum ersten Mal 2012 bei einem Organizing-Workshop, den ich zusammen mit verschiedenen Organisator:innen aus dem SĂŒden leitete. Mein:e Freund:in (welche die Idee dazu hatte) lud Lorenzo ein, auf Empfehlung eines Bekannten zu sprechen. Es dauerte nicht lange, bis Lorenzo und seine Partnerin JoNina Ervin mir die Wahrheiten des Anarchismus klar machten. Es begann meine Reise, den Schwarzen Anarchismus vollstĂ€ndig zu umarmen.

Lorenzo hat, gelinde gesagt, ein revolutionĂ€res Leben gefĂŒhrt. Nachdem er von Martin Sostre, einem GefĂ€ngnisanwalt, der einer der Architekt:innen der Gefangenenrechtsbewegung war, in den Anarchismus eingefĂŒhrt wurde, musste er mehr als einmal gegen die US-Behörden kĂ€mpfen und fliehen. Er hat ĂŒberall auf der Welt gelebt, wĂ€hrend er lehrte und organisierte. Dies sind nur einige der GrĂŒnde, warum es wichtig ist, seine Einsichten ĂŒber die gegenwĂ€rtige Situation zu hören, mit der wir konfrontiert sind.

Ich sprach mit Lorenzo ĂŒber Black Autonomy, Faschismus und was wir brauchen, um die Krise zu bewĂ€ltigen.


William C. Anderson (WCA): Was denkst du ĂŒber die aktuellen AufstĂ€nde, die im ganzen Land als Reaktion auf die Polizeigewalt stattfinden?

Lorenzo Kom’boa Ervin (LKE): Ich denke, die AufstĂ€nde sind gut, aber wir sehen, dass sie als revolutionĂ€rer Aufstand Grenzen haben. Diese EinschrĂ€nkungen erlauben es dem Staat, die Natur der AufstĂ€nde sowie die Themen als bloße Reformen zu unterwandern. Der Staat und die liberalen Politiker:innen und andere sind in der Lage, dies gegen die Bewegung auszunutzen. Diese Art der Kooptation findet schon seit einer Weile statt. Ich habe 60 Jahre Proteste und sogenannte „Revolten“ und Rebellionen und AufstĂ€nde in GroßstĂ€dten und KleinstĂ€dten wie Ferguson, Missouri beobachtet. Ich habe 60 Jahre beobachtet, wie sie bis 1964 mit der Harlem Rebellion in Harlem, New York, zurĂŒckreichen. Es war immer etwas, das mit der Polizei zu tun hatte. In der einen oder anderen Form töteten sie jemanden, schlugen jemanden, oder kamen einfach in die Community und taten irgendeine Art von GrĂ€ueltat. Und die Menschen reagierten mit einem Gegenkampf. Was in diesem Fall passieren durfte, ist, dass das Volk rebelliert, das Volk zurĂŒckschlĂ€gt und die Leute eine Massenfront von Protesten aufstellen. Dann behaupten die Politiker:innen und die anderen, dass sie ihre Themen oder ihren Antrieb nutzen, um dann einige liberale Reformen vorzuschlagen, die eigentlich gar nicht liberal sind.

Was wir sehen ist, dass jedes Mal der Polizeiterror oder der Rassismus schlimmer wird oder es wird einfach verlĂ€ngert. Wir mĂŒssen uns also fragen: „Okay, wir haben Proteste. Wir lehnen uns auf. Aber verstehen wir nicht auch, dass es hier jetzt darum geht, die Gesellschaft als Ganzes zu verĂ€ndern?“ Wir versuchen nicht nur ein „defund the police“ oder was auch immer zu bekommen. Die Regierung gibt nichts, und selbst wenn die Proteste sie unter Druck setzen, haben sie noch kein Programm vorgelegt, um weitere GrĂ€ueltaten gegen Schwarze zu verhindern. In den Vereinigten Staaten wurden tausende Menschen von der Polizei getötet und die Regierung hat den mordenden Cops Straffreiheit gewĂ€hrt.

