November 14, 2020
Von Antifra
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Aus den Tie­fen des Darknets in die tie­fen Gän­ge des Moa­bi­ter Kri­mi­nal­ge­richts: Der Fall André M.

Seit Pro¬≠zess¬≠be¬≠ginn im April hat Andr√© M. vor der 10 Straf¬≠kam¬≠mer des Land¬≠ge¬≠richts Ber¬≠lin beharr¬≠lich geschwie¬≠gen. Ihm wird zur Last gelegt, aus einer nazis¬≠ti¬≠schen, miso¬≠gy¬≠nen und ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Moti¬≠va¬≠tio¬≠nen her¬≠aus Nach¬≠rich¬≠ten mit Mord- und Bom¬≠ben¬≠dro¬≠hun¬≠gen an zahl¬≠rei¬≠che Per¬≠so¬≠nen und √∂ffent¬≠li¬≠che Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen, wie Gerich¬≠te, ver¬≠sandt zu haben. Unter¬≠zeich¬≠net waren die¬≠se unter ande¬≠rem mit dem Namen ‚ÄěNatio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ti¬≠sche Offen¬≠si¬≠ve‚Äú. Um trotz sei¬≠nes Schwei¬≠gens einen Ein¬≠druck vom Ange¬≠klag¬≠ten, sei¬≠ner Welt¬≠an¬≠schau¬≠ung und sei¬≠nen per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Lebens¬≠um¬≠st√§n¬≠den zu bekom¬≠men, wur¬≠den seit Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠be¬≠ginn unz√§h¬≠li¬≠ge Sprach¬≠nach¬≠rich¬≠ten von Mes¬≠sen¬≠ger¬≠diens¬≠ten vor Gericht ange¬≠h√∂rt. Mit einer Per¬≠son tausch¬≠te er sich zu der Zeit, als die Bom¬≠ben¬≠dro¬≠hun¬≠gen ver¬≠schickt wur¬≠den, regel¬≠m√§¬≠√üig aus: Kers¬≠tin S. Sie war zu jener Zeit eine Ver¬≠trau¬≠ens¬≠per¬≠son von Andr√© M., obwohl ihre Ver¬≠bin¬≠dung rein vir¬≠tu¬≠ell war.

Verhängnisvolles Vertrauen

Es ist Weih¬≠nach¬≠ten 2018 kurz nach 5 Uhr mor¬≠gens. Andr√© M. spricht mit gebro¬≠che¬≠ner Stim¬≠me in sein Tele¬≠fon. Er schickt eine Sprach¬≠nach¬≠richt an Kers¬≠tin S: ‚ÄěIch habe nicht gesagt, dass du mir nichts bedeu¬≠test.‚Äú Dann f√§hrt er fort: ‚ÄěDu bedeu¬≠test mir sogar sehr, sehr viel.‚Äú Die Ange¬≠spro¬≠che¬≠ne ist die ers¬≠te Per¬≠son, auf die er sich √ľber¬≠haupt ein¬≠ge¬≠las¬≠sen habe. Am 18. August nun sprach Kers¬≠tin S. vor Gericht √ľber den Ange¬≠klag¬≠ten. Ob die¬≠se Ver¬≠neh¬≠mung tat¬≠s√§ch¬≠lich zustan¬≠de kommt, war auf¬≠grund der psy¬≠chisch labi¬≠len Lage der Zeu¬≠gin lan¬≠ge Zeit unklar. Nun sitzt sie in einem ande¬≠ren Raum im Gerichts¬≠ge¬≠b√§u¬≠de und nimmt via Video¬≠schal¬≠tung an der Ver¬≠hand¬≠lung teil. W√§h¬≠rend Andr√© M. an vie¬≠len Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠ta¬≠gen eher abwe¬≠send wirkt, beob¬≠ach¬≠tet er die¬≠ses mal auf¬≠merk¬≠sam den Bild¬≠schirm, auf dem Kers¬≠tin S. zu sehen ist, und macht sich Noti¬≠zen. Bei¬≠de lern¬≠ten sich 2018 √ľber eine Face¬≠book-Grup¬≠pe ken¬≠nen und ent¬≠wi¬≠ckel¬≠ten eine Ver¬≠trau¬≠ens¬≠ba¬≠sis. Kon¬≠takt h√§t¬≠ten sie t√§g¬≠lich gehabt, der Ange¬≠klag¬≠te sei zu jeder Uhr¬≠zeit f√ľr sie erreich¬≠bar gewe¬≠sen. Getrof¬≠fen haben sie sich aller¬≠dings nie. Die per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Umst√§n¬≠de des Ange¬≠klag¬≠ten sind Kers¬≠tin S. soweit bekannt: so wis¬≠se sie, dass der Ange¬≠klag¬≠te ‚Äě√∂fters straf¬≠f√§l¬≠lig‚Äú war, ‚Äúja, auch psy¬≠chisch labil ist‚Äú und dass er noch bei sei¬≠nen Eltern woh¬≠ne.

