Mai 30, 2022
Von Graswurzel Revolution
196 ansichten

Der folgende Beitrag von Kevin Pottmeier ist der Auftakt einer dreiteiligen Reihe, die den Zusammenhang zwischen Veganismus, Tierbefreiung und Anarchismus untersucht. Die Artikelreihe basiert auf seinem Essay „Veganarchismus. Thesen zum VerhĂ€ltnis zwischen Veganismus und Anarchismus“, der Anfang 2021 im animot-Verlag erschienen ist. In seinem ersten Artikel fokussiert sich Kevin Pottmeier auf die Systematisierung einiger zentraler Begriffe rund um Veganismus und Tier(rechts)bewegung. (GWR-Red.)

Unsichere WerkvertrĂ€ge, mieseste UnterkĂŒnfte und gravierende ArbeitsschutzmĂ€ngel: Was auch vor Corona schon Alltag in der Fleischindustrie war, ist durch den pandemiebedingten gesellschaftlichen Ausnahmezustand offen zutage getreten und hat Einzug in den öffentlichen Diskurs gehalten. Die endlich diskutierte Unzumutbarkeit der Arbeitsbedingungen u. a. in Schlachthöfen ruft zurecht auch viel linke bis anarchistische Gruppen auf den Plan, die mit ihren Forderungen bis hin zur Enteignung der Fleischunternehmen wichtige Akzente setzen. Auch die nicht abreißenden Hinweise auf den der Tierindustrie innewohnenden Rassismus sind von kaum zu ĂŒberschĂ€tzender Bedeutung.

Umso tragischer finde ich es, dass sich ein Sprecher des linken (nicht anarchistischen) BĂŒndnisses „Shut Down Schweinesystem“ in einem Radiointerview (1) nicht nur von Tierrechtsaktivist*innen entsolidarisiert, sondern ihnen außerdem vorwirft, sie wĂŒrden die Leiden der Tiere fĂŒr schwerwiegender halten als jene der in der Tierindustrie arbeitenden Menschen. Auf die Frage hin, ob sich die Gruppe bewusst u. a. nicht mit Tierrechtler*innen zusammentut, antwortet er: „Es ist schon so, dass wir einen maßgeblich anderen Fokus als die Tierrechtsbewegung fokussieren. Wir finden es auch problematisch, (
) in einer Situation, wo es massiv ausbeuterische ArbeitsverhĂ€ltnisse gibt und wo Menschenleben so sehr untergeordnet werden unter einen ökonomischen Profit, (
) all das dann mit [einem] Tierwohl[anliegen] gleichzusetzen – da werden MaßstĂ€be vermischt und vertauscht, und das sehen wir sehr kritisch. Unser Anspruch als Kampagne ist es weniger, sich neben Tönnies jetzt auch noch am Tierrechtsaktivismus abzuarbeiten.“

Aus dieser Einzelaussage, die ich jedoch fĂŒr einigermaßen reprĂ€sentativ fĂŒr Teile der so genannten Linken halte, spricht fĂŒr mich zweierlei: einerseits ein klar anthropozentrisches Weltbild, das von einer prinzipiellen Priorisierung menschlicher Interessen gegenĂŒber jenen nichtmenschlicher Tiere ausgeht. Es ist ein Leichtes, aus einer solchen Grundeinstellung die Idee abzuleiten, die Ausbeutung von Tieren sei dem Grundsatz nach etwas Legitimes.

Andererseits legt das Statement nahe, dass sein Autor die Tierbewegung als etwas völlig Homogenes versteht – ungeachtet der Tatsache, dass die verschiedenen dem Sammelbegriff Tierbewegung subsumierten Strömungen unterschiedliche und teils widersprĂŒchliche Ziele verfolgen. Dass es Menschen gibt, die sich gegen die Ausbeutung von Mensch und Tier aussprechen, scheint dem Sprecher des BĂŒndnisses zumindest in dem zitierten Interview nicht in den Sinn zu kommen.