Dies ist meiner Meinung nach eine Form von Klassenkampf oder faschistischer Polizeiarbeit, und das mĂŒssen wir verstehen. Sie setzen die gewalttĂ€tigsten staatlichen Agent:innen ein, besonders in der Schwarzen Community und in armen Gemeinden. Sie benutzen sie auch, um jede politische Opposition an der Basis niederzuschlagen. Sie benutzen sie, um eine neue Art von kriminellem System zu schaffen, in dem sie Menschen kurzerhand anklagen und sie fĂŒr lange Zeit mit drakonischen Strafen ins GefĂ€ngnis stecken. Und das geht schon seit geraumer Zeit so. Also, Rebellionen sind großartig. Sie sind wunderbar, es ist toll zu sehen, dass die Leute aufstehen. Die einzige Sache ist, du kennst meinen Standpunkt als langjĂ€hriger Aktivist und alles, ich versuche auf die eigentliche Essenz eines Kampfes zu schauen, nicht nur auf die Tatsache, dass er stattfindet. Die Ausrichtung des Kampfes heute ist sehr Ă€hnlich zu dem, was ich in den letzten Phasen der BĂŒrger:innenrechtsbewegung gesehen habe. Du siehst, wie sie Reformen gewinnen, aber nicht das System selbst verĂ€ndern. Das ist der Unterschied zwischen RevolutionĂ€r:innen und Reformer:innen, wir wollen den Staat komplett zerschlagen.

WCA: Was fĂŒr einen Ratschlag hast du fĂŒr junge Radikale, die diese Gesellschaft verĂ€ndern wollen? Welchen Rat hast du fĂŒr diejenigen, die politisiert sind und nach einer Richtung suchen, wie sie die Dinge tun können, von denen du denkst, dass sie getan werden mĂŒssen?

LKE: Wir als Aktivist:innen, als Organisator:innen, mĂŒssen uns und unsere Gemeinschaften unregierbar machen. Ich weiß, dass du diesen Begriff schon einmal gehört hast. Das bedeutet, was er sagt. Wir mĂŒssen es so machen, dass wir eine neue Art von politischem System selbst erschaffen, ob es nun Duale Macht oder revolutionĂ€re direkte Demokratie ist, wie auch immer wir es in dieser Zeit nennen wollen. Wir mĂŒssen diese Art von Bewegung schaffen, eine antifaschistische Massenbewegung auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite mĂŒssen wir in der Lage sein, massenhaft eine gemeinschaftsbasierte wirtschaftliche Überlebenstendenz aufzubauen, die auf Kooperativen im Ghetto basiert, um die Armen unterzubringen, die StĂ€dte wieder aufzubauen und sich um die materiellen BedĂŒrfnisse der Armen zu kĂŒmmern. Wir mĂŒssen in der Lage sein, das aufzubauen. Ich bin nicht gegen einige dieser Gruppen, die jetzt entstehen, denn obwohl sie jetzt nicht radikal sind, könnten sie sich möglicherweise in etwas anderes verwandeln. Aber was passieren muss, ist, dass wir mit diesen Programmen die Masse der armen Stadtbewohner:innen erreichen mĂŒssen. Wir kĂ€mpfen nicht einfach um eine Sekte oder eine Gruppe oder ein paar AnfĂŒhrende zu haben. Wir kĂ€mpfen dafĂŒr, die Macht in einer neuen Gesellschaft in die HĂ€nde der Menschen zu legen. Vermutlich wissen RevolutionĂ€r:innen einige Dinge in einigen Bereichen der Organisation, die die Menschen nicht wissen. Also mĂŒssen wir sie trainieren, wir mĂŒssen sie ausrĂŒsten, um unabhĂ€ngig von dieser politischen Struktur zu sein. Ich denke auch, dass die Black Panther Party Recht hatte, wir mĂŒssen Überlebensprogramme haben und wir mĂŒssen ĂŒber das hinausgehen, was sie hatten. Wir sollten versuchen, die Überlebensökonomie in dieser Periode jetzt aufzubauen.

