September 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Ulfrid Kleinert / Lydia Hartwig (Hg.): Ein deutsches GefĂ€ngnis im 21. Jahrhundert. Redakteure der unzensierten Dresdner Gefangenenzeitung „Der Riegel“ berichten. Notschriften Verlag, Radebeul 2021, 2. Aufl., 296 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 9783948935146

Das GefĂ€ngnis ist fĂŒr die meisten Menschen ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Wir wissen wenig ĂŒber das Leben in einer Strafanstalt, jedoch herrscht eine unbestimmte Furcht vor den Menschen hinter Gittern. Diese wird zum einen durch die Berichterstattung der Massenmedien erzeugt, in denen das GefĂ€ngnis nur im Zusammenhang mit schweren Straftaten oder spektakulĂ€ren Ereignissen wie Geiselnahme oder Flucht erwĂ€hnt wird. Zum anderen entsteht sie, weil die Menschen im GefĂ€ngnis fĂŒr uns unhörbar und unsichtbar bleiben. In dieser Hinsicht ist das Buch „Ein deutsches GefĂ€ngnis im 21. Jahrhundert“ ein guter Weg, etwas ĂŒber das Leben straffĂ€llig gewordener Menschen zu erfahren. Es versammelt persönliche Schilderungen, Alltagsreportagen und satirisch-poetische Texte, die seit 2001 in der Gefangenenzeitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden – „Der Riegel“ – erschienen sind. Der Riegel wird von Gefangenen und Ehrenamtlichen erstellt und erscheint unzensiert. Weil fĂŒr diese Arbeit sowohl die FĂ€higkeit als auch die Lust zum Beobachten, Reflektieren und Schreiben Voraussetzung sind, können die Mitglieder der Redaktion nicht die Gefangenen insgesamt reprĂ€sentieren. Sie sind jedoch besonders gut in der Lage, ĂŒber das Leben im GefĂ€ngnis zu berichten. Der Riegel erscheint alle drei Monate und kann ĂŒber die Webseite des Vereins Hammer Weg e.V. (www.hammerweg.eu) auch außerhalb des Knasts bezogen werden.

Die Themen

FĂŒr das Buch „Ein deutsches GefĂ€ngnis im 21. Jahrhundert“ haben die Herausgeber*innen, Ulrich Kleinert und Lydia Hartwig, die beide auch ehrenamtlich an der Veröffentlichung des Riegels beteiligt sind, Artikel aus 20 Jahren Riegel so geordnet, dass sie einen authentischen Einblick in die Lebenswelt der Gefangenen vermitteln. Dies ist ihnen ausgezeichnet gelungen.
HĂ€ufig wird ein Thema dabei aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So berichten z. B. eine Sozialarbeiterin, ein Seelsorger und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin ĂŒber ihre Arbeit mit den Gefangenen, und Gefangene schreiben ĂŒber ihre Sicht auf diese Arbeit, was sie ihnen bedeutet und was es fĂŒr Probleme gibt. Ebenso sind manche BeitrĂ€ge, etwa diejenigen ĂŒber „Angst“ oder „TĂ€ter und Opfer“ aus GesprĂ€chsrunden zwischen Insassen der JVA und Besucher*innen entstanden. Hier stehen dann die Perspektiven „drinnen“ und „draußen“ nebeneinander.
Weil alle Mitglieder der Riegel-Redaktion in den letzten zwei Jahrzehnten der Meinung sind, dass geschlossene GefĂ€ngnisse gar nicht oder wenig geeignet sind, um ein „Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten“ einzuĂŒben, beginnt das Buch nicht mit dem Alltag im GefĂ€ngnis, sondern mit Berichten von außergewöhnlichen Ereignissen, bei denen die Mauer zwischen drinnen und draußen durchbrochen wurde: Ein Konzert im GefĂ€ngnis, ein TheaterstĂŒck ĂŒber das Thema RĂŒckkehr, das jĂ€hrliche Sportfest mit einem Fußballspiel zwischen der Knastmannschaft und einem lokalen Verein und die Vergabe eines Literaturpreises an eine Autorin des Riegels.

