September 30, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Seit 2015 unterstĂŒtzt die No Border Kitchen Lesvos durch Essensverteilungen an der EU-Außengrenze Migrant*innen und kĂ€mpft durch politische Aktionen gegen die Festung Europa. Diese Arbeit ist geprĂ€gt von stĂ€ndigen WidersprĂŒchen und erfordert Reflexion. Über Geschichte, Organisation und Herausforderungen der Initiative schreibt ein Teil ihrer Mitglieder fĂŒr die Graswurzelrevolution. (GWR-Red.)

Der Anfang der No Border Kitchen Lesvos (NBK) geht zurĂŒck auf Ende 2015, als sich Kochaktivist*innen mit und ohne europĂ€ische PĂ€sse dazu entschieden, eine Strandbesetzung von Migrant*innen (1) mit Essen zu unterstĂŒtzen. Sowohl diese Besetzung als auch andere wurden irgendwann gerĂ€umt oder teilweise aus anderen GrĂŒnden aufgegeben, z. B. aufgrund von Gruppenkonflikten. Besetzt wurden gemeinsam mit Migrant*innen StrĂ€nde oder verlassene FabrikgebĂ€ude am Rand von Mytilini (2). Ab dem FrĂŒhling 2016 entschieden sich die Aktivist*innen dazu, eine Garage und spĂ€ter ein Haus zu mieten, um die große KĂŒche mitsamt dem Equipment vor weiteren RĂ€umungen zu sichern. Eine der grĂ¶ĂŸten VerĂ€nderungen kam mit der Schließung dieser RĂ€ume im Sommer 2018.
Die Zeit von Besetzungen und dem Mieten von HĂ€usern hat gezeigt, dass ein fester Ort zu angreifbar durch Polizei, BĂŒrokratie und Faschist*innen ist. Gleichzeitig haben immer mehr Migrant*innen Wohnraum in Mytilini gefunden, und es gab weniger Bedarf an gekochtem Essen. Da auch andere Organisationen KĂŒchen betrieben und die Kosten einer eigenen KĂŒche zu hoch waren, wurde beschlossen, sie zu schließen. Seitdem bezieht NBK Essen von anderen Organisationen und verteilt parallel dazu so genannte food boxes – also Kisten mit Essenszutaten. Dies ist aus politischen und pragmatischen GrĂŒnden ein wichtiges Anliegen: Indem Menschen die Zutaten zum Zubereiten von Essen zur VerfĂŒgung gestellt bekommen, wird ihnen mehr Selbstbestimmung und Freiheit ermöglicht.

(Nicht nur) Essen unter die Leute bringen

Dennoch verteilt die No Border Kitchen weiterhin tĂ€glich gekochtes Essen – teilweise an einem festen Ort in Mytilini, durch Covid-19 dann zeitweise auch im Rahmen kleiner, dezentraler Verteilungen bis hin zum Liefern des Essens nach Hause. Neben dem zusĂ€tzlichen Verteilen von food boxes wird in einem wöchentlichen Plenum besprochen, welche weiteren Dinge zu tun sind: Vom AufrĂ€umen des Material- und Spendenlagers ĂŒber die Verteilung von Kleidung aus diesem Lager bis hin zum ‹Schreiben und Verbreiten von Texten oder dem Organisieren von politischen Aktionen.
Durch die Orientierung an BedĂŒrfnissen von Migrant*innen wandeln sich diese weiteren Aufgaben wöchentlich oder gar tĂ€glich: Auch finanzielle UnterstĂŒtzung in Notlagen, Rechtsbeistand im Asylverfahren und Prozessbegleitung in FĂ€llen von Repression können auf der Tagesordnung stehen. Die politischen Aktionen umfassen auch das Halten von VortrĂ€gen oder RedebeitrĂ€gen auf Demonstrationen außerhalb Griechenlands, um auf die Lage an der EU-Außengrenze aufmerksam zu machen.

Nur eine weitere NGO?