Wir sollten aus dieser Periode herausgehen, in der es einige Leute gibt, die gegenseitige Hilfe verstehen oder praktizieren, aber die Masse das nicht tur. Wir mĂŒssen also ĂŒber „nur helfen“ hinausgehen und auf eine Art andere Ökonomie hinarbeiten, eine Überlebensökonomie auf dem Weg zum vollwertigen anarchistischen Kommunismus. Vielleicht ist das der Name, den wir als Anarchist:innen kennen, aber in einigen Teilen der Welt nennen sie es eine „SolidaritĂ€tswirtschaft“, um ihnen zu helfen, den Kapitalismus zu ĂŒberleben. Wie auch immer es genannt wird, wir brauchen das, damit wir nicht total abhĂ€ngig vom kapitalistischen Staat sind. Ich behaupte nicht, dass ich alles weiß, aber ich weiß einige Dinge und ich weiß, dass eine Sache nicht funktionieren wird – wenn du den gleichen korrupten, rassistischen Bullen erlaubst zu behaupten, dass sie jetzt reformiert sind oder du hast die gleichen Politiker:innen, die behaupten: „Nun, das ist nicht das gleiche System, wir haben nie einen Weg gefunden, der Polizei die Mittel zu kĂŒrzen, aber wir reorganisieren sie, also habt Geduld!“ George Jackson, ein radikaler Gefangener in Kalifornien und Mitglied der Black Panther Party in den 1960er-Jahren, sagte selbst, dass solche Polizei- oder GefĂ€ngnisreformen nichts anderes sind als der weitere Aufstieg des Faschismus. Sie helfen dem Faschismus, fĂŒr die Menschen akzeptabel zu werden.

Wir haben uns jahrelang damit beschĂ€ftigt, weil du siehst, wie die Polizei ĂŒber die Jahre verschiedene Arten der psychologischen KriegsfĂŒhrung und Pseudo-Kampagnen wie Weed and Seed oder Community Policing eingesetzt hat. Dieser Scheiß wurde entwickelt, um der Polizei die Macht ĂŒber die Gemeinschaft zu geben. Es waren absichtliche Racial Profiling- und Kontrollmaßnahmen, und wir mĂŒssen verstehen, was bis zu diesem Punkt passiert ist. Dieser Scheiß mit Trump ist nur der Höhepunkt oder das Endstadium ihres Aufbaus des Faschismus. Sie haben das GefĂ€ngnissystem gebaut, das das grĂ¶ĂŸte der Welt ist. Das haben sie schon vor Jahren aufgebaut. Sie haben schon vor Jahren angefangen, paramilitĂ€risches Policing einzusetzen, besonders in der Schwarzen Community. All diese Dinge, die wir sehen, diese Formen dessen, was in einem anderen Land einen faschistischen Staat ausmachen wĂŒrde, mĂŒssen sie nicht erst aufbauen. Sie haben bereits Teile davon in Amerika aufgebaut.

Eins muss sich kritische Fragen stellen, wie so etwas ĂŒberhaupt möglich ist, wenn eins all diese sogenannten Antirassist:innen und Antifaschist:innen hat. Aber sie tun nicht einmal etwas, um mit dieser Art von faschistischem Kampf umzugehen. Sie gehen auf die Straße und bekĂ€mpfen irgendwelche betrunkenen Nazis, irgendeine minderwertige Art von Organisierungskampagne. Wir brauchen mehr als das in dieser Periode, besonders jetzt. Wir brauchen die FĂ€higkeit, eine Massenbasis zu haben, nicht nur die Jugend, sondern Gemeinden, ein breites Segment der Bevölkerung. Wir brauchen diese Massenbasis, die zu einer neuen Art von Politik beitrĂ€gt, in der das Volk die Kontrolle ĂŒbernimmt und nicht die Politiker:innen oder Prediger:innen oder wen auch immer all diese Leute gewĂ€hlt haben. Sag der Jugend, sie soll Bewegungen von der Basis her aufbauen. Baue Widerstandsbewegungen auf und baue eine ausreichend große Bewegung auf, die nicht vom Staat kontrolliert werden kann, so dass sie, wie ich schon sagte, unregierbar ist. Und unregierbar bedeutet fĂŒr die Leute in der Bewegung im Moment eine Reihe von Dingen: Es bedeutet die Art von Taktiken, die du auf der Straße anwendest, es bedeutet, wie die Gemeinschaft organisiert ist, damit sie nicht von diesen Politiker:innen abhĂ€ngig ist, es bedeutet einen Massenboykott der kapitalistischen Unternehmen, eine neue Übergangsökonomie und viele andere Dinge als Teil eines Widerstands.

