Juni 6, 2021
Von SchwarzerPfeil
229 ansichten


Download als eBook oder PDF:

the_broken_teapot

Der folgende Text erschien 2012 auf englisch in der BroschĂŒre „The Broken Teapot“. In dieser BroschĂŒre setzten sich langjĂ€hrige Vertreter*innen kritisch mit der in den USA weitverbreiteten Community Accountability auseinander und erklĂ€rten sie fĂŒr gescheitert.

In Zeiten der wachsenden Beliebtheit von Internetoutings (vorgeblich) ĂŒbergriffiger Personen, die höchst unkonkret bleiben und eine unkritische und unhinterfragbare SolidaritĂ€t und Unterwerfung unter die dort gestellten Forderungen verlangen, sowie der immer grĂ¶ĂŸeren Verbreitung von Awareness- und Community-Accountability-Konzepten im deutschsprachigen Raum, erscheint mir eine Übersetzung und Veröffentlichung dieses Textes ins Deutsche aktueller und dringender denn je.

In AuszĂŒgen erschien eine Übersetzung bereits vor einigen Monaten in der BroschĂŒre „I survived Awareness„(eine BroschĂŒre, die sich kritisch mit Awareness und Community Accountability speziell im deutschsprachigen Kontext auseinandersetzt und die ich deswegen auch zur ganzen LektĂŒre nur empfehlen kann). Im Folgenden findet ihr den Text vollstĂ€ndig ĂŒbersetzt.

Wie fĂ€ngst du an zu sagen, „Ich denke, dass wir das komplett falsch angegangen sind“? Wie kommst du aus einer Sackgasse raus, ohne einen Schritt zurĂŒck zu machen?

Es scheint so, als dass in den letzten fĂŒnfzehn Jahren Vergewaltigung von einem Thema, ĂŒber das nur Feminist*innen redeten und das von anderen Communities kleingeredet wurde, zu einer der am meisten angegriffenen Formen der UnterdrĂŒckung geworden ist. Ein Teil dieses Wandels dĂŒrfte der harten Arbeit von Feminist*innen und queeren Aktivist*innen zu verdanken sein, ein anderer Teil der Verbreitung des Anarchismus, mit seiner starken Betonung auf Klassen- und Geschlechterpolitik, und ein anderer Teil der Antiglobalisierungsbewegung, die viele zuvor getrennte Einzelthemen zusammenbrachte.

Trotz all der VerĂ€nderungen in den letzten fĂŒnfzehn Jahren ist es immer noch genauso verbreitet zu hören, dass Menschen das GefĂŒhl haben, dass Vergewaltigung immer noch in radikalen Communities stillschweigend erlaubt ist oder dass die Themen Geschlecht und Patriarchat kleingeredet werden, auch wenn in den meisten aktivistischen oder anarchistischen Konferenzen und Distros, die ich kenne, Rape Culture und Patriarchat sich unter den am meisten besprochenen Themen befinden, und es war auch nicht nur Gerede. In den Communities, denen ich angehört habe, sind Vergewaltiger*innen und Missbraucher*innen rausgeworfen worden und Überlebende sind unterstĂŒtzt worden, begleitet von einem Haufen feministischer AktivitĂ€ten, Veranstaltungen und Aktionen.

Trotzdem treffe ich jedes Jahr mehr Leute, die Geschichten von Communities haben, die durch Vergewaltigungs- und Missbrauchsanschuldigungen zerrissen wurden, durch den Schock und das Trauma der ursprĂŒnglichen Verletzung als auch durch die Art und Weise, wie Menschen darauf reagiert und sich selbst positioniert haben. Eine Option ist, die passive Mehrheit anzuklagen, die keine Stellung beziehen will und lediglich ein Lippenbekenntnis gegenĂŒber der neuen politisch korrekten Doktrin ablegen, ohne ihre Ideale auch zu leben. In manchen FĂ€llen denke ich, dass das genau das war, was passiert ist. Aber selbst wenn es volle UnterstĂŒtzung durch die Community gibt, geht es oft genug immer noch schief.

Nach Jahren das Nachdenkens ĂŒber dieses Problem, des Kennenlernens der Erfahrung anderer Menschen und des Mitbekommens von weitem wie aus der NĂ€he von Accountability-Prozessen bin ich der festen Überzeugung, dass das Modell, das wir fĂŒr das VerstĂ€ndnis und die Reaktion auf Vergewaltigung haben, total mangelhaft ist. Lange Zeit habe ich Kritik an diesem Modell gehört, aber einerseits fand ich keine ausfĂŒhrliche ErklĂ€rung dieser Kritik und andererseits war ich darauf trainiert, anzunehmen, dass jede*r, die*der das Modell kritisiert, Verfechter*in von Vergewaltigung ist, die*der defensiv wird, weil ihre*seine eigenen patriarchalen Haltungen geoutet worden waren. Nachdem ich persönlich eine Reihe an kritischen Personen getroffen hatte, die selbst seit langem Feminist*innen und Überlebende waren, fing ich an ernsthaft meine Annahmen zu hinterfragen.

Seitdem bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Art und Weise, auf die wir Vergewaltigung verstehen und mit ihr umgehen, völlig falsch ist und dass es oft mehr Schaden verursacht als es Gutes tut. Aber viele der ZĂŒge des aktuellen Modells waren vernĂŒnftige Reaktionen auf die Linke, die sich einen Dreck um Vergewaltigung und Patriarchat scherte. Vielleicht war der grĂ¶ĂŸte Fehler des Modells und der Aktivist*innen, die es entwarfen, dass sie, auch wenn sie die offensichtlicheren patriarchalen Haltungen der traditionellen Linken verwarfen, unbewusst eine MentalitĂ€t des Puritanismus und von Recht und Ordnung, wie sie uns die patriarchale Gesellschaft antrainiert, mit einbauten. Ich will nicht zurĂŒck zu einem komplizenhaften Schweigen um diese Themen herum. Deshalb möchte ich jede Kritik, die ich an dem aktuellen Modell habe, mit VorschlĂ€gen fĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis von und eine bessere Art mit Vergewaltigung umzugehen, begleiten.

