November 16, 2020
Von ZĂŒndlumpen
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Diesen September haben wir in Marseille eine Diskussion ĂŒber den Repressionsfall in Hamburg organisiert. Drei Anarchist*innen sind dort angeklagt, brennbare Materialien transportiert und verschiedene Angriffe vorbereitet zu haben. Die Verhaftungen fanden im Juli 2019 statt, seit dem sind zwei von den Angeklagten in Haft, eine dritte Person ist unter Bedingungen freigelassen. Der Prozess begann im Januar 2020 und soll im November 2020 zu Ende gehen (FĂŒr weitere Informationen siehe: parkbanksolidarity.blackblogs.org bzw. parkbanksolidarity.noblogs.org).

Die Veranstaltung, die wir organisiert haben, hatte nicht nur zum Ziel Informationen ĂŒber den Repressionsfall auszutauschen, sondern vielmehr auch den Pfad des Kampfes nachzuzeichnen – die Interventionen, Perspektiven, Projekte und Publikationen mit denen die GefĂ€hrt*innen in Hamburg die soziale KonfliktualitĂ€t im Verlauf der letzten zehn Jahre verschĂ€rft haben. Wir haben die drei GefĂ€hrt*innen gefragt, ob sie fĂŒr diese Veranstaltung einen Beitrag schreiben wĂŒrden, diesen könnt ihr nachstehend lesen.

Einige ungeduldige Anarchist*innen

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Liebe GefÀhrt*innen,

wir freuen uns einige GrĂŒĂŸe und Gedanken mit euch zu teilen. Wir begrĂŒĂŸen die Initiative, ĂŒber die KĂ€mpfe und die anarchistischen Interventionen der letzten Jahre in Hamburg zu sprechen. Diese sind uns wichtig und es ist auch der Kontext in welchem wir von Repression getroffen wurden: Wir werden als Anarchist*innen eingesperrt und in einem laufenden Verfahren vor Gericht gebracht.

Hamburg in eine der reichsten Metropolen in Deutschland (mit einer absurden Anzahl an MillionĂ€r*innen) und hat eine lange Geschichte sichtbarer sozialer Konflikte und KĂ€mpfe. Mit dem ehemals grĂ¶ĂŸten und einem wirtschaftlich wichtigeren industriellen HĂ€fen, ist Hamburgs Reichtum und ökonomische Bedeutung historisch. Wie viele westliche Metropolen, ist sie heute ein touristischer Hotspot und wichtiger Immobilienmarkt. Die Stadtregierung nennt ihr
lukratives GeschĂ€ft selbst: “Die Marke Hamburg”.

Mit soviel Ehrlichkeit und einer Tradition stetiger aggressiver kapitalistischer Stadtentwicklung, ist der soziale Krieg hier auf vielfĂ€ltige Weise sichtbar geworden. Sei es durch Abriss ganzer Wohnblocks und die Zerstörung von Nachbarschaften, die Vertreibung von Drogenkonsument*innen, Sexarbeiter*innen und Obdachlosen von den Straßen, rassistischen Polizeikontrollen gegen People of Colour, explodierenden Mieten 
 Die Herrschenden haben niemals ein Geheimnis daraus gemacht, fĂŒr wen die Stadt da ist und wer hier willkommen ist.

Den sozialen Konflikt, auf die sogenannte Gentrifizierung zu reduzieren, heißt zu ignorieren, dass die AutoritĂ€ten die Stadt als Labor fĂŒr (soziale) Kontrolle und s.g. “Sicherheitspolitik” benutzen. Mit einer kreativen Gesetzgebung und einer sich immer weiterentwickelnden Polizeiarmee, sogenannten “Gefahrengebieten”, Öffentlichkeitsfahndung, Polizei-Spitzeln und Sonderkommissionen haben der Staat und seine autoritĂ€ren Lakaien immer versucht die Stadt in ihrem Interessen zu gestalten. Und dies mit dem Image einer liberalen Sozial-Demokratie.