Eine Sache, die ich den Leuten unbedingt sagen möchte, ist, dass wir uns nicht so organisieren können, wie in den 60er-Jahren, wir können uns nicht so organisieren, wie wir uns vor 30 Jahren, vor 20 Jahren organisiert haben. Wir mĂŒssen neue politische Wege beschreiten und eine neue politische Theorie und neue politische Taktiken haben. Diese kommen nicht von einer Person oder Gruppe allein, es muss von den Menschen selbst entschieden werden.

WCA: Kannst du ein wenig darĂŒber sprechen, warum du Black Autonomy gegrĂŒndet hast, und was es ist?

LKE: Black Autonomy war etwas, das ich begonnen habe, um zu versuchen, mit der Tatsache umzugehen, dass es innerhalb der anarchistischen Bewegung nur sehr wenige Schwarze Menschen gab. Black Autonomy sollte auch eine Gruppe des Drucks gegen den institutionalisierten Rassismus innerhalb der anarchistischen Bewegung sein. Zu dieser Zeit bezogen weiße Anarchist:innen in den USA ihre politische Richtung nicht wirklich auf die Schwarze Community oder waren an Schwarzen Organisator:innen interessiert. Ehrlich gesagt, war es in dieser Zeit nicht wirklich eine echte antirassistische Bewegung. Und ich erreichte schließlich das Stadium, in dem ich sagte, was wir tun mĂŒssen, ist eine afroamerikanische/Schwarze Tendenz innerhalb der anarchistischen Bewegung zu schaffen, die stark genug ist, um fĂŒr sich selbst zu stehen. Und das kann die weiße fixe Natur der anarchistischen Bewegung herausfordern. Das war auch der Grund, warum ich anfing, Anarchism and the Black Revolution zu schreiben, ein Buch, das die WidersprĂŒche rund um Race und Kolonialismus und UnterdrĂŒckung ansprach und die Anarchist:innen aufforderte, ihr Bewusstsein zu erhöhen. Sie hatten es noch nie als Problem oder Thema betrachtet; sie dachten nie ĂŒber Afrikaner:innen oder Schwarze in Amerika nach, es sei denn, sie versuchten lediglich, Schwarze fĂŒr ihre Tendenzen zu rekrutieren, aber selbst das geschah nicht, als ich in den frĂŒhen 1970er-Jahren daherkam. Ich war der einzige Schwarze Anarchist in den USA und sogar in anderen Teilen der Welt fĂŒr Jahre, eigentlich Jahrzehnte.

In den Vereinigten Staaten waren die Arbeits- und Lebensbedingungen der Schwarzen schon immer anders als die der weißen Bevölkerung, das geht bis zur Sklaverei zurĂŒck. Etwas, von dem Marx selbst gesagt hat, dass der „Sockel“ fĂŒr die Entstehung des Kapitalismus in den USA die Schwarze Sklaverei war. Ich habe versucht, Anarchist:innen dazu zu bringen, das zu verstehen und kritischer darĂŒber nachzudenken, aber sie wurden sehr wĂŒtend und defensiv mir gegenĂŒber, wenn ich das sagte. Also schufen wir unser eigenes ideologisches Konstrukt und unsere eigene Organisation, die nicht perfekt war und unter wirklich harten Bedingungen entstand, aber wir haben sie geschaffen. Es war im Angesicht von Angst, SchuldgefĂŒhlen und Feindseligkeit durch weiße Anarchist:innen. Sie gaben Schwarzer Autonomie keine wirkliche UnterstĂŒtzung, fingen an, uns „beschrĂ€nkte Nationalist:innen“ zu nennen und dies und das.

