November 2, 2020
Von Revista BUNA
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Mahala ist eine anti-autoritĂ€re und anarchistische Selbstorganisation von Arbeitenden in RumĂ€nien. Die Genossinnen und Genossen unterstĂŒtzen kĂ€mpfende Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie klĂ€ren ĂŒber Arbeitsrechte auf und sind immer wieder in der Öffentlichkeit prĂ€sent. Wir sprachen mit ihnen im Januar 2020.

1. Warum habt ihr Mahala gegrĂŒndet und was bedeutet euer Name?

„Mahala“ ist ein rumĂ€nisches Wort, das grob ĂŒbersetzt soviel wie „Slum“ oder „arme Nachbarschaft“ bedeutet. Traditionell bezieht es sich auf jede Form von Unterkunft, die mit einer Straße verbunden ist. Der heutige Gebrauch des Wortes ist meistens negativ besetzt, in Anbetracht dessen, wie Leute oft dazu tendieren, auf Menschen aus der arbeitenden Klasse, den Marginalisierten und Armen herunterzublicken. Trotzdem bringt es auch gleichzeitig das Bild ethnisch verschiedener und sozial vereinter Gemeinschaften in den Sinn, die gemeinsam gegen Armut kĂ€mpfen.

Agitation und AufklĂ€rung in TĂąrgoviște.

Wir grĂŒndeten Mahala, beeinflusst von anarcho-syndikalistischen Kampf- und Organisations-Methoden, basierend auf den Prinzipien von Anti-Autoritarismus, anti-kapitalistischer SolidaritĂ€t, Konsens, UnabhĂ€ngigkeit und Freiheit, geschlechtlicher, politischer und ökonomischer Gleichheit und Gerechtigkeit – um nur ein paar zu nennen – als eine informelle Gruppe im Sommer 2015 in Bukarest. Die Notwendigkeit diese Gruppe zu bilden, erwuchs aufgrund der durch AusteritĂ€t, Deregulierung, Flexibilisierung und anderen neoliberalen Konditionen erzeugten Bedingungen, die seit der letzten Dekade zur Anwendung kommen. Die GrĂŒndung war zudem unsere Reaktion auf eine wachsende rechtsextreme Stimmung, die innerhalb des politischen und kulturellen Lebens Wurzeln geschlagen hat.

2. Was ist eure Motivation gerade in der Arbeitswelt zu agieren?

Wenn man in RumĂ€nien aufgewachsen ist, kann man nicht anders, als festzustellen, dass die liberale Klasse, die Konservativen und die sogenannten Sozialdemokraten den Anstieg der Armutsraten verleugnen (von denen sie behaupten, dass die Armut ausschließlich die Schuld der Armen ist und nichts mit systemischen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten zu tun hat), die massiven Einkommensunterschiede, Lebensbedingungen und Lebenserwartung.

Trotz der wachsenden Ungleichheiten und der Armut, die sich Tag fĂŒr Tag offenbaren und die sogar durch einige darauf bezogene Studien und Reportagen hervorgehoben wurden, weigern sich Politiker und Intellektuelle sich mit dem Thema der Arbeit zu befassen. Dies liegt daran, dass ein gewerkschaftlicher Aktivismus noch heute teilweise mit dem ehemaligen national-kommunistischen Regime in Verbindung gebracht wird. Gleichzeitig legen die etwas erfolgreichere Mittelklasse und die stĂ€dtischen Arbeiter eine verletzende Arbeitsethik an den Tag, nach der sich der eigene Wert als Mensch in den Kategorien von Arbeit, Stellung und Einkommen ausdrĂŒckt. Diese ZustĂ€nde dargelegt, erscheint es ganz natĂŒrlich im Feld der Arbeit aktiv zu sein, zumal wir weder erwarten noch hoffen können, nachhaltigen strukturellen Wandel durch politische Parteien oder NGOs zu erzielen.

3. Könnt ihr die ArbeitsrealitÀt in RumÀnien beschreiben? Wie sieht die Wirtschaft aus, welche Industrien gibt es? Und könnt ihr was zu den Arbeitsbedingungen und Löhnen sagen?

