Dezember 4, 2021
Von SchwarzerPfeil
170 ansichten

Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen und anarchistische Gefangene unterstĂŒtzen.

***

Elany

WĂ€hrend ein Teil der Erde von BrĂ€nden heimgesucht wird und der andere Teil mit Überschwemmungen zu kĂ€mpfen hat, bedroht uns ein weiterer Aspekt: Covid-19. Doch die immer noch gegenwĂ€rtige Corona-Pandemie ist dabei nur der Anfang einer neuen Ära von Pandemien.

WĂ€hrend der Klimawandel und Forderungen nach Umweltschutz immer weiter zum „Mainstream“ werden, nimmt die Dringlichkeit von Pandemien zu. Die aktuelle Situation hat den Menschen eine deutliche Lektion erteilt: Tödliche Krankheitserreger stellen eine ebenso große und globale Bedrohung fĂŒr Menschen und andere Lebewesen dar.

Schon vor etwas mehr als 15 Jahren hat der Soziologe Mike Davis vorhergesagt, dass wir aufgrund der Massentierhaltung ein globales Zeitalter der Pandemien beschreiten und es uns in die Katastrophe fĂŒhren wird. Die industrielle Viehzucht fungiert wie eine Art Teilchenbeschleuniger. Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen fĂŒr die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und fĂŒr ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. Die globalen Versorgungsketten riesiger transnationaler Unternehmen mit Niederlassungen in einem halben Dutzend LĂ€ndern und MĂ€rkten in tausend StĂ€dten sowie die Urbanisierung tun ihr Übriges. Am Bedrohlichsten sind dabei die Vogelgrippeviren und wir wissen heute, dass wir wohl nur eine einzige Mutation davon entfernt sind, dass einer der tödlichsten StĂ€mme der Vogel­grippe pandemisch wird. Diese Seuchen, die von der Agrarindustrie geschaffen und verbreitet werden, legen sich anschließend mit besonderer Verheerung ĂŒber die Orte, die durch Kolonialismus und Kapitalismus in Armut versinken. Die Kombination aus mangelnder Gesundheitsversorgung und starker Urbanisierung fĂŒhrt schließlich zu einer ernsten Notlage, in der Seuchen die volle HĂ€rte der VerwĂŒstung anrichten.

Apropos VerwĂŒstung: Die Auswirkungen des Klimawandels sind ebenfalls mit voller HĂ€rte ĂŒberall um uns herum zu spĂŒren. Die Liste der VerwĂŒstung ist endlos. WĂ€lder werden abgeholzt, wobei hĂ€ufigere und intensivere Hitzewellen zu einer Zunahme von WaldbrĂ€nden, DĂŒrreperioden und WĂŒstenbildung fĂŒhren. Böden werden erodiert und Ackerland in WĂŒsten verwandelt. DĂŒngemittel, Herbizide, Fungizide und Pestizide verunreinigen die Lebensmittelversorgung. MĂŒlldeponien quellen ĂŒber mit synthetischen AbfĂ€llen. Kernkraftwerke fĂŒllen Luft, Land und Meer mit krebserregenden Partikeln. Ein chemischer Smog fĂŒllt die Straßen der StĂ€dte und vergiftet Menschen und andere Lebewesen auf Schritt und Tritt. PlastikmĂŒll zerfĂ€llt in Billionen von mikroskopisch kleinen Teilchen, die jeden lebenden Organismus infizieren. Chemikalien werden in Meere, Seen und FlĂŒsse gekippt. Giftstoffe sickern ins Grundwasser. Der Anstieg und die ErwĂ€rmung der Meere fĂŒhren zu stĂ€rkeren RegenfĂ€llen, schwereren Überschwemmungen, hĂ€ufigeren MegastĂŒrmen und der Überflutung von KĂŒstengebieten.