Mit den vom Ange¬≠klag¬≠ten ver¬≠sand¬≠ten Droh¬≠brie¬≠fen kam sie auch per¬≠s√∂n¬≠lich in Kon¬≠takt. So erhielt sie selbst Dro¬≠hun¬≠gen, die mit ‚ÄěNatio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ti¬≠sche Offen¬≠si¬≠ve‚Äú unter¬≠zeich¬≠net waren. W√§h¬≠rend eines Job¬≠cen¬≠ter-Ter¬≠mins von S. geht au√üer¬≠dem eine Bom¬≠ben¬≠dro¬≠hung bei der Beh√∂r¬≠de ein. Eine Ver¬≠bin¬≠dung zu Andr√© M. erkennt sie anfangs nicht. Sie h√§lt wei¬≠ter Kon¬≠takt zu M.. Im Janu¬≠ar 2019 zieht sie sich zur√ľck, weil sie miss¬≠trau¬≠isch und psy¬≠chisch insta¬≠bil wur¬≠de. Sp√§¬≠ter habe sie bei der Poli¬≠zei M. beschul¬≠digt, hin¬≠ter den Dro¬≠hun¬≠gen zu ste¬≠cken. Im Nach¬≠hin¬≠ein pas¬≠se f√ľr sie alles zusam¬≠men, sagt sie vor Gericht. S. spricht von einer sprach¬≠li¬≠chen Beson¬≠der¬≠heit, die sich sowohl in den per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Nach¬≠rich¬≠ten vom Ange¬≠klag¬≠ten als auch in den Droh¬≠schrei¬≠ben fin¬≠det. Eine Sach¬≠ver¬≠st√§n¬≠di¬≠ge des BKA hat¬≠te die¬≠se auf¬≠f√§l¬≠li¬≠ge Beson¬≠der¬≠heit bereits als Zeu¬≠gin im Ver¬≠fah¬≠ren dar¬≠ge¬≠stellt.

‚ÄěMal so ‚Äėnen Anschlag geplant‚Äú

Im wei¬≠te¬≠ren Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠ver¬≠lauf geht es dem Vor¬≠sit¬≠zen¬≠den Rich¬≠ter um die poli¬≠ti¬≠sche Gesin¬≠nung des Ange¬≠klag¬≠ten. Auf die Fra¬≠ge, was die Zeu¬≠gin dar¬≠√ľber wis¬≠se, ant¬≠wor¬≠tet sie zur√ľck¬≠hal¬≠tend: ‚ÄěJa, also nicht viel, weil das so nie wirk¬≠lich The¬≠ma war zwi¬≠schen uns.‚Äú √úber Poli¬≠tik h√§t¬≠ten bei¬≠de kaum gespro¬≠chen. Aber er sei schon ‚Äěrechts gesinnt‚Äú gewe¬≠sen, erg√§nzt sie nach kur¬≠zem Z√∂gern, ‚Äěwegen sei¬≠ner Zim¬≠mer¬≠de¬≠ko¬≠ra¬≠ti¬≠on, die ich so gese¬≠hen hab.‚Äú Auf einem Bild vom Zim¬≠mer des Ange¬≠klag¬≠ten, das im Pro¬≠zess in Augen¬≠schein genom¬≠men wor¬≠den war, sah man zahl¬≠rei¬≠che natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ti¬≠sche Devo¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠en, wie Fah¬≠nen, unter ande¬≠rem fl√§¬≠chen¬≠de¬≠ckend an den W√§n¬≠den.
Zur Ein¬≠sch√§t¬≠zung des Hin¬≠ter¬≠grun¬≠des der Bom¬≠ben¬≠dro¬≠hun¬≠gen wird Kers¬≠tin S. gefragt, ob sie sich jemals mit dem Ange¬≠klag¬≠ten √ľber Spreng¬≠stoff unter¬≠hal¬≠ten habe. Sie bejaht und sagt, ‚Äědass er wei√ü, wie man sowas her¬≠stellt und dass er irgend¬≠wie sowas mal geplant hat¬≠te, so ‚Äônen Anschlag.‚Äú Sie bezieht sich dabei auf ein zur√ľck¬≠lie¬≠gen¬≠des Ver¬≠fah¬≠ren von Andr√© M. aus dem Jahr 2007. Damals war ihm die Pla¬≠nung eines Spreng¬≠stoff¬≠an¬≠schlags auf das ‚ÄěApfel¬≠fest‚Äú in Rel¬≠lin¬≠gen (Kreis Pin¬≠ne¬≠berg) vor¬≠ge¬≠wor¬≠fen wor¬≠den.