Wir schufen das, was im Wesentlichen ein Kollektiv war, zuerst in Atlanta. Weißt du, ich und ich glaube, es waren sieben andere Community-Organisator:innen, und sieben oder acht Student:innen vom Clark College und der Morehouse University. Sie wurden zu dieser Zeit Teil dieses Kollektivs. Schließlich baute die Gruppe eine nationale Föderation mit zehn StĂ€dten und eine Gruppe in London auf.

Wir fĂŒhrten in Atlanta politische Diskussionen und so weiter ĂŒber die Richtung, die wir einschlagen sollten. Die von der Straße sagten: „Wir mĂŒssen die Schwarze Community gegen die ZustĂ€nde, die uns passieren, organisieren.“ Und wir begannen, uns gegen die Ermordung eines Bruders namens Jerry Jones durch die Polizei von Atlanta im Jahr 1995 zu organisieren, und wir begannen auch, uns gegen den Versuch der Stadtregierung zu organisieren, den armen und arbeitenden Menschen in der Stadt das Verkehrssystem wegzunehmen und es den Leuten in den Vororten zu geben. Sie wollten die Fahrpreise so sehr erhöhen, dass die Menschen, die in der Stadt lebten, nicht mehr in der Lage waren, sie zu bezahlen. Also grĂŒndeten wir die Poor People’s Survival Movement. Und daraus ging die Atlanta Transit Riders Union hervor. Wir kĂ€mpften gegen die Behörden, die das Verkehrssystem betrieben, und wir begannen, WidersprĂŒche rund um Race, Klasse und Armut aufzuzeigen, die seit Jahren von den stĂ€dtischen Behörden aufgeworfen worden waren. Das war eine erfolgreiche Kampagne. Wir waren in der Lage, die Verkehrsbeamt:innen jahrelang gegen die Umsetzung der Fahrpreiserhöhung zurĂŒckzuschlagen. Wir brachten die Reichen, die Stadtverwaltung und die Konzerne dazu, sie zu ĂŒbernehmen, anstatt arme Leute oder Arbeiter:innen, die keine anderen Verkehrsoptionen hatten.

Black Autonomy selbst war eine anarchistische Organisation, aber sie verstand auch, dass ihre Politik auf der RealitĂ€t der UnterdrĂŒckung Schwarzer Menschen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt basierte. Wir organisierten uns rund um die Dinge, die wir auch heute noch passieren sehen: Masseninhaftierungen von Schwarzen Menschen und mörderische Erschießungen durch die Polizei oder faschistische BĂŒrgerwehren. Wir haben uns in den 1990er- und auch in den 2000er-Jahren in einer Reihe von StĂ€dten organisiert. Die Anti-Klan-Demonstration 2013 in Memphis, Tennessee war die grĂ¶ĂŸte antifaschistische Demo in diesem Jahr mit 1500 bis 2000 Menschen. Wir hatten auch schon seit Jahren eine Reihe von StĂ€dten gegen Polizeiterrorismus organisiert.

Black Autonomy fing also auch an, sich zu organisieren und zu versuchen, eine politische Struktur mit dualer Macht zu schaffen, die versucht, Ideen zu entwickeln, die die Jugend erreichen können und zu versuchen, die GefĂ€ngnisse als Ganzes zu bekĂ€mpfen. Nicht nur gegen Richter:innen und all den anderen MĂŒll, sondern tatsĂ€chlich gegen die GefĂ€ngnisse, die als Werkzeug zur UnterdrĂŒckung von Schwarzen und armen Menschen benutzt werden. Und leider waren wir nicht in der Lage, bei dieser Aufgabe genĂŒgend KrĂ€fte um uns zu scharen, um eine breite Bewegung gegen die Masseninhaftierung aufzubauen. Wir haben versucht, Gruppen wie das Anarchist Black Cross dazu zu bringen, uns zu helfen, aber wir scheiterten, als sie sich mit der autoritĂ€ren Linken vereinigten.

