Juni 23, 2022
Von Radio Chiflada
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Folgender Text wurde fĂŒr die Veranstaltung “Schwerin ehrt (nicht) seinen Nazi” am 30.Juni vor dem “Ludwig Bölkow Haus” (IHK) in Schwerin geschrieben. Wir wollen nicht (nur) an tote Nazis erinnern. (Wir haben mit den Lebenden genug zu tun), doch der Name Ludwig Bölkow steht auch fĂŒr : Antisemitismus, Shoa,militĂ€risch-industrieller Komplex, Erinnerungskultur, Schweriner Lokalpolitik u.v.m.


“Mir wurden die HĂ€nde rĂŒckwĂ€rts zusammengebunden, mit einem
anderen Strick wurde ich 60 Zentimeter ĂŒber dem Boden an einer
Querstange aufgehĂ€ngt. Meine FĂŒĂŸe wurden zusĂ€tzlich mit 20 Pfund
Steinen beschwert, wodurch sich der Abstand meiner Beine zum Boden
verringerte, nun mussten Mitgefangene anschaukeln.“
so schilderte ein HĂ€ftling des KZ Außenlagers von Dachau in Ottobrunn der NS RĂŒstungsschmiede Messerschmidt eine alltĂ€gliche Strafaktion.Das Lager war, wie z.b. auch das KZ Außenlager Horgau, vor allem fĂŒr die Produktion der ME 262 geplant und gebaut, damit das faschistische Regime den Luftkampf gegen die Alliierten gewinnen wollte.
FĂŒr die Planung und Organisation wurde ein so genannter „JĂ€gerstab“ gegrĂŒndet, zu dem neben dem spĂ€teren BundesprĂ€sidenten Heinrich LĂŒbke auch der in Schwerin geborene Ingenieur Ludwig Bölkow angehörte.

Anfang 1944 konzentrierten sich die Alliierten darauf, die deutsche Luftwaffe vor der Landung in der Normandie zu zerstören. Als Reaktion darauf genehmigte Adolf Hitler die Einrichtung des so genannten „JĂ€gerstab“ (spĂ€ter: RĂŒstungsstab), der das Reichsluftwaffenministerium ersetzte, um die Produktion von Kampfflugzeugen zu steigern. Dieser JĂ€gerstab setzte sich zusammen aus Regierungsbeamten, SS Offizieren und Vertretern der deutschen Luftfahrtindustrie, dabei Willi Messerschmidt und Ludwig BĂŒlkow.

Zum Schutz vor weiteren Luftangriffen der Alliierten wurden die Montagewerke, vor allem fĂŒr die Messerschmidt Me 262, in unterirdische Bunker verlegt. FĂŒr den Bau ließ die SS im Rahmen der Aktion Höss etwa 440 000 jĂŒdische Menschen aus Ungarn nach Auschwitz deportieren, etwa 100 00 wurden von ihnen als Zwangsarbeiter zur VerfĂŒgung gestellt.FĂŒr die Produktionsanlagen z.B. in Ottobrunn und Horgau wurden KZ Aussenlager eingerichtet.. in Horgau wurden z.B. KZ HĂ€ftlinge aus dem KZ Bergen Belsen zur Zwangsarbeit deportiert..etwa 550 stellten TragflĂ€chen fĂŒr die Me 262 her…20 von ihnen starben wĂ€hrend der Arbeit.Ein Überlebender, Witold Scibak, berichtete: „Mit 15 kam ich zur Firma Messerschmidt. Anfangs kam es mir im Vergleich zu Bergen Belsen wie eine Erholung vor, Das Ă€nderte sich aber schnell“

Bis zu 2000 Mitgefangene wurden in einer 160 Meter langen Halle untergebracht.Auf dem Appelhofplatz wurden die Strafaktionen vollzogen, es wurde auch von Exekutionen berichtet. Das Essen war mager und minderwertig, desolate hygienische VerhĂ€ltnisse und keine medizinische Betreuung fĂŒhrten zu Krankheiten und Epidemien.

In Ottobrunn, wo die Firma Messerschmidt eine Großforschungseinrichtung erbaut hatte, wurde ein Außenlager des KZ Dachaus eingerichtet, wo bis zu 900 Zwangsarbeiter fĂŒr die Firma unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. .. auch hier keine medizinische Versorgung, Schikanen und Strafaktionen 
 von einer hatte ich ja schon ganz zu Anfang berichtet.
.Der Strafakt war aber nicht zu Ende. Danach musste der GequĂ€lte noch die „obligatorische Strafe im Stehbunker verbĂŒĂŸen. Auch gehörte ein so genannter Dauerlauf entlang des Zaunes, der unter Starkstrom stand, dazu 
 Verbrennungen waren die Regel.