In ihrer Arbeitsweise und ihren politischen GrundsĂ€tzen unterscheidet sich NBK stark von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die auf Lesvos aktiv sind. GrundsĂ€tzlich wird versucht, Migrant*innen, die durch das europĂ€ische Grenzregime in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschrĂ€nkt sind, in ihrer Autonomie zu unterstĂŒtzen. FĂŒr die konkrete Arbeit bedeutet dies, dass die Arbeit von NBK primĂ€r von Migrant*innen selbst ausgeht und Personen mit europĂ€ischen PĂ€ssen insbesondere im Fall juristischer Notwendigkeit – also beispielsweise beim Anmieten von RĂ€umen – unterstĂŒtzen. DarĂŒber hinaus beruht die Arbeit auf den anarchistischen Prinzipien der Selbstorganisierung, der gegenseitigen Hilfe und SolidaritĂ€t. Der politische Anspruch umfasst die Ablehnung von Grenzregimen jeglicher Art, weshalb grundsĂ€tzlich nicht mit staatlichen Institutionen zusammengearbeitet wird.
Dennoch besteht ein schmaler Grat und stetiger Aushandlungsprozess zwischen politischen und pragmatischen Entscheidungen. WĂ€hrend aus politischen ErwĂ€gungen heraus beispielsweise weiterhin das Besetzen von GebĂ€uden gewĂŒnscht wĂ€re, so wĂŒrde dies aus pragmatischer Perspektive die Essensverteilung in Gefahr bringen. In ihren zwei Extremformen sind beide Entscheidungspole problematisch: Ausschließlich politische ErwĂ€gungen wĂŒrden LĂ€hmung bedeuten, wĂ€hrend ausschließlich pragmatische Entscheidungen bedeuten wĂŒrden, mit NGOs und staatlichen Akteur*innen zusammenzuarbeiten und sich letztlich fĂŒr die Situation von Migrant*innen mitverantwortlich zu machen.
Einen stetigen Reflexionsprozess erfordert außerdem die Zusammenarbeit von Personen, die die Insel verlassen können, und solchen, die dies nicht können. Erstere können sich freiwillig fĂŒr die Arbeit entscheiden, Letztere vielleicht nicht immer. Auch gegenĂŒber lokalen anarchistischen Strukturen stellt sich regelmĂ€ĂŸig die Frage nach Aktionsformen und darauffolgender Repression, die eher lokale Strukturen als internationale Freiwillige trifft.

Selbstorganisierung, SpontaneitÀt und SolidaritÀt

Insbesondere in ungewohnten Situationen und in NotfĂ€llen hat Selbstorganisierung einen großen Vorteil: Nachdem beispielsweise Moria abgebrannt war und ca. 10.000 Menschen auf der Straße standen, waren es ausschließlich NBK und Einzelpersonen, die die Migrant*innen mit Essen unterstĂŒtzt haben. Große NGOs, die von Direktiven ihrer Geldgeber*innen, dem Staat oder anderweitigen Hierarchien abhĂ€ngig sind, konnten wiederum nicht auf diese spontane Änderung der Situation reagieren und taten zunĂ€chst nichts. In den mehr als fĂŒnf Jahren von NBK gab es keinen Tag, an dem kein Essen verteilt wurde.
Diese Essensverteilungen hatten eine hochgradig politische Dimension: Die Weigerung der Migrant*innen, nach dem Brand von Moria in das sofort errichtete gefĂ€ngnisartige Camp zu ziehen, muss als Befreiungskampf der Migrant*innen gegen das europĂ€ische Grenzregime und die Lagerstruktur verstanden werden. Der griechische Staat versuchte, durch ein Verbot von Essensverteilungen die Menschen auf der Straße gefĂŒgig zu machen, um sie schließlich in das neu erbaute Lager zu bringen. Die Essensverteilung war somit der Versuch, diesen Kampf fĂŒr Bewegungsfreiheit zu unterstĂŒtzen. Ebenfalls war es ausschließlich NBK, die imstande war, in diesen großen Menschenmengen nach dem Feuer Essen zu verteilen. Der politische Anspruch, solidarisch und auf Augenhöhe den unterstĂŒtzten Menschen gegenĂŒberzutreten, hat sich hier in der Praxis als Vorteil erwiesen.

Internationale und antinationale SolidaritÀt

So variabel die Arbeit von NBK ist, so schwierig lĂ€sst sich die Frage nach Möglichkeiten der UnterstĂŒtzung beantworten. Da sich die Arbeit ausschließlich durch Spenden von Genoss*innen und solidarischen Gruppen finanziert, sind Spenden stets von Bedeutung. DarĂŒber hinaus werden immer wieder Menschen benötigt, die vor Ort Essen verteilen und an anderen Projekten teilnehmen. Und fĂŒr den ĂŒbergeordneten Kampf gegen Grenzregime und die Festung Europa ist internationale Aufmerksamkeit notwendig. Seien es VortrĂ€ge oder direkte Aktionen – jede*r kann auf die Situation an der EU-Außengrenze aufmerksam machen und etwas im Kampf gegen sie beitragen.




Quelle: Graswurzel.net