Industrie und Ökonomie sind in RumĂ€nien entlang verschiedener Linien getrennt, wie beispielsweise Stadt und Land, Industrieansiedlungen rund um die Hauptstadt Bukarest – und der handvoll großer StĂ€dte die es gibt – im Gegensatz zu den kleineren StĂ€dten, die Unterscheidungen zwischen den BĂŒroarbeitern und denen in den blauen AnzĂŒgen usw. Obzwar ein Mindestlohn existiert, gehört dieser zu den niedrigsten in ganz Europa, mehr noch, mehr als 50% der Arbeitenden erhalten nur diesen Mindestlohn, der weniger als 300 Euro betrĂ€gt.

Nahezu wie ĂŒberall anders auch, ist „Flexibilisierung“ das perfekte Wort, um die Arbeit und das rumĂ€nische Arbeitsrecht zu beschreiben. 2011 entschied die Regierung, die Arbeitsgesetzgebung zu „flexibilisieren“, um Investoren aufmerksam zu machen. Ungeachtet öffentlicher Opposition und vereinzelten Protesten wurde das Gesetzesvorhaben als Teil eines Pakets grĂ¶ĂŸerer AusteritĂ€tsmaßnahmen angenommen. Augenblicklich, als eine Konsequenz dieser Entscheidung, ist es Arbeitern „erlaubt“ Mehrarbeitsstunden zu leisten, manchmal bis zur Erschöpfung. Das generelle Arbeitsklima ist repressiver als zuvor und die Macht der Bosse und der Unternehmer ist gewachsen.

Neue Formen von außerberuflicher Arbeit, wie beispielsweise das Fahren fĂŒr uber oder glovo oder Ă€hnliche TĂ€tigkeiten in der digitalen Arbeitswelt haben zugenommen. In dieser Form des neoliberalen Kapitalismus arbeiten Menschen ohne jegliche Dokumente oder VertrĂ€ge, ohne jegliche Krankenversicherung und ohne jede Sicherheit zu wissen, was morgen geschehen wird.

„Flexibilisierung bedeutet Prekarisierung! SolidaritĂ€t!“ Foto von der Teilnahme von Mahala an einer ArbeiterInnen-Demonstration in Bukarest.

Auf der anderen Seite gibt es die Industriearbeiter (die neue kapitalistische Industrie in Nachfolge der alten sozialistischen Industrie, die als unprofitabel empfunden und in den Bankrott gefĂŒhrt und stillgelegt wurde), die die grĂ¶ĂŸte Zeit ihres Lebens fĂŒr den Mindestlohn in einem autoritĂ€ren und bedrĂŒckenden Klima schuften. Einige von ihnen werden gekĂŒndigt, wenn sie nur die ihnen zustehenden Bonusse verlangen oder eine Gewerkschaft grĂŒnden wollen.

4. Viele Menschen aus RumĂ€nien arbeiten in westlichen LĂ€ndern, z.B. in Italien, Spanien, Großbritannien oder Deutschland. Ihre sehr schlechte Bezahlung und oftmals auch schlechte Behandlung durch die Unternehmen sind bekannt. Seid ihr auch unter den rumĂ€nischen Arbeiterinnen und Arbeitern in der „Diaspora“ aktiv?

Wir sind uns ĂŒber viele der Probleme bewusst, denen diese ArbeiterInnen gegenĂŒber stehen und sind mit einigen von ihnen im Kontakt. Doch wirklich aktiv unter den Arbeitenden außerhalb RumĂ€niens sind wir nicht. Wir etablierten jedoch Kontakte mit verschiedenen Gruppen, die aktiv sind und auslĂ€ndische ArbeiterInnen unterstĂŒtzen oder gewerkschaftlich organisieren. Wir halfen ihnen verschiedene BroschĂŒren und Materialien ins rumĂ€nische zu ĂŒbersetzen oder beim AusfĂŒllen bĂŒrokratischer Formulare. Viele dieser BroschĂŒren und Texte betreffen schwere körperliche Arbeit und Sex-Arbeit, da die Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, diese unter schwierigen Bedingungen erbringen.

5. Konntet ihr bei eurer Arbeit Erfolge verbuchen?

Unsere Arbeit besteht im Angebot kameradschaftlicher Hilfe fĂŒr ArbeiterInnen und dem Anspruch problematische Situationen, wie z.B. nicht gezahlte Löhne, nicht gezahlte Krankenversicherungen, AufhebungsvertrĂ€ge/KĂŒndigungen und so weiter im Interesse der ArbeiterInnen zu lösen. Viele unserer Aktionen waren im Hinblick auf EntschĂ€digungen erfolgreich.