WCA: Warum denkst du, dass die aktuelle Regierung Anarchist:innen und Antifa (Antifaschist:innen) ins Visier nimmt?

LKE: Trump braucht einen SĂŒndenbock fĂŒr eine Sache. Die Antifa ist bereit, die Faschist:innen auf der Straße zu bekĂ€mpfen und das schon seit geraumer Zeit. Also kann Trump diese „Gewalt“ nutzen, um seine Politik zu rechtfertigen, und er wird mit der Zeit immer repressiver werden. Ich glaube wirklich, dass er sie vor einem Bundesgericht wegen „Hochverrats“ anklagen will. Er will die Antifa als „Staatsfeind:innen“ darstellen. Ich denke, er hĂ€tte das DOJ und seine Bundes-SchlĂ€gertruppe schon lĂ€ngst eingesetzt, um zu versuchen, sie zu zerschlagen, wĂ€re da nicht die Tatsache, dass er fĂŒr das Amt kandidieren musste und nicht völlig freie Hand hatte. Und ich glaube auch, dass er glaubt, und bis zu einem gewissen Grad mag das auch stimmen, dass vieles von dem, was auf der Straße passiert, von Anarchist:innen kommt, die scheinbar MassenunterstĂŒtzung haben.

Die Sache ist die, dass die Regierung seit fast 100 Jahren Anarchist:innen immer als eine ernsthafte Bedrohung fĂŒr Störungen angesehen hat. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Wellen der Repression gegen Anarchist:innen. Aber in den letzten Jahren haben Anarchist:innen nicht wirklich viel getan, was diese Art von Repression rechtfertigen wĂŒrde. Ich bin ĂŒberrascht, dass es jetzt kommt, aber in einer Hinsicht bin ich nicht ĂŒberrascht, denn wir sind ein bequemer SĂŒndenbock als die gefĂ€hrlichste Tendenz der Linken. Die Kommunist:innen? Sie haben sich alle verkauft und sie kandidieren fĂŒr ein Amt oder was auch immer. Und bis zu einem gewissen Grad ist das wahr, um ganz ehrlich zu sein. Ich sage nicht in jedem Fall, aber es gibt eine Menge kommunistischer Elemente, die mit dem Staat und den Kapitalist:innen im Bett sind.

Das Justizministerium und das FBI wollen die Schwarze Protestbewegung zum SĂŒndenbock machen. Sie waren noch nicht in der Lage, es mit der Schwarzen Bewegung zu tun, obwohl sie vor einiger Zeit mit diesem so genannten Staatssicherheitsprogramm aufkamen, in dem sie Schwarze Aktivist:innen, du weißt schon, „Extremist:innen“, verfolgen wollten.

WCA: „Schwarze IdentitĂ€tsextremist:innen (Black identity extremists)“.

LKE: Genau so haben sie es genannt, und sie haben versucht, es zur EinschĂŒchterung zu nutzen, aber aus welchen GrĂŒnden auch immer, konnten sie die öffentliche UnterstĂŒtzung nicht in diesem Ausmaß bekommen. Er will es mit Black Lives Matter machen. Aber ich denke, dass viele Leute jetzt davon ĂŒberzeugt sind, dass Black Lives Matter nur gewaltfreie Taktiken anwendet. Das amerikanische Volk ist also nicht so sehr fĂŒr die Idee, dass der Staat oder die Regierung so hinter ihnen her ist. Es kann immer noch passieren, bevor oder nachdem er aus dem Amt scheidet, wenn die Schwarze Protesttendenz radikaler wird oder die Taktik wechselt.

WCA: Ich wollte dich nach der wachsenden PopularitĂ€t des Schwarzen Anarchismus fragen. Es gibt eine Menge Schwarzer Menschen, die sich mehr fĂŒr Anarchismus interessieren. Viele dieser Schwarzen Menschen interessieren sich fĂŒr deine Arbeit. Kannst du darĂŒber sprechen und warum du denkst, dass das passiert? Und kannst du auch sagen, was du hoffst, dass sie von deiner Arbeit und dem Schwarzen Anarchismus mitnehmen?

