Mai 1, 2021
Von End Of Road
187 ansichten


Achtung!Trigger Warnung!

kopiert von der Zeit

Auf FlĂŒchtlingsjagd

Im Januar streckten mutmaßliche Neonazis den Syrer Mohammed A. mit SchĂŒssen nieder. Das Opfer kĂ€mpfte erst um sein Leben – und nun um sein Bild vom sicheren Deutschland.

Mohammed A. am Tatort, der Waschanlage in Rotenburg © Mark MĂŒller


Mohammed A. versucht ein höfliches LĂ€cheln unter dem Mundschutz hervorzuquĂ€len. Weiße Sneaker, schwarze Karottenjeans, blaugrauer Adidas-Kapuzenpulli. Der 20-JĂ€hrige mit der runden Brille und dem Kurzhaarschnitt wĂŒrde nicht weiter auffallen. WĂ€re da nicht das Gehgestell, auf das er seinen Oberkörper stĂŒtzen muss. Seine Beine können das Gewicht nicht tragen, ein lĂ€hmender Schmerz durchzieht sie. Am 18. Januar haben vier Pistolenkugeln Mohammeds Unter- und Oberschenkel durchbohrt. HĂ€tten sie die Bauchregion getroffen, wĂ€re der junge Mann höchstwahrscheinlich gestorben, sagen seine Ärzte.

Mohammed kommt heute zum ersten Mal wieder an den Tatort, eine Waschanlage in der NĂ€he eines Baumarkts. Hier hat ein Mann auf ihn geschossen, ein mutmaßlicher Rechtsextremist. An diesem Ort zu sein, treibt seinen Herzschlag hoch. Diese beklemmenden AngstzustĂ€nde hatte er eigentlich lange hinter sich gelassen, im BĂŒrgerkriegschaos von Syrien. Aber die Erinnerungen an die SchĂŒsse sind zu frisch. Eigentlich fĂŒhlt er sich wohl hier. In Rotenburg. Dieser ruhigen Kreisstadt zwischen Hamburg und Bremen. Hier hat er in den letzten fĂŒnf Jahren Deutsch gelernt, ist zur Berufsschule gegangen, hat einen Ausbildungsplatz und einen Job bekommen. Mohammed packt in einem Versand sogenannte Kochboxen mit vorbereiteten Zutaten ab. Jeden Tag. Von morgens bis abends.

Am Abend des 18. Januar, einem Montag, hat er frei. Spontan fĂ€hrt er mit seinem Freund Yaman H. auf das GelĂ€nde der SB-Waschanlage. Den zerbeulten Ford Mondeo seines Kumpels zu waschen, zĂ€hlt zu seinen FreizeitbeschĂ€ftigungen. Was die beiden Freunde nicht wissen: Am selben Abend entschließen sich vier neunzehnjĂ€hrige MĂ€nner aus einem Nachbardorf, Jagd auf GeflĂŒchtete zu machen. Einer von ihnen fragt ĂŒber den Social-Media-Dienst Snapchat: „Bock ein paar FlĂŒchtlinge zu ficken?“

Der junge Mann steigt mit drei Bekannten in seinen Golf und fĂ€hrt nach Rotenburg. Ihre Suche fĂŒhrt sie auf das GelĂ€nde der Waschanlage. Sofort nach ihrer Ankunft fangen die vier ein StreitgesprĂ€ch mit den beiden GeflĂŒchteten an.

„Zuerst waren da nur aggressive Blicke“, erinnert sich Mohammed. „Ich hörte aus ihrer Gruppe: ‚Was will der FlĂŒchtling hier?’“ Ein Mann steigt aus dem Golf und fragt Mohammed, ob er ein Problem habe. „Nein“, antwortet dieser. Ein weiterer Mann nĂ€hert sich und fragt, was der FlĂŒchtling denn wolle. Dann geht alles ganz schnell. Es kommt zu gegenseitigen Beleidigungen. Mohammed wird geschubst und sieht in der Hand des ersten Mannes eine Machete. Auch der zweite Angreifer hĂ€lt jetzt eine Machete in der Hand. Mohammed hebt ein herumliegendes Lattenholz auf. Er schafft es, damit dem ersten Angreifer die Waffe aus der Hand zu schlagen.

WĂ€hrend des Kampfes fĂ€hrt ein drittes Auto auf das GelĂ€nde der Waschanlage. Es sind die BrĂŒder Majed und Mazem M., die sich zuvor mit Mohammed und Yaman verabredet hatten. Mazem eilt seinem Freund Mohammed zu Hilfe und ĂŒberwĂ€ltigt den zweiten Angreifer. Bei dem Gerangel sprĂŒht ein anderer Reizgas ins Gesicht von Mazem M. und setzt sich auf den Fahrersitz des geparkten Golfs. Als er wiederkommt, hĂ€lt er eine Pistole in der Hand. Yaman H. versteckt sich reflexartig hinter seinem Ford.

