Oktober 8, 2020
Von Liebig34
363 ansichten


Ich verlese nun ein Statement des Liebig34 Kollektivs bezueglich des angekuendigten RĂ€umungstermin am 09.10.20. Fragen werden am Ende des Statements von den anwesenden Anwaelten beantwortet:

In den vergangenen Jahren und vor allem Wochen wurden viele Sachen ĂŒber
die Liebig 34, das anarcha queer feministische Eckhaus an der
Liebigstraße mit 30 Jahren Kollektivgeschichte, gesagt, berichtet,
gemutmaßt.
Jetzt, kurz vor dem offiziellen RĂ€umungsversuch, werden wir selbst noch
mal ein paar Sachen sagen.

ZunÀchst wollen wir klarstellen, dass es sich bei der RÀumung der
Liebig34, die bereits mit einem absurd hohen Polizeiaufgebot geplant
wird, um eine illegale RĂ€umung handelt. Die Vertreter*innen des Raduga und des Mittendrin e.V. werden dazu noch genaueres sagen.

Die IllegalitĂ€t der RĂ€umung zeigen wir nicht auf, weil sie uns ĂŒberrascht. Wir
zeigen sie auf, da sie die WillkĂŒr eines sogenannten Rechtsstaats
deutlich macht.
Die RĂ€umung der Liebig34 wird in der Öffentlichkeit oft
mit der vermeintlichen Wahrung des Rechtsstaates begrĂŒndet, dabei ist vor allem an
diesem Beispiel erkennbar, dass es von ökonomischen und politischen
Interessen abhÀngig ist, wer Gerechtigkeit in diesem Staat erfÀhrt. Es zeigt eine Stadtpolitik auf,
die im Sinne von Grossinvestor*innen und Kapital handelt und nicht im Sinne der Menschen, die diese Stadt beleben und sie massgeblich seit Jahrzehnten gestalten.
Mit der Liebig wuerde nicht nur ein zu Hause verloren gehen, ein kultureller Ort der Begegnung, sondern auch ein zentrales Stueck Stadtgeschichte Berlins.

Dass staatliche Strukturen nicht fĂŒr alle Menschen gleich wirken, sondern
sie im Gegenteil an vielen Stellen durch Repressionen und
Diskriminierung einschrÀnken, behindern und gewalttÀtig sind, mussten
die meisten Menschen die in 30 Jahren auf verschiedene Weisen in der
Liebig34 Zuflucht gefunden haben, am eigenen Leib erleben. Dass die
Liebig34 versucht fĂŒr diese Menschen ein Schutzraum zu sein, macht sie zu
einem einzigartigen Ort. Zu einem unersetzbaren Ort in dieser Stadt.

Denn die Liebigstraße 34 bietet seit 30 Jahren den Menschen Wohnraum und
Aufmerksamkeit, welche in der Stadt der Reichen keinen Platz haben sollen.
Das Haus ist ein kaempferischer Ort an dem sich Menschen taeglich dafuer entscheiden sich nicht anzupassen.

Die Liebig 34 ist seit 30 Jahren ein Ort fĂŒr Menschen, die von
patriarchaler Gewalt verschiedenster AusprÀgungen betroffen sind, die von
Trans*feindlichkeit betroffen sind und auf andere Weisen marginalisiert
werden.
In dieser ganzen Zeit hat die Liebig34 Menschen die Stalking erleben
einen Zufluchtsort gegeben, hat geflĂŒchteten Menschen Zimmer zur
VerfĂŒgung gestellt, wohnungslose Frauen* konnten dort an die TĂŒr klopfen
und in unserem GĂ€stezimmer eine Weile von KĂ€lte und Gewalt durchatmen.
Betroffene von sexualisierter Gewalt erfahren an diesem Ort SolidaritÀt
und Schutz.
Menschen, die nicht der binÀren Geschlechterordnung entsprechen, oder
entsprechen wollen finden hier einen Raum zur Entfaltung, der in der
Regel in einer heteronormativ strukturierten Gesellschaft nicht
vorhanden ist. Frauen* und LGBTIQ – Menschen in prekarisierten
Lebenssituation konnten in der Liebig34 wohnen, wÀhrend es sonst
aufgrund von Mietpreisen und diskriminierender Wohn- und Einzugspolitik
kaum eine Möglichkeit gab, in Berlin Fuß zu fassen.
Die Neubauprojekte dieser Strasse und dieser Stadt versprechen eine vermeintlich heile Welt, geschaffen fuer all diejenigen, die genuegend Kapital haben, um sich den realen Widerspruechen und Problemen dieser Gesellschaft zu entziehen.
Die Liebig 34 ist ein Ort an dem Menschen sich das nicht leisten koennen und wollen.