LKE: ZunĂ€chst einmal war es eine Überraschung fĂŒr mich, ĂŒberhaupt herauszufinden, dass es neue anarchistische Tendenzen, Schwarze anarchistische Tendenzen, in der Szene gibt. Und ich habe das erst im letzten Jahr herausgefunden, eigentlich erst dieses Jahr. Aber auf der einen Seite spricht das fĂŒr die Arbeit, die wir mit Black Autonomy gemacht haben. Was auch immer wir fĂŒr Fehler gemacht haben und unser Versagen, vor Jahren eine Massentendenz aufzubauen, es spricht fĂŒr diese Arbeit. Ich denke, wenn ich nicht Anarchism and the Black Revolution geschrieben hĂ€tte und andere Dinge getan hĂ€tte, die ich mit den GefĂ€hrt:innen, mit denen ich gearbeitet habe, getan habe, wĂŒrden die Leute nicht einmal von den Ideen des Schwarzen Anarchismus wissen.

Die andere Sache ist, dass ich fĂŒr eine Art von Anarchismus stehe, der ein Klassenkampf-Anarchismus ist. Meine Perspektive und mein VerstĂ€ndnis, das ich vor Jahren gelesen habe, ist, dass der Anarchismus aus der sozialistischen Bewegung kommt. Es ist in der Tat ein selbstverwalteter Sozialismus oder ein libertĂ€rer Sozialismus. Die Ideen des selbstverwalteten Sozialismus und all das kam von Bakunin, und die anarchistische Bewegung war Teil der ersten internationalen kommunistischen Bewegung. Meine Sache ist also, wenn die Leute eine anarchistische Perspektive oder eine Schwarze anarchistische Politik bekommen wollen, mĂŒssen sie verstehen, dass wir eine Bewegung aufbauen mĂŒssen, bei der es darum geht, fĂŒr die Macht des Volkes zu kĂ€mpfen. Das ist nicht nur ein Kunstbegriff, sondern wir kĂ€mpfen nicht einfach fĂŒr eine Partei oder Sekte oder irgendeine FĂŒhrung. Wir kĂ€mpfen, damit die Menschen auf dem Boden, an der Basis, anfangen können, ein neues Leben fĂŒr sich und eine neue Gesellschaft aufzubauen. Es gibt alle möglichen Debatten darĂŒber, wie diese Gesellschaft aussehen könnte oder welche Übergangsphasen des Kampfes und des Aufbaus einer neuen Gesellschaft wir durchlaufen mĂŒssen.

Ich glaube schon, dass wir durch eine Übergangsphase gehen mĂŒssen. Aber an diesem Punkt, in diesem Moment, geht es um revolutionĂ€res Community Organizing, nicht nur um „friedliche Proteste“, um an die Regierung zu appellieren. Wir mĂŒssen ein neues Denken ĂŒber Widerstand und den Wiederaufbau von Gemeinschaften annehmen, damit wir vom Staat unregierbar werden. Wir mĂŒssen ĂŒber Menschen nachdenken, die revolutionĂ€re Kommunen und andere Formen unabhĂ€ngiger politischer Einheiten aufbauen. Im Moment mĂŒssen wir darĂŒber nachdenken, dass Millionen von Obdachlosen kommen, und darĂŒber reden, wie wir ihnen einen Platz zum Leben geben. Wie gehen wir mit der Regierung um, um sie zu zwingen, diese Ressourcen zur VerfĂŒgung zu stellen und, wie kĂ€mpfen wir dagegen, dass die Regierung den Wohnraum komplett ĂŒbernimmt? Wir werden uns auf breiter Front wehren mĂŒssen, in Form von Hausbesetzungen oder indem wir einfach physisch in die GebĂ€ude eindringen. Mit der Art von Klassenkampf, die in den Vereinigten Staaten existiert, wirst du zur Waffe greifen mĂŒssen, wenn du die Gesellschaft verĂ€ndern willst. Ich meine, ich sage nicht, dass eins den bewaffneten Kampf als einzige Taktik einsetzen soll, aber der revolutionĂ€re BĂŒrgerkrieg kommt unweigerlich. Die Regierung wird Krieg gegen dich fĂŒhren, ob du nun bereit fĂŒr den Krieg bist oder nicht.