Geflohen vor den Bomben

„Gegen eine Pistole kannst du nichts machen“, sagt Mohammed, als er sich an den chaotischen Verlauf des Überfalls erinnert. Er rennt um sein Leben. Von der Waschanlage lĂ€uft er ĂŒber die Straße, um sich hinter einem parkenden Lastwagen zu verstecken. Doch er schafft er nicht mehr. Einer der Angreifer feuert zuerst dreimal auf den Boden und danach aus wenigen Metern Entfernung viermal auf den FlĂŒchtenden. Die Projektile treffen Mohammed an den Unter- und Oberschenkeln. Er sinkt schreiend zu Boden und kann seine Beine nicht mehr bewegen. Er bleibt liegen in seinem eigenen Blut.

Mohammed sagt, er habe in Syrien sechsmal dem Tod ins Auge geblickt. Als Heranwachsender sah er, wie die Armee von Machthaber Baschar Al Assad Fassbomben auf seine Nachbarschaft in der Hauptstadt Damaskus warf. Er floh mit seinen beiden Geschwistern und den Eltern vor dem BĂŒrgerkrieg. Es gleicht einem Wunder, dass auf der zwei Jahre dauernden Flucht ĂŒber den Libanon, die TĂŒrkei und Griechenland nach Deutschland alle unversehrt blieben.

Mohammeds Mutter und seine kleine Schwester schafften es 2015 ĂŒber die Balkanroute. Als er mit seinem Vater und dem Bruder folgen wollte, war die Grenze nach Mazedonien bereits dicht. Anderthalb Jahre mussten die drei in einem GeflĂŒchtetenheim warten, bevor sie nachkommen durften. Die vier Pistolenkugeln trafen Mohammed nach Krieg, Vertreibung und Flucht im vermeintlich sicheren Zufluchtsort Deutschland.

Bei dem Angriff handeln sie vier Angreifer wie im Rausch. Dass sie von einer Überwachungskamera gefilmt und von fĂŒnf Zeuginnen beobachtet werden, scheint ihnen völlig gleichgĂŒltig zu sein. Eine der Umstehenden ist eine angehende Polizistin. Sie riskiert ihr Leben und fĂ€hrt mit ihrem schwarzen Mercedes in die Schusslinie. Dass der SchĂŒtze keine Patronen mehr in seiner Pistole hat, weiß sie zu dem Zeitpunkt nicht. Sie handelt instinktiv. „Sie wollte mir helfen“, meint Mohammed.

Polizeischutz im Krankenhaus

Erst in dem Moment berappeln sich die Angreifer und flĂŒchten in ihrem Fahrzeug. Den Verletzten lassen sie zurĂŒck. „Vielleicht stand der TĂ€ter unter Alkohol oder Drogen“, mutmaßt Mohammed, „er hat die Pistole quer gehalten, wie in einem Film.“ Wenige Minuten spĂ€ter wird er von einem Rettungswagen in die Notaufnahme des Rotenburger Diakonieklinikums gebracht und notoperiert. Die Polizei stellt am Tatort sieben PatronenhĂŒlsen und eine der Macheten sicher.

Es ist die erste Schussverletzung fĂŒr die junge Ärztin Katharina Seidensticker, die an diesem Abend Dienst hat. Mohammeds Oberschenkelknochen ist gebrochen, in seinem Unterschenkel wurden weitere Knochen verletzt. „FĂŒr uns war die Frage, was noch verletzt sein könnte. Da geht es um die BlutgefĂ€ĂŸe und Nerven“, sagt Seidensticker. Doch GefĂ€ĂŸe und Nerven sind glĂŒcklicherweise nicht betroffen, die Projektile können entfernt werden. Wenn andere Körperregionen wie Becken, Bauch oder Brustkorb getroffen worden wĂ€ren, hĂ€tte es auch schnell lebensbedrohlich werden können.

Mohammed ist wegen seines Aussehens und seiner Herkunft zum Opfer einer Gruppe von vier mutmaßlichen Rechtsradikalen mit Waffen geworden. „Das hĂ€tte ich mir nie vorstellen können“, sagt er mit leiser Stimme. Vor dem 18. Januar hatte er nie Kontakt mit gewaltbereiten Rechtsextremen: „Hier ist es in Ordnung“, sagt er. „Ich arbeite voll und habe nur zwei bis drei Stunden frei. Essen, duschen, arbeiten, schlafen. Ich habe nie gedacht, dass es in Deutschland Leute gibt, die Pistolen haben und auf der Straße schießen.“

Polizeibeamte bewachen das Krankenzimmer des Opfers zwei Tage lang. Die Ermittler vermuten zunĂ€chst eine Fehde zweier rivalisierender Jugendbanden und fĂŒrchten, dass die TĂ€ter wiederkommen. „Ich habe die TĂ€ter vorher nie gesehen“, versichert Mohammed. „Vielleicht haben sie auf andere gewartet und sich entschieden, uns zu ĂŒberfallen.“ Die Faktenlage deutet darauf hin, dass die Angreifer sich ihre Opfer willkĂŒrlich ausgesucht haben. Mohammed und Yaman hatten sich erst am selben Abend entschieden, ihre Autos zu waschen.