Als revolutionĂ€re Anarchist*innen, begreifen wir die Stadt nicht als einen neutralen Ort der “zurĂŒckgewonnen” werden muss. Die Stadt ist eine Instrument und einer Struktur der Macht, ein KĂ€fig in dem wir leben mĂŒssen, in dem jeder Ort ihrer Logik und Ordnung folgend funktionieren soll. Die Projekte und Beziehungen der Subversion, Rebellion und Anarchie die wir erschaffen, funktionieren nicht entlang dieser Logik der AutotritĂ€t und Herrschaft. FĂŒr sie, sind diese Projekte und Beziehungen blinde Flecken, ĂŒber die sie keine permanente Kontrolle haben und die zerstört werden mĂŒssen.

Wenn wir soziale Konflike getrennt voneinander betrachten, von ihrem Kontext und der Logik der Herrschaft in der sie aufkommen, treten wir in die Falle des Reformismus und der Pazifizierung. Wir reinigen ihre StĂ€dte fĂŒr sie. Die interessantesten Dynamiken und Bewegungen der letzten Jahre, Kontrollverluste fĂŒr die AutoritĂ€ten, waren genau die Momente, in denen
verschiedene laufende Konflikte und KĂ€mpfe sich trafen und zu einem sozialen Konflikt wurden. Bewegungen in denen jene, die sich nicht treffen sollen, getroffen und auf der Straße und in rebellischen Handlungen wiedererkannt haben. Etwa wĂ€hrend der lange NĂ€chte voller wilder Demos und direkter Aktionen 2013/2014, wĂ€hrend der KĂ€mpfe gegen verschieden Projekte kapitalistischer Stadtentwicklung, rassistischer Polizeikontrollen und selbstorganisierter KĂ€mpfe von Refugees und Immigrant*innen, die in sogenannten “Gefahrengebieten” resultierten (welche am Ende fĂŒr die Gefahr stehen, die dynamische Momente auf den Straßen fĂŒr ihre Ordnung bedeuten können). Oder der faktische Kontrollverlust wĂ€hrende der Polizeibelagerung der Stadt, die den OSZE und G20-Gipfel sichern sollte (was nebenbei als Bestrafung fĂŒr den verletzten Stolz der AutoritĂ€ten gelten kann, die daran scheiterten Hamburg an die olympischen Spiele zu verkaufen, und die Stadt zum Gewinner des Kapitalismus zu machen).

Diese Kontrollverluste zeigen die StĂ€rke und die Möglichkeiten die selbstorganisierte soziale KĂ€mpfe haben können. Diese Erfahrungen, sowie viele weitere kleiner Konflikte und eine KontinuitĂ€t revolutionĂ€rer direkter Aktionen geben denjenigen, die sich nach einem freien Leben ohne jede Herrschaft sehnen, Mut und Vertrauen in Selbstorganisation, SolidaritĂ€t und direkte Aktion, anstelle dem Schwindel Politik zu verfallen. Seit mehr als 10 Jahren haben informelle Kreise von Anarchist*innen und AntiautoritĂ€ren in diesem Kontext interveniert, Projekte, Dynamiken und Beziehungen geschaffen. Die Repression, die uns getroffen hat, muss in diesem Kontext als ein kontinuierliches Scheitern der repressiven KrĂ€fte bei dem Versuch gesehen werden, antagonistische Dynamiken zu kontrollieren. Die Repression gegen uns geschieht aus Rache fĂŒr die Niederlagen der letzten Jahre, die (ihre) AutoritĂ€t und Macht in Frage gestellt haben.

Wir wissen, dass die Erfahrungen die in Hamburg gemacht wurden, denen von GefĂ€hrt*innen an anderen Orten Ă€hneln und wir hoffen, dass es einen interessanten Austausch und Diskussion geben kann. Nach mehr als einem Jahr im Knast, umgeben von Beton, Stahl und Stacheldraht, sozialer Misere und Tod, der von dieser Welt hervorgebracht wird, fĂŒhlen wir noch immer die StĂ€rke und die WĂ€rme der SolidaritĂ€t unserer rebellischen Beziehungen. In diesem Geiste schicken wir eine Umarmung an die GefĂ€hrt*innen auf den Straßen, in den Zellen ihrer GefĂ€ngnisse und auf der Flucht.

Passt auf euch auf!
Freiheit und GlĂŒck!
Anarchist*innen, Hamburg (Deutschland), Juli 2020




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org