August 8, 2021
Von Ums Ganze
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Smash Capitalism, Block IAA

Die LeistungsfĂ€higkeit der deutschen Industrie wird bekanntlich nur vom Einfallsreichtum der deutschen Politik ĂŒbertroffen. SUVs und Diesel-Gate, Waffenexporte und Braunkohleabbau, VW und BMW, Armin Laschet und Annalena Baerbock. Alles weltweit bekannte GĂŒtezeichen deutschen Tatendrangs und Erfindergeistes: In liebevoller Verbindung zur Schau gestellt auf der diesjĂ€hrigen Internationalen Automobil Ausstellung in MĂŒnchen. Wer sehen will, was morgen bewegt, kann ihn dort bewundern, den neuen deutschen Exportschlager: E-MobilitĂ€t hurra, Klimaziele adĂ©. Denn nur, wenn alles schön grĂŒn angemalt wird, bleiben wir Vize-Exportweltmeister der Herzen und dĂŒrfen den Porsche Cayenne behalten. Jetzt eben mit Lithium-Batterie.

Doch die automobile Zukunftsvision in grĂŒn ist nichts anderes als gelebte Dystopie. Eine Welt, die sich an kapitalistischem Wachstum statt an ökologischen Kipppunkten orientiert. Eine Welt, von der man sagen kann, dass sie verrĂŒckt ist, ohne eine andere zu kennen.

Autoland und -industrie mĂŒssen ĂŒber die nĂ€chste Legitimierungsklippe gerettet werden, also prĂ€sentiert sich die sogenannte »grĂŒne IAA« in MĂŒnchen als Staatsbankett im E-Gewand. Doch kann kein Mobility-Theater darĂŒber hinweg tĂ€uschen, wie deutsche Autoindustrie und Klimakrise made in Germany Hand in Hand gehen: beide manifestieren unaufhörlichen Wachstumszwang und aggressiven Standortnationalismus gleichwie spezifische Formen patriarchaler und neokolonialer Herrschaft. GrĂŒnde genug, sich mit ihr anzulegen.

GrĂŒnes Staatstheater im braunen Autoland

Mit freier Fahrt in den Klimakollaps – das zumindest scheint die Devise von Staat und Industrie in Deutschland zu sein. Da sich beider Allianz immerzu an kapitalistischem Wachstum orientiert, fĂ€llt ihre Antwort auf die Klimakrise erwartbar aus – selbst oder gerade wenn verheerende Flutkatastrophen im eigenen Vorgarten wĂŒten.

Weil es Investitionsrisiken fĂŒr deutsche Automobilkonzerne rasselt, wenn der nationale VorzeigeschĂŒler seine Hausaufgaben im Bereich »Green New Deal« nicht macht, stehen Wirtschaft und Politik unter Handlungszwang: genau dort soll die diesjĂ€hrige Internationale Automobilausstellung Abhilfe schaffen. WĂ€hrend man dem emissionsreichen Verkehrssektor und damit auch der deutschen Automobilindustrie lediglich eine neue Antriebsart verpasst, treten Söders und Habecks mit heimatpolitischen Klimaschutzprogrammen zur Wahl an. Und: die neue schwarzgrĂŒne WĂ€hler:innenschaft applaudiert.

Wenn deutsche Politpromis dann beanstanden, dass Maßnahmen zum Klimaschutz die nationale WettbewerbsfĂ€higkeit nicht gefĂ€hrden dĂŒrften, steht diesem Anspruch all jene Gewalt ins Gesicht geschrieben, die vom freien Markt mit Musk’schen Marsvisionen geschmĂŒckt wird. Schließlich ist es so viel unterhaltsamer, das voll-automatisierte, luxuriöse Mars-Leben zu imaginieren, als sich die Laune am Mittagstisch mit nationalökonomischen Grenzregimen und den dazugehörigen ökologischen Auswirkungen zu verderben. FĂŒr diese Retter:innen im Kampf fĂŒr die deutsche Wirtschaft ist der globale SĂŒden nur dann von Interesse, wenn er AbsatzmĂ€rkte und Rohstofflager fĂŒr deutsche Autobauer:innen bereit hĂ€lt. GĂŒtesiegel der Vize-Exportweltmeister:innen war und bleibt es, lokale Ökonomien wie Lebensgrundlagen zu ruinieren und den direkten Raubbau an der Natur als notwendig zu verklĂ€ren. Der Markt regelt – und konkurriert nieder, wo sich koloniale KontinuitĂ€ten in stets neuen Herrschaftsformen aktualisieren: Weltgegenden, die als ehemalige Kolonien niemals eine wettbewerbsfĂ€hige Ökonomie aufbauen konnten, sind nun auch Austragungsort der Klimakrise made in Germany.

Schöne neue Betonwelt

WĂ€hrend staatlicher Standortnationalismus Infrastruktur und Arbeitsmarkt klĂ€rt, liefern BMW, VW & Co. jene Zukunftsvision, die das Land jetzt braucht: »Sehen, was morgen bewegt«. Konzerne, die noch vor wenigen Jahren GrenzwertprĂŒfungen manipuliert haben, wollen sich auf der MĂŒnchener IAA nun als Lösung der Klimakrise inszenieren: knapp fĂŒr eine Woche wird die ganze Metropole dem PR-Stunt der Branche unterworfen. Dabei muss die halbe Innenstadt als AusstellungsflĂ€che von Greenwashing mit BĂŒrgerbeteiligung herhalten. Sogenannte „Open Spaces“ bilden das Bindeglied zum MessegelĂ€nde via »blue lane« – einer Teststrecke fĂŒr die neue »nachhaltige« Blechkarrosserie. 