Die Polizei nimmt die vier mutmaßlichen TĂ€ter am nĂ€chsten Tag fest. Sie kommen in Untersuchungshaft. In Rotenburg scheint der Überfall kein großes Thema zu sein. Drei Tage nach der Tat berichtet die lokale Rotenburger Kreiszeitung, dass die HintergrĂŒnde unklar seien. Alle Beteiligten der „Auseinandersetzung zwischen Jugendgruppen“ stammten aus der Region, heißt es. Nach Angaben eines Polizeisprechers gebe es „keine Hinweise auf eine Clan-Beteiligung im Moment“.
„Kein rechtsextremer Hintergrund“

Der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Verden, Martin Schanz, bestĂ€tigt Mitte Februar, dass es „eine Gruppenauseinandersetzung gab, im Zuge derer eine Person erheblich verletzt wurde“. Laut Schanz wird derzeit gegen die vier Beschuldigten unter anderem wegen des Verdachts des versuchten Totschlags ermittelt. Die Ermittlungen – auch zum Motiv – dauerten an.

Eine Pressemitteilung zum Fall gibt die Behörde nie heraus. Ende MĂ€rz teilt sie mit, dass drei der vier Beschuldigten auf freiem Fuß seien. Nur einer von ihnen sitzt noch in Haft. Mehrfache Nachfragen, ob die TĂ€ter aus der rechtsradikalen Szene stammen, beantwortet die Staatsanwaltschaft nicht. Sie werte noch die Handys der Beschuldigten aus. Auf Fragen zur Beteiligung des Mannes, der noch inhaftiert ist, und zu dessen Ideologie reagierte dessen Verteidigerin nicht.

BĂŒrgermeister Andreas Weber (SPD) versichert, dass er kurz nach der Tat mit dem Inspektionsleiter der Polizei Rotenburg den Sachverhalt erörtert habe. Rechtsextremistische, auslĂ€nderfeindliche oder rassistische Straftaten wĂŒrden in der Stadtverwaltung nicht nur sensibel behandelt, sondern man versuche durch PrĂ€ventionsarbeit an Schulen aktiv vorzubeugen. Man wolle damit Konflikten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Nationen besser entgegenwirken, solche Straftaten aber auch schneller erkennen und ahnden. „Genau diese Fragen wurden zwischen der Stadtverwaltung und Polizeiinspektion erörtert. Hier wurde mir bisher mitgeteilt, dass es sich bei der schweren Straftat offensichtlich um keinen rechtsextremen Hintergrund handelt“, schreibt Weber.

Es bleiben viele offene Fragen: Warum schließt die Rotenburger Polizei einen rechtsextremen Hintergrund aus, obwohl Mohammed A. und sein Freund Yaman H. bei ihrer Vernehmung versichert haben, dass sie als „FlĂŒchtlinge“ beschimpft wurden? Warum schreibt die Staatsanwaltschaft Verden, die Motivlage sei unklar, obwohl sie in einem Beschluss das Snapchat-Posting zitiert: „Bock ein paar FlĂŒchtlinge zu ficken?“

Yaman hilft seinem Freund Mohammed vorsichtig auf den Beifahrersitz und verstaut das Gehgestell im Kofferraum seines Wagens. Unruhig taxieren ihre Blicke das GelĂ€nde der Waschanlage. Die beiden sind nur ungern an den Tatort zurĂŒckgekommen. Von den Behörden erwartet Mohammed, „dass ich mein Recht bekomme“. Er wolle, dass sein Angreifer bestraft wird. Er selbst, sagt er, will in Rotenburg bleiben, dem netten StĂ€dtchen im Norden Deutschlands. „Hier ist ein sicheres Land. Deshalb bin ich hierhergekommen.“

Anmerkung: In einer frĂŒheren Version dieses Artikels wurde ein mutmaßlicher Angreifer als SchĂŒtze benannt, den zunĂ€chst auch das Opfer als solchen erkannt hatte. In einer neuen Vernehmung traten Erinnerungen zu Tage, laut der ein anderer Beteiligter die Waffe gefĂŒhrt habe. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

Aus Schutz vor Repressalien schreibt der Autor unter dem Pseudonym Mark MĂŒller. Die IdentitĂ€t ist der Redaktion bekannt.




Quelle: Endofroad.blackblogs.org