Suizid als Attentat

Auf die¬≠sen ver¬≠such¬≠ten Anschlag spielt Andr√© M. auch in den Gespr√§¬≠chen mit Kers¬≠tin S. an, zum Bei¬≠spiel im Novem¬≠ber 2018. Er schreibt ihr eine Whats¬≠app-Nach¬≠richt, in der er angibt, bereits im Kin¬≠des¬≠al¬≠ter Sui¬≠zid¬≠ge¬≠dan¬≠ken gehabt zu haben: ‚ÄěKomisch, dass ich fast 21 Jah¬≠re sp√§¬≠ter immer noch da bin‚Äú. Anschlie¬≠√üend f√§hrt er fort: ‚ÄěIch fin¬≠de es scha¬≠de und bedaue¬≠re es, dass es damals mit dem Apfel¬≠fest nicht geklappt hat.‚Äú Von Reue ist kei¬≠ne Spur zu erken¬≠nen. Ins¬≠ge¬≠samt zeigt sich in den sicher¬≠ge¬≠stell¬≠ten Nach¬≠rich¬≠ten eine besorg¬≠nis¬≠er¬≠re¬≠gen¬≠de Ten¬≠denz zur Ver¬≠bin¬≠dung der Selbst¬≠t√∂¬≠tungs¬≠ab¬≠sich¬≠ten einer psy¬≠chisch insta¬≠bi¬≠len Per¬≠son mit poli¬≠tisch moti¬≠vier¬≠ten Mord¬≠fan¬≠ta¬≠sien. Kur¬≠ze Zeit nach den oben ange¬≠spro¬≠che¬≠nen Nach¬≠rich¬≠ten schreibt Andr√© M. erneut an die Per¬≠son sei¬≠nes Ver¬≠trau¬≠ens Kers¬≠tin S.: ‚ÄěAlso, kurz und knapp, Sui¬≠zid oder ein schwe¬≠res Ver¬≠bre¬≠chen mit Sui¬≠zid wird wohl irgend¬≠wann bei mir ein¬≠tre¬≠ten.‚Äú Je nach Gele¬≠gen¬≠heit wer¬≠de es sich dann dabei um einen ‚ÄěA‚Ķlauf oder ein Bom‚Ķattentat‚Äú han¬≠deln.

Verhandlungsf√§higkeit wird gepr√ľft

Weni¬≠ge Tage nach der Ver¬≠neh¬≠mung von Kers¬≠tin S. sitzt M. gekr√ľmmt auf der Ankla¬≠ge¬≠bank in dem obli¬≠ga¬≠to¬≠ri¬≠schen Glas¬≠kas¬≠ten. Sein Rechts¬≠an¬≠walt Tho¬≠mas Pen¬≠ne¬≠ke, der dem Ange¬≠klag¬≠ten aus der rech¬≠ten Sze¬≠ne emp¬≠foh¬≠len wor¬≠den sein soll, bean¬≠tragt die √úber¬≠pr√ľ¬≠fung der Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig¬≠keit sei¬≠nes Man¬≠dan¬≠ten. Das Gericht ord¬≠net eine rechts¬≠me¬≠di¬≠zi¬≠ni¬≠sche Begut¬≠ach¬≠tung des Ange¬≠klag¬≠ten an. Am 1. Sep¬≠tem¬≠ber dann attes¬≠tiert der Rechts¬≠me¬≠di¬≠zi¬≠ner dem Ange¬≠klag¬≠ten die Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig¬≠keit. Er hal¬≠te Andr√© M., wenn √ľber¬≠haupt, allen¬≠falls f√ľr ein¬≠ge¬≠schr√§nkt ver¬≠hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig, aber nicht f√ľr ver¬≠hand¬≠lungs¬≠un¬≠f√§¬≠hig. Das Pro¬≠blem sei, dass der Ange¬≠klag¬≠te nichts esse und kaum Getr√§n¬≠ke zu sich zu neh¬≠me. Die¬≠ses Ver¬≠hal¬≠ten habe er jedoch bereits vor der Haft gezeigt. Der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de zeigt sich dies¬≠be¬≠z√ľg¬≠lich besorgt. Doch Andr√© M. lehnt die ange¬≠bo¬≠te¬≠nen Infu¬≠sio¬≠nen und die Anfer¬≠ti¬≠gung eines Blut¬≠bilds ab. Laut fach¬≠√§rzt¬≠li¬≠cher Ein¬≠sch√§t¬≠zung sei der Ange¬≠klag¬≠te jedoch nur f√ľr eine Zeit¬≠span¬≠ne von jeweils zwei Stun¬≠den ver¬≠hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig. Die wei¬≠te¬≠ren Pro¬≠zess¬≠ter¬≠mi¬≠ne wer¬≠den des¬≠halb k√ľr¬≠zer aus¬≠fal¬≠len m√ľs¬≠sen, wodurch sich der gesam¬≠te Pro¬≠zess ver¬≠l√§n¬≠gern k√∂nn¬≠te.
Kurz vor dem Ende der Beweis¬≠auf¬≠nah¬≠me im Pro¬≠zess gegen Andr√© M. steht sei¬≠ne grund¬≠s√§tz¬≠li¬≠che Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig¬≠keit auf¬≠grund der feh¬≠len¬≠den Nah¬≠rungs¬≠auf¬≠nah¬≠me immer mehr in Fra¬≠ge. Das Gericht wird nun kl√§¬≠ren m√ľs¬≠sen, inwie¬≠weit Andr√© M. sein Ver¬≠hal¬≠ten √§ndern kann und will. Ein psych¬≠ia¬≠tri¬≠sches Gut¬≠ach¬≠ten steht noch aus.




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de