Die RĂŒstungsbetriebe wie Messerschmidt waren es, die bei der SS forderte, KZ HĂ€ftlinge als ArbeitskrĂ€fte an sie zu vermieten, was eine ideologische Umorientierung innerhalb der NS-FĂŒhrung erforderte.
Nun standen weniger Strafe und Eliminierung als der wirtschaftliche Nutzen
im Vordergrund der KZ-Haft, was der SS in ihrer Funktion als Wirtschaftsunterneh-
men zur Durchsetzung ökonomischer Ziele durchaus entgegenkam.

Boten die VerhĂ€ltnisse in den Lagern der RĂŒstungsindustrie oft noch
Überlebenschancen, war der normale Alltag im Lager ein Kampf ums Überleben, das oft von der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft abhing.
In diesem Zusammenhang kann die Aussage von Ludwig Bölkow zu werten sein, der .. angesprochen auf die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb, „ von geordneten ArbeitsverhĂ€ltnissen“ sprach wo die HĂ€ftlinge „einigermaßen ĂŒberleben“ konnten.

Ludwig Bölkow, geboren am 30.Juni 1912 in Schwerin,arbeitete ab MĂ€rz 1939 als Ingenieur bei der Messerschmidt AG in Augsburg.Er trat zeitnah der NSDAP bei und entwickelte in den nĂ€chsten Jahren ein nahes VerhĂ€ltnis zur NS FĂŒhrung 
 wenige Tage vor Ende des Kriegs und dem Ende des NS Regimes erhielt er zusammen mit seinen Begleitern der Messerschmidt AG von Adolf Hitler eine Maschinenpistole persönlich ĂŒberreicht.Auch ansonsten zeigte er sich als wahrer Patriot, der seine TĂ€tigkeit bei der Entwicklung und Produktion vor allem der Me 262 als „nationale Pflicht“ ansah.“ Wir alle waren bestrebt, etwas Besseres zu machen als die EnglĂ€nder oder Amerikaner, wir machten was notwendig war“. Von den KZ`s und den VerhĂ€ltnissen der Zwangsarbeiter will er erst nach der Zeit gewusst haben „wir haben doch bloss gearbeitet und das es so was gab, macht mich traurig“.Sein ethische Einstellung drĂŒckte er allerdings anders aus „ Unsere Moral? Wir lösen die
Probleme der MilitÀrs«, »Waffenexporte verhindern Kriege«, »Ich vergesse
nicht, dass wir vor den Russen davongelaufen sind«, »Jede meiner Waffen ist
bislang besser als die der Amerikaner“
….und seine patriotische Pflicht vergass er auch nicht am Ende des Regimes. In seiner Autobiografie schwĂ€rmte er, fĂŒr die auf der Flucht befindlichen SS Schergen gefĂ€lschte Ausweise verschafft zu haben und sogar eine Fotografin einstellte, die die Fotos dafĂŒr machte.

Im Rahmen der Entnazifizierung wurden er und Willy Messerschmidt als „MitlĂ€ufer“ eingestuft, was ihm ermöglichte, 1958 die „Luftfahrtforschungsanstalt MĂŒnchen“ die trotz Demontage der Allierten noch als eingetragener Verein ein Barvermögen von 1,5 Millionen Mark hatte, zu ĂŒbernehmen. Der sich dann neu aufgestellte RĂŒstungskonzern Messerschmitt Bölkow Blohm
MBB erwuchs also aus den Resten der nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie.

Auch da zeigte Ludwig Bölkow seine Vorliebe fĂŒr totalitĂ€re Staaten.Der Anteil seiner Firma an MilitĂ€rtechnik war bis 1980 auf etwa eine Milliarde angestiegen indem er vor allem gute Beziehungen zum Apartheidregime in SĂŒdafrika, mit der argentinischen MilitĂ€rjunta.,der Diktatur in Indonesien und mit dem Regime von Sadam Hussein pflegte. In den 60er Jahren schickte er den Raketentechniker Karl Adolf Hammer nach Kairo, damit dieser bei der Entwicklung von TrĂ€gerwaffen arbeitete, die Nasser gegen Israel einsetzten konnte …viele Ex-Nazis waren zu dieser Zeit in Ägypten aufgenommen worden.

Im Jahre 2000 wurde er EhrenbĂŒrger von Schwerin.




Quelle: Digitalresist.blogspot.com