Dabei braucht es nicht den witzlos visionĂ€ren Claim der IAA, um zu sehen, was der stolze Autostaat hinterlĂ€sst: fĂŒr das deutsche Kulturgut Autobahn wird unter Aufwendung horrender BetrĂ€ge flĂ€chendeckend planiert, werden StĂ€dte und WĂ€lder zu BetonwĂŒsten. Die sogenannte autogerechte Stadt verwandelt den umkĂ€mpften öffentlichen Raum in automobiles Eigentum. Sie ist die Unterwerfung unserer Leben unter die AutomobilitĂ€t, sie ist zu Asphalt geronnenes Patriarchat. Weil sich autogerechte Stadtplanung am mĂ€nnlichen ArbeitsverhĂ€ltnis und nicht an Reproarbeit, Care und Sorge orientiert, baut sie viele und vor allem schnelle Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Sie ist damit nichts anderes als Abziehbild binĂ€rer Geschlechtertrennung.

Nothing to lose?

Doch munter lĂ€uft das Malen der one green world. Standortnationalismus ist dabei ideologischer Kit von GrĂŒnen bis AfD, geschĂ€ftsmĂ€nnische Handshakes mit der deutschen SchlĂŒsselindustrie vorm neuen E-Mobil inbegriffen. Da die Überwindung der Autoindustrie dem deutschen Wirtschaftsmodell den Treibstoff nehmen wĂŒrde, fliegen Maßnahmen zum Klimaschutz vom Tisch und serviert wird eine neue Antriebsart: E-MobilitĂ€t, Deutschland liebt dich. Waren bis vor kurzem Verbrenner-SUVs noch der Kassenschlager, gilt die Umstellung auf Batteriebetrieb inzwischen als besiegelt. Denn an Abgas-Grenzen, moralischen Konsument:inneninteressen und der bevorstehenden Öl-Knappheit fĂŒhrt selbst fĂŒr den Krisengewinner Deutschland kein Weg vorbei. WĂ€hrend Tesla die deutsche Autoindustrie blöd darstehen lĂ€sst, ist der Kampf zwischen Diesel-Faschos und ElektrojĂŒngern hierzulande staatsmĂ€nnisch geklĂ€rt: es rasselt direkte Investitionen in Unternehmen, KĂ€ufer:innenprĂ€mien und Ladeinfrastruktur. Die neue Antriebstechnologie soll den deutschen Autokonzernen aus der Patsche helfen – öffentlichkeitswirksam und mit großem Tamtam: Schließlich rettet man hier gerade die Erde!

Doch gerettet wird rein gar nichts, im Gegenteil, mit der Klimazerstörung werden ordentlich Profite gemacht. Der Verkauf des E-Autos als »nachhaltige Zukunftstechnologie« ist marktlogisch der nĂ€chste Schritt, um das klimazerstörerische GeschĂ€ft der Autoindustrie neu zu legitimieren. Allein die Produktion von E-Autos verursacht nochmals deutlich höhere Emissionen als die Herkömmliche. FĂŒr die Batterien wird der seltene Rohstoff Lithium benötigt, dessen Abbau enorme Wasserverschmutzung verursacht und die Ausbeutung natĂŒrlicher Ressourcen machtpolitisch verlĂ€ngert. WĂ€hrend sich das geopolitische Interesse an Öl-Feldern also auf die Lithium VorrĂ€te in SĂŒdamerika und im Kongo verschiebt, Ă€ndert die E-MobilitĂ€t am Prinzip des Extraktivismus: nichts. Das Elektroauto ist nicht die Lösung des Problems, es ist nur dessen Fortsetzung mit grĂŒnem Anstrich.

KĂ€mpfen in einer Welt in Flammen

Warum grĂŒn Malen, was lĂ€ngst in Flammen steht? Eine realistische Antwort auf die Klimakrise ist sicher nicht im vertrĂ€umten immer Weiter-so des deutschen Autostaatstheaters zu finden. FĂŒr uns ist klar: wenn Staat und Kapital sich den Staffelstab in die Hand geben, kann eine echte MobilitĂ€tswende nur von unten und gegen beider Allianz erkĂ€mpft werden. So umfassend die Inbeschlagnahme der Stadt MĂŒnchen durch die Autoindustrie vom 9. bis 12. September sein wird, so offensichtlich dann auch die GrĂŒnde, sich mit diesem Schulterschluss und ihrem Schaulaufen anzulegen – so vielfĂ€ltig aber auch die Möglichkeiten, diese Inszenierung zu durchbrechen!

Wenn deutsche Automobilkonzerne mitten in der eskalierenden Klimakrise ein grĂŒnes MĂŒnchener Mobility MĂ€rchen veranstalten, machen wir es zum Desaster: E-Autoparties sind kein Grund zum Feiern, sie zu blockieren ist erst der Anfang! Unsere Antwort auf die schwarz-grĂŒne Agenda der IAA 2021 heißt: Autokapitalismus ĂŒberwinden, fĂŒr die Vergesellschaftung von Produktion und MobilitĂ€t, von stĂ€dtischen wie lĂ€ndlichen RĂ€umen. Unter der Betonwelt liegt nicht nur der Strand, sondern auch die solidarische Gesellschaft – Let’s dare to fight for it!

Smash Capitalism, Block IAA.
8.–12. September MUENCHEN




Quelle: Umsganze.org