Als ich in einer gegenseitig missbrĂ€uchlichen Beziehung war, eine, in der wir beide Sachen gemacht haben, die wir nicht hĂ€tten tun sollen, ohne uns dessen direkt bewusst zu sein, was bei der anderen Person ernsten psychischen Schaden verursachte, lernte ich einige interessante Dinge ĂŒber das Label „Überlebende*r“. Es reprĂ€sentiert eine Macht, die dem Prozess des Heilens entgegensteht. Wenn ich öffentlich geoutet werde, werde ich eine moralisch verachtenswerte Person. Aber wenn ich auch ein*e Überlebende*r war, verdiente ich auf einmal MitgefĂŒhl und UnterstĂŒtzung. Nichts davon war von den Fakten der Situation abhĂ€ngig, sondern davon, wie wir uns eigentlich gegenseitig verletzt haben. TatsĂ€chlich kannte niemand anderes die Details und sogar wir zwei konnten uns nicht darauf einigen. Das Einzige, das von Bedeutung war, war eine Anklage zu machen. Und wie uns das aktivistische Modell schnell lehrte, es reichte nicht zu sagen, „Du hast mich verletzt.“ Wir mussten das spezifische Verbrechen benennen. „Missbrauch.“ „Übergriff.“ „Vergewaltigung.“ Ein Name von einer sehr konkreten Namensliste, die eine besondere Macht genießen. Nicht unĂ€hnlich zu einem Strafgesetzbuch.

Ich wollte keine Entschuldigung dafĂŒr finden, wie ich jemanden, den*die ich liebte, verletzt hatte. Ich wollte verstehen, wie ich in der Lage sein konnte diese Person zu verletzen, ohne dass es mir damals bewusst war. Aber ich musste meinen Schmerz und meine Wut gegenĂŒber der anderen Person in Anklagen, gemĂ€ĂŸ eines bestimmten Vokabulars, umwandeln, oder ich wĂŒrde ein*e GeĂ€chtete*r werden und viel grĂ¶ĂŸeren Schaden erleiden als die Selbstzerstörung dieser einen Beziehung. Der Fakt, dass ich von einer Familie komme, die missbrĂ€uchlich ist, konnte mir einige Sympathiepunkte einbringen. Alle, auch diejenigen, die es nicht zugeben wollen, wissen, dass innerhalb dieses Systems das Erleiden von Missbrauch in deiner Vergangenheit dir eine Art LegitimitĂ€t verschafft, ja sogar eine Entschuldigung dafĂŒr, jemand anderes zu verletzen. Aber ich will keine Entschuldigung. Ich will, dass es mir besser geht und ich will so leben, dass ich das Patriarchat nicht aufrechterhalte. Ich will ganz sicher nicht ĂŒber schmerzhafte Geschichten aus meiner Vergangenheit mit Menschen reden, die nicht bedingungslos verstĂ€ndnisvoll mir gegenĂŒber sind, und bei denen dieses der einzige Weg wĂ€re ihr MitgefĂŒhl zu bekommen und ein Mensch in ihren Augen zu werden.

Was die andere Person betrifft, ich weiß nicht, was in ihrem*seinem Kopf vorging, aber ich weiß, dass er*sie dazu in der Lage war zu leugnen, dass sie*er mich jemals verletzt hatte, sich ĂŒber meinen Willen hinweggesetzt hatte, meine Autonomie verletzt hatte und mich angelogen hatte, indem sie*er diese Missbrauchsanklage erhob. Das Label des*der „Überlebenden“ beschĂŒtzte sie*ihn vor Verantwortung. Es ermĂ€chtigte sie*ihn auch Forderungen an mich zu stellen, die ich auch alle erfĂŒllte, obwohl einige von ihnen mir und anderen Personen schadeten. Weil ich mich dagegen entschieden hatte, meine Anklage öffentlich zu machen, hatte ich deutlich weniger Macht mich in dieser Situation zu schĂŒtzen.

Und was die sogenannte Community angeht, so unterstĂŒtzten mich jene, die gute Freund*innen waren. Einige von ihnen befragten mich und gingen sicher, dass ich einen Prozess der Selbstkritik durchmachte. Diejenigen, die keine Freund*innen waren oder die etwas gegen mich hatten, versuchten mich auszuschließen, wĂ€hrend sie eine andere Person aufnahmen, die davor geoutet worden war. In anderen Worten, der Missbrauchsvorwurf wurde als Gelegenheit genutzt, um Machtspielchen innerhalb unserer sogenannten Community zu spielen.

Auch wenn es noch so oft betont wird, dass GefĂŒhle wichtig sind und ernst genommen werden, ist das aktivistische Modell mit totaler GleichgĂŒltigkeit kodiert. Der einzige Weg, den Ball der Community Accountability ins Rollen zu bringen, ist jemanden zu beschuldigen ein bestimmtes Verbrechen begangen zu haben.

Die Rolle unserer meistvertrauten Freund*innen, unsere Reaktionen, unsere Impulse und sogar unsere eigenen Erfahrungen zu hinterfragen, ist unbezahlbar. Diese Form des Hinterfragens ist tatsĂ€chlich die wertvollste Sache, die eine Freundschaft zu bieten hat. Niemand ist unfehlbar und wir können nur lernen und wachsen, wenn wir infrage gestellt werden. Ein*e gute*r Freund*in ist jemand, die*der dein Verhalten in einer schwierigen Zeit hinterfragen kann, ohne jemals ihre UnterstĂŒtzung dir gegenĂŒber zu entziehen. Die Vorstellung, dass „die*der Überlebende immer Recht hat“ schafft individualistische Erwartungen an den Heilungsprozess. Ein*e Überlebende*r als auch ein*e TĂ€ter*in muss fĂŒr seinen*ihren Heilungsprozess verantwortlich sein, aber diejenigen, die sie unterstĂŒtzen, können nicht zum Schweigen gebracht werden und es kann nicht von ihnen erwartet werden, dass sie jeden Wunsch erfĂŒllen. Das ist offensichtlich in dem Fall, in dem jemand jemand anderes verletzt hat, es sollte aber auch in dem Fall klar sein, in dem jemand verletzt wurde. Wir brauchen einander, um zu heilen. Aber die anderen im Heilungsprozess können keine stummgeschalteten Körper sein. Sie mĂŒssen kommunikative und kritische Körper sein.