FĂŒr mich persönlich war diese Aussage, von der ich durch Zufall erfahren habe, wohl der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Als ich mir das Interview angehört habe und letztlich von der zitierten Aussage Kenntnis nahm, hat mich das wirklich frustriert. Ich möchte den Sprecher der Gruppe, die tolle Arbeit geleistet hat und weiterhin aktiv ist, persönlich ĂŒberhaupt nicht angreifen und freue mich ĂŒber die vielen wichtigen Aspekte, die er im Interview anspricht; die offene und pauschale Entsolidarisierung von den Tieraktivist*innen vor Tönnies aber ist und bleibt schon ein starkes StĂŒck – das aber leider durchaus symptomatisch ist fĂŒr die Perspektive vieler linker bis anarchistischer Gruppen auf die Tierbewegung.

Ein erstes Problem scheint darin zu bestehen, dass leider oft vorschnell alle Menschen, die sich fĂŒr nichtmenschliche Tiere einsetzen, als einer einheitlichen Bewegung zugehörig verstanden werden: Es wird meist kaum zwischen den verschiedenen Strömungen und deren variierenden Methoden und Zielen differenziert; TierschĂŒtzer*innen, Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen werden in einen Topf geworfen, sodass etwas völlig Ungenießbares entsteht, zu dem lieber erst einmal Abstand gehalten wird. Insofern ist es mir ein Anliegen, in aller KĂŒrze sowohl eine Differenzierung des Veganismusbegriffs als auch der Tierbewegung selbst vorzunehmen:

Veganismus

Veganismus ist in aller Munde – und doch ist nicht viel ĂŒber jemanden gesagt, der*die vegan lebt.

Etwas willkĂŒrlich möchte ich folgende Differenzierung des Begriffes vorschlagen: Es gibt diejenigen, die Veganismus unpolitisch leben, sodass er sich hĂ€ufig auf eine pflanzliche ErnĂ€hrung z. B. aus GesundheitsgrĂŒnden beschrĂ€nkt. Da keine primĂ€r ethischen Motive vorliegen, ist nicht auszuschließen, dass bei zwar pflanzlicher ErnĂ€hrung in anderen Bereichen dennoch Tierprodukte (Kleidung, Hygieneartikel) konsumiert und/oder tierausbeuterische Veranstaltungen (Zirkus, Zoo) besucht werden.

Andere verstehen ihren Veganismus als einen politischen Zweck: Sie lehnen alles ab, was irgendwie im Zusammenhang mit Tierausbeutung steht, da sie Tier(aus-)nutzung z. B. aufgrund der Leiden der Tiere oder auch wegen der schlechten Ökobilanz tierischer Produkte fĂŒr ethisch inakzeptabel halten. Als Zweck verstehe ich diese Art des Veganismus deshalb, weil mit einer veganen Lebensweise direkte politische Zwecke assoziiert werden; der individuell gelebte Veganismus wird als politisches Statement und als realer Beitrag zur Verbesserung der Situation begriffen.

Zuletzt gibt es eine Art Veganismus, der als notwendige Begleiterscheinung eines ĂŒber ihn hinausweisenden Kampfes gelebt wird, der sich eben nicht darin erschöpft, seine Konsumgewohnheiten zu verĂ€ndern. Damit meine ich Personen, die sich neben ihrem individuellen Veganismus auch politisch-aktivistisch fĂŒr Tiere oder sogar fĂŒr Tiere und Menschen einsetzen (ja, das geht tatsĂ€chlich!).

Die Tierbewegung

Ähnlich ambivalent wie der Veganismusbegriff ist das weite Feld der Tierbewegung. Unter Tierbewegung verstehe ich den Sammelbegriff fĂŒr alle Strömungen, die sich in irgendeiner Form fĂŒr die Interessen nichtmenschlicher Tiere einsetzen, wobei es hinsichtlich der RadikalitĂ€t der Methoden und Forderungen gravierende Unterschiede gibt.