Der Knastalltag

In den folgenden Kapiteln wird dann der Alltag im Knast beschrieben. Die Themen sind u. a. Entlassung, Einschluss, Arbeit, Zeit, Schule, Konflikte, Nachtruhe, das Personal der JVA, Weihnachten, MenschenwĂŒrde, Drogen, BĂŒcher 
 Den einzelnen Kapiteln und Thematiken haben die Herausgeber:innen kurze ErlĂ€uterungen vorangestellt, welche die folgenden BeitrĂ€ge in einen Kontext einordnen. Hierbei geht es z. B. um den Anlass eines Artikels oder die Bedeutung eines bestimmten Themas fĂŒr das Leben in der Strafanstalt.
Mich haben am meisten die Texte berĂŒhrt, in denen Gefangene ĂŒber die Verbindung zu ihrer Familie, ihrer Frau oder ihrem Mann und ihren Kindern berichten. Der eine schreibt ĂŒber den ersten Besuch seines fĂŒnfjĂ€hrigen Kindes in einem der kargen BesuchsrĂ€ume der JVA. Ein Vater, der sich sorgt, wie die Besucherzelle auf sein Kind wirkt, entspricht nicht dem Bild des hartgesottenen Verbrechers. Der andere erzĂ€hlt von einem zweitĂ€gigen Gruppenausflug in die SĂ€chsische Schweiz, den die JVA fĂŒr Gefangene mit Familien organisierte: „Der nĂ€chste Morgen: Keine SchließgerĂ€usche, kein LĂ€rm. Statt dessen ein leises: ,Papa, wir mĂŒssen aufstehen!‘ und ,Papa, wir wollen viel spielen!‘, einfach wunderschön.“
Mir wurde durch diese Texte klar, dass das GefĂ€ngnis nicht nur den StraftĂ€ter, sondern auch seine Angehörigen bestraft. Wie erklĂ€rt eine Mutter ihrem Kind, dass der Papa in diesem Haus ist und nicht raus darf und warum er dort ist? Wie pflegt man eine Beziehung ĂŒber Knastmauern hinweg? Und was muss es fĂŒr einen Gefangenen bedeuten, zwei Tage mit der Partnerin und dem Kind zusammen sein zu können und etwas Schönes zu erleben!

Etwas, das besser ist
als Strafvollzug

An die Schilderung des Lebens hinter Gittern schließt sich das vorletzte Kapitel des Buches an, welches die Idee aufgreift, dass die geschlossene Institution GefĂ€ngnis fĂŒr eine Wiedereingliederung von StraffĂ€lligen in die Gesellschaft nicht hilfreich, sondern eher schĂ€dlich ist.
GegenĂŒber einem Strafvollzug, in dem Rechtsverletzer in GefĂ€ngnisse weggesperrt und von ĂŒberlasteten Mitarbeiter:innen mehr bewacht als betreut werden, wird fĂŒr einen Justizvollzug in freien Formen plĂ€diert, bei dem die Gesellschaft die durch Rechtsverletzer signalisierten Problemlagen an Ort und Stelle in der Region, in der sie auftreten, bearbeitet.
Ein großer Teil der Inhaftierten gehört nicht zu den als gefĂ€hrlich geltenden Gefangenen, die die Schlagzeilen der Medien und der öffentlichen Meinung bestimmen, sondern ist nur kurzfristig fĂŒr wenige Wochen oder Monate in Haft. In Sachsen z. B. haben ĂŒber 40 Prozent der Inhaftierten eine Freiheitsstrafe unter einem Jahr. Manche dieser Menschen sitzen eine Ersatzfreiheitsstrafe ab, weil sie aus unterschiedlichen GrĂŒnden eine Geldstrafe nicht zahlen konnten. Andere wurden wegen Delikten wie andauerndem Schwarzfahren verurteilt. 70 Prozent haben eine Freiheitsstrafe von unter zwei Jahren. FĂŒr die Resozialisierung dieser Gruppe eignet sich die geschlossene Anstalt nicht. Stattdessen besteht durch den Kontakt mit lĂ€ngerfristigen Gefangenen und einer Subkultur von Gewalt und Drogen die Gefahr einer stĂ€rkeren Kriminalisierung.
Eine freie Form des Justizvollzugs sind z. B. Projekte von zehn oder zwölf Gefangenen, die an einem Ort in der Region gemeinsam einer gemeinnĂŒtzigen Arbeit nachgehen und dabei Erfolg und Anerkennung erleben. Persönliches Fehlverhalten und SchwĂ€chen werden aufgearbeitet. Auseinandersetzung mit der Straftat und TĂ€ter-Opfer-Ausgleich finden statt. Oft genug entstehen hieraus ein Berufsabschluss und der Übergang in ein regulĂ€res ArbeitsverhĂ€ltnis.
Das letzte Kapitel schließlich enthĂ€lt Gedichte und Satiren aus dem GefĂ€ngnis.

Resozialisierung – paradox
– Man sperrt mich ein, um mich auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten.
– Man nimmt mir alles, um mich zu lehren, mit Dingen verantwortungsbewusst umzugehen.
– Man reglementiert mich permanent, um mir zur SelbststĂ€ndigkeit zu verhelfen.
– Man entfremdet mich Menschen, um mich ihnen nĂ€her zu bringen.
– Man bricht mir das RĂŒckgrat, um mir den RĂŒcken zu stĂ€rken.
– Man programmiert mich auf Anpassung, damit ich lerne, kritisch zu leben.
– Man bringt mir Misstrauen entgegen, damit ich lerne zu vertrauen.
– Man bricht vor meinen Augen die Gesetze, damit ich lerne, diese zu achten.
– Man sagt: „Zeige deine GefĂŒhle“, damit man mit ihnen spielen kann.
– Man sagt: „Du bist resozialisiert“, wenn ich zu allem nur noch nicke.

(Unbekannter Autor, S. 176 des besprochenen Buches)




Quelle: Graswurzel.net