Der Begriff „TĂ€ter*in“ sollte sofort Alarmglocken schrillen lassen. Das aktuelle Modell verwendet nicht nur das Vokabular sondern auch die Grammatik des Strafjustizsystems, das eine durch und durch patriarchale Institution ist. Das macht perfekt Sinn: Recht und Ordnung sind eines der am tiefsten verwurzelten Elemente der amerikanischen Psyche, und unmittelbarer, viele feministische Aktivist*innen sind mit einem Fuß in radikalen Communities und mit dem anderen in NGOs (Non-Governmental Organizations). Das Fehlen einer Kritik an diesen NGOs macht es nur umso sicherer, dass sie uns in institutionellen Formen des Denkens ausbilden.

Das aktuelle Modell ist nicht nur abstoßend wegen seines Puritanismus und seiner Ähnlichkeit mit christlichen Konzepten des*der ErwĂ€hlten und der*des Verdammten; es ist auch ein Widerspruch mit queeren, feministischen und anarchisten VerstĂ€ndnissen des Patriarchats. Wenn alle oder die meisten in der Lage sind jemandem zu schaden, missbrĂ€uchlich zu handeln oder sogar jemanden zu vergewaltigen (gemĂ€ĂŸ der aktivistischen Definition, die das Nichterkennen des Fehlens eines Konsenses einschließen kann, im Gegensatz zur traditionellen Definition, die sich auf gewaltsame Vergewaltigung konzentriert), dann macht es keinen Sinn die Menschen moralisch zu stigmatisieren, so als wĂ€ren sie besonders schlecht oder gefĂ€hrlich. Der Punkt, den wir versuchen zu machen, ist, dass nicht die relativ wenigen Menschen, die öffentlich wegen Missbrauchs oder sogar wegen Vergewaltigung geoutet werden, besonders böse sind, sondern dass die gesamte Kultur solche Machtdynamiken unterstĂŒtzt, in einem Ausmaß, dass diese Formen der Verletzung ĂŒblich sind. Indem mensch einen selbstgerechten, „entschlossenen“ Standpunkt „gegen das Verbrechen“ einnimmt, kann jede*r sich selbst als „die Guten“ hinstellen. Aber es kann keine Guten ohne Böse geben. Das ist das gleiche patriarchale Narrativ vom Schurken, dem Opfer und dem*der Erlöser*in, selbst wenn in der letzteren Rolle statt des festen Freunds oder des*der Polizeibeamt*in wir jetzt die Community haben.

Der Begriff „Überlebende*r“ auf der anderen Seite fĂŒhrt die Viktimisierung des Standardbegriffs „Opfer“ fort, fĂŒr das er ein Ersatz sein sollte. Ein Grund dafĂŒr, jemanden „Überlebende*r“ zu nennen, ist, auf den Prozess des BewĂ€ltigens der Vergewaltigung zu fokussieren, auch wenn er die Personen fortwĂ€hrend im VerhĂ€ltnis dazu definiert. Der andere Grund ist ein Bewusstsein dafĂŒr zu schaffen, wie viele tausende von Leuten, ĂŒberwiegend Frauen, queere und trans Personen jedes Jahr durch patriarchale Gewalt verletzt und getötet werden. Das ist ein wichtiger zu betonender Punkt. Trotzdem, unter dem Aspekt, dass Vergewaltigung in aktivistischen Kreisen neu definiert wurde und dass der Begriff „Überlebende*r“ auf alle Personen erweitert wurde, die jegliche Form des Missbrauchs erleiden, muss in Betracht gezogen werden, dass die grĂ¶ĂŸte Mehrheit der Dinge, die Vergewaltigung oder Missbrauch ausmachen, nicht die leiseste Möglichkeit nach sich ziehen das Leben einer Person zu beenden. Dieser Begriff verwischt verschiedene Formen der Gewalt.

Hoffentlich denkt der*die Leser*in, dass eine Handlung nicht potenziell tödlich sein muss, um eine sehr reale Verletzung darzustellen. Ich bin vollkommen einverstanden. Aber wenn das der Fall ist, warum mĂŒssen wir es so klingen lassen, dass es das muss, um ernst genommen zu werden? Warum alle Formen der Verletzungen mit lebensbedrohlichen Verletzungen verbinden als zu kommunizieren, dass alle Formen der Verletzung ernstzunehmen sind?

BezĂŒglich dieser Verbrechen haben sich die Definition wesentlich verĂ€ndert, jedoch bleiben sie immer noch Kategorien der KriminalitĂ€t, die einige vordefinierte Bedingungen erfĂŒllen mĂŒssen, um eine bestimmte Bestrafung zu rechtfertigen. Das aktivistische Modell war Ă€ußerst radikal, indem sie die Figur der*des Richters*in entfernt und der Person, die verletzt wurde, ermöglicht hat fĂŒr sich selbst zu richten. Jedoch wurde die Richter*innenrolle nicht abgeschafft, lediglich zur*zum Überlebenden transferiert, und sekundĂ€r zu den Leuten, die den Accountability-Prozess betreuen. Der Akt des Richtens findet immer noch statt, weil wir immer noch ein Verbrechen bestrafen, auch wenn es nie so genannt wird.

Die patriarchale Definition von Vergewaltigung wurde aufgegeben zugunsten eines neuen VerstĂ€ndnisses, das Vergewaltigung als Sex ohne Konsens definiert, mit ganzen Workshops und Pamphleten, die sich der Frage des Konsens widmen. Konsens muss affirmativ sein anstatt die Abwesenheit eines Nein, er gilt nicht bei Vergiftung, EinschĂŒchterung oder DrĂ€ngen, er sollte verbal und explizit zwischen Leuten sein, die sich nicht besonders gut kennen und er kann jederzeit zurĂŒckgezogen werden. Die Erfahrung eines*r Überlebenden darf nie infrage gestellt werden, oder um es anders zu formulieren, ein Vergewaltigungsvorwurf ist immer wahr. Eine Ă€hnliche Formulierung, die diese Definition zusammenfasst, ist „Es ist ein Übergriff, wenn ich mich ĂŒbergriffig behandelt fĂŒhle.“