Die Liebig34 ist ĂŒber die Jahre ein Ort geworden, an dem
Menschen sich selbst organisieren und gemeinsam anarchistische und feministische
Utopien entwickeln konnten, wie ein Leben ohne patriarchale und strukturelle Gewalt
aussehen könnte. In Berlin gibt es kaum noch Möglichkeiten fĂŒr Menschen
sich selbst in dieser Form des solidarischen Miteinanders zu
organisieren. Und vor allem ist die Liebig ein Haus, in dem sich ausschließlich
LGTBIQ Menschen auf diese Art und Weise organisieren einzigartig.
Wenn es gerÀumt wird, ist es nicht ersetzbar.
Immer weniger solcher einzigartigen Orte, die Berlin zu ihrem Image als
vielfÀltige und kulturell diverse Stadt verhelfen, existieren noch,
sondern sie mĂŒssen Luxusbauten und Kapitalanlagen weichen.
Die Liebig34 behindert durch ihre bloße Anwesenheit die voranschreitende VerdrĂ€ngungsdynamiken
im Nordkiez, die verheerende Auswirkungen auf die meisten
Anwohner*innen hat. Viele alteingessene Bewohner*innen mussten bereits
wegziehen. Andere bangen mit anstehendem RĂ€umungstermin unseres Hauses um ihre eigene Existenz im Kiez.
Der Dorfplatz und die Liebig sind ein Ort fuer viele Menschen, die in der Stadt der Reichen keinen Platz finden.
Ein Angriff auf dieses Haus, ist ein Angriff auf all diese Menschen.

Als Anarchist*innen, als Feminist*innen und als Antifaschist*innen sind wir in Konflikt und Konfrontation mit diesem kapitalistischen Staat und seinen Repressionsorganen. Deshalb fordern wir keine Loesung von oben sondern Anseatze von unten.

Die Liebig34 ist seit 30 Jahren fester Bestandteil dieses Kiezes.
Sie hat ihn mitgestaltet, unterhalten, hat anggeeckt und WidersprĂŒche aufgezeigt.

Die Liebig34 ist Sand im Getriebe der fortschreitenden Gentrifizierung.
Sie ist bunt, sie ist widerstĂ€ndig, sie ist eine Überleberin, die tapfer
weitermacht, obwohl sie immer wieder Angriffen von außen ausgesetzt ist.
Ob Schikanen der Polizei, sexistische Gewalt, BrandanschlÀge oder andere
Übergriffe von Nazis – die Liebig34 gibt nicht auf. Sie bleibt sich
treu, trotz ZermĂŒrbungsversuchen seitens Polizei und politischen
MachtkÀmpfen um profitablen Stadtraum.
In Berlin gibt es aktuell eine skrupellose RĂ€umungswelle gegen
selbstorganisierte Projekte, die sich verheerend auf die Kieze auswirken werden.
Nach der RĂ€umung des Syndikats in Neukoelln, wurde nun auch gegen die Kneipe Meuterei und das selbsorganisierte Jugendzentrum Potse ein RĂ€umungstitel erwirkt.

Dass es darauf eine starke Reaktion gibt und diese Orte auf
verschiedene Weisen verteidigt werden, kreativ bis militant, ist nicht
verwunderlich, sondern schlicht und ergreifend notwendig.
Hier bangen Menschen sowohl um Wohnraum, als auch kollektive Orte fuer Organisierung und SolidaritÀt, aber auch um die Zukunft dieser Stadt.
Denn wenn diese HÀuser und Projekte erstmal weg sind, können wir sie
nicht wieder zurĂŒckholen. Die Liebig34 ist ein Symbol fĂŒr eine Stadt von
unten, ein Symbol fĂŒr SolidaritĂ€t und Freiheit, es geht um Zusammenhalt,
um queeres Leben, um feministische KĂ€mpfe. Die Liebig ist Geschichte Berlins, sie ist Teil
der feministischen Geschichte dieser Stadt, Teil der Besetzer*innen Geschichte,
ihre WÀnde erzaehlen von 30 Jahren KreativitÀt, Unangepasstheit und SolidaritÀt.

In Zeiten erstarkender rechtskonservativer und neo-faschistischer
Angriffe stellt sich die Liebigstr. 34 gegen rassistische Gewalt, wehrt
sich aktiv gegen rechte Strukturen und steht ein fĂŒr Vielfalt und
Toleranz.
Vor allem ist die Liebig34 ein Ort, der das Leben so vieler Menschen
geprÀgt hat. Die vielen verschiedenen kreativen SolidaritÀtsbekundungen
die dem Haus jedem Tag aus allen Ecken der Welt zugetragen werden,
zeigen deutlich, wie viele Menschen sich mit den KĂ€mpfen und Ideen der
Liebig34 identifizieren und wie schmerzlich der Verlust durch eine
RÀumung wÀre.

Die RĂ€umung der Liebig34 ist ein Gewaltakt, denn Menschen
gewaltsam ihren Wohn- und Schutzraum zu nehmen, ist menschenverachtend.
Doch die Liebig34 ist nicht einfach nur Haus, das bewohnt wird, die Liebig34
ist ein Haus das geliebt und gelebt wird, Tag fuer Tag, seit 30 Jahren.
Und Orte, die man liebt, gibt man nicht so einfach auf.
Man kĂ€mpft fĂŒr sie, mit allen Mitteln. Mit allen KrĂ€ften.
Und genau das werden wir machen. Wir werden dieses Haus nicht freiwillig
hergeben, sondern jeden Teil unserer in Beton manifestierten Utopie
verteidigen.

Die Liebig34 lebt. Die Liebig34 bleibt.




Quelle: Liebig34.blogsport.de