Öffentliche Intervention gegen einen Auftritt des Arbeitsministers DragoƟ Püslaru. „Gute Ökonomie geht durch den Magen“ ist auf dem Transparent zu lesen.

Um ein paar Beispiele darzulegen: Wir halfen einer Arbeiterin ihren Lohn fĂŒr zwei Monate zu erhalten, indem wir einfach einen Brief an den Boss schickten, in dem wir unsere SolidaritĂ€t mit der Arbeiterin erklĂ€rten. Am nĂ€chsten Tag riefen sie sie an, um ihr sofort den Betrag, den sie ihr schuldeten, zu ĂŒbergeben. Eine weitere erfolgreiche Aktion betraf die Arbeiter der DeLonghi Fabrik in der Metropolregion Cluj-Napoca. (DeLonghi produziert Kaffeeautomaten und Ă€hnliches, Anm. BUNĂ). Die Arbeiter beschlossen vor Weihnachten in den Streik zu treten, da eine komplette Betriebsabteilung den Weihnachtsbonus nicht erhielt, den die Arbeiter aus den anderen Abteilungen erhalten hatten. Sie unternahmen Aktion und dann kam die Personalabteilung und versuchte sie zu beruhigen, indem sie ihnen versprach: „Ihr bekommt den Bonus, macht euch keine Sorgen“. WĂ€hrend der Weihnachtsferien gingen die Arbeiter in Urlaub. Als sie zurĂŒck in die Fabrik kamen, rief die Personalabteilung zwei bis drei Arbeiter pro Woche in ihr BĂŒro und zwang sie ihre KĂŒndigungen zu unterschreiben. Wir kamen in Kontakt mit den Arbeitern und unterstĂŒtzten sie dabei, ZwangskĂŒndigungen zu verweigern und schufen öffentlichen Druck auf DeLonghi, um die Angriffe zu beenden. DeLonghi erklĂ€rte daraufhin, keine weiteren Entlassungen aus diesem Grund auszusprechen.

6. In RumĂ€nien existieren mehrere GewerkschaftsverbĂ€nde. Sind diese alle sozialpartnerschaftlich ausgerichtet? Und welchen Einfluß haben sie? Sind sie unabhĂ€ngig von Staat und Kapital?

Viele der Gewerkschaften sind das, was wir traditionell als gelbe oder reformistische Gewerkschaften bezeichnen wĂŒrden. Sie schaffen einen bĂŒrokratischen Apparat und bemĂŒhen sich neben den Kapitalisten und politischen Parteien zu arbeiten. WĂ€hrend ihr Einfluß mit jedem neuen Vorstoß fĂŒr „Flexibilisierungen“ abnimmt, haben sie noch immer eine traditionelle Verankerung in Fabriken und ArbeitsstĂ€tten; ein Verdienst jahrelanger AktivitĂ€t und Netzwerkarbeit. Sie erscheinen völlig abgehoben von den tĂ€glichen RealitĂ€ten und BedĂŒrfnissen ihrer Mitglieder. Man könnte einige offensichtliche Parallelen in der Beziehung von Gewerkschaften und der Labour-Party in Großbritannien ziehen, da die rumĂ€nischen Gewerkschaften („Sindicat“ genannt) traditionell bessere Verhandlungen mit der neoliberalen sozial-demokratischen Partei fĂŒhren konnten als mit jeder anderen politischen Partei oder Koalition. Trotz des gesagten wird es in RumĂ€nien höchst missbilligt, wenn man ein Gewerkschaftsmitglied ist oder eine Gewerkschaft grĂŒnden will. Es gab FĂ€lle von Gewalt gegen gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnen, auch in jĂŒngster Vergangenheit.

7. Was denkt ihr, ist die Lösung fĂŒr all die durch Kapitalismus und Staat geschaffenen elementaren gesellschaftlichen Probleme von Ausbeutung, Armut und damit verbundener Unfreiheit und Erniedrigungen?

Die ideale Lösung, so denken wir, ist sehr offensichtlich: Die Demontage des autoritĂ€ren kapitalistischen Systems und sein Ersetzen durch verschiedene Formen von Organisierung, basierend auf kollektivistischen, syndikalistischen und kommunalen Prinzipien, organisiert in föderalistischer Weise mit einem Schwerpunkt auf direkter Demokratie und sozialer Ökologie.