Ich will Vergewaltigung nicht von anderen Formen der Verletzung unterscheiden, ohne darĂŒber zu reden, wie mensch angemessen alle Formen der Verletzung angeht. Eine Lösung, die nicht von uns verlangt darĂŒber zu richten, welche Form der Verletzung wichtiger ist, die aber auch nicht so tut als sei jede Form der Verletzung gleich, wĂŒrde zwei Teile umfassen. Der erste Teil wĂ€re endlich die Wichtigkeit von GefĂŒhlen anzuerkennen, indem mensch aktiv wird, wenn jemand sagt, „Ich bin verletzt worden“, und nicht zu warten, bis jemand eine Anklage eines spezifischen Verbrechens, wie etwa Missbrauch oder Vergewaltigung, erhebt. Weil wir nĂ€mlich darauf reagieren, dass es zu einer Verletzung eines Menschen kam und nicht zu einer Verletzung eines ungeschriebenen Gesetzes, wir brauchen nicht nach einer Person Ausschau halten, die wir beschuldigen können. Das Wichtige ist, dass jemand verletzt ist und dass diese Person UnterstĂŒtzung braucht. Nur wenn sie entdeckt, dass es ihr nicht besser geht, ohne mit der anderen Person eine Form von Mediation aufzunehmen oder ohne Raum und Abstand zu ihr zu bekommen, ist es notwendig die andere Person miteinzubeziehen. Die andere Person muss nicht stigmatisiert werden, und die Machtspielchen, die Teil der Labels „TĂ€ter*in“ und „Überlebende*r“ sind, werden vermieden.

Der zweite Teil Ă€ndert den Schwerpunkt weg von der Definition der Konsensmissachtung hin zu einem Fokus, wie mensch verhindern kann, dass so etwas noch einmal passiert. Jeder Akt der Verletzung kann mit folgender Frage vor Augen betrachtet werden: „Was wĂ€re nötig gewesen, um zu verhindern, dass das passiert ist.“ Diese Frage muss von der Person gestellt werden, die verletzt wurde, von ihrem sozialen Umfeld und wenn möglich auch von der Person, die die Verletzung verursacht hat.

Das soziale Umfeld wird am wahrscheinlichsten in der Lage sein diese Frage zu beantworten, wenn die Verletzung in Verbindung mit Langzeitbeziehungen oder gemeinsam geteilten sozialen RĂ€umen steht. Sie könnten realisieren, dass wenn sie besser aufgepasst hĂ€tten oder besser vorbereitet gewesen wĂ€ren, sie die Anzeichen einer von Missbrauch geprĂ€gten Beziehung gesehen hĂ€tten, ihre Sorge ausgedrĂŒckt und Hilfe angeboten hĂ€tten. Oder sie könnten realisieren, dass es in einer Konzerthalle, die sie ĂŒblicherweise benutzen, eine Menge an Dingen gibt, die sie alle tun können, um klarzumachen, dass Begrapschen und BelĂ€stigung nicht tolerierbar ist. In einigen Situationen allerdings können sie nur Hilfe nach dem Ereignis anbieten. Sie können nicht in jedem Schlafzimmer sein oder in jeder dunken Straße, um Formen der vergeschlechtlichten Gewalt oder intimer Gewalt, die dort passieren, zu verhindern.

Im Fall der Person, die die Verletzung verursacht hat, ist der grĂ¶ĂŸte Faktor, ob sie emotional offen ist, um sich selbst diese Frage zu stellen. Wenn sie fragen kann, „was hĂ€tte ich tun können, um diese Person nicht zu verletzen“, dann hat sie den wichtigsten Schritt gemacht, um ihre eigene patriarchale Konditionierung zu identifizieren und um von ungelösten vergangenen Traumata zu heilen, wenn das denn ein Thema ist. Wenn sie emotional offen gegenĂŒber der Verletzung ist, die sie verursacht hat, hat sie UnterstĂŒtzung verdient. Diejenigen, die der verletzten Person am NĂ€chsten stehen, können legitimerweise sauer sein und nichts mit der anderen Person zu tun haben wollen, aber es sollte andere Personen geben, die bereit sind diese Rolle zu ĂŒbernehmen. Die Person, die verletzt wurde, hat das Recht auf Abstand, wenn sie das will, aber außer in extremen FĂ€llen tut es nicht gut, die andere Person zu stigmatisieren oder fĂŒr immer auszuschließen.

Wenn sie sich die Frage ehrlich stellen kann und insbesondere wenn ihr nahestehende Personen sie in diesem Prozess hinterfragen können, könnte sie entdecken, dass sie nichts falsch gemacht hat, oder sie könnte nicht gewusst haben, dass ihre Handlung verletzend werden wĂŒrde. Manchmal tun Beziehungen einfach weh und es ist nicht notwendig jemanden zu finden den man beschuldigen kann, auch wenn das oft die Tendenz ist, berechtigterweise oder auch nicht. Der Fakt, dass einige Beziehungen extrem schmerzhaft sind, aber auch total unschuldig ist ein anderer Grund, warum es gefĂ€hrlich ist alle Formen der Verletzung zusammenzuhauen und dabei die Vorannahme zu treffen, dass sie alle das Resultat einer Missbrauchshandlung sind, fĂŒr die jemand verantwortlich ist.

Wenn ihre Freunde sowohl kritisch als auch mitfĂŒhlend sind, sind sie sehr wahrscheinlich dazu in der Lage zu erkennen, wenn diese Person etwas falsch gemacht hat, und zusammen mit ihren Freund*innen ist sie diejenige, die in der besten Position ist, um zu wissen, wie sie ihr Verhalten verĂ€ndern kann, um in Zukunft Ă€hnliche Verletzungen nicht zu verursachen. Wenn ihre Freunde gute Kontakte zu der Person pflegen, die verletzt wurde (oder deren Freund*innen), ist es wahrscheinlicher, dass sie die Situation ernst nehmen und die Person, die die Verletzung verursacht hat, nicht mit einer pro-forma-Lösung vom Haken lassen.

Diese neue Definition ist eine Antwort auf die patriarchale Definition, die die verbreitetsten Formen der Vergewaltigung (Vergewaltigung durch Bekanntschaften, Vergewaltigung einer Person, die nicht in der Lage ist Konsens auszudrĂŒcken, Vergewaltigung, bei der jemand nicht klar »nein« gesagt hat) entschuldigt. Sie ist eine Antwort auf eine patriarchale Kultur, die immer Entschuldigungen fĂŒr Vergewaltigungen gefunden hat oder dem Opfer die Schuld gegeben hat.