Ich erkenne an, dass eine Massentendenz, die in einem bestimmten historischen Stadium Gewaltlosigkeit anwendet, die Regierung zurĂŒckdrĂ€ngen kann, und das ist es, was jetzt gerade passiert. Ja, die Protestbewegung drĂ€ngt die Regierung zurĂŒck, drĂŒckt sie an die Wand, aber sie wĂŒrgt nicht das Leben aus ihr heraus. Was wir brauchen, ist die Art von revolutionĂ€rer Bewegung, die das Leben aus ihr herauswĂŒrgen und eine neue Gesellschaft schaffen kann. Diese Organisationen, von denen wir sprechen, werden durch kleinbĂŒrgerliches Bewusstsein, kleinbĂŒrgerliche Organisation, kleinbĂŒrgerliche FĂŒhrung und so weiter erstickt, was eine bestimmte Art von Bewegung schafft. Eine bestimmte Art von Bewegung, die nicht bis zu dem Punkt gehen wird, „alles zu geben“, wie eins frĂŒher zu sagen pflegte. Ich glaube wirklich, dass sie in ihrer FĂ€higkeit oder ihrer Bereitschaft, den Staat zu stĂŒrzen oder auch nur darĂŒber zu reden, Grenzen eingebaut haben. Das Lustige ist, dass wir weiterhin ĂŒber solche Dinge nachdenken mĂŒssen, den Staat zu stĂŒrzen und nicht irgendwelche Reformen zu bekommen. Ich werde dir nicht sagen, dass du niemals Reformen bekommen solltest, wenn du es im unmittelbaren Sinne kannst. Aber in diesem Stadium sind wir schon zu weit gegangen, um uns immer wieder mit diesem Reformismus zufrieden zu geben, besonders in diesem Moment. Dieser Moment ist ein revolutionĂ€rer Moment und andere Dinge sind passiert, um ihn so zu machen, nicht nur die Proteste.

Das System selbst wackelt wegen des COVID-Virus und allem, was mit der Wall Street passiert. All diese Dinge passieren und es bringt den Staat an den schwĂ€chsten Punkt, an dem er je war. Selbst Trump oder wer auch immer den Staat ĂŒbernimmt und versucht, einen faschistischen Staat zu schaffen, tut dies nicht aus einer Position der StĂ€rke heraus. Sie versuchen nicht, eine Diktatur aus einer Position der StĂ€rke heraus zu errichten, sondern aus einer Position der SchwĂ€che und der Angst heraus. Deshalb habe ich gesagt, dass wir eine alternative, radikale Kraft aufbauen mĂŒssen, damit sie dann auf eine Art und Weise arbeiten kann, wie es noch nie zuvor der Fall war, um das gesamte System zu stĂŒrzen. Nicht nur die Demokrat:innen oder die Republikaner:innen – du weißt, dass die Herrschenden diese Art von Mist wollen. Sie wollen es, weil es trivial ist. Es bedeutet ĂŒberhaupt nichts. Im Endeffekt will Trump vielleicht eine persönliche Diktatur. Aber der andere Typ [Biden], er ist ein Agent des Staates und er ist ein UnterdrĂŒcker in seinem eigenen Recht. Er hat dazu beigetragen, das GefĂ€ngnissystem an den Punkt zu bringen, an dem es jetzt ist. Seine Kandidatin, Kamala Harris, ist genauso eine etablierte Demokratin wie er. Sie ist genauso dafĂŒr, die Polizei und die Regierung gegen die Armen einzusetzen. Wir mĂŒssen in der Lage sein, Massen von Menschen ĂŒber diese Dinge aufzuklĂ€ren, wĂ€hrend wir eine Alternative schaffen, damit sie nicht getĂ€uscht werden. Wir brauchen eine neue Gesellschaft und eine neue Welt, nicht noch mehr Kapitalismus.

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Elany
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Quelle: Schwarzerpfeil.de