Ein schnellerer Ansatz, einer der unsere aktuellen RealitĂ€ten und FĂ€higkeiten besser reflektiert, ist es, duale Machtstrukturen zu schaffen. Wir meinen damit auf der einen Seite die Schaffung vieler informeller Alternativen zum Staat, wie beispielsweise Grasswurzel-Organisationen und radikale Gewerkschaften, die auf anarchistischen und intersektionellen Prinzipien beruhen. Auf der anderen Seite sollte so weit wie es nur geht Druck erzeugt werden um Reformen zu erzielen, Gesetze, die ArbeiterInnen gestatten, die Kontrolle ĂŒber ihren Arbeitsplatz auszuĂŒben oder zumindest einige Formen von Arbeitsplatzdemokratie zu haben. Weiterhin muss Druck geschaffen werden fĂŒr eine humane und umweltfreundliche Politik. Bei alledem dĂŒrfen unsere radikaleren und emanzipatorischen Ziele nicht beeintrĂ€chtigt werden.

8. Welche Möglichkeiten seht ihr, eine anarcho-syndikalistische Föderation in RumÀnien zu schaffen?

Das ist eine komplizierte Diskussion, doch wir denken, dass es besser wĂ€re, eine solche auf einer grĂ¶ĂŸeren Ebene zu schaffen, innerhalb des Rahmens balkanweiter und ost-europĂ€ischer SolidaritĂ€t, anstelle einer nationalen Ebene. Diese Regionen haben eine grĂ¶ĂŸere Tradition der Organisierung und anti-autoritĂ€rer KĂ€mpfe. Das Zusammenbringen dieser vielfĂ€ltigen Bereiche, entlang verschiedener Formen lokaler SolidaritĂ€t und unterschiedlicher AnsĂ€tze von Widerstand und gegenseitiger Hilfe kann zu einem föderalistischen Netzwerk fĂŒhren, in welchem Anarcho-Syndikalismus ein (wichtiger) Teil sein kann, der im Tandem mit radikalen kommunalistischen und grĂŒnen Bewegungen, autonomen Kollektiven usw. besteht.

9. Arbeitet ihr mit gleichgesinnten Gruppen in RumĂ€nien zusammen? Wie beurteilt ihr die jĂŒngere Entwicklung der anarchistischen Bewegung in RumĂ€nien?

Die radikale Linke und anarchistische Szene in RumĂ€nien ist in den letzten fĂŒnf Jahren angewachsen. Im Moment gibt es viele Gruppen in verschiedenen StĂ€dten. Einige verwalten RĂ€ume und LokalitĂ€ten, wĂ€hrend andere das nicht tun. Wir sind in Verbindung mit dem Autonomen Kollektiv Macaz Colectiva Autonomă Macaz in Bukarest – Macaz ist das rumĂ€nische Wort fĂŒr Weiche – und mit Acasă (Zuhause) aus Cluj-Napoca. Es gibt Kollektive, die keine eigenen RĂ€umlichkeiten betreiben, dafĂŒr aber beispielsweise online aktiv sind. Dazu gehört der Verlag Editura Pagini Libere (einige von uns sind Mitglieder dieses Kollektivs), A-Szem (ein Kollektiv, das Texte in ungarischer Sprache verlegt), Anarhiva (ein Kollektiv, das historische anarchistische Dokumente digitalisiert und kostenlos zugĂ€nglich macht, beispielsweise anarchistische Schriften aus dem 20. Jahrhundert und so weiter), FCDL (die kommunale Front fĂŒr das Recht auf Wohnen), Dreptul la Oraș (Recht auf Stadt) aus Temeswar und viele andere.

Weiterhin gibt es Gruppen, mit denen wir nicht zusammen arbeiten. Bei manchen aufgrund der Distanz oder weil wir nicht wirklich in Verbindung stehen. Dazu gehören z.B.: Armonia (Harmonie) aus Temeswar, Niște Fete (Einige MĂ€dchen), die die feministische Zeitschrift zine.fem herausgeben, Dysnomya, ein Kollektiv, das eine feministische Zeitschrift gleichen Namens herausgibt und viele andere.

10. Was ist euch noch wichtig zu sagen?

Wir können wirklich nicht zwischen „Organisieren wir uns!“ oder „SolidaritĂ€t!“ entscheiden. Also machen wir mit beidem weiter.

Vielen Dank!

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #7




Quelle: Revistabuna.wordpress.com