Die alte Definition und die alte Kultur sind abscheulich. Aber die neue Definition und die Praxis darum herum funktionieren nicht. Es ist nötig das zu verĂ€ndern, ohne zurĂŒck zur patriarchalen Norm zu gehen. TatsĂ€chlich haben wir die patriarchale Norm nicht vollstĂ€ndig hinter uns gelassen. Zu sagen Â»Ăœbergriff ist, wenn ich mich ĂŒbergriffig behandelt fĂŒhle« ist nur ein neuer Weg um festzulegen, wann das Verbrechen des Übergriffs verĂŒbt wurde und dabei den Fokus auf den Verstoß durch den Übergriffigen zu behalten, dann haben wir immer noch die MentalitĂ€t des Strafjustizsystems, aber ohne das Konzept von Recht oder Ausgleich. Das andere Extrem sind Leute, die auf unverzeihlich Art und Weise handeln und absolut nicht dazu in der Lage sind das zuzugeben. Einfach gesagt, wenn jemand einer anderen Person weh tut und die*derjenige ist hinterher nicht emotional offen sind, dann ist es unmöglich ihre GefĂŒhle zu berĂŒcksichtigen. Du kannst niemanden retten, die*der keine Hilfe will. In solch einem Fall sollten die verletzte Person und ihr soziales Umfeld tun, was das Beste fĂŒr sie ist, um zu heilen als auch um sich vor einer Person zu schĂŒtzen, bei der sie keine Garantie dafĂŒr besitzen, dass sie sie in Zukunft gut behandeln wird. Vielleicht werden sie sich dazu entscheiden diese Person zu demĂŒtigen, sie zu verĂ€ngstigen, sie zusammenzuschlagen oder sie aus der Stadt zu werfen. Auch wenn sie aus der Stadt zu werfen den grĂ¶ĂŸten Seelenfrieden bringt, sollte das als das Mittel letzter Wahl angesehen werden, denn dann wird das Problem an die nĂ€chste Community weitergereicht, zu der die hinausgeworfene Person geht. Weil das eine relativ einfache Maßnahme ist, ist es auch einfach so disproportional zu verwenden. Statt eine Lösung zu finden, die zukĂŒnftige Konflikte vermeidet, ist es besser eine konflikthafte Lösung zu finden. Das zwingt die Leute auch dazu sich den Konsequenzen ihres eigenen verechtigten Ärgers zu stellen, was ein Lernprozess sein kann.

Letztendlich kommt die wichtigste Frage von der Person, die verletzt wurde. Die OpfermentalitĂ€t unserer Kultur in Zusammenhang mit der Erwartung, dass jede*r darauf aus ist, das Opfer zu beschuldigen, macht es politisch inkorrekt darauf zu bestehen, dass die Person, die verletzt wurde, sich fragt, »Was hĂ€tte es möglich gemacht das zu vermeiden?«, aber so eine Haltung ist notwendig, um die OpfermentalitĂ€t zu ĂŒberwinden und sich wieder empowert zu fĂŒhlen. Es ist fĂŒr jede*n hilfreich, die*der in einer patriarchalen Welt lebt, wo wir wahrscheinlich mit mehr Leuten zu tun haben werden, die versuchen werden uns zu verletzen. Es geht nicht darum, uns fĂŒr das, was passiert ist, die Schuld zu geben, sondern darum stĂ€rker zu werden und mehr in der Lage zu sein uns in Zukunft zu verteidigen.
Ich weiß, dass einige pflichteifrige Verteidiger*innen des aktuellen Modells den Vorwurf erheben werden, ich wĂŒrde Victim Blaming betreiben, deshalb will ich es noch einmal sagen: es geht darum zukĂŒnftige Vergewaltigungen und MissbrĂ€uche zu verhindern, nichts uns dafĂŒr zu beschuldigen vergewaltigt oder missbraucht worden zu sein. Das aktuelle Modell suggeriert grundsĂ€tzlich, dass Leute die Rolle des Opfers spielen und auf die Gesellschaft oder die Community warten, um gerettet zu werden. Vielen von uns denken, dass das Bullshit ist. Wenn ich mit Freund*innen von mir rede, die vergewaltigt worden sind, oder auf meine eigene Geschichte missbraucht worden zu sein zurĂŒckschaue, weiß ich, dass ich gewissen Weisen stĂ€rker geworden bin, und das weil wir fĂŒr unsere eigene Gesundheit und Sicherheit Verantwortung ĂŒbernommen haben.

In manchen FÀllen wird die Person, die verletzt wurde, herausfinden, dass wenn sie gewisse AbhÀngigkeits- und Eifersuchtsmuster erkannt hÀtte, wenn sie mehr Selbstachtung gehabt oder sich behauptet hÀtte, sie es hÀtte vermeiden können verletzt zu werden. Sofern sie nicht darauf besteht an einer puritanischen Moral festzuhalten, bedeutet es nicht zu sagen, dass es ihre Schuld war. Es ist eine einfache Anerkennung davon, dass es notwendig ist zu wachsen, um sicherer und stÀrker in einer gefÀhrlichen Welt zu sein. Diese Methode fokussiert nicht auf Beschuldigung, sondern darauf Dinge besser zu machen.

Manchmal jedoch wird die Person zu der ehrlichen Schlussfolgerung kommen, dass »es nichts gab, was ich hĂ€tte tun können (außer zuhause zu bleiben/eine Waffe zu haben/einen Bodyguard zu haben).« Diese Antwort markiert die extremste Form der Verletzung. Jemand hat eine Form der Gewalt erfahren, die er*sie nicht hĂ€tte vermeiden können, wegen der Anstrengungen, die der*die Aggressor*in unternommen hat, um den eigenen Willen zu ĂŒbergehen. Auch »Nein!« zu schreien, wĂ€re nicht genug gewesen. Das ist eine Form der Verletzung, die nicht auf einem individuellen Level hĂ€tte verhindert werden können und deshalb wird es weiter vorkommen, dass sie reproduziert wird, bis es eine tiefgreifende soziale Revolution gibt, wenn das ĂŒberhaupt jemals passiert.