ZusĂ€tzlich zur ErwĂ€rmung erleben die Ozeane eine Versauerung und einen Sauerstoffverlust. Ein tödliches Trio, welches dazu fĂŒhrt, dass wir auf ein sechstes Massenaussterben des Lebens auf unserem Planeten zusteuern, bei dem das Artensterben 1000-mal so schnell voranschreitet wie normal. Wie die Ozeanografin Sylvia Earle festhĂ€lt: „Unser Leben hĂ€ngt vom lebendigen Ozean ab. Nicht nur von den Felsen und dem Wasser, sondern von stabilen, widerstandsfĂ€higen, vielfĂ€ltigen lebenden Systemen, die die Welt auf einem fĂŒr die Menschheit gĂŒnstigen, stetigen Kurs halten.“ Der Ozean bedeckt etwa 70% der Erde und ist zentral fĂŒr die Ermöglichung von Leben. Meerespflanzen erzeugen die HĂ€lfte des atembaren Sauerstoffs der Welt. Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir.

Die Agrarindustrie zerstört nicht nur Gemeinschaften, sondern breitet sich auch in die Wildnis aus, zerstört die Vielfalt und das Gleichgewicht der natĂŒrlichen Ökologie und ersetzt sie durch riesige Monokulturen. Die HĂ€lfte der bewohnbaren FlĂ€che der Erde wird heute landwirtschaftlich genutzt, und jedes Jahr kommen Millionen von Hektar hinzu. Ein Großteil dieser AnbauflĂ€chen dient der Futtermittelproduktion fĂŒr Hunderte von Millionen Schweinen, Rindern, Schafen und GeflĂŒgel, die fĂŒr die globalen Versorgungsketten gemĂ€stet werden, die die Welt umspannen.

ZusĂ€tzlich dazu kommen noch weitere soziale, ökonomische und politische VerschĂ€rfungen, wie etwa Hungersnöte und Wasserknappheit, Krankheiten und Tod durch Hitze, Seuchen und Zerstörung wichtiger LebensrĂ€ume und Kriege um schwindende Ressourcen und nutzbare Territorien. Der Klimawandel zerstört Lebensgrundlagen, verstĂ€rkt Krankheiten und vertreibt Menschen. Zusammen mit der Ära der Pandemien ergibt sich eine globale Kaskade des Leids.

Wo immer wir ökologische Zerstörung finden, finden wir die Industrie. Die Industrie ist nicht neutral und es könnte keine angemessene Lösung fĂŒr die Umweltzerstörung geben, solange die Industrie weiter existiert. Um das Leid zu beenden, bedarf es einen vollstĂ€ndigen Untergang der Industrie. Oder wie es in Revolte, einer anarchistische Zeitung aus Wien, 2019 in Ausgabe 43 treffend ausgedrĂŒckt wurde: „FĂŒr die Zerstörung der Industrie, der Arbeit und der Ausbeutung! FĂŒr die Sabotage und den direkten Angriff!“

Nachhaltige, grĂŒne Industrie?!

WĂ€hrend die Zerstörung der LebensrĂ€ume immer weiter voranschreitet, will uns die Industrie, welche fĂŒr all das Leid verantwortlich ist, die Lösung verkaufen: Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien.

An diesem Punkt ökologischer, sozialer und körperlicher Katastrophen mĂŒssen wir grĂŒne Lösungen wie die fĂ€lschlicherweise so genannte Revolution der Erneuerbaren Energien kritisch hinterfragen und als das identifizieren, was es tatsĂ€chlich ist: eine Aufrechterhaltung des Status Quo. Die angeblich grĂŒnen Energien halten die ökologische VerwĂŒstung und die globalen WohlstandsgefĂ€lle weiter aufrecht.

Die Zerstörung von LebensrĂ€umen von Menschen und Nicht-Menschen ist in den Massenproduktionsinfrastrukturen „erneuerbarer Energien“ impliziert, egal ob Solar, Wind, Biokraftstoffe, Wasserstoff, Atomkraft und andere angebliche erneuerbare Energien. Eine zerstörerische Norm wird dabei durch eine andere ersetzt. Diese Energien haben, wie die fossilen Brennstoffe, ihre Wurzeln in der kolonialistischen Rohstoffindustrie. Wieder einmal ist die „Lösung“ genau das Problem.

