Juni 27, 2022
Von InfoRiot
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Brandenburg an der Havel – Mehr als 30 Verhandlungstage sind seit Beginn des NS-Prozesses im Oktober 2021 vergangen, zehn Zeugen haben dort ausgesagt und mehrere SachverstĂ€ndige wurden angehört: Nun steht das Verfahren gegen einen 101-jĂ€hrigen Mann aus Brandenburg vor dem Abschluss. Am Montag soll am Verhandlungsort in Brandenburg an der Havel der Verteidiger plĂ€dieren, dem Angeklagten soll Gelegenheit zu einem letzten Wort gegeben werden, am Dienstag soll das Urteil verkĂŒndet werden. Die Staatsanwaltschaft wirft Josef S. vor, als SS-Wachmann im KZ Sachsenhausen Beihilfe zum Mord in einer Vielzahl von FĂ€llen geleistet zu haben.

Der in Litauen geborene Baltendeutsche, der nach Zweitem Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft in der DDR lebte, hat die Verhandlungstage nach seinem zur Prozessroutine geronnenen „Guten Morgen allerseits“ meist weitgehend still verfolgt. Die VorwĂŒrfe hat er jedoch mehrfach energisch zurĂŒckgewiesen. Sachsenhausen kenne er nicht, mit Gaskammern habe er nichts zu tun, waren einige der wenigen Worte zu den TatvorwĂŒrfen. Er will in der fraglichen Zeit an einem anderen Ort in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Doch Unterlagen, die in den Prozess Eingang fanden, sprechen dafĂŒr, dass er mehr als drei Jahre lang Wachmann in Sachsenhausen war.

Zehntausende Menschen wurden im KZ Sachsenhausen ermordet

Mehr als 200.000 Menschen waren zwischen 1936 und 1945 in dem als Modell- und Schulungslager der SS errichteten Konzentrationslager nördlich von Berlin inhaftiert. Zehntausende von ihnen wurden ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben.

Die Zeugen, darunter mehrere NS-Überlebende, und zwei historische Fachleute schilderten in dem Prozess den brutalen Alltag in Sachsenhausen, die Verbrechen, die Qualen, denen die HĂ€ftlinge ausgesetzt waren, die ZufĂ€lle, durch die Überleben möglich war. Posthum wurde im MĂ€rz die Aussage des ebenfalls 101-jĂ€hrigen jĂŒdischen NS-Überlebenden Leon Schwarzbaum verlesen, der nur wenig jĂŒnger war als Josef S. und wenige Tage vor seiner geplanten Aussage am 13. MĂ€rz starb. „Ich möchte Sie auffordern, die historische Wahrheit zu sagen“, richtete sich darin Schwarzbaum an Josef S. und appellierte an ihn, Leugnung und VerdrĂ€ngung aufzugeben und darĂŒber zu sprechen, was er erlebt hat.

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Allein an 18 Verhandlungstagen hörte auch der Angeklagte den höchst detaillierten AusfĂŒhrungen des Historikers Stefan Hördler zu und war damit ein ums andere Mal mit den NS-Verbrechen konfrontiert, an denen er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft beteiligt war. FĂŒnf auf Antrag der Verteidigung vom Gericht als Zeugen geladene frĂŒhere SS-WachmĂ€nner, die den Angeklagten entlasten sollten, sagten in dem Verfahren hingegen nicht aus: Einer von ihnen war nach Gerichtsangaben bereits verstorben, drei waren aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation nicht zu einer Zeugenaussage fĂ€hig. Ein weiterer frĂŒherer SS-Mann berief sich laut Gericht auf sein Aussageverweigerungsrecht wegen der gegen ihn laufenden Ermittlungen.

Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafe von fĂŒnf Jahren

Die Staatsanwaltschaft wirft Josef S. Beihilfe zum grausamen und heimtĂŒckischen Mord in mehr als 3500 FĂ€llen vor und fordert eine Haftstrafe von fĂŒnf Jahren. Es gebe keinen Zweifel, dass Josef S. als SS-Mann in Sachsenhausen tĂ€tig war, sagte Staatsanwalt Cyrill Klement in seinem PlĂ€doyer Mitte Mai. Vertreter der NebenklĂ€ger forderten in ihren PlĂ€doyers im Mai mindestens fĂŒnf Jahre Haft. Anwalt Thomas Walther, einst Chefermittler der Ludwigsburger Zentralstelle zur AufklĂ€rung von NS-Verbrechen, warf der deutschen Justiz zudem vor, pflichtvergessen Zeit „verplempert“ zu haben. Es habe bereits seit den 70er Jahren Erkenntnisse der Stasi ĂŒber die NS-Vergangenheit von Josef S. gegeben, betonte er.

Laut Staatsanwaltschaft war der Angeklagte in der Zeit zwischen dem 23. Oktober 1941 und dem 18. Februar 1945 SS-Wachmann in Sachsenhausen. Im Zuge der Ermittlungen wurden unter anderem Dokumente aus der GedenkstĂ€tte Sachsenhausen, dem Bundesarchiv in Berlin und der Stasi-Unterlagenbehörde ausgewertet. Am Montag steht der 35. Verhandlungstag an. Das zustĂ€ndige Landgericht Neuruppin hat den Prozess nach Brandenburg an der Havel in die NĂ€he des Wohnorts von Josef S. verlegt, weil er laut Gutachten nur wenige Stunden am Tag verhandlungsfĂ€hig ist. (Az.: 11 Ks 4/21)  (epd)




Quelle: Inforiot.de