Wenn wir Vergewaltigung definieren mĂŒssen, scheint es konsistenter mit einer radikalen Patriarchatsanalyse Vergewaltigung als Sex gegen den eigenen Willen zu definieren. Weil Wille das ist, was wir in den Handlungsspielraum aufnehmen wollen, diese Vorstellung der Vergewaltigung macht das potentielle Opfer nicht vom guten Verhalten des*r potentiellen Vergewaltigers*in abhĂ€ngig. Es ist unsere eigene Verantwortung unseren Willen auszudrĂŒcken. Darauf zu fokussieren unseren Willen direkt auszudrĂŒcken und danach zu handeln, stĂ€rkt uns als Individuen und unsere KĂ€mpfe gegen Vergewaltigung und alle anderen Formen der Herrschaft.

Wenn Vergewaltigung jeder Sex ohne zustimmenden Konsens ist, dann ist es nur der*die potenzielle Vergewaltiger*in, nicht das potentielle Opfer, das die Macht ĂŒber die sexuelle Interaktion behĂ€lt. Wenn es einzig die Verantwortung einer Person ist, den Konsens einer anderen Person zu erhalten, dann sagen wir, dass eine Person mĂ€chtiger ist als die andere, ohne vorzuschlagen, wie man diese Machtdynamiken verĂ€ndern könnte.
ZusÀtzlich, wenn Vergewaltigung aus Versehen passieren kann, einfach weil diese verantwortliche Person, die Person, von der erwartet wird, den Part des perfekten Gentlemans zu spielen, unaufmerksam oder unsensibel, oder betrunken oder vergesslich in Bezug auf Dinge wie Körpersprache, die verbalen Konsens verneinen könnten, ist, oder aus einer anderen Kultur stammt mit einer anderen Körpersprache, dann haben wir es nicht notwendigerweise mit einer verallgemeinerten sozialen Machtbeziehung zu tun, denn nicht jede*r, der*die nach dieser Definition vergewaltigt, daran glaubt, dass sie*er ein Recht auf den Körper der anderen Person hat.

Vergewaltigung muss als eine sehr spezifische Form der Verletzung verstanden werden. Wir können nicht das naive Ideal einer verletzungsfreien Welt ermutigen. Leute werden immer einander verletzen, und es ist unmöglich zu lernen, wie man andere nicht verletzt ohne dabei auch Fehler zu machen. Was Verletzungen angeht, mĂŒssen wir verstĂ€ndnisvoller sein als wertend.

Aber wir können und mĂŒssen das Ideal einer Welt ohne Vergewaltigung ermutigen, denn Vergewaltigung ist das Resultat einer patriarchalen Gesellschaft, die ihren Mitglieder beibringt, dass MĂ€nner und andere mĂ€chtigere Leute ein Recht ĂŒber den Körper von Frauen und anderen weniger mĂ€chtigen Leuten haben. Ohne diese soziale Vorstellung gibt es keine Vergewaltigung. Außerdem liegt Rape Culture, die auf diese Art und Weise verstanden wird, zumindest teilweise der Sklaverei zugrunde, Eigentum und Arbeit an den Wurzeln von Staat, Kapitalismus und AutoritĂ€t.
Das ist eine Trennlinie zwischen der einen Form der Gewalt und all die anderen Formen des Missbrauchs. Das bedeutet nicht, dass die anderen Formen der Verletzung weniger ernst oder weniger wichtig sind. Es ist eine Anerkennung, dass die anderen Formen der Verletzungen durch den Gebrauch weniger extremer Mittel gehandhabt werden können. Mit einer Person oder einer Personengruppe, die jemandem keinen Ausweg lÀsst, kann nur mit Ausschluss und Gewalt begegnet werden. Dann wird das eine Sache der reinen Selbstverteidigung. In all den anderen FÀllen gibt es die Möglichkeit von gegenseitigem Wachstum und Heilung.

EinfĂŒhlsames oder unterstĂŒtzendes Hinterfragen kann eine SchlĂŒsselrolle in Reaktionen auf MissbrĂ€uche spielen. Wenn wir Vergewaltigung als eine extremere Form der Gewalt akzeptieren, die die Person nicht vernĂŒnftigerweise hĂ€tte vermeiden können, braucht sie die unhinterfragende UnterstĂŒtzung und Liebe ihrer Freund*innen.
Wir mĂŒssen uns selbst erziehen, wie systematisch Patriarchat diejenigen gesilenced hat, die darĂŒber reden vergewaltigt worden zu sein, und zwar durch Misstrauen, Unglaubigkeit oder GegenvorwĂŒrfen. Aber uns muss auch bewusst sein, dass es eine kleine Anzahl an FĂ€llen gab, in denen VergewaltigungsvorwĂŒrfe nicht wahr waren. Keine befreiende Praxis sollte jemals von uns erfordern, unser eigenes kritisches Urteilsvermögen aufzugeben und fordern, dass wir einem Handlungsverlauf folgen, von dem uns verboten wird ihn zu hinterfragen.

FĂ€lschlicherweise der Vergewaltigung oder auf nicht transparente Art und Weise beschuldigt zu werden, ist eine schwer traumatisierende Erfahrung. Das ist ein deutlich selteneres Ereignis als valide VergewaltigungsvorwĂŒrfe, die die beschuldigte Person leugnet, aber wir sollten uns nie fĂŒr die eine Form der Verletzung entscheiden mĂŒssen, um die andere vermeiden zu können.

Wenn es wahr ist, dass sich Vergewaltiger*innen in unseren Kreisen existieren, so ist es auch wahr, dass notorische LĂŒgner*innen in unseren Kreisen existieren. Es gab mindestens eine Stadt, in der eine solche Person einen solchen Vergewaltigungsvorwurf geĂ€ußert hat, um eine*n andere*n Aktivisten*in zu diskreditieren. Leute, denen es wichtig ist, das Patriarchat zu bekĂ€mpfen, werden nicht jemanden verdĂ€chtigen, ein*e notorische*r LĂŒgner*in zu sein, jedes Mal, wenn sie unsicher ĂŒber einen Vergewaltigungsvorwurf sind. Wenn du lange genug einer Person nahe standest, dann wirst du unvermeidbar herausfinden, ob sie eine fundamental unehrliche Person ist (oder ob sie wie der Rest von uns ist, manchmal ehrlich, manchmal weniger). Deshalb werden die engen Bekanntschaften einer Person nie jemanden der LĂŒge bezichtigen, wenn sie*er sagt, er*sie sei vergewaltigt worden. Aber oft verbreiten sich VorwĂŒrfe ĂŒber GerĂŒchte und erreichen Leute, di persönlich weder den*die Beschuldiger*in noch die*den Beschuldigte*n kennen. Die Kultur der anonymen Kommunikation durch GerĂŒchte und das Internet kreieren oft eine verletztende Situation, in der es unmöglich wird, ĂŒber Accountability oder ĂŒber die Wahrheit dessen, was in einer entfernten Situation geschah zu sprechen.