FĂŒr Batterie-Technologien können wir nach Bolivien (Lithium) und Kongo (Kobalt) schauen. Bei beiden Rohstoffen sind die ökologischen und humanitĂ€ren Kosten unverzeihlich: die Zerstörung von LebensrĂ€umen, Kindersklaverei und TodesfĂ€lle durch eine gefĂ€hrliche Arbeit. NatĂŒrlich wird der Elektroschrott hinterher ĂŒberall in SĂŒdamerika, Afrika und Asien verstreut. Lithium wird heute als „weißes Gold“ bezeichnet und die Gewinnung verbraucht riesige Mengen an Wasser, was die VerfĂŒgbarkeit fĂŒr Indigene Gemeinschaften und Wildtiere drastisch einschrĂ€nkt. ZusĂ€tzlich dazu werden giftige AbfĂ€lle produziert und chemische Lecks haben immer wieder FlĂŒsse und damit Menschen und Nicht-Menschen vergiftet.

GroßstaudĂ€mme fĂŒr Wasserkraft-Technologien haben in der Vergangenheit ebenfalls katastrophale Auswirkungen auf Indigene Völker und ihr Land gehabt.

Industrielle Windparks, deren Blender am Himmel Zugvögel zerhacken, verbrauchen kolossale Ressourcen fĂŒr die Produktion und Umsetzung (sowohl die Windturbinen als auch die Infrastruktur) und zerstören wandernde Wildtiere, wie FledermĂ€use und Vögel, die fĂŒr gesunde Ökosysteme wichtig sind und von denen einige zu den gefĂ€hrdeten Arten gehören.

FĂŒr Solarenergie werden riesige Solarindustriekomplexe errichtet, die das Land kahl schlagen und menschliche Populationen und Migrationsrouten von Tieren und Menschen fĂŒr die riesigen Solarfelder, Umspannwerke und Zufahrtsstraßen verdrĂ€ngen, die alle unglaublich kohlenstoffintensiven Beton benötigen. FĂŒr Wind- und Solarenergie sowie fĂŒr die Produktion von Biokraftstoffen wird 100-1000 Mal mehr LandflĂ€che benötigt als fĂŒr die Produktion fossiler Brennstoffe.

Scheiß auch auf die chinesischen VersorgungsbĂ€uer*innen, die jeden Tag krebserregenden IndustriemĂŒll aus den Solarpanel-Fabriken auf ihr Land gekippt bekommen. Die denken offensichtlich nicht ökologisch genug. Und vergiss die Ghanaer*innen, die sich darĂŒber beschweren, dass sich in ihren Hinterhöfen Berge von abgenutzten Solarmodulen zusammen mit dem Rest der veralteten Technik des Westens auftĂŒrmen. Sie behindern doch nur den ökologischen Fortschritt.

Ob Ölbohrungen, Kohlekraftwerke oder megalithische „grĂŒne“ Projekte — sie alle wurzeln in einer beispiellosen Zerstörung von LebensrĂ€umen fĂŒr Menschen und andere Lebewesen. Es kann daher nicht das Ziel sein, eine zerstörerische Technologie durch eine andere zu ersetzen. Das Ziel sollte eine massive und radikale Reduzierung des Energieverbrauchs sein.

Anarchist*innen, die nur dafĂŒr kĂ€mpfen die Industrie vom Kapitalismus zu befreien, mĂŒssen sich endlich der brutalen RealitĂ€t stellen. Nieder mit der Industrie, nieder mit der Arbeit. Um es mit den Worten des Indigenen Anarchisten ziq zu sagen: Beschlagnahmt die Mittel der Zerstörung! Und brennt sie verdammt noch mal nieder


Was als nÀchstes passiert, hÀngt davon ab, was wir tun. Die Notwendigkeit, aktiv zu werden, war noch nie so dringlich wie heute.

***

WeiterfĂŒhrende LektĂŒre was sogenannte grĂŒne Energien real bedeuten: SĂĄpmi – Widerstand gegen den grĂŒnen Kolonialismus

~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations- und Technologiekritik, indigenen KĂ€mpfen

Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de