Ein Sonderfall ist zum Beispiel der begrifflich irrefĂŒhrende Tierschutz, dessen Anliegen eben nicht in der Abschaffung der Tierausbeutung besteht, sondern in verbesserten Rahmenbedingungen fĂŒr die weiterhin (aus-)genutzten Tiere. Statt „keine KĂ€fige“ soll es „grĂ¶ĂŸere KĂ€fige“ geben – Reformismus eben. Charakteristisch fĂŒr den Tierschutz ist außerdem, dass er zwischen Nutz- und Haustieren unterscheidet und sich bevorzugt um die Interessen letzterer kĂŒmmert. Eine Spielart des klassischen Tierschutzes wird „New Welfarism“ genannt: Hier werden zwar Tierrechtsziele verfolgt, auf dem Weg dorthin aber Tierschutzreformen akzeptiert oder sogar angestrebt.

Das Anliegen der Tierrechtsbewegung hingegen besteht grob gesprochen darin, jede Form der Tierausbeutung zu beenden. Den Tieren soll ein (moralischer und/oder juristischer) Rechtsstatus zukommen, der ihre Ausbeutung verunmöglicht und innerhalb des bestehenden Systems beendet.

Radikaler hingegen die so genannten Tierbefreier*innen: Ihnen reicht es nicht, Rechte fĂŒr Tiere einzufordern – stattdessen streiten sie fĂŒr eine grundsĂ€tzlich herrschaftsfreie Welt jenseits von Kapitalismus und Patriarchat. Ein Unterfangen, das freilich nicht allein den nichtmenschlichen Tieren nĂŒtzt, sondern die Befreiung des Menschen aus HerrschaftsverhĂ€ltnissen explizit mit einschließt.

Von misanthropischen Tieraktivist*innen

Aus dem bisher Geschilderten ist abzuleiten, dass es mit der Tierbefreiungsbewegung eine Strömung innerhalb der allgemeinen Tierbewegung gibt, die aufgrund ihrer herrschafts- und kapitalismuskritischen Ausrichtung eindeutig anarchistische Elemente enthĂ€lt. Dennoch muss gleichzeitig festgehalten werden, dass wohl nur ein Bruchteil aller vegan lebenden Menschen sich dem Spektrum der Tierbefreiungsaktivist*innen zuordnen dĂŒrfte.

Ganz im Gegenteil machen viele sich fĂŒr Tiere einsetzende Menschen immer wieder damit auf sich aufmerksam, menschenverachtende Rhetorik zu verwenden, mit Rechten zu kooperieren oder alles und jede*n zu hassen, der*die irgendwie in Verbindung mit der tierausbeutenden Industrie gebracht werden kann. Es ist bedauerlicherweise keine Seltenheit innerhalb (eines Teils) der Tierbewegung, sich des Holocaustvergleiches zu bedienen oder als Alternative zu Tierversuchen Experimente an PĂ€dophilen vorzuschlagen. Das ist beschĂ€mend und wird zurecht scharf kritisiert: Allerdings nicht nur von außen, sondern auch mit Nachdruck innerhalb der Tierbewegung und dort vorrangig von eben denen, die jede Form der Herrschaft und Diskriminierung konsequent ablehnen: Den Tierbefreier*innen.

Nun soll diese Artikelreihe aber nicht – oder zumindest nicht vorrangig – der Frage nachgehen, wieso Tieraktivist*innen unbedingt immer auch zwischenmenschliche HerrschaftsverhĂ€ltnisse als Teil ihrer politischen Agenda mitdenken (und bekĂ€mpfen) sollten. Vielmehr möchte ich die These aufstellen und verteidigen, dass es fĂŒr Anarchist*innen eigentlich keinen Weg an der Tierfrage vorbei gibt: Es ist inakzeptabel, als Anarchist*innen Tierausbeutung zu betreiben oder davon zu profitieren! Die GrĂŒnde fĂŒr diese klaren Worte werden Thema der nĂ€chsten beiden Teile der Artikelreihe sein.




Quelle: Graswurzel.net