Anarchist*innen und andere Aktivist*innen haben auch viele Feind*innen, die bewiesen haben, dass sie im Laufe der Repression zu Abscheulichkeiten in der Lage sind. Ein Fake-Vergewaltigungsvorwurf ist nichts fĂŒr sie. Ein Polizei-Spitzel in Kanada hat mal die Geschichte, eine Überlebende einer missbrĂ€uchlichen Beziehung zu sein verwendet, um Fragen ĂŒber ihre Vergangenheit zu entgehen und das Vertrauen von Anarchist*innen zu gewinnen, denen sie spĂ€ter Haftstrafen reingedrĂŒckt hat1. Anderswo hat ein Mitglied einer autoritĂ€rsozialistischen Gruppe einen Vorwurf gegenĂŒber mehreren anarchistischen Rival*innen erhoben, von denen eine Person, wie sich herausstellte, in der fraglichen Nacht nicht einmal in der Stadt gewesen war.

Einige falsche VergewaltigungsvorwĂŒrfe sind total unschuldig. Manchmal fĂ€ngt eine Person an, eine vorherige traumatische Erfahrung wiederzuerleben, wĂ€hrend sie sich in einem physisch intimen Raum mit einer anderen Person befindet, und es ist nicht immer einfach oder möglich zwischen der einen und der anderen Erfahrung zu unterscheiden. Eine Person kann eine Vergewaltigung wieder erleben, wĂ€hrend sie konsensualen Sex hat. Es ist definitv nicht die Schuld der einen Person, wenn sie eine normale Reaktion auf ein Trauma hat, aber es ist auch nicht notwendigerweise die Schuld der anderen Person, wenn dieses Trauma getriggert wurde.

Eine gegenseitige und dynamische Definition von Konsens als aktive Kommunikation statt der passiven Negation wĂŒrde dazu beitragen die Falschbenennung von Triggern als Vergewaltigung zu reduzieren. Wenn potentielle Trigger vor dem sexuellen Austausch diskutiert werden und die Verantwortung fĂŒr das Kommunizieren von BedĂŒrfnissen und WĂŒnschen rund um Dissoziation in den HĂ€nden der Person liegt, die dissoziiert, dann ist Konsens Teil einer aktiven sexuellen Praxis statt nur ein unperfektes Sicherheitsnetz zu sein.

Wenn jemand wĂ€hrend dem Sex aussteigt, und er*sie weiß, dass sie*er beim Sex aussteigt, dann ist es ihre*seine Verantwortung zu erklĂ€ren wie das aussieht und was sie*er sich von der anderen Person wĂŒnscht, wenn das passiert. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Leute angegriffen, vergewaltigt werden oder traumatische Erfahrungen an irgendeinem Punkt ihres Lebens machen. Trigger sind fĂŒr alle Leute unterschiedlich. Die Erwartung, dass der*die Partner*in immer genug darauf eingestellt zu sein, um zu wissen, wann jemand dissoziiert, innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes, dass uns nichts ĂŒber die Auswirkungen von Vergewaltigung beibringt und noch weniger ihre emotionalen und psychologischen Konsequenzen – ist unrealistisch.

Konsens ist als aktivistisches Werkzeug empowernd, es sollte nicht als statische Verpflichtung betrachtet werden. Trotzdem bleibt der Fakt, dass nicht alle VergewaltigungsvorwĂŒrfe auf Fehlkommunikation kategorisiert werden kann, einige sind tatsĂ€chlich böswillig.

Es gibt einen schwierigen Widerspruch zwischen dem Fakt, dass das Patriarchat Vergewaltigungen deckt und dem Fakt, dass es einige falsche, unberechtigte und sogar böswillige VergewaltigungsvorwĂŒrfe in aktivistischen Communities gibt. Die beste Option ist nicht nach statistischer Wahrscheinlichkeit vorzugehen und jeden Vorwurf als berechtigt zu behandeln, denn ein falscher Vorwurf kann eine ganze Community auseinander reißen, Leute gleichgĂŒltig oder skeptisch gegenĂŒber zukĂŒnftigen Accountability-Prozessen werden lassen. Es ist deutlich besser uns selbst zu bilden, uns der HĂ€ufigkeit von Vergewaltigung bewusst zu sein, Muster missbrĂ€uchlichen Verhaltens zu erkennen, zu lernen wie mensch auf sensible und unterstĂŒtzende Weise reagiert und auch zu erkennen, dass es eine Ausnahmen gibt und deutlich mehr Situationen, die komplex sind und sich der Definition widersetzen.

Der typische Vorschlag, wie man auf Vergewaltigungen reagiert, der Community-Accountability-Prozess, basiert auf einer durchsichtigen LĂŒge. Es gibt keine aktivistischen Communities, nur das Verlangen nach Communities oder die bequeme Fiktion ĂŒber Communities. Eine Community ist ein materielles Netz, das Menschen zusammenhĂ€lt, in guten und in schlechten Zeiten, in wechselseitiger AbhĂ€ngigkeit. Wenn ihre Mitglieder alle paar Jahre wegziehen, weil der nĂ€chste Ort cooler wirkt, ist das keine Community. Wenn es einfacher ist jemanden hinauszuwerfen als durch eine schwierige Reihe an Unterhaltungen mit dieser Person zu gehen, dann ist das keine Communty. Innerhalb der Gesellschaften, die reale Communites hatten, war das Exil die extremste mögliche Strafe, gleichbedeutend damit die Person zu töten. Auf vielen Ebenen war die Community zu verlieren und alle Beziehungen, die diese ausmachten, dasselbe wie sterben. Lasst uns nichts vormachen: wir haben keine Communities.

In vielen Community-Accountability-Prozessen hat die sogenannte Community mehr Schaden verursacht oder genauso egoistisch gehandelt wie der*die TĂ€ter*in. Einer solchen fiktiven, selbstinteressierten Gruppe die Macht und AutoritĂ€t des*r Richters*in, der Jury und des*r Henkers*in zu verleihen, ist ein Rezept fĂŒr eine Katastrophe.
Was wir haben sind Freundesgruppen und Kreise von Bekanntschaften. Wir sollten nicht erwarten in der Lage zu sein mit Vergewaltigung oder Missbrauch auf eine Weise umzugehen, die keinen Konflikt zwischen oder innerhalb dieser verschiedenen Gruppen und Kreise zu generieren. Es wird wahrscheinlich keinen Konsens geben, aber wir sollten nicht von Konflikt als eine schlechte Sache denken.

Jede Vergewaltigung ist unterschiedlich, jede Person ist unterschiedlich und jede Situation wird eine unterschiedliche Lösung erfordern. Indem wir versuchen einen konstanten Mechanismus zu entwickeln um mit Vergewaltigung umzugehen, denken wir wie das Strafjustizsystem. Es ist besser zuzugeben, dass wir keine allumfassende Antwort fĂŒr solch ein schwieriges Problem haben. Wir haben nur unser eigenes Verlangen Dinge besser zu machen, unterstĂŒtzt durch das Wissen, das wir teilen. Der Punkt ist keine Struktur aufzubauen, die perfekt und unhinterfragbar wird, sondern Erfahrungen zu machen, die uns erlauben flexibel, aber effektiv zu bleiben.

Die vielen FehlschlĂ€ge im aktuellen Modell haben eine Generation nach der anderen in lediglich einigen kurzen Jahren ausgebrannt, und die BĂŒhne fĂŒr die nĂ€chste Generation von pflichteifrigen Aktivist*innen bereitet, die ihre Ideale zum Extrem treiben werden und dabei jede*n, die*der sie kritisiert, als Antifeminist*in/Vergewaltigungsverharmloser*in [apologist] brandmarkt, ohne sich dessen bewusst zu sein, wie oft diese gleiche Dynamik sich bereits davor abgespielt hat, weil das Modell an sich so funktioniert, dass es die Unorthodoxen hinauswirft und es so unmöglich macht aus seinen Fehlern zu lernen.

Einer dieser Fehler war die Reproduktion eines Konzeptes, das Ähnlichkeiten mit den Strafen des Strafjustizsystems hat. Wenn die Leute, die mit dem Accountability Prozess betraut sind, entscheiden, dass jemand ausgeschlossen werden muss oder gezwungen werden muss eine Therapie zu machen oder was auch immer, ist jede*r in der Community dazu gezwungen diese Entscheidung anzuerkennen. Denjenigen, die das nicht tun, wird vorgewurfen Rape Culture zu unterstĂŒtzen. Ein*e Richter*in hat die Polizei im RĂŒcken, um seine*ihre Entscheidung zu stĂŒtzen. Der Accountability-Prozess muss Anschuldigungen und emotionale Erpressungen verwenden.

Aber die gesamte PrĂ€misse, dass jede*r der Entscheidung zustimmen muss, ist mangelhaft. Die zwei oder mehr direkt involvierten Personen in dem Problem werden wahrscheinlich unterschiedliche BedĂŒrfnisse haben, auch wenn sie beide ernsthaft auf ihren eigenen Heilungsprozess fokussiert sind. Die Freund*innen der Person, die verletzt wurde, könnten angeekelt sein und könnten entscheiden, die andere Person zu verprĂŒgeln. Andere Leute im weiteren Umfeld könnten eine kritische Sympathie mit der Person empfinden, die jemand anderen verletzt hat und entscheiden diese zu unterstĂŒtzen. Beide Impulse sind korrekt. FĂŒr deine Handlungen verprĂŒgelt zu werden und UnterstĂŒtzung zu bekommen demonstriert lediglich die komplexen Reaktionen, die wir generieren. Das ist die reale Welt und sich ihrer KomplexitĂ€t zu stellen kann uns helfen zu heilen.

Der Impuls des aktivistischen Modells ist es den*die TÀter*in hinauszuwerfen oder sie*in zu zwingen einen spezifischen Prozess durchzumachen. Jeder dieser Teile basiert auf der Annahme, dass der Community-Mechanismus absolutes Recht behÀlt und beide benötigen, dass jede*r sich dieser Entscheidung unterwirft und seine LegitimitÀt anerkennt. Das ist Autoritarismus. Das ist das Srafjustizsystem, neu erschaffen. Das ist das Patriarchat, das in unseren Herzen noch immer lebendig ist.

Was wir brauchen, ist ein neues Set an Himmelsrichtungen und keine neuen Modelle. Wir mĂŒssen die MentalitĂ€ten des Puritanismus, von Recht und Ordnung identifizieren und ĂŒberwinden. Wir mĂŒssen die KomplexitĂ€t von Individuen und interpersonellen Beziehungen anerkennen. Um eine formelbasierte MoralitĂ€t zu vermeiden, mĂŒssen wir die Formeln von Labeln und Massenkategorien vermeiden. Statt von Vergewaltigern*innen, von TĂ€tern*innen und Überlebenden zu sprechen, mĂŒssen wir ĂŒber spezifische Handlungen und spezifische Grenzen sprechen, und anerkennen, dass jede*r sich verĂ€ndert und dass die meisten Leute in der Lage sind zu verletzen und verletzt zu werden, und auch zu wachsen, zu heilen und zu lernen, Leute zukĂŒnftig nicht zu verletzen oder sich nicht viktimisiert zu lassen. Wir mĂŒssen auch eine kritische Unterscheidung zwischen den Formen der Verletzung zu unterscheiden, die vermieden werden können, da wir schlauer und stĂ€rker werden und die Arten, die einer kollektiven Selbstverteidigung bedĂŒrfen.

Die VorschlĂ€ge, die ich gemacht habe, bieten keine einfachen Antworten an und keine perfekten Kategorien. Sie verlangen FlexibilitĂ€t, MitgefĂŒhl, Intelligenz, Mut und Geduld. Wie könnten wir erwarten das Patriarchat mit weniger als dem zu konfrontieren?

Anonym eingereichter Beitrag.

Formular um anonym BeitrÀge einzureichen:
https://schwarzerpfeil.de/anonymen-beitrag-einreichen/

Download als eBook oder PDF:



Quelle: Schwarzerpfeil.de